Eine Warnung mit Herz
8. März 2010
Abenteuerromane entführen den Leser ja zumeist an die entlegenen Plätze dieser Welt. Sie erzählen aufregende Geschichten an exotischen Orten, fernab vom Hier und Jetzt. Die abenteuerlichen Erfahrungen aus unserem Alltag sind dagegen nur selten Gegenstand dieser populären Literatursparte. Ralf Friedrichs nun hat diesen Missstand erkannt und sich in seinem Erstlingsroman „Am Schluss haben wir nur noch für die Angestellten gearbeitet“ dem Abenteuer Unternehmensgründung angenommen.
Friedrichs ganz persönliche Interpretation eines Abenteuerromans beschreibt den Werdegang des Jungunternehmers Rolf Hansen, der voller Tatendrang den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, schließlich aber an eigener Gutgläubigkeit und bänkerischer Unverschämtheit scheitert. Im Kneipengespräch mit Kumpel Holger wirft Hansen einen gleichsam melancholischen wie desillusionierten Blick auf die schier unglaublichen Geschehnisse der zurückliegenden Jahre und lässt die wenigen Hochs und vielen Tiefs seiner Selbstständigkeit Revue passieren. In anekdotischer Retrospektive widmet sich Hansen dabei den Hindernissen, die sich einem Unternehmer hierzulande darbieten – von der Bürokratie des Arbeitsamts über die Motivationslosigkeit der Angestellten bis zur Selbstherrlichkeit der Banken. Doch trotz zahlreicher ernüchternder Erfahrungen hat sich der IT-Fachmann Hansen den Glauben an das Gute im Menschen bewahrt. Der Sinn für die Familie und die Pflege von Freundschaften, wie die zu Schulkamerad Holger, bedeuten ihm nach all den Jahren letztlich mehr als Businesspläne, Jahresbilanzen und Auftragszahlen.
Friedrichs‘ halbautobiographischer, zwischen Anklage und Selbstkritik schwankender Rückblick eignet sich somit einerseits als eindringliche Warnung vor unternehmerischer Selbständigkeit. Als Warnung, die eigene Leistungsfähigkeit genauso wenig zu über- wie die Skrupellosigkeit der Banken zu unterschätzen. „Am Schluss haben wir nur noch für die Angestellten gearbeitet“ ist aber dann doch mehr als eine bloß kritische Auseinandersetzung mit unserem Wirtschaftssystem, sondern ein zutiefst ehrliches Plädoyer für Freundschaft, Familie und nicht zuletzt für rheinische Gemütlichkeit.
Und obwohl er sich gerade zum Ende hin in der Schilderung unternehmerischer Details verliert, die für den Laien kaum mehr nachzuvollziehen sein dürften, weiß Friedrichs‘ Tatsachenroman über das Abenteuer Selbstständigkeit bis zur letzten Seiten zu fesseln. Weil er so eindringlich, lebensnah und wahrhaftig wirkt und jederzeit erahnen lässt, dass hier jemand zwar mit Köpfchen, vor allem aber mit einer Menge Herz schreibt.
Ralf Friedrichs‘ erster (und hoffentlich nicht letzter) Roman ist in jedem Falle absolut empfehlenswert – für alle Unerschütterlichen, die irgendwann einmal ein Unternehmen gründen wollen, für alle Liebhaber des rheinischen Frohsinns, genau genommen aber für alle Freunde eines guten Buches!
Liga-Lehren 09/10 (XXV) - Der gefühlte Rensing
7. März 2010
Die knallhärteste Liga der Welt zeigt sich diesmal ein wenig gefühlsduselig und offenbart die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen:
Gefühlt
Ach ja, Gefühle: Heutzutage ist ja alles irgendwie nur noch gefühlt. Früher waren allenfalls Temperaturen gefühlt, nunmehr wird jedwede Abweichung von Realität und Wahrnehmung mit einer gefühlten Andeutung gekennzeichnet. Kann man ganz einfach an diesem Wohlfühlspieltag belegen: Cacau befindet sich in einer gefühlten Formkrise. Cissé wirkt mit seiner lässigen “Hinten rein, vorne nein”-Performance wie die gefühlte Kreuzung aus Martin Demichelis und Alexander Zickler. Und Poldi macht seine erste Bude seit Tante Frings’ letzter Ganzkörperwäsche – rein gefühlt versteht sich. Allerdings war Bayerns Butt diesmal ja auch irgendwie nur ein gefühlter Rensing.
Wieso
Kein deutscher Fußballclub verinnerlicht die ultimative Gefühlsmelange aus Angst, Wut und Trauer in diesen Tagen ja so unnachahmlich wie die bemitleidenswerte Hertha. Genau, dieser gefühlt zweiklassige Hauptstadtclub mit einer Corporate Identity irgendwo zwischen Bild des Jammers und Häufchen Elend. Vortrefflich repräsentiert durch Coach Funkel, der nach dem HSV-Spiel in weinerlichem Menno-Mantra andymöllerte, was die Tränendrüsen hergaben. Und dann so Sachen sagte wie “Heute hat sich alles gegen uns verschworen”. Frage: Heute? Oder aber: “Der HSV weiß gar nicht, wieso er heute gewonnen hat”. Anmerkung: Doch! Weil sie gegen Hertha gespielt haben.
Der alte Jäger
Ein Gleichnis: Ein Mann streift durch die Wälder und beobachtet an einer Lichtung einen altersmüden Jäger, wie er unter größter Anstrengung versucht, den geliebten Hochsitz zu erklimmen, um einen letzten Blick auf das liebgewonnene Jagdrevier zu erheischen. Der Jäger, um dessen Gesundheit es augenscheinlich nicht gut bestellt ist, scheitert in seinem verzweifelten Bemühen immer wieder an der Kraftlosigkeit des gebrechlichen Körpers. Mehrere Minuten schaut sich der Wanderer das unwürdige Treiben an, um sich dann doch zu erbarmen und den alten Jäger mit einem kräftigen Stoß auf den Sitz zu hieven. Der Jäger, dem so der letzter große Wunsch erfüllt wurde, überschaut mit seeligem Blick das ihm zu Füßen liegende Territorium und lässt den Helfer von dannen ziehen. Eine Woche später klingelt es bei dem Wanderer an Tür. Der Jäger stattet ihm einen Besuch ab, versetzt ihm aber nur einen Tritt in den Allerwertesten und verschwindet wortlos. - Was diese absurd-zusammenkonstruierte Geschichte mit unserer allseits geliebten Bundesliga zu tun hat? Nichts, rein gar nichts. Sie war gedacht als kleine Metapher auf bayrische Undankbarkeit unter der Prämisse eines Bayern-Siegs in Köln. Aber was lernen wir daraus? Bayern sind dankbarer, als es der Rheinländer jemals vermuten würde. Vor allem aber: Niemals irgendwelche wilden Storys vor dem Spieltag zusammenspinnen. Am Ende kommt alles doch ganz anders. Solch selbstreferentielle Grübeleien überlassen wir aber dann doch lieber der AL, die für diese Fremdreferenz ganz fcberesk sicher sehr dankbar ist.
Nostalgie I
Menschliche Regungen in einem theoretischen Trockenkurs durch zu deklinieren, mag ja etwas für sich haben. Wirklich plastisch erscheinen humane Gefühle aber erst, werden sie in einem todesmutigem Selbstversuch am eigenen Leib durchlebt. Genau deshalb verlassen die Liga-Lehren jetzt die pseudo-journalistische Sachlichkeit und begeben sich auf die unsachliche Ebene des emotionalen Beobachters: Denn mal ehrlich, war das nicht schön. Herzergreifend schön. Wie die eine Borussia zugunsten der anderen Borussia aus reinem Nachbarschaftsgeist auf jedwede Torbemühungen verzichtete. Wie Poldi und Schweini in alter Tradition die Treffer unter sich ausmachten. Oder wie der halbe Freiburger AStA mit Herbergerschem Gemeinschaftssinn das komplette Badenova-Stadion entschneet hat. Alles so wie in den guten alten Zeiten, als Tugenden und Werte noch etwas zählten. Aber das ist halt das Schöne an einem Fußballverband, der strukturell und intellektuell in der Bismarck-Ära hängengeblieben ist. Da ist eben vieles so schön – wie damals. Hach…
Nostalgie II
Nostalgie könnte man wohl definieren als die Sehnsucht nach Vergangenheit unter Leugnung der Gegenwart. Bedauerlicherweise funktioniert solch ein Verdrängungsmechanismus aber nur kurzzeitig. Bei Bayer 04 waren es immerhin anderthalb Monate. Dann half auch alles Leugnen nichts mehr und man erkannte: Wir sind schon in der Rückrunde. Und man tat das, was sich für eine Bayer-Rückrunde nun mal gehört: Verlieren, selbst wenn das gegen den Club gar nicht so einfach ist. Aber das muss dann einfach sein. Denn in Leverkusen gibt man noch etwas auf Tradition. Nostalgiker eben.
Liebe
Fehlt nur noch die wohl faszinierendste menschliche Empfindung: Liebe, die interhumane Zuneigung zwischen Individuen wahlweise gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts. Beide Varianten des populären Gefühlsklassikers wurden am vergangenen Donnerstag an kompetentester Stelle exemplarisch durchexerziert. Unter Leitung von Gefühlspapst Johannes Babsi Kerner plauderten zunächst Loddar und Lilly über ihr wiedergefundenes Glück, ehe Manny A. über die Scherben der Affäre M & M sinnierte. So traurig einen der Abpfiff in der Schiri-Liaison auch machte, so herzergreifend war das, was Deutschlands Nationalcoach in spe über die Fortsetzung der schönsten Liebessgeschichte seit Einführung des Zölibats zu erzählte hatte. Denn als die Lilly mal so richddig krank war, da hat ihr der Loddar einen Viddaminkorb geschickt (dolle Dakdik) und da waren sie wieder ein Draumpaar. Und weil Loddar so ein ganz Aufrichtiger ist, schimpfte er gleich noch ein bisschen über die Medien. Die seinen Namen unverschämterweise immer ins Spiel bringen würden, wenn irgendwo ein Trainerposten frei sei. Und da hat er nun mal absolut Recht. Ein Loddar Matthäus hat sowas nicht nötig. Sich selbst ins Spiel bringen? Pah! Da würde Freiburg eher ein Heimspiel gewinnen oder Uli Hoeneß mit Michi Kempter auf einen Bayern-Sieg anstoßen. Absurd!
Und was gab’s noch?
Das heißblütige Duell zwischen Alemannen und Gauchos oder – um im stereotypen Gefühlsduktus zu bleiben – Sachlichkeit gegen Leidenschaft. Genau genommen war das Ganze aber so heißblütig wie ein Junggesellenabschied von Mesut Özil, erbrachte aber immerhin den ultimativen Beweis: Stereotype sind irgendwie doch nur Vorurteile. Und überhaupt war diesmal alles ganz anders, irritierend anders: KMH mit Mutter-Beimer-Gedächtnisdauerwelle, die deutsche Elf spielerisch wie farblich ein einziges Negativ, Demichelis & Co. im unkonfektionierten Oberlix-Presswurst-Outfit, Ballack als metrosexuelles Rocky-Balboa-Double und ein Adler im navigationsfreien Sturzflug. Nur Maradona ging wie immer als Kanonenkugel – mit Lunte. Für die WM bleibt indes die ernüchternde Erkenntnis: Vom Feeling her haben wir ein schlechtes Gefühl…
Nachwuchsstar Kerkeling?
1. März 2010
Der Lehrerberuf mag mit den Aufgaben eines Fernsehmoderators nicht viel gemein haben (manch ein Lehrer sieht sich selbst gleichwohl irgendwo zwischen Wissenschaftsjournalist und Stand-Up-Comedian). Beide Berufssparten besitzen in jedem Falle aber eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Sie klagen über Nachwuchsmangel. Während dies im ersten Falle mit einer mangelnden Begeisterung für die tagtägliche Konfrontation mit aufsässigen Jugendlichen zu tun haben dürfte, ist fehlende Bereitschaft sicher nicht die Ursache für die Nachwuchsprobleme im Fernsehgeschäft. Im Gegenteil, jeder träumt irgendwann irgendwie doch davon, als conferencierender Selbstdarsteller vor einem Millionenpublikum aufzutreten. Woran es scheitert, ist schlicht und einfach das Talent.
Nette Präsentatoren mit Know-How und Witz gibt es zweifellos in Hülle und Fülle. Große Unterhalter finden sich unter den Pilawas, Lantz‘ und Kerners dann aber doch nicht. Das mag damit zusammenhängen, dass es – wie allenthalben beklagt – die echten Persönlichkeiten mit kantigem Profil in unserer stromlinienförmigen Zeit nicht mehr gibt. Ein Frankenfeld oder ein Kulenkampff würde sich im Fernsehen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich auch schwer tun. Und dennoch ist der Ruf nach unverwechselbaren Typen mit Entertainment-Qualitäten unüberhörbar. Thomas Gottschalk, der diesem Anforderungsprofil in den letzten Jahr(zehnt)en noch am ehesten gerecht wurde, ist unübersehbar über seinen Zenit hinaus. Seine Zeit ist bald vorbei, vielleicht sogar längst abgelaufen. Ob Wetten dass..? als das alte Schlachtschiff der Fernsehunterhaltung danach noch weiter über die Bildschirme schippern wird, scheint zweifelhaft. Denn wer könnte Gottschalk nachfolgen? Bzw. wer hat noch am ehesten das Format, einen launigen und geistreichen Fernsehunterhalter und –moderator abzugeben.
Bei allem Überlegen fällt einem hierzu nur ein Name ein: Hape Kerkeling. Der einstige Anarcho-Blödler hat in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass er mehr ist als nur ein drolliger Comedian. Kerkeling gibt einen souveränen Moderator mit Witz, Herz und Kodderschnauze ab und ist, auch wenn er sich nicht in einer seiner vielen Alter Egos flüchtet, eine unverwechselbare Figur des deutschen Fernsehens. Wenn es einem zuzutrauen ist, die alte Kunst der großen Fernsehunterhaltung zumindest ansatzweise wieder hochleben zu lassen, dann ihm.
Übrigens, Kerkeling ist vor kurzem 45 Jahre alt geworden – so viel zum Thema Fernsehnachwuchs.