Empörung anno 2014

1. September 2014

Erinnert sich noch jemand an den Sommer 1993 – mit seiner schier grenzenlosen Hysterie? Die neuen, fünfstelligen Postleitzahlen standen unmittelbar vor ihrer Einführung und verwandelten Deutschland in eine Republik des Widerstands. Das Ende des Abendlandes schien nahe: Wie solle man sich diese fünfziffrigen Monster denn nur merken? Welch absurde Logik stecke hinter dem neuen System? Und wieso überhaupt etwas ändern – es habe doch bislang alles so wunderbar funktioniert? Knapp ein halbes Jahr später war von den Bedenken und Besorgnissen nichts mehr zu hören. Man hatte sich daran gewöhnt – und es war gut so.

Eine ähnliche Welle der Empörung erfasste im Jahr 2011 München, da bekannt wurde, dass Schalkes Torhüter Manuel Neuer an die Isar wechseln würde. „Koan Neuer“ war allenthalben zu lesen. Ein Schalker Ultra im Tor des FC Bayern – undenkbar. Und wenn, dann bitte nur mit einem vorher abgesprochenen Verhaltenskodex. Im Jahr 2014 befindet sich eben jener Manuel Neuer auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Meister, Pokalsieger, Weltmeister, bester Torhüter der WM und womöglich bald bester Fußballer Europas. „Koan Neuer“ – gab’s das mal? Wen interessiert schon der Schmarrn von gestern.

Dieser Tage nun macht sich eine neue kollektive Empörung breit. Das Enfant terrible heißt diesmal RB Leipzig, kurz für RasenBallsport Leipzig, das ambitionierte Projekt eines gewissen Dieter Mateschitz, seines Zeichens Chefs eines Limonaden-Imperiums, welches rein zufällig mit eben jenen Akronym abgekürzt wird, das sich auch im Namens des Leipziger Zweitligisten befindet. Der neue Zweitligist sei ein reines Kunstprodukt ohne Herz und Seele, heißt es. Ein traditionsloses Irgendwas, das im Grunde nur dem Marketing des hinter ihm stehenden Unternehmens diene. Kein Fußballclub, vielmehr ein PR-Gag, dem man schnellstmöglich den Garaus machen solle.

Nun sind manche der Gedanken in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Dass es Mateschitz wohl vor allem um seine kommerziellen Interessen und weniger um die Förderung des sächsischen Leistungssports geht, wird man wohl kaum verneinen können. Der Effekt ist – trotz anderweitiger Motivation – aber da: Leipzig hat endlich wieder einen Fußballverein im Profisport. Das Wie mag einem Magengrummeln bereiten. Und doch lehren uns Postleitzahlen, Neuer & Co.: In einem Jahr interessiert das alles (fast) niemanden mehr.

Die ewige Paradoxie

25. August 2014

Schiiten gegen Suniten, Muslime gegen Juden, Protestanten gegen Katholiken. Nein, es ist wahrlich kein originelle Erkenntnis, dass sich unterschiedlichen Glaubensrichtungen nach wie vor mit großer Wonne zu bekämpfen und zu bekriegen scheinen. Das war so, das ist so und das ist wird auch immer so bleiben. In dem Sinne könnte man das Thema ganz resignativ abhaken. Und doch lassen einen die neuerlichen Konflikte im Irak und im Gaza-Streifen irgendwie fassungslos zurück.

Religion ist trotz aller Aufklärung, trotz aller liberalen Strömungen unserer Zeit nach wie vor die aussichtsreichste Triebfeder, wenn es darum geht, sich mit wachsender Begeisterung nach dem Leben zu trachten. Die Paradoxie, die sich hierin auftut, sollte man dabei nicht müde werden zu benennen: Das, was einem Kraft, Halt und Orientierung geben soll, macht die Menschen vor allen Dingen ignorant, gewalttätig und rücksichtslos. Der Weg von tiefer Überzeugung zu höchstem Fanatismus scheint eben nicht allzu weit zu sein.

So weit, so traurig. Aber was kann ein Ansatz sein, um dem womöglich größten Übel Herr zu werden? Der wohl gemeinte Verweis auf Toleranz und Respekt wird allzu oft in den Weiten  des Fanatismus verhallen. Die Fronten sind zu verhärtet, als dass sich einfache Lösungen aufdrängen würden. Also doch in Resignation verfallen? Wenn es um eine kurzfristige Besserung geht: Ja. Und auch langfristig sind die Perspektiven eher düster.

Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist, dass die positiven Beispiele religionsübergreifender Projekte weiter an Zustimmung und Strahlkraft gewinnen. Sollte dies zu viel der Illusion sein, bliebe nur der Appell an die führenden Glaubensvertreter (vom Papst bis zum Imam), sich endlich zu ihrer Verantwortung zu bekennen und ihre Angehörigen zu Toleranz und Gewaltlosigkeit anzuhalten. Aber das ist wohl auch nur ein – frommer – Wunsch.

Festival der Eitelkeiten

18. August 2014

Ja, auch ich habe inzwischen verstanden, dass Fußball sehr viel mehr ist als 90 Minuten elf gegen elf. Fußball ist vor allen Dingen Entertainment, Show, Spektakel und Theater. Da wird skandalisiert, hochgejazzt und inszeniert. Weil es eben so noch schöner, spannender unter unterhaltsamer ist.

Trotz aller Inszenierungen und skurriler Theatralik, die eben irgendwie ihre Berechtigung hat, ist das mehraktige Drama „Bayern gegen den BVB und zurück“ inzwischen nicht mehr zu ertragen. Was sich die Herren Rummenigge, Watzke, Zorc & Co. da Woche für Woche bzw. Tag für Tag an Verbalscharmützeln leisten, ist weder unterhaltsam noch belebend, sondern schlicht und einfach nervend.

Es scheint, als befinde sich der deutsche Fußball in seiner Spitze auf dem Niveau eines Kindergartens. Gezänk, Schmollerei und Uneinsichtigkeit – immer ist der andere schuld daran, dass man sich in einem nicht zu lösenden Streit befindet. Fußballgott, lass’ Niveau vom Himmel sinken.

Ich glaube allmählich nicht mehr daran, dass es sich bei dem wonnevoll gelebten Zwist um eine kühl kalkulierte Inszenierung handelt, mit der man sich und das Business noch ein bisschen interessanter machen will. Es ist, dazu braucht es keine psychologische Vorbildung, ein Festival der Eitelkeiten, bei dem sich jeder Akteur bestmöglich profilieren möchte. Was, wie wir regelmäßig sehen, gründlich nach hinten losgeht.

Insofern bleibt die Hoffnung, dass zumindest die Erkenntnis, dass man sich mit solcherlei Tiraden nur selbst das Image beschädigt, zur Besserung beiträgt. Allein mir fehlt der Glaube…