Muss doch nicht

14. April 2014

Die Vereine haben sich entschieden. Torlinientechnologie wird’s im deutschen Fußball erstmal nicht geben. Weil es viel zu teuer ist und ja doch nichts bringt. Und ich finde das absolut richtig. Mal ehrlich, Tore werden im Fußball eh chronisch überbewertet. Es geht um Ballbesitz, schöne Kombinationen, Choreo und Pyro, Field-Interviews und Doppelpass. Aber Tore? Braucht kein Mensch. Weshalb also viel Geld investieren, nur um die höchst überflüssige Frage zu klären: Drin oder nicht? Ja mei, haben wir nichts Besseres zu tun. Es ist so schönes Wetter draußen und wir zerbrechen uns den Kopf, ob die Kugel nun vor, auf oder eben schon hinter der Torlinie war. Tor ist, wenn das Netz zappelt. Muss reichen.

Und ja, die Bundesliga muss sparen. Da kann man sich so viel Asche für so einen fragwürdigen Daniel-Düsentrieb-Hokuspokus nicht leisten. Im deutschen Profifußball ist man eben notorisch klamm. Da muss man schauen, wofür man die knappen Mittel ausgibt und übt eben gerne Verzicht. Deshalb wird es auch keine spektakulären Millionentransfers mehr geben. Sind doch eh meist Fehleinkäufe. Kosten viel, bringen nix. Und auf diese nervigen Auswärtsspiele kann man im Grunde genommen doch auch verzichten. Im Zweifel verlierst du eh – und deshalb so viele Kröten für Flug und Hotelunterkunft auf den Kopf hauen? Muss doch nicht. Und das mit den Trainerwechseln kann man sich ja auch mal schön schenken. Nach drei, vier Spielen ist der Effekt verpufft und der Neue ist schon bald wieder der Alte. Abfindung inklusive. Also: Weglassen!

Ich finde diese neue Sparwelle im Fußball großartig. Einfach mal auf alles verzichten, was im Grunde doch eh vollkommen verzichtbar ist. Torlinientechnologie? Was für ein alberner Schnickschnack! Viel Geld raushauen, nur um das mit diesen na, sag schon… Toren zu klären. Also bitte! In dem Sinne: Vielen Dank an die deutschen Profi-Vereine für so viel Weitsicht…

Kloppo gegen Sammer, Rummenigge gegen Klopp, Watzke gegen Bayern, Sammer gegen alle. Wir haben uns allmählich an die regelmäßigen Verbalscharmützel zwischen Dortmund und Bayern gewöhnt. Und wahrscheinlich muss man das mehr oder minder gekonnt inszenierte Theater wohl unter der Rubrik ‚Folklore‘ einordnen. Frei nach dem Motto: Wenn es sportlich schon nicht mehr spannend ist, so bringen wir zumindest mit dem einen oder anderen persönlichen Infight wieder etwas Feuer in die Geschichte.

Ich gebe zu, ich habe die gegenseitigen Attacken zwischen BVB und FCB lange Zeit mit einem gewissen Amüsement zur Kenntnis genommen, ohne mich über die zuweilen derben Frontalangriffe aufregen zu können. Immerhin weiß ich seit dem legendären Sportstudio-Duell zwischen Hoeneß und Daum, dass solcherlei Konfrontationen eben doch vor allem zur Unterhaltung beitragen und angesichts der wirklich drängenden Probleme unserer Welt nicht allzu ernst genommen werden dürfen.

So geht es mir im Grunde noch immer. Und als Bayern-Fan verstehe ich der Versuchung, in Borussia Dortmund die moderne Verkörperung des abstoßenden Bad Guy zu sehen. Hier meine guten Bayern, dort die bösen Borussen – das ist auch mir zu billig. Nein, ein Urteil will ich in diesem Zweikampf nicht vornehmen. Weil es mir albern erschiene, eine ohnehin viel zu hochgepushte Kontroverse durch eine scheinbar abgewogene  Punktewertung noch weiter aufzubauschen. Und weil es einen im Grunde genommen nur noch anödet.

Ob sich sie Agitatoren wirklich nicht abkönnen oder ob sie nur so tun als ob, vermag ich dabei nicht zu beurteilen. Es ist mir inzwischen auch vollkommen egal. Die spannungsbefreite Bundesliga kann das ewige Hin und Her jedenfalls nicht mehr bereichern. Wirklicher Gewinner ist nur die Sportjournaille, die das Theater genüsslich ausschlachten und für allerlei reißerische Schlagzeilen benutzen kann. Als Fan dagegen kann man nicht einmal mehr müde lächeln und flüchtet sich vor lauter Verzweiflung in Beckenbauer-Zitate: Es ist so schönes Wetter draußen und Ihr macht‘s so nen Schmarrn. In diesem Sinne: Schluss mit dem Schauspiel – es nervt!

Gebt Roger eine Chance!

31. März 2014

Sein Ausdrucksstil ist elaboriert. Und er würde sich nicht scheuen, diesen Begriff zu verwenden. Wenn Roger Willemsen dieser Tage durch die Talkshows tingelt, um sein neues Buch „Das hohe Haus“ zu promoten, in dem er seine Beobachtungen aus einem Jahr Besuchen im Bundestag festgehalten hat, kann er eine gewisse Selbstgefälligkeit nicht verhehlen. Der inzwischen 58-jährige Publizist scheint sich selbst zu lieben. Und zwar mit großem Recht. Der rhetorischen Brillanz, die Willemsen in seinen zumeist genauso pointierten wie humorvollen Statements verströmt, kann man sich kaum entziehen. Er ist ein Sprachkünstler und zudem ein klarer und ebenso unbequemer Denker, der den Finger nur allzu gerne in die Wunde legt. Ob in Sachen Parlamentskultur, Taliban oder Homophobie, Willemsen nennt die Dinge beim Namen. Er schwurbelt nicht rum, er sagt, wie es ist, unnachgiebig, entschieden, aber eben doch mit so viel Witz, dass man ihm stundenlang zuhören möchte.

So berauschend die Auftritte des studierten Germanisten mitunter geraten, so nostalgisch kann man werden bei dem Gedanken, dass dieser Mann einst zum festen Ensemble der deutschen Fernsehgrößen gehörte. Damals, als das ZDF ihm noch den Platz und die Zeit gönnte, um unkonventionelle, tiefschürfende Gespräche in seiner eigenen Sendung zu führen. Seitdem hat sich viel in der deutschen Fernsehlandschaft getan, wenig davon zum Guten. Effekthascherei, billige Polemik und reißerische Inszenierungen sind mehr und mehr an der Tagesordnung. Bei aller Vorsicht vor pessimistischer Schwarzweißmalerei: Die Qualität im deutschen Fernsehen nimmt immer weiter ab. Mutige, ambitionierte Projekte fernab des gesättigten Mainstreams bilden die Ausnahme. Doch immerhin, es gibt sie, die Perlen des neuen Fernsehens. Richard David Prechts philosophischer Vis-à-vis-Talk gehört genauso dazu wie Drama-Serien vom Schlage „Weißensee“. Und doch oder gerade deshalb wünscht man sich mehr davon. Mehr Charme, mehr Esprit, mehr Niveau.

Roger Willemsen wäre in der Lage, dem deutschen Fernsehen wieder ein bisschen mehr Niveau zu verpassen. Mit unangepassten Monologen, geistreichen Dialogen und einer sprachlichen Genialität, wie wir sie heutzutage auf der Mattscheibe praktisch gar nicht mehr erleben. Vielleicht ist er nicht der große Zampano, der mit provokativen Scharaden Quote generiert. Aber ist ganz sicher ein Hoffnungsträger für ein mehr und mehr dahinsiechendes Medium. Wenn man ihm denn wieder eine Chance gibt.