Typ Löw

9. August 2010

Als Joachim Löw Mitte der 90er den Trainerposten beim VfB Stuttgart übernahm, berührte mich das nicht sonderlich. Ich war gerade 17 und meine Aufmerksamkeit gehörte kurzzeitig anderen Dingen als dem heißgeliebten Fußball, den ich gleichwohl immer im Auge behielt. Aber ein neuer Coach in Stuttgart, Mitte 30, absonderliche Frisur, ehemaliger Zweitligakicker mit kurzen Bundesligaausflügen und dazu, wie ich damals glaubte, auch noch Schwabe – die Personalie interessierte mich nicht übermäßig. Zumal ich mir sicher war, dass dieser Trainernovize wie viele seiner Kollegen nicht allzu lange im Haifischbecken Bundesliga würde überleben können. Womit ich sogar Recht behalten sollte: Jogi, so der etwas cartoonesk anmutende Kosename des Badeners, musste den VfB zwei Jahre später verlassen und wurde bis auf ein kurzes Intermezzo beim KSC bis heute nicht mehr in Deutschlands Eliteliga gesehen. Und dennoch ist Löw der derzeit wohl populärste Fußballehrer in diesem Lande. Was für einen Nationaltrainer, wie die Beispiele Beckenbauer oder Völler zeigen, nicht untypisch, aber – man denke an Derwall und Ribbeck – eben auch nicht selbstverständlich ist.

Beliebtheit ist im Trainergeschäft ohne sportlichen Erfolg natürlich nicht denkbar. Und so würde auch Löw ohne die jüngsten Erfolge bei der WM nicht die Rolle des Everybody’s Darling einnehmen können. Doch im Falle von Joachim Löw ist es nach dieser Weltmeisterschaft eben nicht nur der Erfolg, sondern auch die Art und Weise seines Zustandekommens, die Popularität schafft. Das Spiel der deutschen Nationalmannschaft hat die Sportwelt verzückt und ihrem Coach als Spiritus rector Anerkennung und Sympathie beschert. Das Phänomen Löw ist damit gleichwohl noch nicht abschließend geklärt.

Um den Hype um den Bundestrainer wirklich zu verstehen, braucht man nur durch die Fernsehkanäle zu zappen oder die Plattenregale zu inspizieren. Längst ist ein Kult um Löw entstanden, der nur durch seine Persönlichkeit zu erklären ist. Löw ist ein Typ. Und wie alle Typen besticht auch er dadurch, sich nicht bei der Masse anzubiedern, sondern unbeirrt den eigenen Weg zu gehen, immer Gefahr laufend, als sturer Quergeist anzuecken. So gehört es wohl zu den großen gesellschaftlichen Paradoxien, dass gerade die Menschen, die sich der Mehrheit widersetzen, am Ende doch so oft von der Mehrheit geliebt werden. Der vermeintliche Widerspruch löst sich aber schnell auf, wenn man trennt zwischen der Person im Ganzen und ihren Taten im Einzelnen. Man muss nicht jede Entscheidung eines Menschen nachvollziehen können, um diesen letztlich zu respektieren oder gar zu mögen. Viel wichtiger ist da Konsequenz und Wahrhaftigkeit im Vorgehen, mag es im Einzelfall auch befremden.

Joachim Löw ist geradezu ein Bilderbuchbeispiel, um dieses Phänomen zu veranschaulichen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Denn wie oft habe ich in den letzten Jahren auf den Bundestrainer geschimpft, wenn ich eine seiner Personalentscheidungen wieder nicht habe nachvollziehen können. Pro Klose, contra Kuranyi, Torwartwechsel, Systemveränderungen – ich habe mir oftmals die Haare gerauft, wahrscheinlich wie viele andere Fans in Deutschland. Und ja, ich habe mir Löw manchmal in die Wüste gewünscht, zuweilen gar geglaubt, ich würde den Job selber viel besser ausfüllen können, eben auch wie viele andere Fans in Deutschland. Dennoch hat mir Löws Ruhe und Zielstrebigkeit, die ich zuweilen allerdings auch schon mal als albernen Starrsinn bewertet habe, irgendwie imponiert.

Menschen, die hartnäckig bei ihrer Linie bleiben und sich nicht von Kritik und Polemik irritieren lassen, lösen bei mir Bewunderung aus. Joachim Löw ist so einer. Eine Frisur fernab jeden Zeitgeists, Interviews ohne PR-gedrilltem Selbstdarstellungswahn, resistent gegenüber allen medialen Einflüssen, immun gegen die Forderungen der Fans und mit Kadernominierungen bar jeder Vernunft des Liga-Alltags. Joachim Löw hat das Antizyklische im deutschen Trainergeschäft salonfähig gemacht und sich damit quasi nebenbei zu ungeahnter Popularität verholfen. Er tut, was er für richtig hält, ganz gleich, was andere denken. Genau genommen wünscht sich das jeder für sich selbst: Unbeirrbarkeit, Aufrichtigkeit, Konsequenz. Ob Löw das alles in seinem Leben wirklich verinnerlicht, sei dahin gestellt. Als Bundestrainer zumindest lebt er es vor und ist genau deshalb so populär.

Seine Entscheidung, auch in den kommenden zwei Jahren als Bundestrainer tätig zu sein, ist nicht nur deshalb absolut zu begrüßen. Löw ist derzeit einfach der beste Mann für diesen Job, wenngleich man als Fan, der sich selbst für den besten Nationalcoach hält, angesichts manch unkonventioneller Idee wohl auch zukünftig hadern wird. Aber man muss eben nicht jede Entscheidung eines Menschen nachvollziehen können, um seine Arbeit im Ganzen zu schätzen zu wissen.

Und ja, ich würde heucheln, würde ich behaupten, dass ich das Gleiche hier so auch bei einem frühen WM-Ausscheiden der Nationalmannschaft geschrieben hätte. Aber Erfolg ist eben nur die Conditio sine qua non für Achtung im Sportgeschäft, eine notwendige Bedingung, mit der alleine es nicht getan ist. Joachim Löw darf mehr für sich reklamieren als nur sportlichen Erfolg.

Manchmal muss man mangels eigener Beobachtungen einfach spekulativ wilde Theorien in den Raum werfen. Ist mit Journalistenethos zwar nicht vereinbar, entspricht aber dem selbst verordneten Dogma von BILD-Zeitung und Udo Lattek. Geht also in Ordnung, zumal dank Leser-Unterstützung zumindest der Anschein fundierter Recherche aufkommt:

Trauma
So ein Psychotrauma ist bekanntlich eine für den Betroffenen ziemlich belastende Seelenwunde. Scherze verbieten sich daher. Lassen wir somit auch bleiben und tragen lieber etwas zum medizinischen Fortschritt bei. Denn dass Traumata zu Dissoziationsstörungen und überfallartigen Flashbackreaktionen führen können, war bekannt. Dass Betroffene im Angesicht des Grauens die Neigung entwickeln, das Geschehen detailgetreu zu reproduzieren, ist hingegen ein neues Phänomen. Zuerst beobachtet am Beispiel einer bayrischen Laienspielgruppe, die – qua Auslosung mit dem eigenen Trauma konfrontiert – am Folgetag wie selbstverständlich dazu überging, das Elernd noch einmal im Kleinen durchzuspielen. Das ist die wissenschaftliche noch nicht verifizierte Hypothese zur Erklärung des Frankfurter 2:1 gegen den FCB. Sogenanntes Solskjaer-Sheringham-Syndrom – geht auch mit Fenin und – dem anderen da.

Sweet
Andere mögen vielleicht dazu tendieren, die Erklärung bei einem 17jährigen auf links gedrehten Ösi zu suchen. Machen die Liga-Lehren nicht und suchen stattdessen nach einem musikalischen Trost für Klein-David. Ist ja irgendwie auch süß, der Junge. In dem Sinne hätten wir da: “Sweet Dreams”, “Sweet Seventeen” oder – zwecks obligatorischer Kalauerverwurstung – “Sweet Hope Alaba”. Süß.

Kompetenz
Tabellenführer ist und bleibt aber: Unsere Traumatruppe aus München. Weil Bayerkusen in Dortmund unvermittelt zu rückrunden begann. Und weil Brüno zwar vieles nicht verstanden hat, das mit-den-eigenen-Waffen-Schlagen aber schon. Zumindest eine Halbzeit lang. Gegen Schalke einfach mal schalke spielen. Fasste S04-Freund midget dann so zusammen: Aus dem Nichts mit nem Standard und so. Sieht Schalke mal wie sich so was anfühlt. Auf xxlhonk-isch klingt das dann so: Die Halbzeitführung von 1-0 ist ein Tor zu hoch. Womit er genau so richtig lag wie mit seiner Bewertung der genialen Schlussphasen Pitroipa-Taktik: Jetzt wird es verzweifelt. Pitroipa der Mega-Knipser spielt. Das wird böse für S04. Was beweist: Sarkasmus und Fachkompetenz sind manchmal doch ein und dasselbe.

Gespenster
Das Streichelzoo-Derby (Geißbock vs. Fohlen) war, da braucht man nicht lange zu spekulieren, eine ganz hitzig-feurig-rassige Angelegenheit. Weil Sleepy Soldo schon vor dem Anpfiff wider die eigene Natur irgendwas erzählte von Emotionen und Leidenschaft. War aber genau genommen so leidenschaftlich wie sedierter Pfefferminztee. Und dabei ging es, wie Dr_D erkannt hat, doch so ein bisschen gegen Abstieg: Denn seit einigen Tagen gibt es in Köln einen neuen Bewohner namens Gespenst, Vorname Abstieg. Ist aus einer Familie von Mietnomaden. Sie tauchen einfach auf, bleiben eine Weile, und sind spätestens am Saisonende verschwunden. Bei Bielefeld & Co. sind sie fast Stammgast, bei anderen kommen sie plötzlich und unerwartet vorbei, wie dieses Jahr in Berlin. In Köln und Berlin sollen jetzt demnächst auch noch “Geisterspiele” stattfinden, da sich die “Burgbewohner” nicht benehmen konnten. Da fühlen sich die Abstiegsgespenster natürlich extrem wohl. Übrigens gab es beim Derby am Freitagabend keinerlei bemerkenswerte Randale, was owohl so bemerkenswert ist, dass man beim WDR in den Nachricten darauf hinwies.
Bemerkenswert war auch folgende Meldung: In Hamburg haben sich Wildschweine in die U-Bahn verirrt. Erobert sich also die Natur die Städte zurück? Und warum gerade in der zweitgrößten Stadt der Republik? Kann mal jemand in Hoffenheim nachschauen, falls es Hoffenheim noch gibt. Nicht dass das Dörfchen das gleiche Schicksal wie die Trabantenstadt erlitten hat.

Traumhaft
Apropos Pfefferminztee. Weinaxmann fand das Derby dann auch eher ermüdend. Er sah gleichwohl Traumfußball der Kölner – und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Die Mannschaft setzt einfach nur genau das um, was ihr Trainer ihnen vorlebt. Soldo legt in Interviews das Temperament eines Braunbären im Januar an den Tag legt und seine Mannschaft kopiert dies eins zu eins auf den Platz.
Da schafft es der einstige Top-Torschütze Novakovic doch tatsächlich komplett überrascht zu sein, dass er plötzlich den Ball kurz vor dem Tor vor die Füße bekommt. Kann beim Effzeh aber auch schon mal vorkommen. Passiert halt nicht so oft. Den letzten Beweis für eine Versoldoierung der Mannschaft kam dann in der 55. Minute.
Alles schläft und keiner wacht,
den Marko freut’s, er hat’s gemacht.
Dass Soldo bisher noch kein Spiel seiner Mannschaft verschlafen hat, ist indes genau so verwunderlich wie der Kölner Punktgewinn.

Scherz
Der Hans Meyer in Acryl für den Scherz der Woche geht diesmal an Wolfsburgs Gentner, der sich nach dem Euro-League-2:1 mal wieder in Trance floskelte. Und auf die fuhrmanneske Frage nach nächtlichen Feierlichkeiten den altbewährten Trainerbesänftigungsklassiker runterleierte: “Wir haben am Sonntag ein sehr schweres Spiel!”. Hertha? Schweres Spiel? Brüller! Saukomisch. Und am Ende doch nur eine selbsterfüllende Prophezeiung, die keine satirische Überhöhung erlaubt. Denn wenn der amtierende Deutsche Meister gegen einen gefühlten Regionalligisten einsfünf verunfallt, ist das schon eine Pointe in sich.

Weltklasse
Muss also so ziemlich der geilste Spieltag seit Ouzos Zweitkommunion gewesen sein. So liest sich jedenfalls die Analyse von xxlhonk, dem Meister der präzisen Kurzusammenfassung: Die Bundesligastadien sind die schönsten weltweit. Und auch unsere Kicker zeigen immer wieder, dass sie in der besten Liga der Welt spielen. Mindestens. Das was der Messi am Mittwoch gezeigt hat, kann bei uns ein 19jähriger Reus aus Gladbach. Genauso gut und besser, schließt Reus seinen 40- Meter-Alleingang immerhin gegen die beste IV der Liga und damit der Welt mit einem Treffer ab. Messi hat sein Tor nur gegen Lehmann gemacht. Auch der Welttorjäger Barrios zeigt den Leverkusenern, wie man Steilvorlagen wirklich verwertet und nicht am eigenen Unvermögen scheitert. Wobei das in Leverkusen am Ende nur die Taktik des weltbesten Trainers Don Jupp ist. Die wollen erst am letzten Spieltag wieder vorne stehen – aus dramaturgischen Gründen.

Und da war ja noch…
Stuttgarts Meilenstein auf der ehrgeizigen Mission “Was Bayern kann, können wir schon lange”. 4:0 bei Messis Lakaien. Und das Ganze ohne Klinsmann. Und vor allem ohne Lell! Beeindruckend. Trotzdem eine verteufelt echte Bayern-Blaupause. Vielleicht hatte der VfB-Auftritt in Nou Camp aber auch ganz andere Motive. Doch dies wäre mal wieder nur: Reine Spekulation.

Nachwuchsstar Kerkeling?

1. März 2010

Der Lehrerberuf mag mit den Aufgaben eines Fernsehmoderators nicht viel gemein haben (manch ein Lehrer sieht sich selbst gleichwohl irgendwo zwischen Wissenschaftsjournalist und Stand-Up-Comedian). Beide Berufssparten besitzen in jedem Falle aber eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Sie klagen über Nachwuchsmangel. Während dies im ersten Falle mit einer mangelnden Begeisterung für die tagtägliche Konfrontation mit aufsässigen Jugendlichen zu tun haben dürfte, ist fehlende Bereitschaft sicher nicht die Ursache für die Nachwuchsprobleme im Fernsehgeschäft. Im Gegenteil, jeder träumt irgendwann irgendwie doch davon, als conferencierender Selbstdarsteller vor einem Millionenpublikum aufzutreten. Woran es scheitert, ist schlicht und einfach das Talent.

Nette Präsentatoren mit Know-How und Witz gibt es zweifellos in Hülle und Fülle. Große Unterhalter finden sich unter den Pilawas, Lantz‘ und Kerners dann aber doch nicht. Das mag damit zusammenhängen, dass es – wie allenthalben beklagt – die echten Persönlichkeiten mit kantigem Profil in unserer stromlinienförmigen Zeit nicht mehr gibt. Ein Frankenfeld oder ein Kulenkampff würde sich im Fernsehen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich auch schwer tun. Und dennoch ist der Ruf nach unverwechselbaren Typen mit Entertainment-Qualitäten unüberhörbar. Thomas Gottschalk, der diesem Anforderungsprofil in den letzten Jahr(zehnt)en noch am ehesten gerecht wurde, ist unübersehbar über seinen Zenit hinaus. Seine Zeit ist bald vorbei, vielleicht sogar längst abgelaufen. Ob Wetten dass..? als das alte Schlachtschiff der Fernsehunterhaltung danach noch weiter über die Bildschirme schippern wird, scheint zweifelhaft. Denn wer könnte Gottschalk nachfolgen? Bzw. wer hat noch am ehesten das Format, einen launigen und geistreichen Fernsehunterhalter und –moderator abzugeben.

Bei allem Überlegen fällt einem hierzu nur ein Name ein: Hape Kerkeling. Der einstige Anarcho-Blödler hat in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass er mehr ist als nur ein drolliger Comedian. Kerkeling gibt einen souveränen Moderator mit Witz, Herz und Kodderschnauze ab und ist, auch wenn er sich nicht in einer seiner vielen Alter Egos flüchtet, eine unverwechselbare Figur des deutschen Fernsehens. Wenn es einem zuzutrauen ist, die alte Kunst der großen Fernsehunterhaltung zumindest ansatzweise wieder hochleben zu lassen, dann ihm.
Übrigens, Kerkeling ist vor kurzem 45 Jahre alt geworden – so viel zum Thema Fernsehnachwuchs.