Immer locker durch die Hose

8. Februar 2010

Die Zahl der Fußballweisheiten ist bekanntlich unüberschaubar. Eine dieser vermeintlich so tiefsinnigen Aphorismen dürfte allerdings inzwischen jedermann bekannt sein: Fußball ist auf dem Platz. Was in Laienprosa übersetzt so viel bedeutet wie: Man kann noch so lange über Fußball diskutieren, entscheidend ist allein das Geschehen während der 90 Minuten eines Spiels. Und obwohl wir das alle mehr oder weniger verstanden und vielleicht auch verinnerlicht haben, versäumen wir es, aus dieser Erkenntnis die einzig folgerichtige Konsequenz zu ziehen. Nämlich dann und wann einfach mal zu schweigen. Weil es eben doch so furchtbar viel Freude bereitet, das Geschehen auf dem Platz mit langwierigen Analysen und Kommentaren neben dem Platz zu begleiten. Das ist zwar in gewissem Maße ziemlich inkonsequent, menschlich aber eben doch höchst nachvollziehbar.

Manchmal übersteigt das den Fußball begleitende Dahergerede aber doch das Maß des Erträglichen. Wie allwöchentlich im DSF-Doppelpass nachdrücklich bewiesen wird. Wie aber auch die Diskussion um die Bundestrainer-Frage in diesen Tagen zeigt. Denn auch wenn die Debatte zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal eine Woche lang andauert, ist man der pausenlosen Berichterstattung schon jetzt überdrüssig. Was einerseits damit zusammenhängen könnte, dass wir durch die Debatten der letzten zehn Jahre ohnehin an Bundestrainernachfolgefortsetzungsdiskussionen gesättigt sind. Was aber wohl dadurch erklärbar wäre, dass die Polemik und Aufregung dieser Tage weit über das hinausgeht, was einer doch vergleichsweise alltäglichen Angelegenheit angemessen wäre.

Nun ist der Posten des Bundestrainers gewiss ein Amt, dem in Deutschland eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zuteilwird. Von daher sind wir hier vom üblichen Alltagsgeschehen natürlich weit entfernt. Andererseits geht es eben doch nur um die Frage einer Vertragsverlängerung, deren Verhandlung aufgrund unterschiedlicher Interessenlage schwierig und langwierig sein kann. Das ist dann doch wieder etwas sehr Alltägliches. Die besondere Brisanz des vorliegenden Falls speist sich denn auch in erster Linie aus bislang unbestätigten Gerüchten. Handschlagvertrag, überzogene Macht- und Gehaltsansprüche, persönliche Divergenzen – so richtig weiß derzeit eigentlich niemand, was genau Sache ist. Und trotzdem oder besser genau deshalb nehmen die Spekulationen und Vorverurteilungen kein Ende. Vieles dessen, was zum überheblichen Auftreten eines Oliver Bierhoffs und zum suboptimalen Krisenmanagement eines Theo Zwanzigers geäußert wird, mag am Ende durchaus zutreffend sein. Ohne Kenntnis der genauen Hintergründe bleiben es aber wilde Mutmaßungen und haltlose Bewertungen. Von daher halte ich es hier lieber mit Dieter Nuhr: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Schnauze halten.

Dabei soll es auch bleiben. Gleichwohl kann ich mir eine Anmerkung nicht verkneifen. Sie stammt nicht von Dieter Nuhr, sondern von einem schauspielenden Kollegenaus dem Versicherungsgewerbe: Immer locker durch die Hose atmen. Bedeutet in Fußballexpertenlyrik übersetzt so viel wie: Mal schön den Ball flach halten. Die ganze Aufregung dieser Tage kann man sich jedenfalls getrost schenken. Was werden dieser Tage nicht für Schreckensszenarien heraufbeschworen. Eine verkorkste WM, deren Ursache in der ungeklärten Trainerfrage liege. Ein Machtvakuum mit chaotischen Auswirkungen. So sei der derzeitige Disput eine denkbar schlechte Basis für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft. Sollte dem tatsächlich so sein, so muss man sich um die Belastbarkeit der deutschen Spieler und des Trainerstabs doch ernsthafte Sorgen machen. Wieso soll man ein solches Turnier nicht erfolgreich bestreiten können, nur weil nicht klar ist, wer in der Folge das Traineramt ausüben wird? Hat das Beispiel der WM 2006 nicht gerade das Gegenteil bewiesen? Unter Jürgen Klinsmann, der seinen auslaufenden Vertrag in der Folge nicht verlängern sollte, gelang der deutschen Nationalmannschaft doch auch ein äußerst vorzeigbares Turnier.

Könnte man nicht vielleicht sogar umgekehrt argumentieren, indem man darauf verweist, dass man erstmal das Abschneiden der Nationalmannschaft abwarten wolle, um dann auf dieser Grundlage die Trainerfrage zu klären? Natürlich sieht ein Vertrauensbeweis anders aus. Aber wem ist andererseits gedient, wenn man sich auf lange Zeit an einen Trainer bindet, von dem man sich demnächst aufgrund öffentlichen Drucks und unter hoher Abfindung doch wieder trennen muss. Momentan stellt nämlich gerade der öffentliche Druck einen nicht zu unterschätzender Faktor dar. Denn das Ansehen Joachim Löws und seines Teams hat in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt schwer gelitten. Auf Dauer wird es eben nicht möglich sein, einen Trainer zu halten, dem die Fans das Vertrauen entziehen.

Deshalb wird vieles, wenn nicht alles, vom Abschneiden bei der WM abhängen. Sollte dieses positiv aussehen, haben Löw und Bierhoff die besseren Karten im Vertragspoker. Womit bewiesen wäre: Momentan besteht kein Anlass zur Aufregung. Warten wir es doch einfach ab. Oder im Sinne einer dieser vielzitierten Fußballweisheiten: Schau’n mer mal, dann seh’ma schon!

Die Liga-Lehren XXI – mit unnachahmlichen Stilblüten, besorgniserregenden Diagnosen und einer ordentlichen Portion Erotik:

Verständnisebenen
Seinen unerklärbar-mystischen Reiz bezieht der Fußball gewiss nicht zuletzt aus den unnachahmlichen Stilblüten seiner Protagonisten. Wie wäre es also zum Beispiel damit: “Wir haben immer gedacht, es kommt. Und nun ist es gekommen!” Klingt wie eine postkoitale Vorher-Nachher-Analyse eines gelungenen Kamasutra-Experiments, hat mit modernen Beischlafvarianten gleichwohl aber rein gar nichts zu tun. Urheber jenes vielsagenden Bonmots ist nämlich niemand anders als der innovative Bayern-Trainer, der mit jenem Resümee genau genommen nur eines zum Ausdruck bringen wollte: Ich hab’s immer gewusst: Ich bin der Größte. Oder so ähnlich. Fest steht indes: Louis van Gaal besitzt die beneidenswerte Gabe, hochkomplexe Sachzusammenhänge auf die Verständnisebene eines Kevin Kuranyi herunter zu brechen. Womit auch endlich geklärt wäre, wieso das interkulturelle Fußball-Rendezvous zwischen bayrischem mia-san-mia und holländischem ik-ben-ik anfänglich so holprig verlief. Beim FC Bayern agiert man eben nicht auf der Verständnisebene eines Kevin Kuranyi. Irgendwann hat das dann aber auch der große van Gaal erkannt. Und so versucht er es jetzt mit umgekehrter Psychologie und erklärte nach dem 3:1-Sieg in Wolfsburg “Ich bin böse!”. Eine Reaktion, die sich angesichts Bayerns Larifari-Spiels angedeutet hatte. Oder wie man auf der Ersatzbank meinte: Wir haben immer gedacht, er motzt. Und nun hat er gemotzt.

Weise
Noch ein Stilblüten-Beispiel. Serdar Tasci: “In dieser Form können wir Barcelona schlagen.” Ist natürlich keine Stilblüte im engeren Sinne, sondern eine tiefgründige Weisheit. Denn wer den Nürnberger Ligaschreck mit 2:1 locker und leicht in den Boden stampft, haut auch Barca im Vorübergehen weg.

Der Eine
Altbekanntes Phänomen: Es gibt Menschen, die kommen trotz aller Annäherungsversuche einfach nicht miteinander klar. Kennt man von Frings und Löw, Westerwelle und den Frauen oder aber Töpperwien und Lattek. Da mag der Eine den Anderen nicht, weil der Andere Otto Rehhagel nicht mag, den der Eine aber gottesgleich verehrt. Und dann weigert sich der Eine, dem Anderen zum Geburtstag zu gratulieren. Ein vergleichbar zerrüttetes Verhältnis besteht zwischen VfL-Teilzeitstürmer Diego Klimowicz und Lutz Wagner. Weil der Eine dem Anderen die Frau ausgespannt haben soll, die den Einen aber gar nicht kennt. Vor allem aber weil der Andere den Einen immer so gerne vom Platz stellt. So war das immer. Bis zu diesem Samstag. Da durfte der Andere also mal wieder ein Spiel des VfL Bochum pfeifen, für den der Eine ja hin und wieder kickt. Und zur allgemeinen Überraschung verzichtete der Andere diesmal darauf, dem Einen die Rote Karte zu zeigen. Vielleicht weil der Andere allmählich altersmilde wird. Vielleicht aber auch, weil der Eine diesmal gar nicht erst mitgespielt hat. Man weiß es nicht. Die Eine sagen so, die Anderen sagen so.

Tradition
Wenn sich elegant-erstklassiger Besuch ankündigt, macht man sich fein, putzt sich heraus und zieht den allerfeinsten Zwirn an. Steht so oder so ähnlich schon in der Bibel. Oder im Knigge. Man weiß es nicht. Die Einen sagen so, die Anderen… genau! Egal. Umso erstaunter war unsereins jedenfalls, als Werders Januar-Versager ausgerechnet gegen Herthas Saison-Versager in kostbarer Grün-Gold-Kutte aufliefen. Weil Eleganz bei Hertha laut Vereinssatzung ja strengstens verboten ist. Und weil das mit der Erstklassigkeit nun auch eine höchst absehbare Sache ist. War aber alles ganz anders: Die Hanseaten feierten mit ihren Nobel-Trikots ihr 111. Vereinsjubiläum. Damit nun auch wirklich jeder weiß: Werder wurde 1899 gegründet. Und dieses Jahr steht im deutschen Profi-Fußball ja nun wahrhaftig für Tradition jenseits jedweden Kommerzialisierungsgedankens.

Sex
Noch mal zu Erinnerung: Vor bald 40 Tagen ist ein neues Jahrzehnt angebrochen. Mit vielen Neuerungen und Umstellungen. Die zweifellos wichtigste Änderung hat sich aber im progressiven Rheinland vollzogen. Der FC ist wieder genießbar. In nackten Zahlen ausgedrückt: 7 Punkte und 10 Tore in 4 Spielen, im Schnitt fast 5 Tore in jedem FC-Spiel. Aber mal ehrlich: Blanke Zahlen werden so betörend-aufreizenden Kicks wie der unwiderstehlichen 3:3-Aufholjagd gegen den HSV nicht gerecht. Versuchen wir es also mit der derzeit einzig legitimen FC-Metapher. FC 2010 ist wie Sex: Zu Beginn steht alles noch wacklig und man glaubt, das gibt nie etwas. Dann geht’s ein bisschen auf und ab und man legt sich noch mal richtig ins Zeug. Und am Ende kommt man irgendwie doch zum Punkt. Womit jetzt auch der letzte Geißbock-Atheist verstanden haben dürfte, was FC-Fans seit Jahr und Tag predigen: Der FC ist einfach geil.

Oniomanie
Und jetzt noch eine traurige Nachricht: Felix Magath leidet unter unheilbarer Oniomanie! Bevor wir unsere Schieleisen zwecks Brillenspende typisieren lassen und eh das ZDF eine Spendengala anberaumt, gleich die Entwarnung: Oniomanie ist lediglich die wissenschaftliche Bezeichnung für Magaths längst bekannte Kaufsucht, die in den vergangenen Tagen eine schalkerkadergroße Reihe ironischer und sarkastischer Kommentare nach sich gezogen hat. Ironie und Sarkasmus sind den Liga-Lehren bekanntlich aber gänzlich fremd. Und deshalb werfen wir einen sachlich-nüchternen Blick auf die Auswirkungen des Kaufrausches: Inzwischen werden nämlich langsam die Spielerparkplätze knapp, mit der bedauerlichen Folge, dass die Spieler ihre Limousinen schon mal auf dem Behindertenparkplatz abstellen müssen. So wie Alex Baumjohann, der seinen Schlitten mal eben in der Gehlegasthenikerzone parkte. Worauf dieser jedoch auch ein Anrecht hatte, wie sein hüftsteifer Auftritt (Status aG) beim 0:0 in Freiburg belegt.

Und was gab’s noch?
Restmüllentsorgung in der Bundesliga frei nach dem Motto “Haut endlich ab und kommt nie wieder”. Nur Felix Magath, der oniomanische Brillen-Messie, frönte unbeeindruckt seiner Sammelleidenschaft und stockte den dünn besetzten Kader noch ein wenig auf. Ansonsten aber mal wieder hemmungsloser Ramschverkauf. Besonders tragisch: Eddy Braafheid, der elegante Flügelflitzer mit den präzisen Maßflanken, wurde kurz vor Toresschluss in die schottische Provinz entsorgt. Zum Leidwesen der Bayern-Fans, die ihren Eddy in den vergangenen Monaten so richtig doll ins Herz geschlossen hatten. Die Herausgeber des Bayern-Magazins hatten das sich anbahnende Unheil offenkundig bereits geahnt und in prophetischer Weitsicht das Konterfei des Fanlieblings im Posterformat der letzten Ausgabe beigefügt. Immerhin ein kleiner Trost.
Das mit der Restmüllentsorgung war jetzt natürlich ein bisschen menschenverachtend. Eigentlich aber doch nur zynisch und sarkastisch. Ironie und Sarkasmus liegen den Liga-Lehren eben – genauso wie unheilbarer Wankelmut.

Das furchtbare Erdbeben in Haiti, welches mehr als 100.000 Todesopfer geopfert hat, verschließt sich eigentlich jedweder Kommentierung. Zynische Interpretationsversuche, die die Katastrophe als rebellischen Akt der Natur deuten, verbieten sich genauso wie hilflose Beschreibungen des Unbeschreiblichen.

Gleichwohl muss die Art und Weise, in der die deutsche Öffentlichkeit auf die Tragödie in Mittelamerika reagiert hat, Befremden auslösen. Vor allem die Heuchelei der zur Schau gestellten Anteilnahme in den Medien erreichte zuweilen unerträgliche Ausmaße. Womit nicht die überwältigende Spendenbereitschaft der Gesellschaft gemeint ist. Zumindest nicht vorrangig. Denn auch sie hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ein Gefühl, das wohl in die Frage mündet, wieso die Hilfsbereitschaft bei akuten Schreckensnachrichten derart ausgeprägt ist, bei dem schleichenden Elend, wie es Tag für Tag in Afrika anzutreffen ist, hingegen nicht.

Die Erwägung, dass sich medial in den Mittelpunkt gerückte Naturkatastrophen eignen, um durch eine entsprechende Spende das schlechte soziale Gewissen zu befriedigen, dürfte mehr sein als nur ein Verdacht. Die Dinge liegen auf der Hand, bedürfen denn auch keiner weiter Erörterung. Denn auch hier gilt wie so oft der alte Grundsatz vom Zweck, der die Mittel heiligt. Für die Menschen, die tagtäglich mit den Folgen von Hunger und Armut konfrontiert sind, dürfte dies allerdings nur ein schwacher Trost sein.

Das alles mag man hinnehmen – im Sinne der Sache. Nicht mehr hinnehmbar ist die Scheinheiligkeit, mit der die Kommentatoren (ob Journalisten, Schauspieler oder Politiker) ihr Mitleid bekunden und eine erhöhte Aufmerksamkeit für das vernachlässigte Land in der Karibik einfordern. Denn was sich schön und zukunftsweisend anhört, wird sich alsbald als Lippenbekenntnis erweisen. Jetzt, da die Weltaufmerksamkeit auf Haiti gerichtet ist, geziemt es sich, eine nachhaltige Förderung der Infrastruktur zu postulieren. Eine Förderung, die man über all die Jahre versäumt hat und die man jetzt endlich nachholen wolle.

Wenn es denn wirklich so kommen sollte (was man aus heutiger Sicht als Illusion bezeichnen muss), wird man sich die Frage stellen müssen, wieso es erst dieser Naturkatastrophe bedurfte, um endlich zu helfen. Falls nicht (wovon auszugehen ist), bleibt einem nichts anderes übrig, als die zum Himmel stinkende Scheinheiligkeit gebetsmühlenartig anzuprangern.