Nicht mutig, aber klug
6. September 2010
Der Bundestrainer hat entschieden: Ballack bleibt Kapitän, Lahm (ver)tritt ihn. Löws Entschluss ist sicher nicht mutig, aber klug. Ballack als Kapitän auszubooten und damit faktisch seine Nationalmannschaftskarriere zu beenden, hätte nur neue Aufregung in das Umfeld des deutschen Teams gebracht. Aufregung, die man jetzt, da sich die Dinge endlich ein wenig beruhigt haben, nicht gebrauchen kann.
Es zeugt andererseits natürlich nicht von zukunftsorientiertem Denken, wenn man einen Spieler im Kapitänsamt belässt, der nach allgemeiner Wahrnehmung inzwischen weiter über den Zenit seiner Karriere hinaus ist. Michael Ballack verfügt nicht mehr über die herausragenden Qualitäten, die ihn einst zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt gemacht haben. Die Dynamik und Dominanz, die Ballack früher einmal ausgestrahlt hat, sind ihm längst nicht mehr zu eigen. Darüber hinaus besitzt er in der Nationalmannschaft auch nicht (mehr) die Anerkennung und den Respekt, die man sich für einen Kapitän eigentlich wünscht. Es ist zudem ein offenes Geheimnis, dass es innerhalb des Teams größere Vorbehalte gegenüber dem 33Jährigen gibt.
Und trotz all dieser schwerwiegenden Zweifel bleibt die Entscheidung pro Ballack gleichwohl richtig. Nicht nur weil die Bedeutung des Kapitänsamt in der Öffentlichkeit gemeinhin weit überschätzt wird. Vor allem aber weil sich das von Löw proklamierte Regel-Ausnahme-Verhältnis in der praktischen Handhabung ins Gegenteil verkehren könnte. Bei Ballacks Verletzungsanfälligkeit kann es durchaus sein, dass Philipp Lahm in den meisten Spielen die Binde überstreift. Übersetzt in Löw-Dogmatik heißt das dann: Lahm ist Kapitän und wird in dieser Aufgabe von Ballack vertreten, wenn er denn ausnahmsweise mal wieder bei der Nationalmannschaft weilt. Auch damit wird man leben können.
Sportschau reloaded
16. August 2010
An dieser Stelle werden allwöchentlich aktuelle Themen kommentiert, ohne dass dies gleich in populistische Forderungen oder aufwieglerische Unterschriftenaktionen mündet. Es genügt in aller Regel, die eigene Meinung kundzutun – die Konsequenzen kann man getrost dem Leser überlassen.
Manche Themen sind jedoch zu wichtig, als dass man sich mit einer klaren Positionierung begnügen könnte. Manche Themen fordern einen eindeutigen Aufruf geradezu heraus. So zum Beispiel, wenn es um die gesellschaftspolitisch höchstrangige Frage geht, wieso die öffentlich-rechtlichen Sender in diesen Zeiten jeglichen Mist wiederholen, die alten Sportschau-Ausgaben uns aber vorenthalten.
Überall nur Wiederholungen: Traumaschiff, In aller Feindschaft, Soko 0815 – selbst die Tagesschau von vor 20 Jahren geht tagtäglich lauwarm über den Äther. Die wahren Perlen der Fernsehunterhaltung verrotten derweil in den Archiven des WDR. Der KDW ist der Meinung: Das kann und darf so nicht bleiben und fordert: Wiederholt endlich die alten Sportschau-Ausgaben!!!
Wir wollen sie noch einmal sehen, die kultigen Reportagen von Wilfried Luchtenberg, Karlheinz Fest oder Peter Jensen. Wir wollen sie noch einmal hören, die unvergessenen Moderationen von Dieter Adler, Werner Zimmer, Heribert “Gutnabendallerseits” Faßbender, Addy Furler & Co. Noch einmal Bayer Uerdingen gegen Waldhof Mannheim aus dem Jahre 87 oder Fortuna Düsseldorf gegen Borussia Dortmund anno 79.
Also ARD/WDR, tut das, was längst überfällig ist: Zeigt uns noch einmal die alten Sportschau-Ausgaben!
Und Dich, lieber Leser, fordern wir auf, dieser wichtigen Aktion Dein Gefolgschaft nicht zu versagen. Also tritt ihr bei, der Facbook-Gruppe „Wiederholt die alten Sportschau-Sendungen!“.
Danke!
Schluss mit Kirmes
12. Juli 2010
Ich erinnere mich noch gut. Damals, vor 4 Wochen, als die WM gerade begann. Was graute es mir da vor dem Tag X, irgendwann in ferner Zukunft, da dieses Turnier zu Ende sein würde. Das große unbeschreibliche Nichts, die absolute Leere, der tiefe Fall ins Bodenlose. Aber wie das nun mal so ist mit den quälenden ängsten des Lebens – sie sind selbst zumeist sehr viel schlimmer als das, wovor wir uns eigentlich fürchten. Denn jetzt, so unmittelbar vor Ende dieser WM, sehe ich das alles viel entspannter. Von Angst kann keine Rede mehr sein. Um ehrlich zu sein, bin ich regelrecht froh, wenn endlich Schluss ist mit dem ganzen Spektakel. Mit übersättigung hat das aber nichts zu tun. Von mir aus könnten die in den nächsten sechs Wochen noch mal locker flockig die Plätze 5 bis 32 ausspielen, und zwar in vier 7er Gruppen. Damit ich auch jeden Tag auf meine benötigte Fuppes-Dosis komme. Hauptsache viel und hin und her. Allemal besser als diese menschenrechtswidrigen Testspielkicks auf dem Quizspiel-Sender. Nein, WM-Fußball an sich ist schon eine feine Sache. Wenn da nicht dieser ganze Hokuspokus drumrum wäre. WM ist doch nur noch Kirmes. Bunt, grell, laut und alle feiern mit. Stichwort Puiblic Viewing…
Public Viewing ist wie Deutsche Einheit – nur in fröhlich. Finde ich ja eigentlich ganz hübsch. So ein großes lautes Miteinander. Kriegen wir Deutschen ja sonst nicht hin. Und macht ja auch Spaß. Aber seit letztem Mittwoch habe ich die Nase voll, Public Viewing-Grippe Stufe 4. Fängt ja schon damit an, dass man gefühlte acht Stunden vor Anpfiff da sein muss, um noch einen einigermaßen passablen Platz zu kriegen. Ja, ich will die Leinwand sehen. Ich will sogar sowas vom Spiel mitkriegen. Ich weiß, unter echten Public Viewing-Fans ist das verpönt: Spiel anschauen. Aber egal, da bin ich konservativ.
Letzten Mittwoch traf ich also irgendwann am Nachmittag an der Siegburger Fanmeile ein (nennt man jetzt wohl so) und wurde direkt von dem DJ in Empfang genommen. So ein blöd grinsender Schnösel, Mitte 20, der außerhalb einer WM mit Fußball gar nichts zu tun hat (während einer WM genau genommen ja auch nicht) und der Ralf Rangnick wahrscheinlich für eine Happy-Hippo-Figur hält. Ja und dieses Scheinimitat eines Fußballfans wollte mir dann klarmachen, dass “unsere Deutschen” an diesem Tag natürlich gewinnen würden. Weil sie die Besten wären und weil die Spanier ja mal gar nichts können. Und diesen Sieg würde man nach dem Match mit einer großen Party feiern, auf die man sich ja jetzt schon mal einstimmen müsse. Und dann legte er los – vor allem aber auf. Eine Ballermann-Platte nach der anderen (Platte trifft’s hier übrigens ganz gut). Von Mickie Krause über Olaf Henning bis zur Hermes House Band – der komplette Soundtrack des Grauens. All diese promillegeschwängerten Shalalala-Remixe, die eiligst auf WM-Niveau runtergetextet wurden. Traum von Südafrika – Blatter, lass Hirn vom Himmel regnen.
So ging das also. Zweieinhalbstunden Mallorca-Mucke. Und auf der Leinwand, die ich dank meines rechtzeitig gesicherten Platzes ja zufälligerweise einsehen konnte, lief zeitgleich ein Rückblick auf die zweifellos beste und geilste Weltmeisterschaft aller Zeiten. WM ‘90 in Italien, mit allen Highlights von Rijkaards Lama-Attentat bis zum Spaziergang des einsamen Kaisers. Wunderbar – nur ohne Ton, weil DJ Proll lieber seinen Oberbayern-Mix zum Besten geben wollte. Irgendwann hatte das Elend dann aber ein Ende. Eine Viertelstunde vor Spielbeginn erbarmte man sich und gönnte uns den Fernsehton. Noch nie zuvor hatte ich Delles und Günnes Geschwafel so wohltuend wahrgenommen wie in diesem Augenblick – im Gegensatz zu Nik P. und Jürgen Milski sind Statler & Waldorf von der ARD ja die reinste Erholung.
Aber natürlich war das Grauen noch nicht zu Ende. Und damit meine ich natürlich nicht den eher unansehnlichen Auftritt der deutschen Truppe. Unser ambitionierter DJ hatte sein Pulver nämlich noch längst nicht verschossen, er hatte noch ein paar stimmungsträchtige Asse im ärmel. Denn als das mit dem Spiel der Deutschen (genau: die, die an diesem Tag ja auf jeden Fall gewinnen würden) mehr so suboptimal lief, griff der einfallsreiche Stimmungsmacher auf einen ganz besonders gewieften Trick zurück. Eine Maßnahme, mit der so niemand gerechnet hatte und die die Spanier bestimmt in Angst und Schrecken versetzen würden. DJ Trickreich also fuhr den Fernsehton runter, packte sein Mikrofon und holte aus zum entscheidenden Schlag “Auf geht’s Deutschland, schieß ein Tor, schieß ein Tooooooooor…”. Dieses Prozedere wiederholte sich mehrfach – nämlich stets dann, wenn die deutsche Mannschaft nach minutenlangen spanischen Powerplay dazu angesetzt hatte, selbst wieder die Mittellinie zu überqueren “Auf geht’s, Deutschland schieß ein Tor…” Und tatsächlich, ein paar gut betankte Vollpfosten ließen sich animieren und stimmten mit ein. Zur allgemeinen überraschung nützte das nichts. Deutschland schoß kein Tor. Spanien allerdings schon. Was dann zu dem auch für unseren Teilzeitfußballfreund vom DJ Pult unübersehbaren Ergebnis führte, dass wir dann wohl doch irgendwie verloren hatten. Obwohl wir die Besten sind. Und obwohl die Spanier ja mal gar nichts können. Die Party fiel also aus. Und das spendete mir in dem Moment der Niederlage doch ein wenig Trost. Für unsere ganzen Schönwetterfans war jetzt erstmal Essig mit “Schland oh Schland”. Die ganzen kreieschenden Girlies, die sich vor Spielbeginn aus lauter Aufregung die Fingernägel lackiert hatten, konnten sich jetzt also wieder ihrer eigentlichen Lieblingsbeschäftigung zuwenden: Vodka Red Bull.
Ja, als Deutschland ausschied, das war bitter. Aber die Bitterkeit des Augenblicks wurde versüßt durch die Erkenntnis, dass der Fußball jetzt endlich wieder denen gehören würde, die ihn wirklich lieben. Nicht den grölenden Mainstream-Jublern, die WM “total super” finden und ihren Gemeinschaftssinn mit schwarz-rot-goldener Maskerade zur Schau spielen. Sondern den leiderprobten Fans, die sich Woche für Woche durch den schmerzhaften Bundesligaalltag quälen, mal jubeln, mal leiden, aber immer ganz nah dran sind. Denen gehört der Fußball.
Irgendwie ist das mit der WM also wie mit der eigenen Freundin. Anfänglich findet man das ja ganz toll, wenn die eigene Perle von den Freunden mit schwärmerisch-neidischem Blick begutachtet wird. Irgendwann ist aber auch mal gut. Da will man die Freundin dann wieder für sich haben. Mit dem Fußball ist das nicht anders. Da freut man sich auch, wenn sich die anderen dafür begeistern können. Doch irgendwann will man den Fußball wieder für sich haben. In dem Sinne: So schwer einem der Abschied von der WM fällt – es ist irgendwie auch besser so.