Super! Wahnsinn! Hammer!
23. Januar 2012
Zugegeben, ich habe auch schon einmal daran gedacht mich zu bewerben. Meine Stimme geht zwar schwer in Richtung Naturkatastrophe und mein Taktgefühl gilt als einzig praktischer Nachweis der Chaostheorie. Aber probieren kann man es ja einmal. Und irgendwie will man eben auch dazu gehören. Außenseiter zu sein, ist nicht schön.
Denn wer es heutzutage nicht schon einmal in einer Castingshow versucht hat, ist ein Außenseiter - rein zahlenmäßig gesehen. Bei der Unmenge an Gesangswettbewerben, die unlängst wieder mal eine Neugeburt erfahren (ohne freilich jemals wirklich von uns gegangen zu sein), müsste mehr als die Hälfte aller Bundesbürger irgendwann einmal in die Öffentlichkeit und vor eine Jury getreten sein, um das musikalische Können unter Beweis zu stellen. Supertalent, DSDS, Unser Star für Baku, The Voice of Germany, X-Factor - Castingshows sind aus dem deutschen Fernsehen kaum mehr wegzudenken.
Dabei wäre es wohl falsch, alle diese Shows in einen Topf zu werfen. Während das altunehrwürdige DSDS nach wie vor auf Teenie-Effekte und respektlose Zurschaustellung setzt, wollen die neue Formate endlich das in den Vordergrund stellen, was wirklich wichtig ist: die Stimme. Was ihnen wohl auch ganz gut gelingt. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Denn ich habe mir inzwischen alle diese Talentshow-Varianten gegeben, mir es aber dann und wann erlaubt, etwas anderes zu schauen oder - welch Frevel - die Kiste einfach ganz auszulassen.
Fazit des Gelegenheitsguckers: Besser. Und wohltuend anders als das kreischend-nervige RTL-Gewimmer. Bei The Voice of Germany geht es wie bei der Suche der nach dem nächsten deutschen ESC-Vertreter in der Tat um gesangliche Qualität. Auch wenn es schon ein wenig nachdenklich stimmt, dass die meisten Kandidaten dann doch jung, gut aussehend und eben popstarfähig wirken. Aber geschenkt. Ein bisschen Fassade darf eben auch sein, wenn die Stimmbänder nur mitspielen.
Wahrscheinlich würde ich sogar noch öfter zuschauen (und -hören), wenn es die Juroren in dem löblichen Versuch, einen Kontrapunkt zu dem mitunter widerwärtigen Kandidaten-Gebashe eines Dieter Bohlen zu setzen, es nicht so gnadenlos übertreiben würden. So gut und richtig Respekt und Anerkennung für junge, erfahrene Talente ist, so abwegig und auch nervig ist es, eben jene mit euphorischen Lobeshymnen in den Pophimmel zu loben.
Ein Thomas D., nach offizieller Lesart Präsident des ESC-Kandidaten-Findungs-Komitees, scheut sich denn auch nicht, nahezu jedem seiner (!) Sänger mit den immer gleichen Superlativen Weltklasse zu bescheinigen. Das ist ein netter Zug gegenüber den mitunter nervösen Kandidaten, die ihre Sache in den bisherigen zwei Sendungen überwiegend toll gemacht haben. Aber es ist eben auch zu viel des Guten - und für den Anspruch einer kritisch-sachlichen Jury, deren inhaltliche Kommentare durchweg Kompetenz ausstrahlen, unangemessen.
Ähnlich euphorisch geht es bei The Voice of Germany zu. Die Juroren, die hier als Paten fungieren und ihre Kandidaten gegen die der Co-Juroren durchsetzen wollen, lassen denn auch meist keinen Zweifel daran, wie großartig, herausragend und fantastisch sie ihre Jungs und Mädels finden. Das sei ihnen gestattet. Mir als Zuschauer sei es dann aber auch erlaubt kundzutun, dass mich das ewige „Super! Wahnsinn! Hammer!” allmählich tierisch auf den Zeiger geht.
Aber vielleicht bin ich ja auch neidisch und ärgere mich, dass das euphorische Lob nicht mir gehört. Ich sollte mich eben doch langsam bewerben. Vielleicht ist meine Stimme ja doch absolut fantastisch…
Herr Magath, es nervt
16. Januar 2012
Felix Magaths Einkaufspolitik hat mich einmal amüsiert. Und zu dem einen oder anderen Scherzchen veranlasst. Einen Kader mit der Dimension einer türkischen Hochzeitsgesellschaft nannte ich das menschliche Sammelsurium, das er sich da auf Schalke zusammengestellt hatte. Die Zahl der Neuverpflichtungen erreiche allmählich die Größenordnung der Ehegatten von Liz Taylor, meinte ich unlängst. Doch allmählich gehen mir die Zoten aus. Felix Magath, der wahllose Raubritter mit der unstillbaren Kaufsucht - die Pointe hat sich allmählich verbraucht.
Wäre es nicht der VfL Wolfsburg, den Magath so in Grund und Boden managt, sondern irgendein Verein, für den ich zumindest leise Sympathien hegte, würde ich mich langsam regelrecht aufregen. Acht Neuverpflichtungen hat Magath in der Winterpause bereits getätigt, darunter so namhafte Kicker wie Giovanni Sio, Ferhan Hasani oder Slobodan Medojevic. Gewiss, jeder Profi verdient eine faire Chance. Genauso wie Junmin Hao, Anthony Annan, Ciprian Deac oder Tore Reginiussen - allesamt Spieler, die Magath während seiner Tätigkeit auf Schalke verpflichtet hatte und die über ein paar wenige Einsätze nicht hinauskamen und Gelsenkirchen längst wieder verlassen haben. Die Liste Magathscher Feheinkäufe ließe sich beliebig fortsetzen.
Magath scheint dabei nach dem Gießkannenprinzip zu operieren. Wer viel kauft, wird auch irgendwann mal einen Treffer landen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat Magath auf seiner Seite, die Grundsätze einer professionellen und sozialen Personalpolitik ganz sicher nicht - genau so wenig wie das Prinzip einer effektiven Finanzplanung.
Solchen Vorhalten pflegt Magath in der Regel mit dem Verweis auf die eigenen Erfolge entgegen zu treten. Die Titel, die er mit den Bayern und dem VfL Wolfsburg errungen habe, gäben ihm doch wohl Recht. So falsch könne seine Strategie dann doch wohl nicht sein. Daran ist richtig, dass im Sport nach wie vor der Erfolg nahezu alle Mittel heiligt. Doch richtig ist eben auch, dass es Magath bislang nie gelungen ist, eine Mannschaft langfristig aufzubauen. Nach kurzfristigen Erfolgen war zumeist schnell Schluss. Die Mannschaft wollte und konnte nicht mehr mit Magath zusammenarbeiten. Das Verhältnis zu dem kommunikationsscheuen Trainer lag in Trümmern und machte eine Fortsetzung der Kooperation unmöglich.
Magath ist und bleibt daher ein Mann für die kurzfristigen Ziele. Langfristige konzeptionelle Arbeit ist unter dem Trainer Magath, der bei der Personalplanung genauso wahl- wie sorglos agiert, nicht denkbar. Das wird sich, wie sein jüngster Kaufrausch nahelegt, wohl auch in absehbarer Zeit nicht ändern.
Umso wichtiger ist es da, dass man Magath unablässig mit seinem lächerlichen Gebaren konfrontiert und ihm keine Ausreden mehr zugesteht. Denn so belustigend sein Rumwildern in fremden Kadern einst war, so nervig ist es jetzt nur noch. Mich widert es nur noch an.
Ein perverses Duell
9. Januar 2012
Da ist es nun also nur noch ein Zweikampf: BILD gegen Wulff, Wulff gegen BILD. Und ich gebe zu: Ich kann mich nicht entscheiden. Und ich will es auch nicht. Wenn ich den Bundespräsidenten für seine erbärmliche Salami-Taktik und die ihm fehlende Glaubwürdigkeit kritisiere, ergreife ich damit noch nicht Partei für die allgegenwärtige Boulevard-Zeitung. Und wenn ich mich umgekehrt von der BILD-Zeitung und ihren perfiden Machenschaften distanziere, bin ich noch lange kein Fürsprecher von Christian Wulff.
Für solcherlei Differenzierungen scheint inzwischen jedoch kein Platz mehr zu sein. Es gibt nur noch ein schwarzweißmalendes Für und Wider. Wer sich gegen Wulff stellt, ist pro BILD. Und umgekehrt. Hier die um Aufklärung bemühte BILD, dort der verlogene Präsident. Oder aber: Hier der gehetzte Herr Wulff, dort die intrigante BILD.
So ist denn wohl auch das Tragische an der Affäre Wulff, dass sich ausgerechnet die BILD-Zeitung zur Hüterin von Wahrheit und Rechtschaffenheit aufschwingt. Ausgerechnet die BILD-Zeitung, die der journalistischen Sorgfaltspflicht so viel Achtung schenkt wie Nordkoreas Staatsführung den Menschenrechten, geriert sich nun als moralische Instanz, als Pionierin der Pressefreiheit. Perverser geht’s nimmer.
Der Bundespräsident hätte uns diese Perversion ersparen können. Mehrfach bot sich ihm die Gelegenheit, diesem unwürdigen Ränkespielchen die Grundlage zu entziehen – durch mehr Besonnenheit, durch rechtzeitige Einsicht, durch kompromisslose Offenheit. Der Bundespräsident hat alle Chancen zu Aufklärung und Deeskalation ungenutzt gelassen und ist damit hauptverantwortlich dafür, dass uns die Kreditaffäre über die ursprünglichen Vorwürfe hinaus so lange beschäftigt. Wir alle hätten darauf verzichten können.
Christian Wulff beweist damit erneut, dass er ein unwürdiger Bundespräsident ist. Er ist dem Amt nicht gewachsen. Und auch die BILD-Zeitung konnte die Affäre nutzen, um ihren Ruf unter Beweis zu stellen: Heuchelei ist noch immer eine ihrer ganz großen Stärken.