Auf die Stille Treppe

24. November 2014

Sanft aber gewaltig, die Liga kommt allmählich in die Gänge, gibt sich dabei aber mitunter etwas kindisch. Und auch Hollywood meldet allmählich Interesse an, ist manches aber doch eher ein Fall fürs Trash TV. Die neuen Liga-Lehren. Starring: Louis‘ Rioja, Kramers Method Acting und Brad Gilberts Bruder im Geiste.

Mauern und Blockaden
25 Jahre Mauerfall – ein Jubiläum von historischer Bedeutung, das natürlich gefeiert werden musste. Nur wie? Im Bundestag durfte Wolf Biermann ein bisschen Gift und Galle auf den elenden Rest versprühen, rund um das Brandenburger Tor ließ man heiße Luft in den Himmel steigen und Maike Richter gewährte ihrem Gatten zur Feier des Tages mal wieder ein wenig Tageslicht. Schade nur, dass man bei all den Ehrungen den Mann vergaß, ohne den dieses weltbewegende Ereignis nicht möglich gewesen wäre: David Hasselhoff wurde geflissentlich ignoriert und stieß auf den Tag der Wende mit einem Festtagsburger an. Die Bundesliga indes fühlte sich nicht berufen, das Jubiläum in besonderer Weise zu würdigen. Sieht man einmal von Christoph Kramers Method Acting ab, welches uns auf eindrucksvolle Weise zeigte, wie man denn am besten so eine Blockade löst. Für den Künstler persönlich ein gleichwohl eher unerfreuliches Erlebnis in einem Spiel zum Vergessen. Aber Amnesie kommt eben nur dann, wenn man sie am wenigsten braucht. Seine nächste Comedy-Einlage hat er sich dann auch für das kommende WM-Finale vorgenommen.

Trash TV in Königsblau
Der Herbst ist gekommen, die Blätter fallen, die Trainer gehen. Beim FC Schalke entschied man sich ebenfalls zur Trennung und folgte dem Kampusch-Prinzip: Kein Bock mehr auf Keller. Für eine wirklich innovative Lösung reichte dann aber doch der Mut nicht. Es kam nicht der Matthäus, sondern di Matteo. Aus sprachlichen Gründen. Einen Italo-Schweizer versteht man im Pott eben doch deutlich besser als ein grammatikophoben Franken. Unter Roberto di Matteo praktizieren die Königsblauen jetzt das Prinzip ‚Brad Gilbert‘: Winning Ugly und zusehends häufiger jetzt auch: Losing Ugly. Das Spiel der Schalker ist inzwischen so unansehnlich, dass TELE 5 Interesse an den Übertragungsrechten angemeldet hat und die Spielzusammenfassungen jeweils am Folgefreitag ausstrahlen will. In der Rubrik: SchleFaZ.

Oscarreif

Wo wir schon mal beim Thema ‚Filme‘ sind… Ein leidenschaftlicher Streit ist dieser Tage in Hollywood entbrannt: Emmerich, Scorsese, Tarantino – die Granden der Filmszene streiten sich um die Rechte am bezaubernden Kick zwischen dem HSV und Bayer 04. Alle wollen sie das ultimative Gemetzel von Hamburg unbedingt verfilmen. Diverse Arbeitstitel sind dabei bereits im Gespräch – als da wären:
„Denn sie wissen nicht was sie tun – Reloaded“
„Once upon in the Westermann“
„Chain Saw Massacre continues“
„Gangs of New Joe“
„Giulio Unchained“
„Wie 22 wilde Stiere“
„Natural Nord Killers“

Wissenschaftliches

Einen besonders hohen Unterhaltungswert bot zuletzt das hessisch-schwäbische Aufeinandertreffen: Frankfurt gegen den VfB, ein Spiel mit der taktischen Disziplin eines Kindergeburtstags  und der Choreografie eines Junggesellenabschieds. Fußball goes Kirmes. Vogel. Wild. Hin. Und. Her. Für den Wissenschaftlicher durchaus interessant als experimenteller Nachweis der Chaostheorie in der Praxis. Mit dem verblüffenden Ergebnis: Wenn 22 negativ geladene Teilchen aufeinanderprallen, kann doch etwas Positives dabei herauskommen.

Kindergarten
Apropos Unterhaltungswert: Es gibt bekanntlich nichts Amüsanteres, als wenn zwei Streithähne öffentlich rumzicken und sich ihr Hab und Gut streitig machen. So wie Regina Zindler, die einst ein bestimmtes Gartengewächs für sich beanspruchte. Der Knallerbsenstrauch der Bundesliga heißt nun schon seit geraumer Zeit Marco Reus. Da will Karl-Heinz Rummenigge keine Details über dessen Vertrag beim BVB ausplaudern (tut es aber dennoch, weil, nun ja, weil er eben doch will), woraufhin ihm Kollege Watzke einen ganz hohen Faktor auf der nach oben offenen Heuchelskala attestiert. Gegen das beleidigt-provozierende Gezeter von Kalle und Aki ist jeder Kindergarten ein Hort der Disziplin. Doch was tun gegen das kindliche Menno und Selber-Menno, wenn ein Maschendrahztaun nicht zur Hand. Wir empfehlen wahlweise eine Streitschlichtung auf der Stillen Treppe unter der Leitung der Supernanny oder ein Versöhnungstreffen in van Gaals Weinkeller. So ein Rioja-Frieden hält ja immerhin ein knappes halbes Jahr.

Torreich
Insgesamt 252 Buden sind an den ersten elf Spieltagen gefallen – davon gehen allein 4 (in Zahlen: vier) auf das Konto des HSV, was einem bemerkenswerten Anteil von 1,5% entspricht. Pro Spieltag sind damit im Schnitt knapp 23 Treffer gefallen. Klingt nicht unbedingt viel, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bundesliga derzeit eine echte Torflut erlebt. In Stuttgart sucht man einen neuen SportdirekTOR. Beim HSV streikt der OffensivmoTOR. In München und Dortmund geht jeder Zweite zum DokTOR. In Bremen setzt man jetzt auf VikTOR. Und der Jogi? Vertraut einem HecTOR.

Anschlussverwendung
Dass Werder Bremen ausgerechnet mit einem Viktor jetzt wieder siegreich ist, ist natürlich kein Zufall. Nomen est eben auch in der Bundesliga nomen. Zudem garantiert der Rückgriff auf altgediente Kräfte gerade in der Hansestadt traditionell Erfolg. Doch das von so manchem  Werder-Fan insgeheim erhoffte Comeback eines Ex-Keepers dürfte sich gleichwohl nicht realisieren lassen. Was jedoch nicht mit vermeintlichen regeltechnischen Problemen zu tun hat. Eine Beschränkung, nach der ein Torhüter maximal die Hälfte der Torbreite mit seinem eigenen Körper ausfüllen mag,  existiert nach Auskunft von DFB, FIFA und Weight Watchers tatsächlich nicht. Nein, der Grund für das Scheitern der Rückkehr des verlorenen Tims ist viel banaler und mutet ein wenig paradox an: Wiese will nicht mehr auf Rasen und möchte es stattdessen lieber im Ring versuchen. Was uns wieder mal beweist: Torhüter sind vielfältig verwendbar und besitzen regelmäßig vielversprechende berufliche Alternativen. So könnte sich Manuel Neuer wahlweise als Ballett-Tänzer oder Mittelstürmer versuchen, Roman Weidenfeller steht vor einer großen Zukunft als Dolmetscher und Thorsten Kirschbaum dürfte keine Probleme haben, als Schausteller auf einer Kirmes anzuheuern. Mit Schießbuden kennt er sich ja nun mal aus.

Fehlt noch was?
Und ob! Zum Beispiel Die ultimative Lobhudelei auf den SC Paderborn, dessen Heimstätte zwar wie eine Mischung aus Reitsporthalle und Dachgepäckträger anmutet, sich aber immer mehr als Festung erweist. Oder:  Kloppos Problem mit der fehlenden Sensibilität von Journalisten, die er als feinfühliges Gegenüber der Vierten Offiziellen sicher glaubhaft reklamieren darf. Oder: Die unter Freuden des gepflegten Gesellschaftsspiels alt bekannte Lehre: Schmidt-Spiele sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Na dann: Alles roger.

Kontrapunkte in Rustikal

8. September 2014

Da ist sie also, die faszinierende, unnachahmliche, einzigartige Liga der Weltmeister. Das Beste, was der Fußballsport auf diesem Planeten so zu bieten: Elegant, mitreißend, betörend – oder auch nicht. Die Liga-Lehren wagen ein ernüchtert-nüchternes Zwischenfazit nach zwei Spieltagen und stellen fest: Alles ein bisschen anders, aber eben doch irgendwie wie immer – mit einer humoristischen Satire-Vereinigung (kurz: HSV), modischen Fragezeichen, fragwürdigen Lobhudeleien und den üblichen absurden Erkenntnissen:


Ole Espana

Nun wissen auch Bayern-Fans, wie es anderen Fußball-Beobachtern seit Jahren geht, wenn man den Blick gen Säbener Straße richtet: Dieser FC Bayern kommt einem irgendwie spanisch vor. Guardiola, Martinez, Thiago und jetzt auch noch Bernat, Reina und Xabi Alonso – die Espagnolisierung des FCB scheint nicht mehr aufzuhalten. Was steht uns also noch bevor? Alfons-Ingwer Schubeck kocht nur noch Paella? Die Allianz-Arena wird in eine Stierkampf-Arena umgewidmet? „FC Bayern – Stern des Südens“ erhält den Text der Spanischen Nationalhymne (was inhaltlich auf das Gleiche hinaus käme)? Die Umsetzung der kulturellen Revolution wird in jedem Fall einige Zeit beanspruchen. Doch schon jetzt zeigen sich erste vielversprechende Ansätze. So legten die Bayern nach engagiertem Beginn in mediterraner Gelassenheit eine einstündige Siesta ein.

Endlich Free
Herzlichen Glückwunsch, Borussia Dortmund. Kagawa ist zurück – die Aktion #FreeShinji hat – wenn auch spät – gefruchtet. Die plagiatsfreudigen Bayern, die bekanntlich immer gerne auf der Suche nach Adap- und Adoptierbarem Richtung Dortmund schauen, könnte das jetzt auf krude Ideen bringen. Die Initiativen #FreeRoque, #FreeMassimo und #FreeAli sollen jedoch unmittelbar nach ihrem Start wieder abgeblasen worden sein.

Always look on the bright side
Zwei Nullnulls an einem Sonntag, insgesamt gerade einmal 45 Buden. Kein Zweifel, die Bundesliga ist noch nicht bei sich angekommen, sucht irgendwie noch nach sich selbst und ihrer eigenen Mitte. Wir müssten ihr daher auch beinahe den Unterhaltungswert eines ARTE-Themenabends „Origami-Kunst in der Grönländischen Antike“ attestieren, gäbe es da nicht die Laienspieltruppe des Hamburger Sportvereins, die mit ihrer köstlichen Persiflage eines Bundesliga-Fußballclubs nun schon seit mehr als einem Jahr auf Deutschland-Tournee ist und bei ihren Vorstellungen immer wieder schallendes Gelächter des Publikums erntet. Das neue Programm scheint nach ersten Anlaufschwierigkeiten bei der Premieren-Vorstellung in Köln nun immer besser anzukommen, wie die Aufführung des letzten Samstag beweist. Kritiker bemängeln allerdings die in weiten Teilen überzogene, bis ins Groteske reichende Parodie, die aufgrund ihrer Zuspitzung keinerlei Glaubwürdigkeit besitze.  Gerüchten zur Folge soll die Choreografie auf das Konto von Monty Python gehen. Wahrscheinlicher ist hingegen, dass bei der Videovorbereitung auf das letzte Spiel versehentlich das Video der Olympischen Spiele der Orientierungslosen gezeigt wurde…

Tinnef

Kein Zweifel, Mannschaft der Stunde ist natürlich Bayer Leverkusen. Die Rückrunden-Legastheniker aus dem Rheinland sammeln in weiser Voraussicht schon mal Punkte für die Askese-Zeit des kommenden Frühjahrs. Das dabei an den Tag gelegte Tempo hat der Werkself denn auch vollkommen zu Recht den Titel „Turbo-Bayer“ eingebracht. „Kein großes Abtasten, direkt rein!“ – für gewöhnlich eher als Regieanweisung aus einem Hardcore-Porno bekannt, ist die neue Devise der Bayer-Truppe, die sich im Heimspiel gegen die Hertha jedoch irgendwie nicht so recht umsetzen ließ. Der junge und noch etwas undisziplinierte Tin Jedvaj verlor denn auch Mitte der ersten Halbzeit irgendwann die Geduld und sah sich in Umsetzung der Schmidtschen Marschroute veranlasst, die Kugel endlich reinzuhauen – zur Not eben auch ins eigene Tor. So eine Idee ist natürlich nicht nur im Falle von Jedvaj absoluter Tin-nef, hatte aber andererseits auch keine schwerwiegenden Konsequenzen. Eben weil jener im zweiten Spielabschnitt noch mal auf den gleichen Einfall kam. Zum Glück werden aber auch in Leverkusen zur Pause die Seiten gewechselt.

Innovativ
Durchaus bemerkenswert, mit welch mutigen Innovationen die Bundesliga zur neuen Saison aufwartet, auch wenn sich die Einführung des Freistoßsprays noch etwas zu verzögern scheint (derart technisch-komplexe und multifunktionale Gerätschaften bedürfen natürlich erst einer umfangreichen und ausführlichen Instruktion ihrer Anwender). Aber mit dem Schützenverein aus Paderborn, der ungeahnten Vorliebe für Remis und Bellarabis Frühstart hat die Liga ihren revolutionären Geist hinreichend zum Ausdruck gebracht. Da will man bei SKY natürlich nicht hinten anstehen und hat die Belegschaft statt der gewohnten edlen Krawatten auf weißem Grund jetzt mit rustikalen Holzfällerhemden ausgestattet. Der dahinterstehende Gedanke ist jedoch nur allzu offensichtlich: Der Bezahlsender wollte mit dem bodenständigen Outfit ganz bewusst einen antizyklischen Kontrapunkt zur Hochglanz-Liga der Weltmeister setzen. Unorthodox, aber durchaus nachvollziehbar. Was uns die Bundesligisten mit ihren umgestalteten Trachten sagen wollen, ist dagegen höchst rätselhaft. Das bayrische Rot-Blau kann eine Reminiszenz an den Ex-Club ihres Trainers darstellen oder eine subtile Werbemaßnahme zur Eroberung des südkoreanischen Marktes. Wolfsburgs weißes X auf grünem Grund mag eine Solidaritätsbotschaft an den ehemaligen HSV-Manager zum Ausdruck bringen („Wir sind Kreuzer“). Und Hannovers neuer Trikotsponsor („Heinz von Heiden“) könnte als leises Bekenntnis zu mittelalterlicher Lyrik verstanden werden. Man weiß es nicht. Allein Hoffenheims anthrazites Auswärtsdress lässt keine Frage offen. Schließlich kommt der Verein ja doch aus dem Kraich-Grau

Schwäbisch ist in

Trotz aller revolutionärer Ansätze, gewisse Dinge ändern sich einfach nie: Jens Keller wurde gleich zu Saisonbeginn von den Medienvertretern entlassen, darf aber trotzdem weiter arbeiten. Kevin Großkreutz kämpft nach wie vor gegen die Inkontinenz an. Und der VfB Stuttgart agiert mal wieder auf unnachahmliche Weise, eben auf Stuttg-Art. Der Verein für Beschämungsspiele lieferte trotz der Rückkehr von Messias Veh einen Saisonstart ab, wie ihn die Vereinssatzung für die Mannschaft wohl inzwischen vorsieht: Uninspiriert, lustlos, misserfolgsorientiert. Dennoch scheinen schwäbische Kräfte beim DFB nach wie vor sehr beliebt zu sein, wie die Wahl des neuen Co-Trainers belegt. Der VfB ist damit aus dem Schneider, zum Bedauern der Fans aber nicht aus dem Bobic.

Neue Perspektiven
Zu den festen Ritualen der inzwischen legendären WDR-Sendung „Zimmer frei“ zählt neben dem kultigen Bilderrätsel vor allem die sogenannte Ultimative Lobhudelei: Gute Freunde eines Prominenten singen das Hohelied auf eben diesen und empfehlen ihn mit warmen Worten für den virtuellen Einzug in die Zimmer-frei-WG. Jenes Konzept hat sich so bewährt, dass auch die Redaktion des ZDF-Sportstudios die Würdigung ihres Stargastes Thomas (das T steht für Temperament) Schaaf von Ziehsohn Ailton sprechen ließ. Was angesichts der rhetorischen Fähigkeiten des einstigen Bremer-Stürmers ein doch – nennen wir es – ambitioniertes Vorhaben ist. Für den Zuschauer bzw. -hörer die schlimmste Zumutung, seit Lothar Matthäus seine Memoiren als Hörbuch aufgezeichnet hat. Sei’s drum, Papa Schaaf schien doch irgendwie gerührt und geschüttelt, ließ sich angesichts des bevorstehenden Abschiedsspiels des wortgewandten Kugelblitzes aber nichts anmerken. Für Ailton indes tun sich nun ganz neue berufliche Perspektiven nach dem Ende der Fußballerkarriere auf: Irgendwas zwischen der Moderation von „RTL Punkt 12“ und der eines Call-In-Quizzes auf einem Sportsender sollte da schon drin sein.

Mal-Rechnung
Malheur. Malade. Malware. Malfunction. Malandielatte. Maltotaldaneben. MalaufdenKeeper. Malanda.

Und was war noch?

Unerschütterlich: Gladbachs Keeper läuft trotz herbstlicher Temperaturen in Sommer-Kleidung auf.
Vorbildlich: Effzeh beweist Halfar-Syndrom.
Schmerzhaft: Hahn im Korb – Gladbachs Neuzugang rasselt im Training mit dem eigenen Rechtsverteidiger zusammen.
Ambitioniert: Alonso – FC Bayern verpflichtet den Anfang der Marseillaise.
Neuer Geschäftszweig: Bei Bayer gibt es jetzt Schmidt-Spiele.
Haraguchi? Gesundheit!

Erschienen bei SPOX.com als Blogbeitrag in der Reihe “Liga-Lehren”.

Liga-Lehren 12/13

6. November 2012

Die Liga-Lehren reloaded, exklusiv auf SPOX.com!


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Ausgabe 2: Putenbrust statt Eisbein