Keine Angst

28. August 2006

Die vereitelten Bombenattentate in Großbritannien und Deutschland haben das Thema innere Sicherheit erneut in den Fokus der öffentlichen Debatte gestellt. Die Angst vor der unsichtbaren Gefahr des Terrors wächst – die Suche nach effektiven Gegenmaßnahmen wird intensiviert.

Die Bundesregierung plant indes seit längerem die Einführung einer Anti-Terror-Datei sowie die Ausweitung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen. Beide Maßnahmen sind zur Abwehr und Aufklärung möglicher Terroranschläge gedacht und sollen die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten erleichtern. Skepsis und Kritik an den beabsichtigten Neuerungen werden jedoch bereits jetzt laut. Datenschützer reagieren reflexartig mit dem traditionellen Nein und ernten entnervtes Gähnen. Die Parlamentslinke befürchtet eine Vermischung von Polizei und Geheimdienst und erfährt Unverständnis aus Regierungskreisen, die eben dies als Ziel der Reform ausgegeben haben, nur dass sie die Vermischung als Kooperation bezeichnen.

Erneut zeigt sich: Wann immer Maßnahmen zur Gewährleistung der inneren Sicherheit angedacht werden, schwebt das Schreckgespenst des Überwachungsstaates nach Orwell’scher Vorstellung über der Republik. Die Welt im realen Jahre 2006 ist jedoch eine andere als im literarischen 1984. Spätestens seit den Anschlägen des 11. September sind Terrorattacken – auch in Deutschland – kein Hirngespinst mehr. Wer verantwortungsvoll denkt, der handelt auch – im Sinne der Sicherheit. Dass die Besorgnis zuweilen in Panik und Hysterie ausartet (wie bei dem CSU-Vorschlag, bewaffnetes Sicherheitspersonal in Zügen einzusetzen) verwundert nicht. Dennoch, die Pläne der Regierung sind angemessen und verantwortungsbewusst. Kritik ist erlaubt, Angst um unser aller Freiheit dagegen überzogen. Denn unser System sieht mit dem Bundesverfassungsgericht eine verlässliche Kontrollinstanz vor, die die Grundfreiheiten unserer Verfassung vor unverhältnismäßigen Eingriffen schützt.

Die Einführung einer Anti-Terror-Datei wird die Arbeit der Sicherheitsbehörden vereinfachen und zusammen mit der verstärkten Videoüberwachung Gewähr für ein höheres Maß an Sicherheit sein. Es gibt keinen Grund zu übertriebener Angst – weder vor einer Abschaffung unseres liberalen Rechtsstaats noch vor einer Kapitulation der Behörden gegenüber Terror und Gewalt.

Ein spätes Geständnis

21. August 2006

Das Bekenntnis des Günter Grass hat Unverständnis und Verwunderung in Deutschland hinterlassen. Eine Gesellschaft, deren Großteil die Zeit des Nationalsozialismus nicht persönlich erlebt hat, kann die Mitgliedschaft eines 17Jährigen in der Waffen-SS jedoch nicht mit dem moralischen Zeigefinger beantworten. Dies wäre anmaßend und geradezu ungerecht.

Zu kritisieren ist jedoch, dass Grass dieses Kapitel seiner eigenen Geschichte so lange verschwiegen und jedwedes Bekenntnis vermieden hat. Dies stößt vor allem deshalb übel auf, weil Grass als intellektueller Vordenker, der „das Schreiben gegen das Vergessen“ zu seinem Leitprinzip erhoben hat und der Gesellschaft moralische Werte wie Aufrichtigkeit und Verantwortungsbewusstein vermitteln will, offensichtlich selbst zu deren Verinnerlichung nicht imstande ist. Dabei erinnert dieses allzu späte Selbstbekenntnis ein wenig an den Fall Manfred Kanther. Der ehemalige Innenminister propagierte zu seiner Amtszeit Recht und Gesetz und geißelte die allgegenwärtige Kriminalität, nahm es selbst mit den Gesetzen aber nicht so genau. Damals wie heute – bei der Person Günter Grass – fragt sich der einfache Bürger „Warum ich, wenn nicht mal der es selber schafft?“ Grass’ spätes Geständnis ist somit ein moralischer Rückschritt für unsere Gesellschaft.

Für Grass persönlich bedeutet es einen schwerwiegenden Verlust an Glaubwürdigkeit. Diesen kann er nur dann ansatzweise wieder gutmachen, wenn er sich der öffentlichen Diskussion stellt und die Gründe seines jahrzehntelangen Schweigens nachvollziehbar darlegt. Und vielleicht gelingt es ihm dann auch, den nicht ganz abwegigen Vorwurf, sein plötzliches Eingeständnis solle den Verkauf seines neuen Buches ankurbeln, zu entkräften.

Die Tour de France war gerade eine Woche vergangen, da befragte das ZDF in seinem Sportstudio die Zuschauer nach ihrer Einschätzung zur Verbreitung des Dopings im Radsport. Für die Frage nach den Dopingsündern stellte man drei Alternativen zur Verfügung, von denen der interessierte Laie am Bildschirm eine via TED zu seinem Favoriten erklären musste: „Die Top 10“, „Die überwiegende Mehrheit“ oder „Alle“ lauteten die Optionen. Dabei spiegelt die journalistisch unsauber gestellte Suggestivfrage (warum gab es keine Antwortmöglichkeit „Die Minderheit“?) den Glaubwürdigkeitsverlust wider, dem der Radsport ausgesetzt ist. Spätestens seit den Fällen Ullrich und Landis scheint niemand mehr an den sauberen Radsport zu glauben. Allein diese Glaubwürdigkeitskrise ist eine Katastrophe für den Sport. Da mag es fast gleichgültig zu sein, wie die Doping-Wahrheit tatsächlich lautet. Solange jeder, der den Radsport für ein überwiegend sauberes Gewerbe hält, als naiv belächelt wird, hat das professionelle Radfahren ein Problem, das es sich mit anderen Kraft- und Ausdauersportarten teilt.

Da die Problematik seit Jahrzehnten bekannt ist und bislang dennoch nicht entscheidend entschärft werden konnte, scheint ein Ausweg aus dem Dilemma aussichtslos zu sein. Dies gilt nur dann nicht, wenn man bereit ist, neue Wege zu beschreiten. Eine solche unkonventionelle Lösung könnte darin bestehen, die seit Jahr und Tag hinter vorgehaltener Hand diskutierte Legalisierung des Dopings Wirklichkeit werden zu lassen. Die Folgen sind leicht abzusehen. Doping wäre alsbald mehr als eine Möglichkeit. Es würde zur Pflicht für den Hochleistungssportler, dem Trainer, Offizielle und Sponsoren den sportlichen Erfolg „ans Herz legen“. Wer sich diesem Mechanismus widersetzen will, dem bleibt nur die Option, sein tägliches Brot anderweitig zu verdienen. Radsport ohne Doping wäre dann nicht mehr nur eine naive, sondern definitiv eine antiquierte Vorstellung.

Der Haupteinwand gegen das Doping bleibt dessen erwiese Gesundheitsschädlichkeit. Gleichwohl sieht sich das Doping auch moralischen Bedenken ausgesetzt, wenngleich Dopingsünder für sich niemals ehrenhafte Motive reklamieren würden. Solange Doping untersagt ist und dementsprechend nicht zugegeben wird, ist es ein Betrug an den Fans. Eine Legalisierung mit einhergehenden Selbstbekenntnissen würde diesen zwar beseitigen, nicht aber den Verrat am Sport selbst. Die Idee des Sports war, ist und sollte bleiben, dass die Athleten mit ihren eigenen Kräften auf natürliche Weise optimale Leistungen zu erzielen versuchen. In diesem Grundkonzept hat Doping keinen Platz.

Deshalb ist im Sinne des Sportes Standhaftigkeit gefragt. Wer von der Idee des Sports überzeugt ist, darf dessen Prinzipien nicht aufgeben und vor den Auswüchsen der Realität kapitulieren. So verlockend einfach es auch erscheinen mag, so sehr sollte man doch die Kapitulation scheuen. Oder hat man etwa die Strafbarkeit der Steuerhinterziehung aufgegeben, nur weil so viele Bürger den einen oder anderen Euro am Fiskus vorbeischleusen? Schafft man Tempolimits ab, weil sich die meisten nicht daran halten? Erlaubt man das Foulspiel im Fußball, weil zahlreiche Nickeligkeiten unentdeckt und ungesühnt bleiben?

Was richtig ist, bleibt richtig. Die eigene Überzeugung umzusetzen, ist nie der falsche Weg. Und da Doping keine Lösung ist, sollte man es auch nicht als eine solche darstellen.