Dom 24. bis zum 28. Mai fand in Saarbrücken der 96. Deutsche Katholikentag statt. Tausende katholische Christen versammelten sich zu einem friedlichen Fest, auf dem sie unter dem Motto „Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ ihren Glauben feierten. Das harmonische und freundliche Bild, das von Saarbrücken in die Welt ging, litt jedoch unter einem kleinen Schönheitsfehler. Viele, insbesondere junge, katholische Christen dokumentierten ihren Glauben durch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin katholisch“, das auf der Rückseite von dem vielsagenden Spruch „Atheismus kann doch jeder“ geziert wurde.

Man kann dies als nicht ganz ernstgemeinte Provokation abtun, als scherzhafte Anmerkung mit Augenzwinkern betrachten und sich nicht weiter mit der These auseinandersetzen.
Vergegenwärtigt man sich jedoch die Symbolkraft eines Kirchentages, so muss man sich mit den dort gesetzten Zeichen befassen.

„Atheismus kann doch jeder“, dies kann eigentlich nur bedeuten, dass es sich der Nichtgläubige einfach macht, während der Gläubige einen beschwerlichen, aber lohnenswerten Weg gegangen ist. Die These besagt, dass der, sich nicht dazu hat durchringen können, an den (christlichen) Gott zu glauben, kapituliert hat vor den Anstrengungen des Glaubens und in die Bequemlichkeit des Nichtglaubens verfallen ist. Der Glaube an Gott hingegen ist danach eine Errungenschaft, ja, eine Leistung. Wer dies tatsächlich so sieht, übersieht etwas: Glauben kann man nicht erzwingen oder sich erarbeiten. Der Glaube oder Nichtglaube ist Ergebnis einer Gewissensentscheidung. Wie auch immer sie ausfällt, sie verdient Respekt. Keinesfalls aber ist es so, dass der Nichtgläubige per se die Konfrontation mit dem Glauben scheut. Im Gegenteil, in unserer christlichen Gesellschaft wird man in aller Regel bereits in jungen Jahren dem Glauben an Gott nahegebracht, durch Taufe, Kommunion/Konfirmation, Religionsunterricht und zahlreiche christliche Sitten. Man kann dem Thema praktisch nicht ausweichen. Deshalb ist es absurd, Nichtgläubigen vorzuwerfen, ihre Haltung sei unreflektiert, bequem oder gar konformistisch.
Der Glaube ist etwas Höchstpersönliches, eine Überzeugung, die immer in Einklang mit dem eigenen Gewissen stehen muss. Deshalb kann man keinem Menschen entgegen seiner eigenen Überzeugung einen Glauben an Gott verordnen oder ihm seinen Nichtglauben zum Vorwurf machen. Toleranz in beiden Richtungen ist wichtig und überdies der Schlüssel zur Lösung vieler Konflikte auf dieser Welt.

Es mag sein, dass die jungen Menschen auf dem Katholischen Kirchentag beim Tragen des T-Shirts weder Vorwürfe noch Provokationen in die Welt setzen, sondern einfach dem Stolz auf ihren Glauben Ausdruck verleihen wollten. Doch angesichts der Sensibilität, die das Thema „Glaube“ in unserer Welt einnimmt, und unter dem Hintergrund der verheerenden Auswirkungen religiöser Intoleranz wären sie besser beraten gewesen, ihr Bekenntnis dezenter zur Schau zu stellen.

Deutschland holt 3000 Landsleute aus dem Libanon zurück, um sie vor den Luftangriffen der Israelis in Sicherheit zu bringen, scheut sich aber nach wie vor, von offizieller Seite aus Kritik an dem Vorgehen Israels zu äußern. Dies ist nur eine Paradoxie, die in diesen Tagen des eskalierenden Nahostkonfliktes zu beobachten ist. Denn für die Eskalation ist Israel verantwortlich zu machen. Dass die Geiselnahme zweier israelischer Soldaten ein nicht hinnehmbarer Zustand ist, ist nicht zu bezweifeln. Außer Zweifel steht jedoch auch, dass Israel mit den daraufhin gestarteten Luftangriffen überreagiert hat. Zu einem solchen Urteil muss man nach einer nüchternen Bewertung der Vorgänge kommen. Gleichwohl hat – mit Ausnahme des französischen Staatspräsidenten Chirac – bislang kein europäischer Regierungschef klar Stellung bezogen und Israels Kriegspolitik kritisiert. So hat auch Deutschland keine Skepsis gegenüber dem israelischen Vorgehen geäußert. Kanzlerin und Außenminister äußerten unisono, dass der Libanon zunächst die Freilassung der Geiseln veranlassen müsse. Erst dann sei über eine Einstellung der israelischen Angriffe zu diskutieren. Im Klartext kann dies nur heißen, dass der Krieg – und als solchen muss man die Offensive inzwischen bezeichnen – gerechtfertigt sei. Begriffe wie „Überreaktion“ oder „Eskalation“ werden von offizieller Seite bewusst vermieden.

Ursache für diesen Kuschelkurs kann nur missverstandene political correctness sein. Anscheinend glauben die deutschen Politiker (wie die meisten ihrer europäischen Kollegen) Israel gegenüber stets Wohlwollen zeigen zu müssen. Sie begreifen dies wahrscheinlich als einen Teil historischer Verantwortung. In der Tat muss Deutschland aufgrund seiner Vergangenheit sensibel und verantwortungsbewusst agieren. Das kann sich vor allem in einer zurückhaltenden und bedachten Wortwahl äußern. Doch darf dies in der Sache nicht dazu führen, dass man politische Vorgänge bewusst falsch bewertet. Andernfalls würden die Fehler der Vergangenheit, die uns die historische Verantwortung aufbürden, dazu führen, dass immer neue Fehler gemacht werden – ein Teufelkreis fehlinterpretierter Geschichtslast, der schnellstmöglicht durchbrochen werden muss.

Deshalb muss man angesichts der Reaktion Europas Fragen in den Raum stellen dürfen, die das Dilemma offen legen: Warum ist es nicht möglich, die Hisbollah für ihre Provokationen zu verurteilen, aber gleichzeitig auch Israels Vorgehen klar und scharf zu kritisieren? Wer sagt, dass es in einem Konflikt nur einen Aggressor gibt? Und wieso ist Israel stets von Kritik auszunehmen?

Die Fragen sind rhetorischer Natur, die Antworten liegen auf der Hand. Vieles erklärt sich, wenn man sich die Reaktion des Zentralrats der Juden in Deutschland auf eine Äußerung des deutschen Außenministers Steinmeier vergegenwärtigt. Dieser hatte, noch bevor auf den verbalen Schmusekurs einschwenkte, Verständnis für die israelische Politik geäußert, aber es gleichzeitig gewagt, die Angemessenheit der Mittel anzuzweifeln. Der Sturm der Entrüstung brach erwartungsgemäß schnell los.

Von den deutschen Repräsentanten erwarten die Bürger jedoch Mut und Entschlossenheit, gegen alle Widerstände klar und deutlich Position zu beziehen und sich nicht aus falschverstandenem Geschichtsbewusstsein die eigene Meinung zu verkneifen.

Es sind außergewöhnliche Zeiten in diesen schwülwarmen Juli-Tagen in Deutschland. Nach erfolgreichem Abschluss des Selbstfindungsseminars unter dem Projektnamen „WM 2006“ ist Katerstimmung in unserem Land eingekehrt. Der, den alle hier behalten wollten, geht und der, den keiner hier haben will, kommt – und zwar genau daher, wohin unser aller Liebling verschwindet. Jürgen Klinsmann tritt seinen Weg zurück zu seiner Familie in die Vereinigten Staaten an, aus denen Präsident George W. Bush an die Ostseeküste reist.

Jürgen Klinsmann und George W. Bush, zwei vollständig verschiedene Charaktere, die nur ihr gemeinsamer amerikanischer Wohnsitz verbindet, anhand derer aber wir Deutschen eines lernen können: Unsere Neigung bei der Beurteilung von Personen zu polemisieren und in Extreme zu verfallen ist stark, oftmals zu stark ausgeprägt.

George W. Bush erfreut sich in deutschen Landen keiner großen Beliebtheit. Dies hängt zum einen mit seiner leichtfertigen Kriegsbereitschaft zusammen, erklärt sich aber auch aus dem ihm vorauseilenden Ruf mangelnder Intelligenz. Vor allem ersteres führt dazu, dass Bush bei weiten Teilen der Gesellschaft kein gerngesehener Gast ist. Einen Staatsbesuch, wie er in diesen Tagen in Stralsund vor sich geht, würden manche gerne vermeiden. Zu groß ist die Verachtung, die sie dem amerikanischen Präsidenten entgegenbringen, zu gering ist das Verständnis, das man für den „ungebildeten Kriegstreiber“ Bush aufbringt. Zu Bush mag man stehen, wie man will: Man kann – berechtigterweise – seine Kriegspolitik kritisieren oder seine Intelligenz in Zweifel stellen. Aber man sollte ihm als Staatsgast ein gewisses Maß an Respekt entgegenbringen. Dies gebührt ihm und dies ist auch dem deutschen Ansehen zuträglich.

Auch Jürgen Klinsmann sah sich, insbesondere von Seiten der Boulevardpresse, weitreichenden Vorbehalten ausgesetzt. „Grinsi-Klinsi“ wurde er verächtlich genannt und bereits voreilig in die (amerikanische) Wüste geschickt. Seine neuen Trainingsmethoden wurden belächelt, sein Konzept in Frage gestellt. Und jetzt, nachdem Klinsmann den Deutschen ein euphorisierendes und erfolgreiches WM-Erlebnis beschert hat, kniet man ehrfürchtig vor ihm nieder, fleht um seinen Verbleib in Deutschland und prognostiziert nach seinem Abschied den Untergang des deutschen Fußball-Abendlandes. Der Umgang mit der Personalie Klinsmann – vor und nach der WM – offenbart den hierzulande üblichen Hang zu den Extremen. Was vorher alles falsch war, ist plötzlich richtig und unverzichtbar. All die Kritik der Vergangenheit hat sich in der Gegenwart in Lob und Wohlwollen verwandelt. Natürlich heiligt der Erfolg alle Mittel. Dennoch war das, was im Vorhinein kritisch angemerkt wurde – seien es die Zweifel an der langwierige Torwartrotation oder das Unverständnis für die nicht enden wollenden Experimente – nicht absurd. Absurd war vielmehr, dass man Klinsmanns Projekt vorzeitig zum Scheitern verurteilt hat und ihm nicht die Zeit lassen wollte, die er verdient hatte. Absurd ist es aber auch, wenn man plötzlich den Wendehals hinausstreckt und meint, es ginge nicht mehr ohne den, den man vor Monaten noch ins Abseits stellen wollte.
Klinsmann hat gute Arbeit geleistet und sich um unser (Fußball-)Land verdient gemacht. Dafür gebührt ihm Dank. Aber es wird auch ohne ihn weitergehen – und zwar mit Erfolg.

Wir Deutschen haben in den letzten Wochen so vieles gelernt. Wir haben es geschafft, uns wieder selber zu mögen. Wir haben verstanden, dass wir uns zu uns selbst bekennen dürfen und sollen. Wir haben gesehen, welch tolle Gastgeber wir sind. Aber wir haben noch lange nicht ausgelernt. Und so müssen wir endlich dazu kommen, die Dinge und Personen mit mehr Geduld, Respekt und Augenmaß zu beurteilen.