Ja, auch ich habe es getan. Immer wieder. Mit Wonne, Schadenfreude und einer guten Portion Häme. Sich über den HSV lustig zu machen, ist dieser Tage absolut angesagt. Da kann man alle Register ziehen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Oder doch nicht? Als ich jüngst in einem Tweet die Raute wieder aufs Korn nahm, ließ der Protest nicht lange auf sich warten. Mein Statement zur Schiedsrichter-Schelte der HSV-Verantwortlichen nach der unglücklichen Niederlage in Köln löste Protest aus. Und zwar mit Recht, wie ich im Nachhinein selbstkritisch einräume.

„Der HSV beschwert sich über den Schiedsrichter. Wie nennt man sowas? Treppenwitz? Ironie? Absurd?“.  Mein Kommentar, der auf den äußerst glücklichen und durch Schiedsrichterfehlentscheidungen begünstigen Klassenerhalt der Hanseaten anspielen sollte, war, auch wenn er durchaus augenzwinkernd gemeint war, deplatziert. Denn natürlich haben die HSV-Vertreter das Recht, sich über Fehler der Unparteiischen aufzuregen und diese kritisch zu hinterfragen. Wer einmal oder mehrfach von Patzern des Referees profitiert hat, muss deshalb nicht kleinlaut in Büßerhaltung gehen. Eine andere Erwartung, die demütige Zurückhaltung anmahnt, ginge an den Gesetzmäßigkeiten des Profisports vorbei.

So weit, so klar. Im Kern geht es bei den abfälligen und höhnischen Kommentaren über den HSV um etwas Anderes. Der Bundesliga-Dino hat in den vergangenen Monaten, ja Jahren eine fast unüberschaubare Angriffsfläche für Ironie, Sarkasmus und Spott gegeben. Vorstandstheater, Rucksack-Gate, T-Shirt-Panne, Knäbel-Blamage und dazu eine bizarre sportliche Talfahrt, die auf wundersame Weise nicht mit dem an sich verdienten Abstieg in die zweite Liga geendet ist – kurzum, die Hamburger haben in den vergangenen Jahren alles getan, um sich zu einem willfährigen Opfer für Schadenfreude und satirische Überhöhung zu machen.

Dennoch kann ich die HSV-Anhänger (und die neutralen Betrachter) verstehen, die es allmählich leid sind. Nicht nur, weil sich jeder Scherz irgendwann einmal verbraucht und weil die Grill-Gags bald die Originalität von Ostfriesenwitzen haben. Nein, es ist schlichtweg anstrengend und nervtötend, immer wieder das gleiche Ziel anzuvisieren. Das ist keine Frage der Gerechtigkeit (so viel Unheil wie Knäbel, Beiersdorfer & Co. angerichtet haben, müssten sie wohl noch Jahre mit Scherzen auf ihre Kosten leben), sondern eine des Stils. Irgendwann ist es auch einmal gut, mag man lakonisch bilanzieren und damit den Nagel auf den Kopf treffen. Was einst angemessen und treffend war, ist eines Tages eben langweilig und altbacken.

Ich werde deshalb nicht aufhören, Sprüche über die Hanseaten zu machen, den einen oder anderen Tweet aber vielleicht zweimal überdenken, ehe ich ihn absetze. Auch ich habe mich allmählich genug am HSV abgearbeitet.

Nicht die wahren Fans?

24. August 2015

Feuerzeugwurf in Osnabrück, das unsägliche Assauer-Transparent in Duisburg, Schuss-Attacke auf den Hertha-Bus: Das Wochenende der ersten DFB-Pokalrunde war kein Ruhmesblatt für den deutschen Fußball. Dabei kann man die drei Vorfälle natürlich nicht einfach in eine Schublade stecken. Das Eine war dumm und gefährlich, das Andere unverschämt und beleidigend und das Letzte schließlich schlicht schwer kriminell. Doch den drei Vorkommnissen ist gemein, dass sie als Exzesse abgetan werden, die mit dem Fußball nichts zu tun hätten. Das seien keine Fans, heißt es dann gerne einmal, um eine virtuelle Grenze zwischen wahrhaftigen Fußballfreunden und bloßen Rabauken zu ziehen. Richtig daran ist: Wem es wirklich um den Fußball geht, der hat es nicht nötig, mit Gewalt und Hass auf sich aufmerksam zu machen. Und doch wäre es zu kurz gedacht, schwarzweißmalend ein Szenario von Gut und Böse heraufzubeschwören. Der Fußball muss sich damals wie heute und wohl auch morgen mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern er einen Nährboden für solche Auswucherungen darstellt. Ob nicht nur die Masse der angelockten Menschen, sondern nicht vielleicht Umfeld, Stimmung sowie Art und Weise des gegenseitigen Umgangs eine Basis für Vorfälle bilden, wie wir sie am zweiten August-Wochenende erlebt haben.

Im Falle des Angriffes auf den Berliner Mannschaftsbus kann man zu dem Ergebnis kommen, dass solch ein außergewöhnliches kriminelles Potential nicht mehr mit den Gepflogenheiten des Fußballs zu erklären ist. Im Falle des Assauer-Plakats sieht die Sache schon anders aus. Hier von der Handlung eines einzelnen Spinners zu sprechen, würde dem Vorfall nicht gerecht. Es müssen schon mehrere Personen beteiligt gewesen sein, die entweder das Anfertigen und Vorzeigen des Transparents mitgefördert oder jedenfalls es unterlassen haben, dagegen vorzugehen. Und das ist das eigentlich Erschreckende daran: Einzelne Verrückte gibt es überall, aber es war eben kein einzelner Idiot. Dies muss nachdenklich stimmen und wirft wieder einmal die Frage nach Respekt und Anstand auf, die man auch im Fußball immer wieder stellen sollte. Denn auch wenn in den deutschen Stadien mitunter ein ruppiger Ton herrscht, kann dies nicht jeden Tabubruch entschuldigen.

Die Liste

17. August 2015

Grexit.  Grexit light. ESM. Die Institutionen. Tsipras. Juncker. Syriza. Europäische Zentralbank. Merkel. Haircut. Hollande. EU. Euro. Griechenland. Griechenlandkrise. Euro-Rettung. Banken. Bundestag. Troika. Schäuble. Euro-Gipfel. Euro-Gruppe. Dijsselbloem. Hilfspaket. Reformen. Tusk. Abstimmung. Referendum. Finanzminister. Laguarde. Sparmaßnahmen. Investitionen. IWF. Schuldenschnitt. Insolvenzverschleppung. Griechenland-Hilfe. Gabriel. Varoufakis.

Meine Vorschläge für das Wort des Jahres. Oder das Unwort. Wie man es auch nimmt.