Peinlichkeit ist Eilenberger

22. Februar 2016

Zum journalistischen Handwerk gehört es, zuweilen mit bewussten Überspitzungen zu provozieren und Reizpunkte zu setzen. Kommentare müssen nicht immer wohl abgewogen und sachlich-distanziert sein. Und doch: Die Randdisziplin des professionellen Journalismus legitimiert keinen undifferenzierten Unsinn. Wolfram Eilenberger ließ sich dennoch dazu hinreißen.

So setzte der Philosoph und Publizist unlängst zu seiner persönlichen Abrechnung mit dem Handballsport an, den er im Zuge des jüngst errungenen Europameisterschaftstitels als Ausdruck einer reaktionären oder – wie er es blumig umschrieb – „kartoffeldeutschen“ Gesinnung betrachtet. „Wenn Fußball Merkel ist, dann ist Handball Petry“, pseudoräsonierte Eilenberger und rückte eine ganze Sportart damit in eine rechte Ecke.

Nun muss man Handball wahrlich nicht mögen. Ich selbst tue mich mitunter mit dem Sport schwer, beklage die vielen Fouls und störe mich am fehlenden Mittelfeldspiel. Aber ihn als Repräsentanten einer fragwürdigen Gesinnung zu diskreditieren, ist genauso bemerkenswert wie abwegig. Menschen praktizieren ihren Sport nicht aus einer politischen Grundüberzeugung heraus, sondern aus der bloßen Freude an ihm selbst. Also genau aus den Gründen, weshalb sich die Fans für ihn begeistern.

Nun mag jeder Sport seine ganz eigenen strukturellen Probleme haben; sein Wesen und damit seine Existenzberechtigung in Frage zu stellen, geht gleichwohl weit über das Ziel hinaus. So muss sich denn auch ein Wolfram Eilenberger fragen lassen, ob er mit seiner wohlfeilen Abrechnung letztlich nicht ganz einfach eines getan hat: Sportler und Fans beleidigt.

Wenn er sich fragt, wieso im deutschen Auswahlteam – anders als in der Fußballnationalmannschaft – keine Spieler mit Migrationshintergrund vertreten sind, dann ist dies eine berechtigte Frage. Sie aber mit dem Verweis auf den AfD-Charakter eines ganzes Sports zu beantworten, zeugt denn doch von einer kaum fassbaren Engstirnigkeit, die aus Sicht der Handballfans als Unverschämtheit aufgefasst werden muss.

Eilenberger wollte mit seinem Kommentar, den er nachträglich selbst als „Brecher“ bezeichnet hat, eine Diskussion einleiten. Dies scheint vordergründig betrachtet gelungen. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die vermeintliche Diskussion vor allen Dingen als entrüstete Ablehnung gegenüber einem Essayisten, der seine persönliche abgrundtiefe Verachtung gegenüber einem Sport in ein peinliches Sport-Politik-Theorem zu kleiden versuchte.

Reden reden reden

8. Februar 2016

Auch ich finde, dass es manchmal nicht schaden kann sich zu empören. Laut zu werden, sich aufzuregen, die eigene Unzufriedenheit einmal ganz emotional kundzutun. Das muss ab und an einfach mal sein. Weil es zur menschlichen Natur dazugehört, weil es vielleicht auch Teil unserer Demokratie.

Doch im Moment haben wir eines ganz sicher nicht: Einen Mangel an Aufgeregtheit und Unsachlichkeit. In der aktuellen Flüchtlingsdiskussion steckt jede Menge Empörung und Polemik, dafür viel zu wenig Sachlichkeit und Problemorientiertheit. Es wird gestritten, geschimpft, zugespitzt, angestachelt und nur selten etwas beigetragen, was uns inhaltlich wirklich weiter voranbringt.

Dieser Vorwurf gilt in allererster Hinsicht der unsäglichen AfD und ihren „natürlichen Verbündeten“ von Pegida. Was von dieser Seite geäußert wird, ist einfach nur widerwärtig und ekelerregend und trägt nichts, aber auch gar nichts dazu bei, die Situation besser in den Griff zu kriegen. Ob die Forderung nach einem Schießbefehl an der Grenze oder die Hetze gegen Ausländer, Politik und Medien – die Agitation rechtspopulistischer Fremdenhasser hat nur eine Wirkung: Das Klima in diesem Land weiter zu vergiften.

Doch auch die populistischen Forderungen aus manchen Teilen der Politik helfen uns nicht weiter. Der verzweifelte Ruf nach einer Obergrenze, deren praktische Umsetzung genauso zweifelhaft ist wie ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, bringt uns nichts. Symbolpolitik, die sich nur an den Befindlichkeiten der Wähler orientiert, nützt wenig, wenn sie keine praktischen Folgen zeitigen kann.

Unserer Bundeskanzlerin kann man dieser Tage wahrlich keinen Populismus vorwerfen. Ganz anders als in den ersten zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft stellt sie sich gegen den Strom und bleibt bei ihrer Flüchtlingspolitik. Das imponiert mir genauso wie ihr zuversichtliches Mantra. Wir schaffen das, ja – aber wie? Hierin liegt der Vorwurf, den sich Angela Merkel gefallen lassen muss. Sie hat eine Losung ausgegeben, ohne bislang ein schlüssiges Konzept zu deren Umsetzung vorzulegen. Eine klare Strategie, ein Plan, sind nach wie vor nicht zu erkennen. Das dauernde Beschwören „einer spürbaren und nachhaltigen“ Verringerung der Flüchtlingszahlen hilft uns nicht weiter, nervt aufgrund seiner regelmäßigen Wiederholung nur noch.

Insofern gilt der fromme Wunsch an alle Verantwortungsträger: Weniger schwadronieren, weniger polemisieren, sondern sachlich, problemorientiert reden, am besten miteinander, oder noch besser: Handeln! Konzepte vorlegen und abarbeiten. Eine Integrationsagenda zum Beispiel. Oder einen Flüchtlingsplan für Europa. Ich weiß, das alles ist theoretisch sehr viel einfacher gesagt als praktisch getan. Aber das dauernde Gerede (nicht zuletzt in den Talkshows) führt nicht weiter, wenn in der Realität nichts passiert.

Ach ja, eines noch: Wir reden immer gerne von dem Flüchtlingsproblem und meinen damit die Herausforderungen, die der Zuzug von hunderttausenden/Millionen Flüchtlingen für Deutschland bedeutet. Doch dabei sollten wir uns immer eines vor Augen führen: Das größte Problem haben immer noch die Flüchtlinge, die aus Angst vor Krieg und Verfolgung ihr Land verlassen und eine beschwerliche, mitunter menschenunwürdige Reise aufzunehmen, nur in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einem fremden Land fernab der Heimat.

Schrecken einer Nacht

11. Januar 2016

Auf der Welt – auch in Deutschland – passiert jede Menge Mist. Das ist so und das wird man auch nicht ändern können. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Diese Binsenweisheit wurde unlängst in Köln auf traurige Weise belegt. Denn der Mist, der sich dort in der Silvesternacht zutrug, erfuhr gleich von mehreren Seiten nicht den Umgang, der angebracht gewesen wäre. Die sexuellen und räuberischen Angriffe auf Frauen auf dem Bahnhofsvorplatz waren gleichwohl kein bloßer Mist, sondern eine Form von schwerer Kriminalität, wie wir sie niemals tolerieren sollten.

Umso schlimmer ist es, dass es der Polizei nicht gelang, dem widerwärtigen Treiben einen Riegel vorzuschieben und offensichtlich keine Mittel hatte, um den Frauen auch nur ansatzweise Schutz zu bieten. Wie ein Hohn liest sich dann die Pressemitteilung vom 1. Januar, in der von einer weitestgehend ruhigen Nacht die Rede war. Auch Bürgermeisterin Reker schien im Umgang mit den Vorfällen überfordert zu sein. Ihre wohlgemeinten Verhaltenstipps für Frauen, die möglichst immer eine Armlänge Abstand zu potentiellen Räubern halten sollen (wie soll das in der Praxis eigentlich funktionieren?), wirken nicht nur hilflos, sondern erscheinen durch ihre Verkehrung von Täter- und Opferrolle wie eine Kapitulation des Rechtsstaats. Ein bedenkliches Signal, das das Vertrauen in die Ordnungsbehörden sicher nicht stärken wird.

Dass schließlich rechtspopulistische Parteien und Hetzer auf Facebook die Straftaten für ihre fremdenfeindliche Propaganda instrumentalisierten, erschreckt einerseits, überrascht andererseits aber nicht. Insofern bleibt ein durch und durch trauriges Fazit nach den Attacken der Silvesternacht: Die Taten selbst waren furchtbar und widerwärtig, die Reaktion der Verantwortungsträger und der Öffentlichkeit besorgniserregend.