Der Zweck und die Mittel

15. September 2014

Ich gebe zu, ich war schnell genervt. Allerlei Promis oder eben solche, die sich dafür halten, schütten sich einen Eimer voller Eiswasser über das Haupt, um diese ultimative Mutprobe dann auch gleich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Der Gag der #IceBucketChallenge erschloss sich mir nicht wirklich. Im Gegenteil, bildete er für mich doch eher den traurigen Höhepunkt einer schier endlosen Reihe höchst überflüssiger Social-Media-Trends aus dem World Wide Web.

Als ich die Hintergründe der ulkigen Aktion erfuhr, sah ich mich gezwungen, meine Meinung zu überdenken. Schließlich geschah (und geschieht) das Ganze doch im Sinne einer guten Sache. Aufmerksamkeit für die seltene Muskelkrankheit ALS  schaffen und gleichzeitig Spendengelder eintreiben – da ist die Art und Weise der Umsetzung doch letztlich egal. Der Zweck heiligt die Mittel.

Und in der Tat: Wer wirklich etwas bewegen will, darf sich nicht mit wohlgemeinten, aber drögen Appellen begnügen. Wirkliche Veränderung im Kopf und in der Sache kann in diesen Zeiten nur mit spektakulären und außergewöhnlichen Maßnahmen gelingen. Die #IceBucketChallenge ist so eine ungewöhnliche Aktion und hat, wie jedenfalls die Zahlen beweisen, den gewünschten Erfolg gezeitigt.

Womit sich im Grunde jede Diskussion verbietet. Positive Auswirkung einer albernen Idee – alles gut? Ja, aber… So schön und so wichtig die Aufmerksamkeit für die Krankheit ALS ist, so sehr sollte man doch nicht vergessen, dass es noch viele andere Krankheiten, Behinderungen und Schicksale gibt, die bis dato kaum oder nur wenig von der Öffentlichkeit bemerkt werden. Ich sage das auch als jemand, der selbst an einer seltenen Muskelerkrankung leidet, die der Allgemeinheit wohl kaum bekannt sein dürfte und für deren Erforschung und Bekämpfung verhältnismäßig wenig Geld gespendet wird.

Ich fürchte, es wird nicht möglich sein, für alle seltenen Erkrankungen ähnliche, Aufmerksamkeit stiftende Aktionen ins Leben zu rufen wie die #IceBucketChallenge, eben auch weil hier schnell eine Sättigung eintritt. ALS verdient Beachtung und Spenden, gewiss, aber nicht ganz alleine.

Kontrapunkte in Rustikal

8. September 2014

Da ist sie also, die faszinierende, unnachahmliche, einzigartige Liga der Weltmeister. Das Beste, was der Fußballsport auf diesem Planeten so zu bieten: Elegant, mitreißend, betörend – oder auch nicht. Die Liga-Lehren wagen ein ernüchtert-nüchternes Zwischenfazit nach zwei Spieltagen und stellen fest: Alles ein bisschen anders, aber eben doch irgendwie wie immer – mit einer humoristischen Satire-Vereinigung (kurz: HSV), modischen Fragezeichen, fragwürdigen Lobhudeleien und den üblichen absurden Erkenntnissen:


Ole Espana

Nun wissen auch Bayern-Fans, wie es anderen Fußball-Beobachtern seit Jahren geht, wenn man den Blick gen Säbener Straße richtet: Dieser FC Bayern kommt einem irgendwie spanisch vor. Guardiola, Martinez, Thiago und jetzt auch noch Bernat, Reina und Xabi Alonso – die Espagnolisierung des FCB scheint nicht mehr aufzuhalten. Was steht uns also noch bevor? Alfons-Ingwer Schubeck kocht nur noch Paella? Die Allianz-Arena wird in eine Stierkampf-Arena umgewidmet? „FC Bayern – Stern des Südens“ erhält den Text der Spanischen Nationalhymne (was inhaltlich auf das Gleiche hinaus käme)? Die Umsetzung der kulturellen Revolution wird in jedem Fall einige Zeit beanspruchen. Doch schon jetzt zeigen sich erste vielversprechende Ansätze. So legten die Bayern nach engagiertem Beginn in mediterraner Gelassenheit eine einstündige Siesta ein.

Endlich Free
Herzlichen Glückwunsch, Borussia Dortmund. Kagawa ist zurück – die Aktion #FreeShinji hat – wenn auch spät – gefruchtet. Die plagiatsfreudigen Bayern, die bekanntlich immer gerne auf der Suche nach Adap- und Adoptierbarem Richtung Dortmund schauen, könnte das jetzt auf krude Ideen bringen. Die Initiativen #FreeRoque, #FreeMassimo und #FreeAli sollen jedoch unmittelbar nach ihrem Start wieder abgeblasen worden sein.

Always look on the bright side
Zwei Nullnulls an einem Sonntag, insgesamt gerade einmal 45 Buden. Kein Zweifel, die Bundesliga ist noch nicht bei sich angekommen, sucht irgendwie noch nach sich selbst und ihrer eigenen Mitte. Wir müssten ihr daher auch beinahe den Unterhaltungswert eines ARTE-Themenabends „Origami-Kunst in der Grönländischen Antike“ attestieren, gäbe es da nicht die Laienspieltruppe des Hamburger Sportvereins, die mit ihrer köstlichen Persiflage eines Bundesliga-Fußballclubs nun schon seit mehr als einem Jahr auf Deutschland-Tournee ist und bei ihren Vorstellungen immer wieder schallendes Gelächter des Publikums erntet. Das neue Programm scheint nach ersten Anlaufschwierigkeiten bei der Premieren-Vorstellung in Köln nun immer besser anzukommen, wie die Aufführung des letzten Samstag beweist. Kritiker bemängeln allerdings die in weiten Teilen überzogene, bis ins Groteske reichende Parodie, die aufgrund ihrer Zuspitzung keinerlei Glaubwürdigkeit besitze.  Gerüchten zur Folge soll die Choreografie auf das Konto von Monty Python gehen. Wahrscheinlicher ist hingegen, dass bei der Videovorbereitung auf das letzte Spiel versehentlich das Video der Olympischen Spiele der Orientierungslosen gezeigt wurde…

Tinnef

Kein Zweifel, Mannschaft der Stunde ist natürlich Bayer Leverkusen. Die Rückrunden-Legastheniker aus dem Rheinland sammeln in weiser Voraussicht schon mal Punkte für die Askese-Zeit des kommenden Frühjahrs. Das dabei an den Tag gelegte Tempo hat der Werkself denn auch vollkommen zu Recht den Titel „Turbo-Bayer“ eingebracht. „Kein großes Abtasten, direkt rein!“ – für gewöhnlich eher als Regieanweisung aus einem Hardcore-Porno bekannt, ist die neue Devise der Bayer-Truppe, die sich im Heimspiel gegen die Hertha jedoch irgendwie nicht so recht umsetzen ließ. Der junge und noch etwas undisziplinierte Tin Jedvaj verlor denn auch Mitte der ersten Halbzeit irgendwann die Geduld und sah sich in Umsetzung der Schmidtschen Marschroute veranlasst, die Kugel endlich reinzuhauen – zur Not eben auch ins eigene Tor. So eine Idee ist natürlich nicht nur im Falle von Jedvaj absoluter Tin-nef, hatte aber andererseits auch keine schwerwiegenden Konsequenzen. Eben weil jener im zweiten Spielabschnitt noch mal auf den gleichen Einfall kam. Zum Glück werden aber auch in Leverkusen zur Pause die Seiten gewechselt.

Innovativ
Durchaus bemerkenswert, mit welch mutigen Innovationen die Bundesliga zur neuen Saison aufwartet, auch wenn sich die Einführung des Freistoßsprays noch etwas zu verzögern scheint (derart technisch-komplexe und multifunktionale Gerätschaften bedürfen natürlich erst einer umfangreichen und ausführlichen Instruktion ihrer Anwender). Aber mit dem Schützenverein aus Paderborn, der ungeahnten Vorliebe für Remis und Bellarabis Frühstart hat die Liga ihren revolutionären Geist hinreichend zum Ausdruck gebracht. Da will man bei SKY natürlich nicht hinten anstehen und hat die Belegschaft statt der gewohnten edlen Krawatten auf weißem Grund jetzt mit rustikalen Holzfällerhemden ausgestattet. Der dahinterstehende Gedanke ist jedoch nur allzu offensichtlich: Der Bezahlsender wollte mit dem bodenständigen Outfit ganz bewusst einen antizyklischen Kontrapunkt zur Hochglanz-Liga der Weltmeister setzen. Unorthodox, aber durchaus nachvollziehbar. Was uns die Bundesligisten mit ihren umgestalteten Trachten sagen wollen, ist dagegen höchst rätselhaft. Das bayrische Rot-Blau kann eine Reminiszenz an den Ex-Club ihres Trainers darstellen oder eine subtile Werbemaßnahme zur Eroberung des südkoreanischen Marktes. Wolfsburgs weißes X auf grünem Grund mag eine Solidaritätsbotschaft an den ehemaligen HSV-Manager zum Ausdruck bringen („Wir sind Kreuzer“). Und Hannovers neuer Trikotsponsor („Heinz von Heiden“) könnte als leises Bekenntnis zu mittelalterlicher Lyrik verstanden werden. Man weiß es nicht. Allein Hoffenheims anthrazites Auswärtsdress lässt keine Frage offen. Schließlich kommt der Verein ja doch aus dem Kraich-Grau

Schwäbisch ist in

Trotz aller revolutionärer Ansätze, gewisse Dinge ändern sich einfach nie: Jens Keller wurde gleich zu Saisonbeginn von den Medienvertretern entlassen, darf aber trotzdem weiter arbeiten. Kevin Großkreutz kämpft nach wie vor gegen die Inkontinenz an. Und der VfB Stuttgart agiert mal wieder auf unnachahmliche Weise, eben auf Stuttg-Art. Der Verein für Beschämungsspiele lieferte trotz der Rückkehr von Messias Veh einen Saisonstart ab, wie ihn die Vereinssatzung für die Mannschaft wohl inzwischen vorsieht: Uninspiriert, lustlos, misserfolgsorientiert. Dennoch scheinen schwäbische Kräfte beim DFB nach wie vor sehr beliebt zu sein, wie die Wahl des neuen Co-Trainers belegt. Der VfB ist damit aus dem Schneider, zum Bedauern der Fans aber nicht aus dem Bobic.

Neue Perspektiven
Zu den festen Ritualen der inzwischen legendären WDR-Sendung „Zimmer frei“ zählt neben dem kultigen Bilderrätsel vor allem die sogenannte Ultimative Lobhudelei: Gute Freunde eines Prominenten singen das Hohelied auf eben diesen und empfehlen ihn mit warmen Worten für den virtuellen Einzug in die Zimmer-frei-WG. Jenes Konzept hat sich so bewährt, dass auch die Redaktion des ZDF-Sportstudios die Würdigung ihres Stargastes Thomas (das T steht für Temperament) Schaaf von Ziehsohn Ailton sprechen ließ. Was angesichts der rhetorischen Fähigkeiten des einstigen Bremer-Stürmers ein doch – nennen wir es – ambitioniertes Vorhaben ist. Für den Zuschauer bzw. -hörer die schlimmste Zumutung, seit Lothar Matthäus seine Memoiren als Hörbuch aufgezeichnet hat. Sei’s drum, Papa Schaaf schien doch irgendwie gerührt und geschüttelt, ließ sich angesichts des bevorstehenden Abschiedsspiels des wortgewandten Kugelblitzes aber nichts anmerken. Für Ailton indes tun sich nun ganz neue berufliche Perspektiven nach dem Ende der Fußballerkarriere auf: Irgendwas zwischen der Moderation von „RTL Punkt 12“ und der eines Call-In-Quizzes auf einem Sportsender sollte da schon drin sein.

Mal-Rechnung
Malheur. Malade. Malware. Malfunction. Malandielatte. Maltotaldaneben. MalaufdenKeeper. Malanda.

Und was war noch?

Unerschütterlich: Gladbachs Keeper läuft trotz herbstlicher Temperaturen in Sommer-Kleidung auf.
Vorbildlich: Effzeh beweist Halfar-Syndrom.
Schmerzhaft: Hahn im Korb – Gladbachs Neuzugang rasselt im Training mit dem eigenen Rechtsverteidiger zusammen.
Ambitioniert: Alonso – FC Bayern verpflichtet den Anfang der Marseillaise.
Neuer Geschäftszweig: Bei Bayer gibt es jetzt Schmidt-Spiele.
Haraguchi? Gesundheit!

Erschienen bei SPOX.com als Blogbeitrag in der Reihe “Liga-Lehren”.

Empörung anno 2014

1. September 2014

Erinnert sich noch jemand an den Sommer 1993 – mit seiner schier grenzenlosen Hysterie? Die neuen, fünfstelligen Postleitzahlen standen unmittelbar vor ihrer Einführung und verwandelten Deutschland in eine Republik des Widerstands. Das Ende des Abendlandes schien nahe: Wie solle man sich diese fünfziffrigen Monster denn nur merken? Welch absurde Logik stecke hinter dem neuen System? Und wieso überhaupt etwas ändern – es habe doch bislang alles so wunderbar funktioniert? Knapp ein halbes Jahr später war von den Bedenken und Besorgnissen nichts mehr zu hören. Man hatte sich daran gewöhnt – und es war gut so.

Eine ähnliche Welle der Empörung erfasste im Jahr 2011 München, da bekannt wurde, dass Schalkes Torhüter Manuel Neuer an die Isar wechseln würde. „Koan Neuer“ war allenthalben zu lesen. Ein Schalker Ultra im Tor des FC Bayern – undenkbar. Und wenn, dann bitte nur mit einem vorher abgesprochenen Verhaltenskodex. Im Jahr 2014 befindet sich eben jener Manuel Neuer auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Meister, Pokalsieger, Weltmeister, bester Torhüter der WM und womöglich bald bester Fußballer Europas. „Koan Neuer“ – gab’s das mal? Wen interessiert schon der Schmarrn von gestern.

Dieser Tage nun macht sich eine neue kollektive Empörung breit. Das Enfant terrible heißt diesmal RB Leipzig, kurz für RasenBallsport Leipzig, das ambitionierte Projekt eines gewissen Dieter Mateschitz, seines Zeichens Chefs eines Limonaden-Imperiums, welches rein zufällig mit eben jenen Akronym abgekürzt wird, das sich auch im Namens des Leipziger Zweitligisten befindet. Der neue Zweitligist sei ein reines Kunstprodukt ohne Herz und Seele, heißt es. Ein traditionsloses Irgendwas, das im Grunde nur dem Marketing des hinter ihm stehenden Unternehmens diene. Kein Fußballclub, vielmehr ein PR-Gag, dem man schnellstmöglich den Garaus machen solle.

Nun sind manche der Gedanken in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Dass es Mateschitz wohl vor allem um seine kommerziellen Interessen und weniger um die Förderung des sächsischen Leistungssports geht, wird man wohl kaum verneinen können. Der Effekt ist – trotz anderweitiger Motivation – aber da: Leipzig hat endlich wieder einen Fußballverein im Profisport. Das Wie mag einem Magengrummeln bereiten. Und doch lehren uns Postleitzahlen, Neuer & Co.: In einem Jahr interessiert das alles (fast) niemanden mehr.