Reden reden reden

8. Februar 2016

Auch ich finde, dass es manchmal nicht schaden kann sich zu empören. Laut zu werden, sich aufzuregen, die eigene Unzufriedenheit einmal ganz emotional kundzutun. Das muss ab und an einfach mal sein. Weil es zur menschlichen Natur dazugehört, weil es vielleicht auch Teil unserer Demokratie.

Doch im Moment haben wir eines ganz sicher nicht: Einen Mangel an Aufgeregtheit und Unsachlichkeit. In der aktuellen Flüchtlingsdiskussion steckt jede Menge Empörung und Polemik, dafür viel zu wenig Sachlichkeit und Problemorientiertheit. Es wird gestritten, geschimpft, zugespitzt, angestachelt und nur selten etwas beigetragen, was uns inhaltlich wirklich weiter voranbringt.

Dieser Vorwurf gilt in allererster Hinsicht der unsäglichen AfD und ihren „natürlichen Verbündeten“ von Pegida. Was von dieser Seite geäußert wird, ist einfach nur widerwärtig und ekelerregend und trägt nichts, aber auch gar nichts dazu bei, die Situation besser in den Griff zu kriegen. Ob die Forderung nach einem Schießbefehl an der Grenze oder die Hetze gegen Ausländer, Politik und Medien – die Agitation rechtspopulistischer Fremdenhasser hat nur eine Wirkung: Das Klima in diesem Land weiter zu vergiften.

Doch auch die populistischen Forderungen aus manchen Teilen der Politik helfen uns nicht weiter. Der verzweifelte Ruf nach einer Obergrenze, deren praktische Umsetzung genauso zweifelhaft ist wie ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, bringt uns nichts. Symbolpolitik, die sich nur an den Befindlichkeiten der Wähler orientiert, nützt wenig, wenn sie keine praktischen Folgen zeitigen kann.

Unserer Bundeskanzlerin kann man dieser Tage wahrlich keinen Populismus vorwerfen. Ganz anders als in den ersten zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft stellt sie sich gegen den Strom und bleibt bei ihrer Flüchtlingspolitik. Das imponiert mir genauso wie ihr zuversichtliches Mantra. Wir schaffen das, ja – aber wie? Hierin liegt der Vorwurf, den sich Angela Merkel gefallen lassen muss. Sie hat eine Losung ausgegeben, ohne bislang ein schlüssiges Konzept zu deren Umsetzung vorzulegen. Eine klare Strategie, ein Plan, sind nach wie vor nicht zu erkennen. Das dauernde Beschwören „einer spürbaren und nachhaltigen“ Verringerung der Flüchtlingszahlen hilft uns nicht weiter, nervt aufgrund seiner regelmäßigen Wiederholung nur noch.

Insofern gilt der fromme Wunsch an alle Verantwortungsträger: Weniger schwadronieren, weniger polemisieren, sondern sachlich, problemorientiert reden, am besten miteinander, oder noch besser: Handeln! Konzepte vorlegen und abarbeiten. Eine Integrationsagenda zum Beispiel. Oder einen Flüchtlingsplan für Europa. Ich weiß, das alles ist theoretisch sehr viel einfacher gesagt als praktisch getan. Aber das dauernde Gerede (nicht zuletzt in den Talkshows) führt nicht weiter, wenn in der Realität nichts passiert.

Ach ja, eines noch: Wir reden immer gerne von dem Flüchtlingsproblem und meinen damit die Herausforderungen, die der Zuzug von hunderttausenden/Millionen Flüchtlingen für Deutschland bedeutet. Doch dabei sollten wir uns immer eines vor Augen führen: Das größte Problem haben immer noch die Flüchtlinge, die aus Angst vor Krieg und Verfolgung ihr Land verlassen und eine beschwerliche, mitunter menschenunwürdige Reise aufzunehmen, nur in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einem fremden Land fernab der Heimat.

Der Unverwechselbare

25. Januar 2016

Sportkommentator zu sein, ist wahrlich ein undankbarer Job. Man kann seine Aufgabe noch so gut bewältigen und wird doch fortwährend von der Kritik argwöhnischer Zuschauer begleitet, die meinen, alles viel besser zu können und zu wissen. Ein Phänomen, das in Zeiten von Social Media und virtueller Demokratie immer größere, schlimmere Auswüchse erfährt. Da gehört es dann wohl zum Berufsrisiko, regelmäßige Shitstorms über sich ergehen lassen zu müssen und – daraus folgend – Verbalinjurien und Anfeindungen im Stadion zu ertragen.

Wer wüsste dies alles besser als Marcel Reif, Chefkommentator bei SKY, und in den Augen/Ohren vieler Fußballfans so etwas wie das Enfant terrible der deutschen Reporterzunft. Wohl kein Sportjournalist hat in den vergangenen Jahren so viel Widerspruch, Häme und aggressionsgeladene Kritik erfahren müssen wie der 66-Jährige. Dabei ging der Protest, der Reif entgegenschlug, oftmals weit über das Maß dessen, was ein Mensch in seinem Beruf ertragen sollte, hinaus. Gewaltandrohungen und Pöbeleien sind absolut inakzeptabel – ganz gleich, welche Prominenz das Opfer auch haben mag.

Marcel Reif hat sich nun entschieden, seine Reporterlaufbahn zu beenden und das Kommentatoren-Mikro bei Seite zu stellen. Sein Entschluss zog, wie nicht anders zu erwarten, ein breites Echo nach sich, in das sich allerlei unterschiedliche Töne mischten – von Erleichterung über Sarkasmus bis zum Bedauern. Sachliche Einordnungen dagegen blieben eher die Ausnahme. Marcel Reif polarisiert eben bis zum Schluss. Dabei hätte er es nach seiner langen und durchaus aufsehenerregenden Karriere verdient, eine fachlich-nüchterne Bewertung seiner Arbeit zu erfahren.

Die wohlwollende Einordnung, die man bei SPIEGEL online quasi als Gegenpol zu dem in den sozialen Kanälen zu vernehmenden Spott vornahm, wurde diesem Anspruch genauso wenig gerecht wie die flapsig-unreflektierte Ablehnung, die Reif von manch einfach gestricktem Fußball-Fan entgegenkommt. Nein, man kann den Sky-Kommentar nicht einfach, wie es SPIEGEL online tat, nonchalant als „Den Besten“ titulieren und sämtliche Zweifel an seiner Arbeit als Randbemerkungen gegenüber einem Unantastbaren abtun. Reif war nicht der Beste, sondern (neben Fritz von Thurn und Taxis) der Unverwechselbarste. Sein gekonntes Spiel mit der Sprache, seine pointierten, mitunter überheblichen Kommentare, seine entschiedene Form der Einordnung machten ihn Zeit seiner Reporterkarriere zu einer einzigartigen, unverkennbaren Figur des deutschen Sportjournalismus – aber damit eben nicht zwangsläufig zum Optimum.

Fakt ist, Reifs Arbeit lieferte gerade in den letzten Jahren genügend Angriffspunkte für sachliche Kritik. Dabei geht es nicht um die von Verschwörungstheoretikern behauptete Nähe zu bestimmten Vereinen. Nein, die sportliche Unparteilichkeit kann man Reif nicht absprechen. Er ging in kein Spiel mit einer Vorliebe für den einen oder einer Ablehnung des anderen Vereins. Aber er konnte sie im Laufe des Spiels entwickeln, sich regelrecht in Rage reden, um Schritt für Schritt jede sachliche Distanz zu verlieren. Da wurde das unterlegene Team schon mal in Grund und Boden verspottet, während man sich im orgiastischen „Überragend“-Rausch an den Darbietungen der dominierenden Mannschaft aufgeilte, selbst wenn diese im Lauf des Spiels deutlich an ekstatischer Kraft verloren. Hierin genau liegt der Hauptvorwurf, den sich Reif gefallen lassen muss: Er schlug sich oftmals auf eine Seite, ohne später den Weg zurück zur Mitte zu finden.

Dass ihm nebenbei auch manch handwerklicher Fehler unterlief (die sich häufenden Verwechslungen von Spielernamen sind dafür nur eines von vielen Beispielen) kann man dabei fast vernachlässigen. Und doch fügen sie sich in ein differenzierteres Bild eines deutschen Sportjournalisten, der über seine Sprachgewalt hinaus nicht immer journalistischen Standards gerecht wurde. Gleichwohl war (und ist) Marcel Reif eine Ikone der deutschen Sportkommentatoren. Weil er alles war, aber ganz sicher nie langweilig. Weil er Wortschöpfungen gebrauchte, wie man sie von seinen Kollegen nie hören würde. Weil er Akzente setzte, wie man sie so nicht für möglich gehalten wurde. Deshalb ist sein Abgang, trotz aller sachlichen Kritik, ein Verlust.

Danke, Herr Westerwelle!

23. November 2015

Schlapp, eingefallen, mit geröteten Augenlidern – so hatte man Guido Westerwelle noch nie im Fernsehen erlebt. Doch es war nicht das äußere Erscheinungsbild, das den Auftritt des einstigen Bundesaußenministers bei „Günther Jauch“ zu einem besonderen machte. Was Westerwelle über seine Leukämie-Erkrankung und deren Folgen preisgab, war bemerkenswert und stimmte nachdenklich. Todesängste, körperlicher Verfall, Hoffnungslosigkeit – Westerwelle schonte sich und die Zuschauer nicht, offen sprach er über all das, was die schreckliche Diagnose mit ihm gemacht hatte, und brachte auch eine Botschaft mit: All die vermeintlich so relevanten großen Dinge des Lebens werden plötzlich ganz klein und bedeutungslos, wenn es um den Kampf gegen den Krebs und für das eigene Leben geht.

Westerwelles Aussage wirkt wohltuend in einer Zeit, in der – gefördert durch Hast und Aufgeregtheit sozialer Medien – fragwürdige Schwerpunkte gesetzt werden, um den Blick auf das Wesentliche, das Existentielle im Leben zu verlieren. So aufrichtig wie in der TV-Sendung hatte man das FDP-Mitglied, das hier nicht als (Ex-)Politiker, sondern schlicht als Mensch auftrat, noch nie erlebt. Es war die wohl ehrlichste und beste Ausgabe der ARD-Talkshow, die diesmal keine Inszenierungen, keine Show-Elemente, keine scheinwerfergeile Selbstinszenierung brauchte. Westerwelle sprach über sich und berührte damit.

Er selbst räumte dabei ein, dass ihm aus heutiger Sicht vieles dessen, was er vor seiner Erkrankung getan und gesagt hatte, lächerlich und merkwürdig erschien. Eine Feststellung, die viele Menschen im Angesicht einer tiefgreifenden persönlichen Krise treffen. Relativierung, also Blickrichtung auf das Essentielle, scheint – das zeigt der Fall Westerwelle – oft nur durch eine schwerwiegende, bedrohliche Veränderung der eigenen Lebenssituation zu gelingen. Dies ist wohl Teil der menschlichen Natur und gleichwohl bedauerlich. Das Ausblenden des mitunter albernen zwischenmenschlichen Theaters kann für jeden Einzelnen nur ein Gewinn sein. Und doch wünscht man niemandem deshalb eine schwere Erkrankung, um seine eigene Werteskala neu zu eichen. Insofern ist es wichtig, dass Menschen wie Guido Westerwelle von ihren Erfahrungen berichten und uns hier und da zu anhalten, unsere Prioritäten zu hinterfragen.

In diesem Sinne: Danke, Herr Westerwelle, und alles Gute!