Die Fernsehunterhaltung wird immer einfallsloser und flacher. Doch manchmal verstecken sich hinter unscheinbar klingenden Sendungstiteln echte Perlen anspruchsvollen TV-Programms.

So geschehen an den Ostertagen. Da präsentierte der NDR im Rahmen seiner Reihe „Hitlisten des Nordens“ in einem zweiteiligen Special „Die größten Skandale der Republik“. Was nach populistischer und sensationslüsterner Zurschaustellung klang, entpuppte sich als höchst informativer und unterhaltsamer Abriss deutscher Nachkriegsgeschichte. Der NDR rief dem Zuschauer in rund 120 Minuten die markantesten und bewegendsten Skandale in Erinnerung, die die deutsche Nachkriegsrepublik entscheidend geprägt und zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Ob Spiegel- oder Barschel-Affäre, ob Flick, Schill, Friedman oder Daum, ob Gladbeck oder Bad Kleinen – all das, was die deutschen Gemüter in den vergangenen 57 Jahren erregt hat, wurde aufgearbeitet. Und zwar weder reißerisch noch tendenziell, sondern journalistisch sauber, objektiv und unaufgeregt. Nicht nur die Verfehlungen der Politik, sondern auch die Rolle der Medien wurden kritisch beleuchtet und in Frage gestellt. Dazu trugen nicht zuletzt die fachkundigen und zuweilen selbstkritischen Kommentare anerkannter Journalisten wie Hans Leyendecker oder Michael Jürgs bei.

Unter den 40 illustrierten Skandalen der Republik befanden sich auch einige fasst vergessen geglaubte Eklats, die doch für die Entwicklung Deutschland nach dem 2. Weltkrieg von großer Tragweite waren. Das vermeintliche Überlaufen des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Otto John (1954), die unbeholfene „Kristallnacht-Rede“ des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger (1988) oder das Celler Loch (1978) – allesamt Skandale, die – auch wenn sie nicht mehr in aller Munde sind – die Nachkriegsrepublik entscheidend beeinflusst haben.

Gerade deshalb taugt die NDR-Sendung nicht nur als unterhaltsame Geschichtsstunde an Ostern. Sie könnte problemlos auch im Schulunterricht eingesetzt werden, um manch ahnungslosem Schüler zu zeigen, warum das Land, in dem er lebt, so ist, wie es ist.

„Die größten Skandale der Republik“, ein TV-Highlight in einem sonst so höhepunktarmen Programm.

Die Ein-Mann-Partei

17. April 2006

Nach Matthias Platzecks gesundheitlichem Rückzug steht die SPD mehr denn je als Ein-Mann-Partei da. Denn außer Kurt Beck als dem neuen starken Mann sind in den sozialdemokratischen Reihen weit und breit keine Führungskräfte auszumachen. Müntefering wurde vertrieben, den beiden Steins, Brück und Meier, fehlen Stallgeruch und Hausmacht und den übrigen sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder mangelt es an Autorität und Ausstrahlung. Und auch bei den jungen SPD-Nachwuchskräften wird man auf der Suche nach Führungspotential nicht fündig. Generalsekretär Hubertus Heil ist in den ersten Monaten seiner Amtszeit erschreckend blass geblieben. Die meisten Landesvorsitzenden, ob sie nun Duin, Matschie oder Möller heißen, kennen nur die wenigsten. Und JuSo-Kräfte wie Annen oder Böhning sind noch nicht so weit und passen überdies nur kaum in das derzeitige Bild der Sozialdemokratie.

Der Mangel an Führungskräften kann sich nach dem Ende der Ära Beck zu einem Problem entwickeln, wenn die SPD plötzlich ohne Kapitän dasteht. Aber auch heute schon birgt die Personalarmut ihre Gefahren für die Sozialdemokraten. Gerade in den Ländern, die derzeit überwiegend unionsregiert sind, bräuchte die SPD charismatische Figuren, um verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und bei Wahlen wieder siegreich zu sein. Doch die Perspektive ist augenblicklich denkbar schlecht.
Bundespolitisch ist die Lage hingegen anders. Denn wie die Vergangenheit bewiesen hat, kann die Fokussierung auf eine Person im Wahlkampf durchaus vorteilhaft sein. Der beliebte und volksnahe Kurt Beck könnte als Spitzenkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 2009 jenseits aller programmatischen Vorgaben das Zugpferd seiner Partei sein. Und vielleicht heißt es dann angesichts eines dem Spitzenkandidaten zu verdankenden Wahlerfolges: We Are Beck!

Trotz alledem: Die SPD sollte alles daran setzen, den Status der Ein-Mann-Partei baldmöglichst abzuschütteln.

Der Konkurrent

10. April 2006

Versetzen Sie sich in folgende Lage:

Sie sind einem deutschen Großunternehmen in hoher Position beschäftigt. Im Hinblick auf ein internationales Projekt, dessen Verlauf für das Unternehmen und das Land von entscheidender Bedeutung ist, steht die Besetzung einer Führungsposition zur Debatte. Der Chef erklärt, dass Ihnen die Chance eingeräumt wird, sich gegen den bisherigen Inhaber des Postens zu beweisen. Wenn Sie sich durch Fleiß und Leistung auszeichnen, haben Sie eine reelle Chance, Ihrem Kollegen die Aufgabe abzunehmen. Ihr Kollege, der stets von sich und seine Fähigkeiten überzeugt ist und sich in der Vergangenheit um das Unternehmen verdient gemacht hat, lässt keinen Zweifel daran, dass nur er die Aufgabe ausführen werde. Trotz seiner zuweilen etwas unzugänglichen Art wird ihm von zahlreichen einflussreichen Aufsichtsratmitgliedern der Rücken gestärkt. Sie selbst verfügen über keine derartige Lobby im Unternehmen, weil sie in der Regel mit Auslandsaufgaben betraut sind. In der Folgezeit nun sehen Sie, wie Ihr Kollege sich bei seiner Arbeit des öfteren schwere Fehler leistet. Fehler, die selbst ein Berufsanfänger nicht machen dürfte. Leichtfertige Ausrutscher, Flüchtigkeitsfehler, Fauxpas, die in so einer verantwortungsvollen Aufgabe kaum verzeihlich sind. Sie selbst gehen Ihrer Aufgabe gewissenhaft nach, leisten sich nur selten Fehler und haben – im Gegensatz – zu Ihrem Konkurrenten sogar die Möglichkeit, Ihre Fähigkeiten bei international anerkannten Projekten unter Beweis zu stellen. Ihr Kontrahent dagegen scheitert jedoch schon bei einfachsten Büroarbeiten, wird aber stets vom Aufsichtsrat protegiert. Daran ändert sich auch nichts, als er häufiger gar nicht zur Arbeit erscheint oder schon früh krankheitsbedingt seinen Arbeitsplatz verlässt. Zuletzt verließ ihr Kollege nach einem Vormittag voller haarsträubender Fehler in der Mittagspause sein Büro, angeblich erneut aus Krankheitsgründen. Derweil verrichten Sie gewohnt zuverlässig und fehlerlos ihre Aufgabe. Von krankheitsbedingter Abwesenheit kann bei Ihnen genauso wenig wie von schwerwiegenden Pflichtverletzungen die Rede sein. Im Gegenteil, Sie arbeiten makellos und können ihre Kompetenzen weiterhin bei weltweit bekannten Kongressen vorzeigen.
Und all dies bewirkt bei Ihnen die verständliche Hoffnung, dass Sie es sein werden, der bei dem internationalen Großprojekt mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut wird. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, der Firmenchef kommt einen Monat vor dem Projekt zu Ihnen und erklärt Ihnen, dass Sie doch nicht an erster Stelle arbeiten werden, aber ggf. gebraucht würden, wenn der Konkurrent abermals aus Krankheitsgründen seinen Arbeitsplatz räumen muss.

Wie würden Sie sich dann fühlen? Wenn Sie sich das in etwa ausmalen können, dann können Sie auch nachempfinden, wie sich Jens Lehmann gefühlt hätte, wenn Jürgen Klinsmann sich für Oliver Kahn als Nummer 1 im deutschen Tor entschieden hätte. Zum Glück kam es nun anders…