Eine Fußball-WM bedeutet Knochenarbeit. Dies gilt nicht nur für die kickenden Akteure, die – zumeist unter den Augen des durch Deutschland gebeamten OK-Chefs – ihr oftmals schmerzhaftes Tagwerk verrichten. Nein, besonders hart hat es die Journalisten erwischt.

Da wären zum einen die TV-Moderatoren Delling, Kerner & Co., denen die undankbare Aufgabe zufällt, großzügigst bemessene Sendezeit mit Analysen langweiligst vorgetragener Vorrunden-Begegnungen zu füllen. Nicht besser erwischt hat es die Herren Kommentatoren, die zu eben jenen Partien möglichst geistreiche Anmerkungen abgeben sollen.

Am schlimmsten dran sind aber, glaubt man ihren eigenen Wehklagen, die schreibenden Redakteure. Besonders dramatisch ist die Lage bei denjenigen, die unmenschlicherweise die Berichterstattung im Fernsehen pflichtgemäß verfolgen, um sie dann Tags darauf auseinander zu nehmen. Der durchschnittliche Arbeitnehmer mag sie ob ihrer scheinbar komfortablen Pflichten beneiden. Denn Fernsehen schauen, rummäkeln und dafür auch Geld kassieren, das scheint der Idealvorstellung von einem Traumjob schon recht nahe zu kommen. Doch weit gefehlt – zumindest wenn man nach den Erfahrungsberichten dieser TV-Kritiker geht. Schenkt man nämlich den Kolumnen der großen Tageszeitungen von München, Frankfurt und Köln Glauben, so grenzt das stundenlange Konsumieren der WM-Berichterstattung an Körperverletzung. Vokabeln wie „unerträglich“, „nervtötend“ oder „grausam“ erfahren einen inflationären Gebrauch.

Es scheint, als sei diese WM der richtige Anlass für die schreibenden Journalisten, um ihre Kollegen von der Mattschreibe mal richtig schön in die Pfanne zu hauen. Dabei ist die Kritik an den Moderatoren und Kommentatoren so herrlich einfach. Denn dieser Job steht dem des Bundestrainers in puncto Undankbarkeit in nichts nach: Jeder Fußballexperte auf dem Sofa oder in der Kneipe weiß genauso gut, nein, weiß besser, was man wann wie zum Spiel zu sagen hat. Darum macht sich der, der die am Mikrofon in den Fokus seiner Fundamentalkritik setzt, in aller Regel nur Freunde. Ganz einfach, spielerisch, doch nach eigenem Bekenntnis nur unter seelischen und körperlichen Qualen.

In der Tat ist das, was diese Weltmeisterschaft medial so mit sich bringt, zuweilen nur schwer erträglich. Da wird schwadroniert und schlicht Unsinn geredet (Simon, Wark und Poschmann), großväterlich dahergequatscht (von Thurn und Taxis) oder mit Alpen-Dialekten genervt (Kilchsperger, Nehiba). Doch die Berichterstattung auf solche Fehlleistungen zu reduzieren, ist unfair und irreführend. Denn die WM bietet durchaus ihre Lichtblicke: Die fachlich einwandfreien und stets erhellenden Analysen von Klopp, Netzer und Daum sind ein Beispiel hierfür. Nicht zu vergessen die wohltuend zurückhaltenden und doch pointierten Kommentare der diversen Premiere-Kommentatoren. Zu nennen wären auch die wohlüberlegten Interviews von Monica Lierhaus mit Bundestrainer und Spielern.

Natürlich wird in diesen Tagen viel Unsinn produziert (Lehrbeispiel DFB-Pressekonferenz). Es gibt aber auch die andere Seite, die beim täglichen In-die-Pfanne-Hauen in den Hintergrund gerät. Doch auch sie muss man zur Kenntnis nehmen und würdigen.

Jahrelang haben wir uns gefragt: „Dürfen wir die deutsche Nationalhymne aus vollem Halse singen? Oder müssen wir sie kleinlaut dahersummen? Darf man das schwarz-rot-goldene Banner offen zur Schau stellen? Oder sollte man es besser in der Mottenkiste im Keller lassen? Dürfen wir uns mit Stolz als Deutsche fühlen? Oder lässt die berechtigte Scham der Geschichte dafür keinen Platz?

Mit schmerzverzerrtem Gesicht wurde lange darüber diskutiert, wie wir Deutschen zu unserem Heimatland stehen sollten. „Patriotismus-Debatte“ haben wir das zuletzt genannt. Wirklich viel ist dabei aber nicht herausgekommen. Blanke Theorie eben, die nicht umzusetzen war. Es bedurfte eines konkreten Anlasses, damit wir Deutschen endlich wieder begriffen, dass das Bekenntnis zum eigenen Land keine Frevelei sein muss – trotz allem, was im Namen dieses Landes an Unheil über die Welt gebracht wurde.

Den neu entfachten Patriotismus haben wir – angesichts unserer stillen Vorliebe für die Monarchie wenig überraschend – einem Kaiser zu verdanken, ‚dem’ Kaiser, um genau zu sein. Franz Beckenbauer hat die Fußball-Weltmeisterschaft ins eigene Land geholt und damit dafür gesorgt, dass im Sommer 2006 das Bekenntnis zu Deutschland plötzlich so furchtbar einfach und zwanglos ist.

Zugegeben, der Patriotismus 06 ist keine intellektuelle Bewegung, keine philosophisch oder historisch motivierte Geisteshaltung. Nein, das neu gewonnene Selbstbekenntnis hat wenig von Schiller und Goethe, sondern steht vielmehr in der Tradition von Calli & Co.: Feiern, Jubeln, Gröhlen! Tatsächlich kommt der Patriotismus diesmal etwas volkstümlicher daher: Mit Fahnen, Hüten, kriegerischen Gesichtsbemalungen und allerlei nutzlosen WM-Accessoires.

Und dennoch: So banal, so spontan und so emotional die vom Fußball angetriebene Selbstbesinnung auch sein mag, die Entwicklung der letzten Tage ist positiv zu sehen. Denn sie ist unverkrampft, ehrlich, mutig und dabei keinesfalls feindselig. Und so kann die Weltmeisterschaft im eigenen Land auch für unsere Volksseele eine heilsame Wirkung entfalten.

Endlich ist sie vorbei, die schier unendliche Zeit des Wartens. Keine Countdown-Einblendungen im Fernsehen mehr, die den jüngsten Tag des Weltfußballs verkünden, keine unqualifizierten Prognosen deutscher Pseudo-Promis mehr über das Abschneiden der Nationalmannschaft, keine langweiligen Vorbereitungsspiele mehr, keine taktischen Experimente mehr – all das ist vorbei. Es ist WM – wir sind WM!

Die deutsche Mannschaft ist so in das Turnier gestartet, wie man es hatte erwarten können. Vorne hui, hinten pfui. Die deutsche Abwehrreihe, dank Arne Friedrich eine Dreierabwehrkette mit Pferdefuß, offenbart Schwächen, die keinen mehr überraschen und die sich auf dem Weg zum großen Erfolg als entscheidendes Hindernis darstellen könnten. Erfreulich ist dagegen die Offensivdarbietung der deutschen Kicker, die mit ihren vier Toren für die Begeisterung gesorgt haben, die ein solches Turnier zu seinem Beginn einfach braucht.

Für Aufregung hatte vor dem Eröffnungsspiel die Frage gesorgt, ob Mannschaftskapitän Michael Ballack würde mitwirken können. Nach einem unwürdigen Hin und Her zwischen Ja und Nein entschied sich Klinsmann trotz Ballacks Bereitschaft gegen dessen Einsatz. Offizielle Begründung: „Seine Wade ist noch nicht da, wo sie hingehört!“ Die Anatomie-Experten unter den Fußballfans versuchen seit dem vergeblich den Aufenthaltsort der ballackschen Unterschenkelmuskulatur ausfindig zu machen. Sollte sie sich bis Mittwoch wieder an ihrem Heimatort eingefunden haben, dürfte der Kapitän gegen Polen wieder mit an Bord sein.

Auch wenn der Auftakt noch einige Schwächen aufwies, verheißungsvoll war er allemal. Die Deutschen sind gut beraten, auch in den kommenden Spielen ihren Offensivfußball fortzusetzen, um so die Begeisterung auf der Tribüne und im Lande aufrechtzuerhalten. Ein bisschen mehr defensive Vernunft darf man gleichwohl aber auch erwarten.