Dreimal ist einmal zu viel

27. Oktober 2014

Karl-Heinz Rummenigge griff wieder einmal auf seine Lieblingsphrase zurück: „Offen und ehrlich“ musste er sagen, werde man „das in aller Ruhe intern diskutieren“. Der Verweis auf die eigene Offenheit und Ehrlichkeit ist beim Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern in aller Regel nicht mehr als ein inhaltsloser Gemeinplatz, hier jedoch passte er ausnahmsweise. Die unumwundene Feststellung, sich Gedanken über eine Verpflichtung von Marco Reus zu machen, zeugt von einer zu diesem Zeitpunkt durchaus bemerkenswerten Offenheit.

Etwas zurückhaltender gab sich Mario Götze. Groß kommentieren wollte er die Gerüchte über ein mögliches Interesse seines Vereins am Dortmunder Nationalspieler nicht. Aber immerhin, freuen würde er sich schon, sollte er demnächst wieder mit seinem einstigen Teamkollegen zusammen kicken können. Rummenigges Offenheit und Götzes Vorfreude lassen denn auch nur einen Rückschluss zu: Wenn irgend möglich soll Marco Reus an die Isar wechseln.

Sportlich wäre die Verpflichtung des 25-jährigen Mittelfeldspielers gewiss eine absolute Bereicherung. Mögliche Zweifel, die sich aus einem vermeintlichen Überangebot im Offensivbereich ergäben, ließen sich mit Blick auf die langfristige Entwicklung bei Seite schieben. Angesichts eines alternden und zusehends verletzungsanfälligeren Ribery und eines den hohen Ansprüchen nicht immer genügenden Shaqiri tut man gut daran, Ausschau nach jüngeren Kräften mit vergleichbarem spielerischen Potential zu halten.

Der flexibel einsetzbare Marco Reus, der nahezu alle Positionen in der Offensive bekleiden kann, wäre da nicht nur die richtige, sondern eine sich geradezu aufdrängende Wahl. Sein Tempo-Dribbling gepaart mit seiner immensen Torgefährlichkeit machen ihn zu einem der besten Mittelfeldspieler Europas und damit zwangsläufig auch für den FC Bayern. Im Zusammenspiel mit seinem Kumpel Mario Götze könnte sich ein kongeniales Duo entwickeln, mit dem  das hohe Niveau des Bayern-Spiels noch um ein weiteres Level gesteigert werden könnte.

Das Interesse an Marco Reus allein auf taktisch-spielerische Aspekte zu reduzieren, würde der Wirklichkeit jedoch nicht gerecht. Fakt ist: Beim Rekordmeister will man – gerade in Richtung des Rivalen aus Dortmund – Macht demonstrieren. So besaßen schon die Transfers von Mario Götze und Robert Lewandowski einen psychologischen Wert, wollten Rummenigge & Co. damit auch ihre Stärke zur Schau stellen. Frei nach dem Motto: Wir kriegen sie alle, wenn wir nur wollen.

Die Jahre 2011 und 2012 haben zweifellos schwer am bayrischen Selbstverständnis genagt. Die souveränen Meistertitel der Borussen, die demütigende Pokalfinalniederlage vor zwei Jahren sind nicht ohne Wirkung geblieben, haben die Münchener schwer getroffen. Nie wieder wollte man sich von einem Konkurrenten so vorführen lassen, nie wieder wollte man sich als kleinlaute Nummer 2 im Lande präsentieren. Die Devise war klar: Mit aller Macht zurück an die Spitze und dabei den Rivalen deutlich auf Distanz halten – sportlich, wirtschaftlich und nicht zuletzt auch emotional.

Mit den Verpflichtungen von Götze und Lewandowski wurde die gewünschte Signalwirkung erzielt, den Preis eines inzwischen in jeder Hinsicht zerrütten Verhältnisses zum Ligakonkurrenten nahm man dabei billigend in Kauf. Hauptsache die Zeichen der Zeit wurden verstanden. In diesem Kontext ist denn auch das jüngst deutlich bekundete Interesse an Marco Reus zu sehen. Neben sportlichen Vorteilen geht es vor allem um das Zurschaustellen der eigenen Potenz: Der FC Bayern lässt seine Muskeln spielen und markiert sein Revier als unangefochtener Primus des deutschen Fußballs. So wie es das vereinseigene Mantra vorgibt: Mia san mia. Uns kann keiner etwas. Was wir wollen, schaffen wir denn auch.

Genau das ist letztlich auch der Grund, weshalb ich mir insgeheim wünsche, dass ein Wechsel von Marco Reus zum FC Bayern nicht zu Stande kommt. Sportlich wäre es womöglich töricht, auf eine mögliche Verpflichtung des Mittelfeldstars zu verzichten. Entsprechend naiv mag es denn auch erscheinen, an die Bayern-Oberen zu appellieren, hier doch endlich mal Zurückhaltung an den Tag zu legen. Und doch hätte eine Verpflichtung von Marco Reus für mich einen bitteren Beigeschmack: Götze, Lewandowski, Reus – die drei absoluten Topstars hätte man dem Konkurrenten aus Dortmund nacheinander stibitzt und damit ein unmissverständliches Signal gesetzt.

Doch kann es hierauf alleine ankommen? Oder anders gefragt: Ist es denn nicht irgendwann auch einmal gut? Die Bayern haben mit den genannten Transfers, den beiden letzten Meisterschaften, dem CL-Titel 2013 und auch in der bisherigen Saison eindrucksvoll und klar demonstriert, dass sie wieder die unangefochtene Nummer 1 im deutschen Fußball sind. Braucht es da noch einen Reus? So tief der Stachel 2012 auch gesessen haben mag, er ist doch längst gezogen.

Nein, dies ist kein verschnupftes „Koan Reus“, keine kategorische Ablehnung eines bestimmten Spielers aus persönlicher Antipathie. Im Gegenteil, ich habe nichts gegen Reus, weder als Spieler noch als Mensch. Ich schätze seine Qualitäten als wuselnder, torgefährlicher Mittelfeldspieler und kann mir gut vorstellen, dass er das Spiel der Bayern nachhaltig bereichern würde. Ich hielte es für absurd, wenn man sich als FC Bayern keine Gedanken über seine Verpflichtung machen würde. Und doch wäre es mir lieber, er käme letztlich nicht zum FCB. Dreimal im Edelsortiment des ärgsten Kontrahenten zu wildern, ist mir dann doch einmal zu viel.

Dann doch lieber nochmal genauer den internationalen Markt sondieren. Oder – vielleicht nur ein naiver Wunschtraum – einen Topstar aus den eigenen Reihen heranzüchten. Aber bitte, so viel Fußballromantik sei erlaubt, sich nicht immer bei der Konkurrenz bedienen, auch wenn dies irgendwie seit Jahr(zehnt)en zur Vereinsstrategie gehört und Teil des eigenen Erfolges ist. Irgendwann ist eben auch an der Säbener Straße einmal genug.

Dann steigt doch bitte ab?!

20. Oktober 2014

The same procedure as last year: Mit Werder Bremen, dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart befinden sich aktuell wieder drei sogenannte Traditionsvereine in der Abstiegszone. Trotz aller Veränderungen in wichtigsten Führungspositionen scheinen die Clubs auf der Stelle zu stehen. Es tut sich einfach nichts: In den Ruf nach grundlegenden Umstrukturierungen mischt sich denn auch zuweilen der klammheimliche Wunsch nach einem Abstieg, böte dieser doch immerhin die Chance auf einen Neuanfang.

Was nach Sarkasmus und fatalistischem Achselzucken klingt, ist in Wirklichkeit Ausdruck einer verzweifelten Suche nach dem Ausweg aus der Lethargie. Dabei hat die Überlegung auf den ersten Blick durchaus etwas für sich: Ruinen kann man schließlich nicht restaurieren, man muss sie einreißen und noch einmal von vorne beginnen. Doch so schön Allegorien auch mitunter sein mögen, sie täuschen über die Wirklichkeit hinweg. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Druck auf den Reset-Knopf das Problem nicht löst.

So hat dem 1. FC Köln der erste Abstieg seit Bestehen der Bundesliga anno 1998 eben nicht zu einem erfrischenden Neustart verholfen. Im Gegenteil, bedeutete das Absinken in die Zweitklassigkeit doch den Beginn einer Phase voller Aufs und Abs geprägt vom Prinzip des Trial and Error. Ein ganz neuer 1. FC Köln in Kontrast zur verfehlten Personalpolitik der 90er Jahre blieb reiner Wunschtraum und fand in der Entwicklung des Vereins keinerlei Ausdruck.

Ähnlich erging es dem 1. FC Kaiserslautern, der zwei Jahre zuvor den Super-GAU erlebte. Bei den Pfälzern schien der Abstieg in die 2. Liga zunächst in der Tat wie eine Frischzellenkur zu wirken, blieb die Zweitklassigkeit doch ein einjähriges Intermezzo, dem der sensationelle Meistertitel 1998 folgte. Doch nach der Euphorie des Augenblicks kam die Ernüchterung zahlreicher zäher Jahre, Wiederabstieg inklusive. Für den vermeintlich ewigen Erstligisten FCK bedeutete der Abstieg Mitte der 90er Jahre einen Dammbruch, von dem sich der heutige Zweitligist bis jetzt nicht recht erholt hat.

Worin also genau soll die große Chance eines Neuanfangs im Abstieg liegen? Fakt ist: Mit dem Gang in die 2. Liga werden finanzielle Möglichkeiten überschaubarer, Rahmenbedingungen schwieriger und allgemeine Aufmerksamkeit geringer. Schlechte Voraussetzungen für den ultimativen Neuanfang.  Wer sich für seinen Verein also wirklich den Abstieg als Erlösung wünscht, die das Signal für einen vielversprechenden Neuanfang setzt, sollte sich genauso überlegen, ob er diesen Wunsch denn auch wirklich erfüllt sehen will. Für Werder, HSV und VfB bleibt denn nur zu hoffen, dass sie auch dieses Jahr die Kurve kriegen. Irgendwie.

Der letzte Märtyrer

13. Oktober 2014

Es gibt Trainertypen, die gefallen mir. Pep Guardiola, der charmante Gentleman. Jürgen Klopp, der leidenschaftliche Gefühlsmensch. Oder Lucien Favre, der seltsame Kauz. Alles ganz unterschiedliche Figuren, jeder mit seiner eigenen Attitüde, die mir jeweils aus ganz unterschiedlichen Gründen irgendwie zusagt.

Jens Keller gehört nicht zu den Trainern, zu denen ich leicht einen Zugang finde. Ruhig, unaufgeregt, aber eben auch farb- und konturenlos, ohne besonderen Esprit oder Ecken und Kanten. Nein, der Schalker Coach kommt bei mir nicht an. Ich vermisse an ihm im Grunde alles, was meiner Meinung nach einen echten Bundesligatrainer ausmacht. Und doch: Er imponiert mir. Wie er stoisch die notorische Kritik an seiner Person aushält, den immer wieder aufkeimenden Gerüchten über eine mögliche Entlassung trotzt, ohne dabei jemals die Contenance zu verlieren – das hat schon Stil und verdient Respekt.

Es hat denn auch schon etwas von Folklore, die alsbaldige Ablösung Kellers heraufzubeschwören, wohlwissend, dass es dazu eben doch nicht kommen wird. Keller verliert, Keller soll weg, Keller gewinnt, Keller bleibt – das Ganze hat längst Züge eines Running Gags, der für den neutralen Beobachter durchaus amüsant ist.

So wünscht man sich denn fast zwangsläufig noch zahlreiche Neuauflagen des allmählich grotesk wirkenden Schauspiels. Keller gegen den Rest der Welt – der letzte Märtyrer hält allen Stürmen stand. Das wirkt genauso hollywoodreif wie schrullig und hat eben doch seinen ganz einen Charme. Von daher hoffe ich, dass Jens Keller noch lange bleibt auf Schalke. Länger als Thomas Schaaf in Bremen.