Geduld ist nicht gefragt

13. April 2015

Der Absturz von 4U9525 macht auch Wochen danach noch fassungs- und ratlos. Eine Katastrophe, wie man sie sich so – unter diesen Umständen – nicht hat vorstellen können und wollen. Doch sie ist geschehen und hinterlässt neben zahlreichen Fragen auch einige Erkenntnisse. Über die Sicherheit der Luftfahrt, über die menschliche Psyche, über gesellschaftliche Solidarität und vor allem auch über den medialen Umgang mit einem schockierenden Inferno.

So verwunderte es nicht, dass sich bereits am Tag der Katastrophe alle Magazine und Talkshows dieses Themas annahmen, das die Öffentlichkeit und jeden Einzelnen bewegte und deprimierte. Doch wie es so ist angesichts eines Szenarios, dessen Hintergründe noch vollends im Dunklen liegen, wurde denn auch skrupel- und schonungslos über die möglichen Ursachen spekuliert. Wie es denn zu diesem furchtbaren Unfall gekommen wäre? Ob die Sensorentechnik veraltet sei? Warum so alte Flugzeuge überhaupt denn noch im Einsatz seien? Allesamt Fragen, die sich in diesem Zusammenhang als irrelevant erweisen sollten.

Doch der moderne Mensch erträgt Ungewissheit nun einmal nicht und vermag es nicht sich zu gedulden, ehe die wahren Umstände ans Licht kommen. So lange muss denn erst einmal prognostiziert, interpretiert und spekuliert werden – als Überbrückung bis zur Veröffentlichung harter Fakten. Dies mag man als Ausdruck der menschlichen Natur, auf die die Medien bei der Gestaltung ihrer Programme Rücksicht zu nehmen haben, so hinnehmen. Und doch zeigt sich hieran doch die Schnelllebigkeit des Geschäfts, in dem das gesprochene Wort schon am Folgetag keine Bedeutung mehr beanspruchen kann.

Umso schöner und wünschenswerter wäre da ein Bemühen um Nachhaltigkeit. Der Versuch, Thesen aufzustellen, deren Halbwertszeit mehr als eine Woche beträgt und die nicht schnell als „Geschwätz von gestern“ abgetan werden müssen. Doch dazu bedarf es eben auch einer guten Portion Selbstdisziplin und innerer Einkehr – im schnelllebigen Mediengeschäft von heute zwei doch eher anachronistische Größen.

Fußball-Kommentator zu sein, ist wahrlich ein undankbarer Job. Wie man’s auch macht, macht man’s falsch. Widerspruch durch die Millionen Fans am Fernseher, die es im Zweifel immer besser wissen, ist da stets vorprogrammiert. So weit, so bekannt. Auch Marcel Reif kennt das Grundgesetz des deutschen Sportjournalismus und muss sich immer wieder mit zum Teil harscher Kritik abfinden. Den einen ist er zu Bayern-freundlich, für die anderen ist er ein notorischer Bayern-Hasser. Ein Gegensatz, den Reif gerne zu seinen Gunsten aufzulösen versucht, indem er die Mitte als Wahrheit für sich beansprucht: Er sei eben weder für noch gegen Bayern, sondern ganz einfach objektiv.

Wie unvoreingenommen Reif tatsächlich an die Dinge herangeht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich als Bayern-Fan sehe in dem FCK-Sympathisanten aber weder den heimlichen Verehrer noch den Ächter meines Vereins. Insgeheime Ab- und Zuneigungen sind auch nicht das Problem der Fußballjournalisten. Wer die Emotionalität dieses Sports schätzt, weiß, dass man alleine mit schnöder Sachlichkeit und Objektivität seinen Job nicht ausüben kann. So macht ein Marco Hagemann keinen Hehl daraus, sein Fußballherz schon lange an Borussia Dortmund verloren zu haben und schadet sich nicht mit dieser Form der Offenheit. Warum denn auch nicht? Ein guter Fußballreporter kann nur werden, wer auch Fan ist und sich hin und wieder der Emotion des Augenblicks hingibt.

Das Problem des Marcel Reif ist denn auch nicht, dass er den einen Verein vielleicht mehr schätzt als einen anderen. So lange er das Spiel jeweils dem Geschehen angemessen kommentiert und die Leistungen der Akteure fair beurteilt, macht er seine Aufgabe gut. Doch das gelingt ihm zusehends seltener. Immer wieder neigt der SKY-Chefreporter dazu, Gelungenes in euphorischer Verblendung (zu) hoch zu jubeln, um im gleichen Atemzug Misslungenes durch den Dreck zu ziehen. Zwischen „überragend“ (eine der Reif‘schen Lieblingsvokabeln) und „miserabel“ scheint es dabei kaum mehr Abstufungen zu geben.

Maß und Zurückhaltung sind nicht die Stärke Reifs. Als Mann der Extreme sieht er sich fast zwangsläufig dem Vorwurf der Arroganz ausgesetzt, wenn er sich mit vernehmbarem Ekel von einem vermeintlich so unfähigen Verein distanziert. Ein Eindruck, der durch diverse Anekdoten von verbalen Auseinandersetzungen mit Stadionbesuchern weiter verstärkt wird. Eben jene Überheblichkeit kann denn auch schnell peinlich werden, wenn die eigene Performance nicht stimmt, Spielernamen verwechselt und taktische Änderungen übersehen werden.

Der Argwohn, der Reif entgegenprallt, kommt also nicht von ungefähr. Womit sich die Frage stellt, wie es ein vermeintlich so inkompetenter Mann so weit schaffen konnte? Auch hier liegen die Dinge wie so oft im Leben eben nicht so einfach, wie man sie gerne hätte. Denn bei allem, was man Reif berechtigterweise vorwerfen kann, sollte man auch seine unbezweifelbaren Qualitäten nicht übersehen: Er beherrscht die Sprache, kann komplexe Sachverhalte mitunter pointiert auf den Punkt bringen, vermag es Reizpunkte zu setzen und ist bei allem eines ganz sicher nicht: langweilig. Und doch gehört zur Wahrheit eben auch, dass Reif früher einmal besser war, als überzogene Schwarzweißmalerei genauso wie haarsträubende Flüchtigkeitsfehler nicht zu seinem Stammrepertoire gehörten.

Doch heute ist dies anders. Heute darf sich Marcel Reif nicht wundern, wenn er hart und unnachgiebig von Fans kritisiert wird und Zweifel an Kompetenz laut werden. Damit muss er leben und dafür wird er auch ordentlich von seinem Arbeitgeber entschädigt. Nicht leben muss Marcel Reif hingegen mit Beleidigungen, Schmähungen, Drohungen und tätlichen Angriffen. All das geht weit über den Bereich des Erträglichen hinaus und sollte in keinem Fall als logische Schlussfolgerung von der (Fußball-)Allgemeinheit hingenommen werden. Respektlosigkeiten muss sich niemand gefallen lassen – weder im Fußballstadion, noch davor oder sonst irgendwo.

Es ist die Verantwortung aller Beteiligten (von Trainern, Spielern, Journalisten und Fans), dass solche Vorfälle, wie sie Reif unlängst hat erleben müssen, nicht zur Gewohnheit werden und keine Duldung erfahren. Kritik ja, auch klar, deutlich und hart, aber immer mit Respekt.

Schweig, Schweiger?

30. März 2015

Er hatte wieder Klartext gesprochen. Gewohnt kompromisslos und einseitig, so wie immer, wenn es um sein Lieblingsthema geht. Til Schweiger ließ der Ausgang des Edathy-Prozesses nicht los. Im Stern meldete er sich zu Wort und bekundete sein Unverständnis darüber, dass das Verfahren gegen den SPD-Politiker gegen Zahlung von 5000 Euro eingestellt wurde. Schweiger empfand dies als empörend und verlieh seinem Unbehagen in klaren Worten Ausdruck.

Man kann das Statement des Schauspielers befürworten oder abwegig finden. Der Journalist Jakob Augstein fand es abwegig und äußerte sein Unverständnis in einer Kolumne für den SPIEGEL. Dabei stellte er die Frage in den Raum, ob der Schauspieler und abgebrochene Medizin- und Germanistik-Student Schweiger überhaupt befähig sei, sich zu einem solchen juristischen Sachverhalt zu äußern. Schließlich würden Juristen eine langjährige, komplizierte Ausbildung durchlaufen, weshalb es sich für den Laien doch wohl verböte, sich in derart komplexen Angelegenheiten eine Meinung zu bilden. Was nur der geschulte Experte beurteilen könne, solle der Betrachter von außen doch bitte nicht kritisch hinterfragen.

Augstein richtet sich mit seinen Ausführungen denn auch weniger an Til Schweiger persönlich als vielmehr an die gesellschaftliche Masse insgesamt, die sich doch bitte etwas mehr Zurückhaltung bei ihrer Meinungsbildung auferlegen solle. Augstein also ein Kämpfer gegen die Meinungsfreiheit? Nein, so einfach wird man es sich nicht machen dürfen. In der Tat glauben wir alle doch inzwischen, uns zu jedem Thema eine Einschätzung erlauben zu dürfen, selbst wenn wir die konkreten Umstände nicht kennen und mit den wissenschaftlichen Grundlagen nicht vertraut sind. Der Satz von Dieter Nuhr, nach dem man, wenn man keine Ahnung habe, auch einfach mal seinen Mund halten könne, hat eben doch seine Berechtigung.

Und doch ist Augsteins These nicht nur kühn und wohlfeil, sondern gleichsam Ausdruck einer Arroganz, wie sich sie die Juristerei möglichst nicht zu eigen machen sollte. Es ist durchaus richtig, dass das Recht (nicht nur in Deutschland) kompliziert und nur mit entsprechenden Vorkenntnissen in seiner Systematik nachvollziehbar ist. Aber als eine Wissenschaft, die eben nicht um ihrer selbst da ist, sondern das gesellschaftliche Zusammenleben regeln soll, ist sie auf Rückmeldung ihrer „Kunden“ angewiesen und sollte diese nicht ignorieren.

Es ist ein problematischer Zustand, wenn rechtliche Praxis und Rechtsempfinden der Gesellschaft dauerhaft weit auseinanderklaffen. In einzelnen Fällen mag dies zu tolerieren sein, wenn es aber zur Regel wird, sind die Juristen gezwungen, die von ihnen entworfenen Lösungen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Dies bedeutet nicht, einem populistischen Reflex folgend die Gesetze und ihre Auslegung der Mehrheitsmeinung anzupassen. Das wäre als Gegenmodell zur Augstein-Philosophie nicht minder gefährlich. Aber der Widerspruch von Volksmeinung und Rechtswirklichkeit sollte die Rechtsexperten doch wenigstens dazu veranlassen, sich und ihre Ideen zu überdenken. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine solche Rückkopplung ist denn auch Ausdruck einer demokratischen Haltung und kann nur funktionieren, wenn man dem Einzelnen nicht die Meinung verbietet und ihm zuhört. Ob er nun Til Schweiger oder Max Mustermann heißt. Dabei kann eine Stellungnahme im Einzelfall auch als absurd und lebensfremd abgetan werden. Aber eine Meinung von vorneherein zu diskreditieren, nur weil der Betreffende nicht über die vermeintlich erforderliche Vorbildung verfügt, ist eine gefährliche Form von Überheblichkeit.

Til Schweiger soll und darf weiterhin seine Einschätzung kundtun, ob sie nun Jakob Augstein passt oder nicht. Er übt damit nicht mehr und nicht weniger als seine Bürgerrechte aus. Ob es hier oder da besser wäre, dem Auftrag seines Nachnamens zu folgen und einfach mal nichts zu sagen, steht auf einem anderen Blatt. Jeder darf hierzulande seine Auffassung vertreten, ohne dass einem wegen mangelnder Vorbildung der Mund verboten werden könnte. Weder von Jakob Augstein noch von irgendjemand anders.