No time for losers

28. Juli 2014

Mich traf der Schlag. Als ich in der Euphorie des WM-Triumphes noch mal einen Blick in die Feierlichkeiten nach der Weltmeisterschaft 1990 wagte, konnte ich es kaum fassen. Ekstatisch jubelnde deutsche Nationalspieler mit Champagner-Flaschen in den Händen verloren im Überschwang des Augenblicks jedwede Hemmungen und setzten zur ultimativen Demütigung des Gegners aus Argentinien an: We are the champions, no time for losers! NO TIME FOR LOSERS – ich traute meinen Ohren nicht. Wie kann man sich nur so sehr über den Verlierer lustig machen und ihn derart der Lächerlichkeit preisgeben. Keine Zeit für Verlierer, alle Aufmerksamkeit den Gewinnern: Respektlos, unverschämt, peinlich!

Die Weltmeister von 1990 präsentierten sich als Inbegriff der schlechten Sieger. So etwas hatte es in der Sportgeschichte nicht gegeben. So etwas gehört geahndet. Mit der Aberkennung des Titels – ohne Wenn und Aber. Wer sich derart daneben benimmt, darf sich nicht weiter als Champion rühmen und mit einem Pokal der Öffentlichkeit zeigen.

Dem Verlierer die Aufmerksamkeit zu missgönnen und sich alleine in den Mittelpunkt zu stellen, ist der Gipfel aller Hybris und letzter noch fehlender Nachweis deutscher Überheblichkeit. Sich mit einem solchen Lied im Moment des Triumphes abzufeiern, ist in etwa so schlimm, als ob, als ob… Als ob man sich den eigenen Fans mit aufrechten Gang präsentiert und der gekrümmten Gang unterlegener Gauchos unter Schmähgesängen karikiert. Pfui Teufel!

Es ist vollbracht: Deutschland ist zum vierten Mal Weltmeister. Vollkommen verdient hat die Löw-Elf den Titel eingefahren und darf sich jetzt berechtigterweise für diesen grandiosen Triumph abfeiern lassen.

Ich müsste mich zum Heuchler machen, würde ich behaupten, diesen Erfolg so erwartet zu haben. Im Gegenteil, habe ich meine chronische Unlust auf das Turnier im Vorfeld nicht zuletzt mit meiner geringen Erwartungshaltung zu erklären versucht. „Wird eh wieder nix“ war mein Credo, das sich auf die ernüchternden Erfahrungen der letzten acht Jahre gründete. Immer wieder zeigte die deutsche Elf starke Leistungen und machte sich auf, endlich wieder einen Titel zu holen, um im entscheidenden Moment doch zu scheitern. Es schien (mir), als wäre dieses Team trotz aller individuellen und kollektiven Klasse im Endeffekt titelunfähig.

Der Sieg von Rio hat nicht nur mich eines Besseren belehrt. Jogi Löw und seine Mannschaft haben bewiesen, dass sie doch in der Lage sind, den letzten Schritt zu gehen und die eigene Qualität in einen Pokal umzumünzen. Dass es, wenn die Argentinier eine ihrer guten Möglichkeiten genutzt hätten, auch ganz anders hätte kommen können, ist allenfalls eine Randnotiz. Im Moment des Erfolges darf und muss der Konjunktiv ausgeblendet werden.

So überraschend und unerwartet der Titel für mich und manch anderen Fan kam, so verdient ist er in der Gesamtbetrachtung doch. Und dabei meine ich weniger die Leistungen im Rahmen der Weltmeisterschaft 2014, die von überragend bis schwach changierten, als vielmehr die Entwicklung, die die deutsche Nationalmannschaft seit 2004 genommen hat. Bei jedem Turnier erreichte das Team mindestens das Halbfinale, konnte nach dem Vize-Titel 2002 zweimal in Folge Platz 3 bei einer WM belegen und präsentierte sich im internationalen Fußball als der Inbegriff der Kontinuität.

Die Darbietungen der Löw-Truppe waren dabei zuweilen geradezu berauschend, wie im Achtel- und Viertelfinale der WM 2010, ließen an und ab gleichwohl zu wünschen übrig. Und dennoch: Immer wenn es um die Wurst ging, war die deutsche Mannschaft zuletzt dabei und legte damit Zeugnis ihrer Klasse ab. Wer viermal in Folge die Runde der letzten Vier erreicht, muss einfach über Qualität verfügen. Das kann kein Zufall sein.

Es blieb allein der Makel des fehlenden Killerinstinkts, der mangelnden Siegermentalität im entscheidenden letzten Moment. Dieser Makel ist nunmehr beseitigt. Das Löw-Team darf sich mit Fug und Recht als beste Mannschaft der Welt feiern lassen. Und ich leiste gerne Abbitte nach meiner Skepsis zu Beginn des Turniers. Die Nationalmannschaft hat das bewiesen, was ich ihr nicht zugetraut hätte. Chapeau, Respekt und Danke!

Jede Menge Menno

14. Juli 2014

NSA, Spionage und kein Ende. Das Bekanntwerden von Ausspähaktionen des US-Geheimdienstes im Umfeld des Bundestags veranlasste Bundespräsident Gauck zu einem deutlichen Basta: „Irgendwann ist auch einmal Schluss“. Justizminister Maas legte nach und forderte die USA auf, endlich „reinen Tisch“ zu machen. Und auch der Außenminister fühlte sich zu einem weiteren Statement berufen: Es müsse zu einem Neuanfang in den deutsch-amerikanischen Beziehungen kommen.

Die Äußerungen der deutschen Politik wirken in diesen Tagen gleichsam ernüchtert wie hilflos. Das Geißeln des amerikanischen Vorgehens mag richtig und angemessen sein, allein es verändert nichts. Wie ein kleines Kind, das sich über die große böse Welt schmollend in die Ecke verkriecht, ergeben sich die deutschen Verantwortungsträger in ein kollektives Menno. Frei nach dem Motto: Wir können zwar nichts ändern, sind jetzt aber mal so richtig sauer.

Doch ist man hierzulande wirklich so machtlos, wie man vorzugeben scheint? Vielleicht. Vielleicht gibt es aber doch kleine, aber wirksame Druckmittel, um die allgemeine Empörung in konkrete Maßnahmen zu verwandeln. Sei es das transatlantische Handelsabkommen, seien es Aufbau und Erweiterung amerikanischer Infrastruktur auf deutschem Hoheitsgebiet.

Fest steht: Das hemdsärmelige Rumgeschmolle ohne die Bereitschaft, den USA einen – freundschaftlichen – Tritt ans Schienbein zu versetzen, ist auf die Dauer schlichtweg unerträglich. Und zwar vor allem für den deutschen Bürger, der von seinen gewählten Repräsentanten erwarten darf, dass sie seine berechtigten Interessen nicht nur mit wohlmeinenden Worten und mahnendem Zeigefinger, sondern mit festem Willen zu unbequemen Maßnahmen vertritt.

Oder aber wir verzichten auf jedwede Empörung und lassen geschehen, was wir glauben nicht verhindern zu können. Das wäre zwar feige, aber in gewisser Weise doch zumindest aufrichtig.