Mein Euro

23. März 2015

Zeitungen, Internet, Talkshows – für die Medien gibt es dieser Tage im Grunde nur ein Thema. Trotz Ukraine-Krise und IS – alles dreht sich um Griechenland. Soll man den Griechen weiter unter die Arme greifen? Welche Forderungen muss man an Tsipras & Co. stellen? Sollte man in Griechenland weiter den Sparkurs fahren oder doch nicht mehr auf Konjunkturprogramme setzen? Welche Folgen hätte ein Grexit?

Fragen über Fragen. Ich gebe zu, ich habe auch keine Antworten darauf. Und wenn, dann möchte ich sie mir als Nicht-Ökonom und wirtschaftlicher Laie besser verkneifen. Meine Sichtweise in diesen Punkten ist nun wirklich nicht maßgeblich. Da halte ich es lieber mit Dieter Nuhr: Wenn man keine Ahnung hat, … genau!

Daher an der Stelle nur kurz mein Eindruck angesichts nicht enden wollender Debatten um Griechenland, Euro-Rettung und Milliardenkredite:

Ich bin ein Fan der europäischen Idee. Ich halte es für eine großartige Überlegung, das Zusammenwachsen Europas trotz aller bestehenden und im Einzelfall vielleicht auch nicht überbrückbarer kultureller Unterschiede weiter zu fördern. Nationale Abschottung lehne ich kategorisch ab. Ich glaube, dass jedes Land vom Einfluss anderer Kulturen nur profitieren kann. Ich verstehe Europa als eine Wertegemeinschaft, die sich mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen wechselseitig bereichert und sehe in der EU trotz des mitunter befremdlichen bürokratischen Überbaus den richtigen Ansatz, um dieses Modell weiter zu konkretisieren. Die Einführung einer gemeinsamen Währung war und ist für mich ein Mittel zum Zweck, eine Maßnahme, um diesen Einigungsprozess weiter voranzutreiben. Nicht mehr und nicht weniger. Doch inzwischen muss ich feststellen, dass der Euro längst zum Selbstzweck geworden. Er ist nicht mehr ein Vehikel des kulturellen Zusammenwachsens, er ist der Mittelpunkt aller Debatten und überlagert damit all das, worum es uns eigentlich gehen sollte: Reisen, Austausche, Städtepartnerschaften, Kooperationen, Friedensbündnisse, Bildungsprogramme und und und… Doch wir diskutieren nur über den Euro. So habe ich mir das irgendwie nicht vorgestellt.

Vorsicht vor einfach!

16. März 2015

Arnd Zeigler hatte nicht ganz Unrecht, als er in seiner Sendung vom 1. März sanft die allgegenwärtige Polemik bei der Befassung mit Regelfragen rügte. Wann immer Kritik an Regeln und ihrer Auslegung geäußert wird, ist der Ruf nach Vereinfachung schnell zu vernehmen. Warum so kompliziert, wenn es auch einfach geht: Passives Abseits, absichtliches Handspiel – es müsse doch nicht alles so ausdifferenziert sein. Abseits ist Abseits, Hand ist Hand – so oder ähnlich haben es der Fußballkaiser und seine Sekundanten in den vergangenen Jahren immer wieder kundgetan und damit ein nachvollziehbareres und übersichtlicheres Regelwerk eingefordert. Schließlich sei der Fußball, so ist es im Nebensatz stets zu vernehmen, doch ein einfacher Sport und müsse dies eben auch bleiben.

Wie immer im Leben ist der Forderung nach einfachen Lösungen mit Skepsis zu begegnen. Denn wenn es wirklich einfache, praktikable Modelle gäbe, so bleibt die Frage, wieso diese nicht längst schon umgesetzt worden sind. Oder anders gewendet: Gibt es nicht vielleicht auch gute Gründe für ein differenziertes, von schablonenhaften Mustern absehendes System? Für den Juristen eine wenig reizvolle Fragestellung, gehört es doch geradezu den Grundsätzen seiner Arbeit, allzu simplen Lösungen zu widerstehen, um dem Einzelfall angemessene, gerechte Antworten zu finden.

Nun ist Sport bekanntlich keine Juristerei. Komplexe Gedankengebäude aus der wissenschaftlichen Theorie lassen sich nicht in die emotionale und leidenschaftliche Welt des Fußballs übertragen. Und doch sollte man einen juristischen Grundgedanken auch bei der Normierung von sportlichen Sachverhalten bedenken: Wer einfache, absolute, undifferenzierte Regeln aufstellt, wird damit zwar Auslegungsproblemen vorbeugen, aber eben kaum Einzelfallgerechtigkeit schaffen und keine sinnvollen Abwägungen ermöglichen. Der Richter, im Sport: der Schiedsrichter, soll gerade auf Grundlage eines abstrakten und auslegungsbedürftigen Regelwerks entscheiden und dabei auch seine persönliche Bewertung einfließen lassen. Wo dies die Regularien nicht mehr zulassen, wird er zum bloßen Vollstrecker des Gesetzes.

Soll Abseits also wirklich immer Abseits sein, ohne Möglichkeit der Interpretation, ob eine Abseitsstellung im Einzelfall wirklich zu ahnden ist? Ist es sinnvoll, einem Tor die Anerkennung zu verweigern, nur weil fernab des Geschehens ein Spieler zu nah an der Torlinie stand? Soll Handspiel wirklich immer gleich Handspiel sein, ganz gleich ob nun eine Absicht vorlag und der Spieler ganz bewusst von seinem Gegner nur angeschossen wurde? Es gibt gute Gründe, dem Schiedsrichter im Einzelfall einen Auslegungsspielraum zu überlassen, selbst wenn dies in der Gesamtheit eine gewisse Rechts- oder Regelunsicherheit nach sich zieht. Einfache Lösungen führen eben oft zu schweren Problemen.

Mit entsprechender Vorsicht sollte man auch die derzeitigen Diskussionen über die sog. Dreifachbestrafung verfolgen. Gewiss, es erscheint ungerecht, eine Notbremse im Strafraum gleich dreifach (Elfmeter, Rote Karte und Sperre) zu ahnden. Dies muss einem fast zwangsläufig übel aufstoßen. Und doch ist der Ausweg aus dieser Problematik wohl nicht so einfach, wie es zuweilen skizziert wird. So wäre es möglich, auf den bis jetzt gebotenen Platzverweis zu verzichten. Aber dies dürfte dann wohl nur für ein Foul im Strafraum gelten, da allein durch den Strafstoß ein angemessener Ausgleich für die entgangene Torchance gegeben wird. Dies könnte Spieler dazu veranlassen, ihr Foulspiel erst möglichst spät (im eigenen Strafraum) anzusetzen, um einem Platzverweis zu entgehen. Womit sich die geradezu paradoxe Frage ergibt, weshalb ein Foul weniger hart bestraft wird, wenn seine Wirkung doch noch größer ist, als dass eine noch bessere = weiter voran geschrittene Torchance vereitelt wird. Oder sollte man die Verhängung einer Roten Karte davon abhängig machen, ob ein Elfmeter verwandelt wurde? Womit man dann die Konsequenzen eines Foulspiels in die Hände bzw. Füße des Gegners legen würde. Vieles scheint hier noch nicht recht bedacht. So einfach wie es scheint, ist es eben nicht.

Daher an dieser Stelle zumindest eine weitere Idee, mittels der die Drei- zumindest in eine Zweifachbestrafung verwandelt würde: Wieso kann man bei Platzverweisen wegen Notbremse nicht auf die an sich gebotene Sperre verzichten? Schließlich soll doch die Rote Karte nur eine Art Ausgleich für die auf regelwidrigem Wege vereitelte Torchance darstellen. Anders als bei Tätlichkeiten oder sonst grob unsportlichen Verhalten zeigt der Fußballer doch hier kein besonders zu missbilligendes Verhalten, das ihm als krass sportwidrig vorzuwerfen wäre. Hier geht es nur um eine Art Schadensersatz, von dem der nächste Gegner nicht dadurch profitieren sollte, dass er gegen eine personell geschwächte Mannschaft antritt.

Aber wie gesagt: Dies nur als Denkansatz, der womöglich auch zu einfach sein könnte.

Mein Bekenntnis

9. März 2015

Es wird Zeit, mich zu bekennen. Irgendwann ist jedes Outing einmal fällig. In fast schon reaktionärem Konservatismus verweigere ich mich der Moderne. Ich bin anders, anders als der Mainstream. Ich bin ein Außenseiter.

Immer mehr Menschen – nicht nur die Jüngeren – geben sich dem Trend hin. Doch ich, ich will nicht dabei sein. Den Klischees der Vergangenheit verhaftet, sträube ich mich hartnäckig, mich dem schier Unausweichbaren hinzugeben und das zu tun, wozu uns der Zeitgeist zu verpflichten scheint. Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich glaube, nicht zu müssen.

Überall wo ich hinsehe, erblicke ich sie. Sie irritieren, befremden, stören mich. Soll jeder doch tun, was ihn glücklich macht. Ja. Aber macht einen das wirklich glücklich? Kann es in ein paar Jahren nicht alles ganz anders ausschauen? Wird man diese Entscheidung nicht bereuen und sich fragen, wieso man sich so gedankenlos dem Trend der Zeit hingegeben hat? Ich stelle mir diese Fragen und bleibe bei meiner Verweigerungshaltung.

Was ist letztlich auch so schön daran? Ist daran überhaupt etwas Schönes? Bringt es wirklich etwas oder lenkt es nur ab vom wirklich Wichtigen? Ich gebe zu, ich kann die Faszination, die davon auszugehen scheint, nicht nachempfinden. Und ich werde es wohl auch nie können. Als einer der ganz Wenigen.

So sehe ich die Zahl der Gleichgesinnten schwinden und fühle mich mehr und mehr als einer dieser schrulligen Sonderlinge, die einfach nicht mit der Zeit gehen wollen. Ja, ich bin ein echter Außenseiter. Ich bin nicht tätowiert.