Der panische Reflex
23. August 2010
Datenschutz ist eine gute Sache. Er beugt dem Missbrauch persönlicher Daten vor und bildet damit einen Eckpfeiler der Grundfreiheiten in unserer Gesellschaft. Ohne Datenschutz wäre das Gespenst des Überwachungsstaates eine reale Gestalt. Deshalb ist es richtig, dass die Belange des Datenschutzes in allen relevanten Gesetzgebungsvorhaben Berücksichtigung finden. Es ist richtig, dass dem Datenschutz als Teil des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung Verfassungsrang zukommt. Und es ist richtig, dass wir uns einen Bundesbeauftragten für Datenschutz leisten, der immer dann mahnend die Stimme erhebt, wenn der Staat sich daran begibt, die Privatsphäre des Einzelnen auszuforschen.
Datenschutz ist aber auch ein Standargument, auf das nur allzu gerne zurückgegriffen wird. Ein Argument als Zeichen einer latenten Hysterie, die vorhandene Ängste bestärkt und zusätzliche Panik schürt. Wann immer staatliche Eingriffe auch nur diskutiert werden, wird reflexartig auf den Datenschutz verwiesen– ganz gleich, ob es im jeweiligen Fall nicht doch vielleicht gute Gründe gibt, die Freiheitssphäre ein wenig zu lockern. Selbst vermeintlich unbedeutende Maßnahmen wie der sog. Nacktscanner werden unter dem argumentativen Mantel des Datenschutzes getreu dem Motto „Wehret den Anfängen“ verdammt. Dass dies zu einer gerade im Hinblick auf die innere Sicherheit bedenklichen Schwerfälligkeit unseres Systems hinausläuft, wird dabei gerne ignoriert.
Es verwundert daher nicht, dass die Ankündigung von Google, den Dienst “Street View” noch in diesem Jahr in Deutschland anzubieten, scharfen Widerspruch ausgelöst hat. Widerspruch, der natürlich mit Aspekten des Datenschutzes begründet wird. Denn die im Internet verfügbaren Bilder der Häuserfronten seien ein nicht akzeptabler Eingriff in die Freiheitssphäre der Betroffenen. Und ja, das kann man so sehen. Man mag Street View für seine Geheimdienstmethoden verurteilen, wenn einem die Widerspruchsmöglichkeit in der bis jetzt gedachten Form nicht ausreicht.
Man kann es aber auch anders sehen, nämlich wesentlich entspannter. Man muss nicht gleich Schreckensszenarien heraufbeschwören und davon ausgehen, dass sich demnächst im Sekundentakt Handwerker zwecks Fassadenerneuerung melden. Man muss nicht gleich an die Einbrecher denken, die sich im Internet nach Einstiegsmöglichkeiten in interessanten Immobilien erkundigen. Man kann sich der allgemeinen Panikmache auch einfach verschließen und der Vorteile des neuen Google-Dienstes widmen, ohne deshalb gleich der Naivität zu verfallen. Street View wird neue fantastische Einblicke in unsere Welt gewähren und somit eine ganz neue, alsbald unverzichtbare Informationsquelle darstellen. Eine weitere technische Revolution, die irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird.
Irgendwie ist es also der wohl auch so urdeutsche panische Reflex, in allem Neuen erst einmal das Schlechte zu sehen. Ob Postleitzahlen, Euro-Umstellung oder jetzt Street View – alles ist zunächst einmal gefährlich – so gefährlich, dass man es bekämpfen muss. Die möglichen Vorteile werden dabei aus Prinzip nicht zur Kenntnis genommen.
Street View ist deshalb nicht unbedenklich und muss differenziert betrachtet werden. Dennoch würde man sich etwas mehr Gelassenheit wünschen. Gelassenheit, die der reflexartige Hinweis auf den Datenschutz aber nicht mehr zulässt.
Nichts als die Wahrheit
2. August 2010
Die Wahrheit ist eine komplizierte Sache. Keiner kennt sie, aber jeder nimmt sie für sich in Anspruch. Mit der Wahrheit ist es mitunter so kompliziert, dass sich um ihrer Ermittlung willen ganze Berufszweige gebildet haben: Philosophen, Physiker, Historiker, Pfarrer, Richter – allen geht es – mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit – darum, die Wirklichkeit zu erkennen und offen zu legen, so es eine solche denn überhaupt gibt.
Im letztgenannten Falle ist die Lage besonders vertrackt. Denn nicht nur dass die Wahrheit für sich schon ein recht komplexes Ding ist, ist der Richter doch zumeist mit zwei sich diametral widersprechenden Darstellungen konfrontiert, die aber eben doch eines für sich reklamieren: die Wahrheit. Befinden wir uns in einem Strafprozess, geht es also um die mystische Frage der Schuld, so gerät die Wahrheitsfindung zum psychologischen Kammerspiel: Ist der Angeklagte ein kaltblütiger Lügner oder ein bedauernswerter Unschuldiger? War es oder war er es nicht?
So oder so ähnlich lässt sich, stark verkürzt und auf Hollywood-Dramaturgie herunter gebrochen, die Faszination eines Strafprozesses erklären. Die Allgemeinheit erreicht sie gleichwohl nur, wenn es der Anklagegegenstand oder die Person des Angeklagten hergibt. Die Frage, ob Täter oder nicht, ist für die Öffentlichkeit so lange unbedeutend, als das vermeintliche Geschehen unspektakulär und der mögliche Täter nicht prominent sind.
Wird jedoch dem Mann, der uns tagtäglich im Fernsehen Niederschlagsmengen und Sonneneinstrahlung prognostiziert, vorgeworfen, die eigene Freundin brutal vergewaltigt zu haben, ist sie plötzlich allgegenwärtig: Die Faszination der Wahrheitsfindung. Jeder möchte gerne wissen, ob der angeblich so harmlose TV-Meteorologe in Wirklichkeit vielleicht ein fieser Vergewaltiger ist. Und weil das allgemeine Interesse an der Wahrheit im Fall Kachelmann so überwältigend groß ist, stimmen die Medien mit ein und suchen – nach der Wahrheit. Und zwar mit allen Mitteln, die dem modernen Boulevard-Journalismus so zur Verfügung stehen, vom leidenschaftlichen Fischen im Trüben bis zum impertinenten Waschen schmutziger Wäsche. Alles mit dem immer gleichen Ergebnis: Er könnte es getan haben, muss es aber nicht. Denn er könnte genauso gut auch unschuldig sein.
Wenn also schon die Journaille nicht in der Lage ist, die Frage nach der Kachelmann‘schen Schuld abschließend zu beantworten, so aber doch vielleicht der einfache Bürger. Vielleicht wissen es ich und du einfach besser. Warum auch nicht? Wir waren ja nicht dabei. Also müssen wir es ja wissen. Nach diesem Grundsatz absurder Scheinlogik melden sich in diesen Tagen die Hinz und Kunz dieser Republik multimedial zu Wort und geben ihre höchst persönliche Einschätzung zum Fall Kachelmann ab. Die einen wollen es immer schon geahnt haben, dass hinter dem harmlos grinsenden Schweizer in Wirklichkeit ein übler Hallodri mit ungezügeltem Sexualtrieb steckt. Die anderen sehen im prominenten Wetterfrosch das Opfer einer perfiden Medienkampagne und fordern seine vorbehaltlose Freilassung.
Dabei ist bislang nur eines sicher: Dass gar nichts sicher ist. Weder Richter noch Medien und schon gar nicht die Schwätzer der breiten Masse wissen, was wirklich geschehen ist. Die einzig richtige Reaktionen lautet daher: Schweigen und darauf hoffen, dass es zu einem fairen Verfahren kommt, an dessen Ende die Wahrheit steht. Nur darum geht es, um nicht mehr und nicht weniger.
Alles gut oder was?
19. Juli 2010
Begrüßungsformeln sind bloße Floskeln, instinktiv abgespulte Phrasen ohne messbaren Aussagegehalt. Wer einen Freund mit dem obligatorischen „Wie geht’s?“ begrüßt, erwartet zumeist keine umfassende Auskunft über dessen Befindlichkeit. Und selbst der Rückgriff auf ausgefallenere Fragekonstrukte wie „Was macht die Kunst?“ oder „Wie ist die Lage?“ ist in der Regel nicht dazu gedacht, eine tiefschürfende Unterhaltung über das allgemeine Wohlbefinden einzuleiten. Dies gilt so übrigens nicht nur in Köln, wo der klassische Mini-Dialog „Wie isset? – Joot!“ schon zum sprachlichen Kulturgut gehört, sondern ist gesicherte Erkenntnis für den gesamten Sprachraum, womöglich auch weit darüber hinaus. Einen anderen Menschen nach seinem Zustand zu befragen, ist demnach reine Höflichkeit unter Vortäuschung emotionaler Anteilnahme.
Nicht anders verhält es sich da mit der neuen Begrüßungsformel, die zwar ein wenig Abwechslung in den Platitüden-Kanon bringt, am Ende aber genauso oberflächlich floskelhaft bleibt wie seine althergebrachten Vorbilder. Neuerdings schickt es sich nämlich, Kollegen, Kumpel und Freundin mit einem samtweichen „Alles gut?!“ in Empfang zu nehmen. Ob beim Gegenüber dann wirklich alles so gut oder nicht doch vielleicht doch alles eher ungut ist, spielt in dem Moment keine Rolle. Das Gespräch wurde vorschriftsgemäß in Gang gesetzt, der Small Talk kann weitergehen.
Jenes lässig-süße „Alles gut?!“ mit seiner geradezu verdächtigen Ähnlichkeit zum englischen „Everything’s fine?“ scheint aber wohl auch Ausdruck einer allgegenwärtigen Sehnsucht nach Harmonie zu sein: Lasst uns doch so tun, als wäre alles gut, auch wenn tatsächlich alles ziemlich scheiße ist. Ja, es war wohl der kindliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach dem Guten, dem sich das Schlechte gefälligst unterzuordnen habe, der bei der Geburt des „Alles gut?!“-Wahns Pate stand. Frei nach dem Motto: Wenn überall nur schwarz gemalt wird, darf man doch ein wenig rosarot sehen. Alles gut? Und ob!
Bleibt die Frage, ob das alles wirklich so gut ist, wie es klingt. Mit neusprachlichen Entwicklungen ist es ja wie mit so vielem im Leben: Es ist reine Geschmacksache. Vergegenwärtigt man sich hingegen, dass Nina Ruge, die dauerlächelnde Boulevard-Voyeurin vom ZDF eben diese Entwicklung vorhergesagt hat, hält sich die Begeisterung über den modesprachlichen Trend doch eher in Grenzen. Oder sagte sie nicht schon damals immer: „Alles wird gut!“. In dem Sinne: Alles gut? Gar nichts ist gut. Und es steht zu befürchten, dass die „Alles gut?!-Welle in den kommenden Monaten weiter über Deutschland hereinschwappen wird. Und das ist alles andere als gut.