No-Go für Togo

29. Mai 2006

Für den euphorischen Fußball-Fan mag es eine Selbstverständlichkeit sein: Werbung, Musikindustrie, Fernsehen, alle haben sie das Fußballgroßereignis Weltmeisterschaft für sich entdeckt. Ob man die Programmzeitschrift durchblättert, einen Blick in die Single-Charts wirft oder einfach durch den Supermarkt schlendert, es wimmelt nur so vor WM.
Kaum verwunderlich ist es da, dass auch die deutsche Politik ihre Debatten nur noch im Lichte der Weltmeisterschaft führt. So konnte man in der Vergangenheit den Eindruck gewinnen, das Thema „innere Sicherheit“ habe in Deutschland nur vom 9. Juni bis zum 9. Juli Bedeutung.

Nunmehr wird auch die neuerliche Rassismus-Debatte auf die Fußball-Weltmeisterschaft projiziert. Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye riet in einem Radio-Interview WM-Besuchern mit dunkler Hautfarbe dazu, bestimmte Bereiche Brandenburgs zu meiden, da sie diese möglicherweise nicht leben verlassen könnten. Natürlich kann man sich fragen, welche WM-Touristen ausgerechnet die unromantischsten Ecken Brandenburgs besichtigen wollen. Vor allem aber wird man überlegen müssen, ob man den Menschen, die nach Deutschland kommen, ohne sich hier Fußballspiele anschauen zu wollen – ja so etwas gibt es! – nicht auch eine solche Reisewarnung mitgeben muss.

Der Hang der deutschen Öffentlichkeit, alle Themen mit der anstehenden Weltmeisterschaft zu verquicken, ist nicht nur nervend, sondern auch falsch und gefährlich. Denn die Defizite unseres Landes sind eben keine reinen WM-Probleme. Das Gegenteil vorzutäuschen, ist insbesondere bei der Rassismus-Problematik fatal. Mit der abschwellenden WM-Begeisterung Mitte Juli könnte nämlich so das Thema „Gewalt gegen Ausländer“ aus dem Fokus der öffentlichen Debatte geraten. Eine haarsträubende Fehlentwicklung!

Abgesehen von seinem irreführenden WM-Bezug hat Heye in der Sache jedoch Recht: Es gibt in Deutschland Gegenden, in die sich Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht begeben können, ohne in die Gefahr gewaltsamer rassistischer Angriffe zu geraten. Dies gilt vor allem für bestimmte Bereiche Brandenburgs, aber eben nicht nur hierfür.

Dass die Äußerung des ehemaligen Regierungssprechers zum Teil auf starken Protest stieß, hängt schlicht damit zusammen, dass schmerzliche Selbsterkenntnisse ein langwieriger Prozess sind, der in der Regel mit Leugnen beginnt. Dabei wäre es an der Zeit sich einzugestehen, dass No-Go-Areas in Deutschland inzwischen traurige Wirklichkeit sind.

…gaben Klinsi, Jogi und Olli in Berlin die Namen der 23 Akteure bekannt, die während der Fußball-Weltmeisterschaft die deutschen Hoffnungen in ihren Beinen tragen.

Das Echo auf die überraschenden Nominierungen war erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. Der KDW hat die wichtigsten Reaktionen nachgezeichnet.

Blickpunkt Frankfurt, Firma Ferrero, Abteilung Brotaufstriche, Marketing-Büro: Ratlose Gesichter bei den Werbeexperten. Nach fünffachem Abspulen des bei der Pressekonferenz gezeigten Kader-Präsentantionsfilmes und zehnfachem Aktualisieren der DFB-Internetseite mit dem WM-Kader hört man die immergleiche Frage: „Wo sind sie?“ Denn aus dem vierköpfigen Nuss-Nugat-Frühstücksclub hat nur ein einziger den Sprung in Klinsis Kicker-Kader geschafft: Bei dem schokoladenverschmierten Spätaufsteher und dem countrysingenden Schwaben-Cowboy hatte man es ja schon befürchtet. Aber der psychotische Pseudo-Ball-Virtuose? Dass hätte man nun wirklich nicht gedacht.
Doch Wut und Unverständnis legen sich bald. Denn man hat rasch erkannt, dass ja jetzt immerhin der schnelle Dortmunder mit dem komischen Namen dabei ist. Und den kann man problemlos an den Fachbereich Kakao und Milchmischgetränke weitergeben.

Blickpunkt Gelsenkirchen-Buer, Wohnzimmer von Horst und Uschi Kowalek:
Die eingefleischten Schalke-Fans sind außer sich. Uschi sitzt weinend in der Ecke, Horst flucht: „Dat is aber jetzt nich wa. Dat gibbet doch nich. Die Zecke nehmense mit, un unser Kevin un et Ernst müssen zu Hause bleiben. Wat hammse dem Klinsmann nur von et Borussia wieder bezahlt. Komm Uschi, wir fliegen nach Mallorca. Dat muss ich mir nich geben. Ich hab dat satt mit dem seine Verarsche!“

Blickpunkt Berlin-Charlottenburg, Badezimmer des Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner: Deutschlands bekanntester Briefeschreiber ist gerade aufgestanden und hat sich soeben in die Badewanne begeben. Zuvor hat er sein Radiogerät eingeschaltet, um die wichtigsten Informationen aus aller Welt zu Ohr zu bekommen, die in seine tägliche Kolumne einfließen könnten. Der Gossen-Geothe vernimmt aufgrund seines infantilen Geplansches nur Bruchstücke der Kader-Nominierungsreportage. Immerhin weiß er aber, dass ein gewisser Odonkor plötzlich mit dabei ist, während der stets schlecht gelaunte Halbdeutsche mit dem akkuraten Bärtchen zu Hause bleiben muss. Ein – selten gewordener – Geistesblitz erreicht den wortgewaltigen Bild-Kolumnisten und er formuliert bereits im Geiste: „Lieber Jürgen Klinsmann. Sie sind der fleischgewordene Hoffnungsträger unserer Nation, der Matthäus-Messias des 21. Jahrhunderts, der unbestechliche Heilsbringer für ein dahinsiechendes Land. Sie haben dort angepackt, wo andere die Arbeit haben liegen lassen. Sie haben gekämpft gegen Windmühlen der Unverbesserlichen und Unbelehrbaren. Sie haben uns glauben lassen, wir sind wieder wer. Und nun offenbaren sie zwei Jahre scheinbar fleißigen Schaffens als Schmierenkomödie ohne Anstand. Sie haben uns verraten, verkauft – Sie sind der Judas des deutschen Fußballs. Wir wollen Sie nicht mehr sehen, fliegen Sie zurück nach Kalifoniern. Herzlichst Ihr Franz-Josef Wagner!“. Zufrieden ob seiner geistigen Ergüsse begibt sich Wagner zu seinem Laptop um diese zu verewigen und stellt fest, dass all seine Gedanken bereits alkoholbedingter Amnesie zum Opfer gefallen sind.

Blickpunkt Deutschland, überall: Achselzucken, ungläubiges Staunen. Klinsmann hat wieder mal alle überrascht. Vertrauen und Skepsis halten sich die Waage. Doch eines wissen alle: Der Bundestrainer hat Mut. Mut, der leicht als Übermut bezeichnet werden wird, wenn das Projekt WM 06 scheiten sollte.

Die Analysen klingt wie die immer wiederkehrenden Klagen der älteren Generation bei dem Blick auf die Nachfahren: „Früher war alles besser“, „Die Jugend von heute ist nicht mehr das, was wir einst waren“! Und in der Tat unterscheiden sich die jungen Menschen des 21. Jahrhunderts erheblich von denen, die früher jung waren. Was jedoch kaum erstaunlich ist, insbesondere bei Berücksichtigung des gesellschaftlichen und technischen Wandels. Ob die Veränderungen, die sich in den Fragen des Benehmens, der Lebensperspektiven und der sozialen Haltung zeigen, positiv oder negativ zu bewerten sind, mag man kontrovers diskutieren. Wahrscheinlich aber ist beides richtig.

Der technische Fortschritt samt Globalisierung und Vernetzung trägt dazu bei, dass die jungen Menschen in aller Regel offener sind gegenüber den verschiedenen Kulturen dieser Welt und ohne große Vorbehalte aufeinander zu gehen. Gleichwohl fördert unsere Mediengesellschaft auch die Oberflächlichkeiten in uns allen. Und gerade bei jungen Menschen, die Werte erst lernen müssen, hat dies zur Folge, dass Äußerlichkeiten allzu hohen Rang genießen. Dies fängt bei der Playstation an und hört bei Markenklamotten auf. Das Dilemma dieser Entwicklung liegt nun darin, dass diejenigen, die bei dem Wettbewerb der Äußerlichkeiten nicht erfolgreich mitmachen wollen oder können, auf der Strecke bleiben und – besonders in sozialen Brennpunkten – nur schwer zu integrieren sind. Eine Fehlentwicklung, die seit langem schon bekannt ist, aber bislang nicht erfolgreich bekämpft wurde.

Angeregt durch die neuesten Schreckensmeldungen von deutschen Hauptschulen hat erneut eine Debatte über die Einführung von Schuluniformen eingesetzt. Denn wenn alle Schüler einer Schule gleiche oder jedenfalls ähnliche Kleidung tragen, fällt der Markenklamotten-Aspekt als Integrationsfaktor weg. Was einfach klingt, funktioniert auch einfach. Dies zeigen jedenfalls Ergebnisse einiger Modellprojekte. Natürlich kann durch einheitliche Kleidung nicht das Integrationsproblem plötzlich gelöst werden, es ist aber ein erster aussichtsreicher Schritt auf einem beschwerlichen Weg. Und wenn man sich wirklich der Problematik annehmen will, ist es Zeit zu handeln. Doch steht zu befürchten, dass die Einführung von Schuluniformen an organisatorischen und finanziellen Aspekten scheitern wird.

Schade, denn einen Versuch wäre es wert.