Dann steigt doch bitte ab?!

20. Oktober 2014

The same procedure as last year: Mit Werder Bremen, dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart befinden sich aktuell wieder drei sogenannte Traditionsvereine in der Abstiegszone. Trotz aller Veränderungen in wichtigsten Führungspositionen scheinen die Clubs auf der Stelle zu stehen. Es tut sich einfach nichts: In den Ruf nach grundlegenden Umstrukturierungen mischt sich denn auch zuweilen der klammheimliche Wunsch nach einem Abstieg, böte dieser doch immerhin die Chance auf einen Neuanfang.

Was nach Sarkasmus und fatalistischem Achselzucken klingt, ist in Wirklichkeit Ausdruck einer verzweifelten Suche nach dem Ausweg aus der Lethargie. Dabei hat die Überlegung auf den ersten Blick durchaus etwas für sich: Ruinen kann man schließlich nicht restaurieren, man muss sie einreißen und noch einmal von vorne beginnen. Doch so schön Allegorien auch mitunter sein mögen, sie täuschen über die Wirklichkeit hinweg. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Druck auf den Reset-Knopf das Problem nicht löst.

So hat dem 1. FC Köln der erste Abstieg seit Bestehen der Bundesliga anno 1998 eben nicht zu einem erfrischenden Neustart verholfen. Im Gegenteil, bedeutete das Absinken in die Zweitklassigkeit doch den Beginn einer Phase voller Aufs und Abs geprägt vom Prinzip des Trial and Error. Ein ganz neuer 1. FC Köln in Kontrast zur verfehlten Personalpolitik der 90er Jahre blieb reiner Wunschtraum und fand in der Entwicklung des Vereins keinerlei Ausdruck.

Ähnlich erging es dem 1. FC Kaiserslautern, der zwei Jahre zuvor den Super-GAU erlebte. Bei den Pfälzern schien der Abstieg in die 2. Liga zunächst in der Tat wie eine Frischzellenkur zu wirken, blieb die Zweitklassigkeit doch ein einjähriges Intermezzo, dem der sensationelle Meistertitel 1998 folgte. Doch nach der Euphorie des Augenblicks kam die Ernüchterung zahlreicher zäher Jahre, Wiederabstieg inklusive. Für den vermeintlich ewigen Erstligisten FCK bedeutete der Abstieg Mitte der 90er Jahre einen Dammbruch, von dem sich der heutige Zweitligist bis jetzt nicht recht erholt hat.

Worin also genau soll die große Chance eines Neuanfangs im Abstieg liegen? Fakt ist: Mit dem Gang in die 2. Liga werden finanzielle Möglichkeiten überschaubarer, Rahmenbedingungen schwieriger und allgemeine Aufmerksamkeit geringer. Schlechte Voraussetzungen für den ultimativen Neuanfang.  Wer sich für seinen Verein also wirklich den Abstieg als Erlösung wünscht, die das Signal für einen vielversprechenden Neuanfang setzt, sollte sich genauso überlegen, ob er diesen Wunsch denn auch wirklich erfüllt sehen will. Für Werder, HSV und VfB bleibt denn nur zu hoffen, dass sie auch dieses Jahr die Kurve kriegen. Irgendwie.

Der letzte Märtyrer

13. Oktober 2014

Es gibt Trainertypen, die gefallen mir. Pep Guardiola, der charmante Gentleman. Jürgen Klopp, der leidenschaftliche Gefühlsmensch. Oder Lucien Favre, der seltsame Kauz. Alles ganz unterschiedliche Figuren, jeder mit seiner eigenen Attitüde, die mir jeweils aus ganz unterschiedlichen Gründen irgendwie zusagt.

Jens Keller gehört nicht zu den Trainern, zu denen ich leicht einen Zugang finde. Ruhig, unaufgeregt, aber eben auch farb- und konturenlos, ohne besonderen Esprit oder Ecken und Kanten. Nein, der Schalker Coach kommt bei mir nicht an. Ich vermisse an ihm im Grunde alles, was meiner Meinung nach einen echten Bundesligatrainer ausmacht. Und doch: Er imponiert mir. Wie er stoisch die notorische Kritik an seiner Person aushält, den immer wieder aufkeimenden Gerüchten über eine mögliche Entlassung trotzt, ohne dabei jemals die Contenance zu verlieren – das hat schon Stil und verdient Respekt.

Es hat denn auch schon etwas von Folklore, die alsbaldige Ablösung Kellers heraufzubeschwören, wohlwissend, dass es dazu eben doch nicht kommen wird. Keller verliert, Keller soll weg, Keller gewinnt, Keller bleibt – das Ganze hat längst Züge eines Running Gags, der für den neutralen Beobachter durchaus amüsant ist.

So wünscht man sich denn fast zwangsläufig noch zahlreiche Neuauflagen des allmählich grotesk wirkenden Schauspiels. Keller gegen den Rest der Welt – der letzte Märtyrer hält allen Stürmen stand. Das wirkt genauso hollywoodreif wie schrullig und hat eben doch seinen ganz einen Charme. Von daher hoffe ich, dass Jens Keller noch lange bleibt auf Schalke. Länger als Thomas Schaaf in Bremen.

Der narzisstische Imam

6. Oktober 2014

Emotionen, Vorbehalte, Angst – die Diskussion um den Islam und eine zunehmende Islamisierung ist heikel. Sachliche, unvoreingenommene Debatten scheinen dieser Tage kaum möglich. Umso wichtiger ist es da, dass die seltenen Chancen zu einer unaufgeregten, nüchternen Debatten auch genutzt werden.

In der Talksendung „Günther Jauch“ bot sich unlängst die Gelegenheit, vor großem Auditorium eine Stunde lang über das schwierige und sensible Thema zu diskutieren – sachlich, wohl überlegt, ohne Feuereifer und Gift und Galle.

Die Chance war da, allein sie bliebt ungenutzt. Nicht zuletzt weil der anwesende Imam Abdul Adhim Kamouss statt zurückhaltender Rhetorik vor allem auf Selbstinszenierung setzte und die anderen Gesprächsteilnehmer bei jeder sich ihm bietenden Möglichkeit mit geradezu narzisstischer Penetranz zu unterbrechen suchte. Kamouss schrie, haspelte, beschwor, jammerte, wedelte, nölte, sang, kreischte – kurzum, er tat alles, was man in einer Talkshow so tun kann. Vom Schweigen einmal abgesehen.

Niemand wird dem Imam sein Recht auf seine Persönlichkeit absprechen wollen. Er wird so reden dürfen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, auch wenn dies die anwesende Politprominenz an den Rand einer Gallenkolik bringt. Und doch sollte Karoass eines verstehen: Mit einem solch peinlichen Gehabe leistet er einen Bärendienst, für die Debatte und den Islam in Deutschland. Wer sich selbst als Vertreter einer Sache versteht, muss damit leben, dass seine Aussagen und sein Verhalten auf eben diese Sache projiziert werden. Wer den Islam auf unsympathisch-nerv tötende Art und Weise repräsentiert, muss damit leben, dass die ihm zuteilwerden Antipathien auch dem Islam zuteilwerden. Ob dieser Rückschluss nun berechtigt ist oder nicht, er wird vom Zuschauer zwangsläufig gezogen.

Insofern darf und muss man verärgert sein über einen Menschen, der die Folgen seines Auftrittes offenkundig nicht zu überschauen vermochte und der mit seinem grotesken Gehabe Schaden gebracht hat für das Ansehen seiner Glaubensbrüder und –schwestern. Schade.