Ach Paul

26. Januar 2015

Es läuft. Und zwar wahrscheinlich so gut wie noch nie in der bald 115-jährigen Vereinshistorie. Der FC Bayern erlebt derzeit die wohl beste Phase seit seiner Gründung. Wirtschaftlich auf Rosen gebettet lässt auch das Sportliche praktisch nicht zu Wünschen übrig. Die Liga dominiert man seit bald drei Jahren nach Belieben, wird aller Voraussicht nach den dritten Meistertitel in Folge einfahren, der Pokal könnte ebenso zum dritten Mal in Folge nach München gehen und international befindet man sich unter den Top 3 und gehört zu einem der Topfavoriten auf den Champions League. Alles bestens – nur warum? Bei der Suche nach den Gründen für das keineswegs zufällige Hoch wird man verschiedene Punkte benennen können: Kontinuierlich solide Finanzpolitik, gelungene Transfers, Matthias Sammer, Pep Guardiola, Jupp Heynckes.

Man kann viele Namen ins Spiel bringen, nur einen ganz sicher nicht: Paul Breitner hat gewiss den kleinsten Anteil an der Erfolgsperiode des FCB, wenn man ihm denn überhaupt Aktien an den Erfolgen der jüngeren Vergangenheit zusprechen will.  Gleichwohl gibt sich der einstige  Bayern-Spieler und heutige Scout in Interviews besonders großspurig, wenn es darum geht, die Leistungen des eigenen Vereins abzufeiern und die der anderen zu diskreditieren. So unlängst geschehen im SPORT1-Doppelpass, als er die Dominanz der Bayern auch mit der Unfähigkeit seiner Gegner zu erklären versuchte. Dass guter Stil ganz gewiss anders ausschaut, braucht man nicht gesondert zu erwähnen. Dass das bayrische Mia-san-mia ein selbstbewusstes Bekenntnis zu den eigenen Möglichkeit darstellt und nicht ein respektloses Degradieren seiner Konkurrenten, sollte man Breitner jedoch noch einmal erklären.

Besonders peinlich und fragwürdig erscheint sein Habitus dabei nicht zuletzt unter dem Hintergrund, dass er selbst zum erneuten Erstarken des FC Bayern wenig beigetragen zu haben scheint. Dass seine Scout-Dienste den Transfer eines (angehenden) Top-Stars befördert hätten, ist jedenfalls nicht überliefert. So bleibt als einzig bemerkenswerte Leistung Breitners die nachdrückliche Empfehlung von Jose Ernesto Sosa in Erinnerung, der beim FC Bayern bekanntlich zu einem Weltstar gereift ist.
In diesem Sinne: Paul, komm‘ mal runter.

Hohles von der Straße

19. Januar 2015

Die neue PEGIDA-Bewegung hatte gerade landesweite Bekanntheit erlangt, da meldeten sich auch gleich die ersten Kommentatoren zu Wort. Viele Stimmen aus Politik und Gesellschaften mahnten dabei an, sich doch genau mit den Demonstranten auseinander zu setzen, ihre Ängste und Sorgen ernst zu nehmen, sie nicht vorschnell in eine falsche Ecke zu drängen, um sich mit ihrem Anliegen zu befassen.

Mich befremdete dieser Ansatz, wie ihn beispielsweise der Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, in der ZDF-Sendung Maybrit Illner vertrat. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – kann man sowas wirklich ernstnehmen? Muss man eine Gruppierung mit einem derart grotesken Namen nicht eher mitleidig belächeln? Ist ein so formuliertes Ansinnen wirklich wert, näher und unvoreingenommen betrachtet zu werden? Als aufgeklärter Demokrat befasst man sich ja mit so manchem Mist und so war ich trotz großer Zweifel bereit, mir die Ideen dieser neuen Bewegung einmal anzuhören.

Ich wartete also darauf, von den Demonstranten kernige Statements und kritische Anregungen zu vernehmen, die ich zumindest einmal kurz überdenken konnte. Doch es kam – wenig. So beließen es die Pegidisten (oder wie soll man sie genau nennen?) in der Regel dabei, schweigend durch die Städte zu ziehen und nur gelegentlich mit einem Plakat eine Botschaft zu vermitteln. In Interviews mit den Medienvertretern wollten sie sich dagegen nicht äußern, schließlich habe man von der „gleichgeschalteten Presse“ eh nichts zu erwarten. Nur hier und da gaben Demonstranten ihre – nennen wir es – Gedanken preis und entlarvten die ach so ernstzunehmende PEGIDA-Bewegung als Ansammlung hohler und banaler Sprücheklopfer. Einleitungsfomeln wie „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge“ folgten dann die üblichen Propaganda-Phrasen. Das Boot sei voll. Man könne uns ja nicht so viel zumuten. Die Politik interessiere sich ja nicht für die Menschen. Und so weiter und so fort. Altbekannte Sprüche ohne Substanz aber mit jeder Menge billiger Polemik.

Ich kann da beim besten Willen nichts finden, das eine längere und ernsthafte Befassung lohnen würde. Und auch wenn der Direktor einer Landeszentrale für politische Bildung anderes fordert, stelle ich für mich fest: Ich kann mit diesem Schwachsinn nichts anfangen und habe weder Lust noch Zeit, diesen reaktionären Spießbürgern Aufmerksamkeit zu schenken. Mist bleibt eben Mist, auch wenn ihn viele vor sich hertragen.

Je suis Juif

12. Januar 2015

Nous sommes Charlie. Wir sind alle Charlie in diesen Tagen. Die Solidarisierung mit dem französischen Satireblatt kennt nach dem brutalen Terroranschlag keine Grenzen. Jung/Alt, Arm/Reich, Links/Rechts – alle bekennen sie sich zu ‚Charlie Hebdo‘ und damit gleichsam zu Meinungs- und Pressefreiheit, dem eigentlichen Angriffsziel der Attentäter vom 7. Januar. Man kann sich in etwa ausmalen, wie sich die verstorbenen Karikaturisten angesichts einer solch grenzenlosen Verbundenheitserklärung fühlen würden.  Ein bisschen geschmeichelt, vor allem aber irritiert und befremdet: Die, die mit ihren Überzeichnungen pointieren, polemisieren und provozieren, sollen plötzlich Everybody’s Darling sein. Auch der von Politikern und Geistlichen. Bemerkenswert.

Nun gehört es zu den bekannten menschlichen Phänomenen, dass man im Angesicht einer Tragödie in seiner Reaktion überzieht, das sachliche Maß verliert, Gutes überbewertet, Schlechtes dämonisiert. Der Hang zu den Extremen ist eben in emotionalen Ausnahmesituationen besonders stark ausgeprägt. So geht die allgemeine Glorifizierung von ‚Charlie Hebdo‘ samt der Heroisierung ihrer Macher bei nüchtern-distanzierter Betrachtung zu weit. Nicht weil Charbonnier & Co. keine Wertschätzung verdient hätten, nicht weil ihr unerschrockenes Arbeiten trotz bestehender Terrordrohungen kein Paradebeispiel für Mut wäre, sondern ganz einfach weil die kollektive Solidarität ganz sicher nicht frei von Heuchelei ist. Heuchelei, wie sie den Charlie-Hebdo-Machern gewiss ein Graus wäre.

Und doch ist das Bekenntnis zur freiheitlichen Gesellschaft im Allgemeinen und zur Meinungsfreiheit im Besonderen in diesen Tagen ungemein wichtig; als Symbol für die uns tragenden und verbindenden Werte genauso wie als Signal an diejenigen, die sie bekämpfen wollen. Die friedlichen und besonnenen Demonstrationen  der Menschen (in Paris) sind denn auch ein bemerkenswertes Zeichen einer liberalen Demokratie, in der Gewalt trotz allem nicht an der Tagesordnung ist und in der man Meinungskonflikte anders auszutragen pflegt als mit Gewehr und Faust.

Das symbolhafte „Je suis Charlie“ mag denn auch in dem einen oder anderen Fall einen bigotten Beigeschmack tragen, als unmissverständliche Ansage an verblendete Gewalttäter ist sie nicht zu unterschätzen. Und doch reicht es alleine nicht aus. Die Anschläge von Paris richteten sich nicht nur gegen die prominenten Vertreter der Meinungsfreiheit, sondern machten auch gezielt jüdische Menschen zu Opfern. Und das – gerade in Frankreich – nicht zum ersten Mal in jüngerer Zeit. Der insbesondere (aber eben nicht nur) von Islamisten praktizierte Antisemitismus nimmt dieser Tage wieder einmal besorgniserregende Ausmaße an. Wenn wir uns über den Bestand der Meinungs- und Pressefreiheit berechtigte Sorgen machen, so müssen wir mit der gleichen Befangenheit auf den Fortbestand von Glaubens- und Gewissensfreiheit schauen und uns mit den Menschen solidarisieren, die in deren Ausübung behindert und verfolgt werden. Einem „Je suis Charlie“ muss denn auch ein „Je suis Juif“ folgen.