Seit knapp einem Jahr ist Gerhard Schröder von der politischen Bildfläche verschwunden. Zwar hat er mit seinem gazprom-Engagement für Wirbel gesorgt, sich aber gleichzeitig aus der Tagespolitik zurückgehalten. Nun äußert sich der Ex-Kanzler im Rahmen der Vorstellung seiner Memoiren erstmals zur Lage Deutschlands und übt harsche Kritik an seiner Amtsnachfolgerin, der er Führungsschwäche und Orientierungslosigkeit vorwirft. Das kritische Echo in der Medienlandschaft und von Seiten des (ehemaligen) politischen Gegners hat nicht lange auf sich warten lassen.

Dabei wird zunächst festgestellt, dass Schröder mit seinen kritischen Ausführungen nur bereits deshalb jetzt in die Öffentlichkeit gegangen ist, weil er sein Buch vermarkten will. Der Einwand, wie er zum Beispiel von Rhein-Neckar-Zeitung gebracht wird, ist durchaus richtig. Doch fraglich bleibt, ob man Schröder daraus tatsächlich einen Vorwurf machen kann. Denn sind es nicht die Medien selbst schuld, wenn sie sich vor den Karren spannen und zum Zwecke anderer instrumentalisieren lassen? Ist es nicht gerade die hohe Kunst der Politik, und dabei in besonderem Maße die Gerhard Schröders, sich medial geschickt in Szene zu setzen, um die eigenen Interesse durchzusetzen?

Zweifellos kritisch zu betrachten ist Schröders verklärter und romantischer Blick auf die eigene Amtszeit. Gerne wäre er Kanzler geblieben, lässt er die Öffentlichkeit wissen, und berauscht sich an seinem eigenen staatsmännischen Führungsstil. Und so merkt der Berliner Tagesspiegel zu recht an, dass Schröder dass Geschichtsbild prägen wolle, bevor sich die Geschichte ein Bild gemacht hat.

Im Kern geht es bei der allseits zu vernehmenden Entrüstung über Schröders kritischen Rundumschlag gegenüber der Nachfolgeregierung samt der in seinen Augen überforderten Kanzlerin jedoch um etwas anderes. Es geht, so möchte man zynisch bemerken, um einen für die deutsche Politik untypischen Aspekt, nämlich die Moral. Unausgesprochen liegt die Frage im Raum: Darf er das? Darf ein ehemaliger Bundeskanzler seine Nachfolgerin öffentlich kritisieren? Oder sollte er sich nicht, wie es beim Amt des Bundespräsidenten eine Selbstverständlichkeit ist, jedweder Kritik gegenüber dem Nachfolger im Amte zurückhalten?

Die Antwort ist eindeutig: Ja, er darf. Als Bundeskanzler sah sich Schröder – gerade im Wahlkampf – schwerer Kritik bis hin zum Vorwurf vollständiger Unfähigkeit ausgesetzt. Stets war von der Opposition zu vernehmen, dass sie alles besser machen würde als er. Ist es dann nicht sein gutes Recht, jetzt, wo sich zeigt, dass diese Ankündigungen zum größten Teil leere Versprechungen waren, dies auch klar und deutlich auszusprechen? Schröder darf und muss Stellung beziehen zur Tagespolitik und braucht dabei vor Kritik an Angela Merkel nicht zurückzuschrecken. Dies ist kein schlechter Stil, sondern politische Selbstverständlichkeit.
Deshalb kann man sich natürlich weiter kritisch mit dem auseinandersetzen, was Schröder in seinen Memoiren zu Papier gebracht hat und sonst über die Medien verlautbaren lasst. Doch die Tatsache, dass er sich überhaupt äußert, sollte nicht weiter zum Gegenstand der Kritik gemacht, sondern als sein gutes Recht akzeptiert werden.

Die Kraft der Einzelfälle

23. Oktober 2006

Ziel der Politik ist es, Rahmenbedingungen für eine gerechte und starke Gesellschaft zu schaffen. Einzelfälle können, so hart dies klingen und so schwer dies dem Bürger zu vermitteln sein mag, nicht im Mittelpunkt stehen. Doch immer wieder unterliegen Politiker dem Zwang, ihre politischen Maßnahmen an einzelnen Vorkommnissen auszurichten. Dies wirkt flexibel, transparent und bürgernah, ist aber doch ein Alarmzeichen. Denn es ist ein Indiz für Konzeptlosigkeit und Populismus. Wenn nämlich ein Einzelfall genügt, um die bislang geltenden Gesetze umzuschreiben, scheint es um die Standfestigkeit unseres Systems nicht gut bestellt zu sein. Denn dieses muss so beschaffen sein, dass es, weil es in allgemeiner Hinsicht richtig ist, auch vereinzelte Zweifel übersteht.

Dieses Dilemma zeigt beispielhaft der Fall des zweijährigen Kevin, der nicht zuletzt, weil das Hamburger Jugendamt seine Pflichten schmählich vernachlässigt und ihn nicht vor seinem heillos überforderten Vater geschützt hat, auf grausame Weise gestorben ist. Das Schicksal des kleinen Jungen hat die Menschen in Deutschland erschüttert, aber auch die hohe Politik auf den Plan gerufen. So verkündete Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) umgehend ihre Absicht, mit der Einführung eines Frühwarnsystems solchen Fällen wie dem des kleinen Kevin zukünftig zuvor zu kommen. Dabei ist eine solche prophylaktische Maßnahme, wie auch der Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) meint, zwingend erforderlich. Es bleibt jedoch die Frage, warum erst nach Bekanntwerden von Kevins Schicksal dieser Weg beschritten wird. Denn Ursula von der Leyen hatte bereits zu Beginn des Jahres den Plan für ein Frühwarnsystem veröffentlicht, die Umsetzung jedoch zunächst verschoben. Erst jetzt, wo ganz Deutschland vor Entrüstung und Entsetzen aufschreit, wird das Projekt konkret.

Es bleibt unwillkürlich ein bitterer Nachgeschmack. Nicht unbedingt, weil man behaupten möchte, Kevins Leben hätte bei einer schnelleren Umsetzung des Frühwarnsystems gerettet werden können – dies kann wohl niemand so genau wissen. Wohl aber, weil man erneut den Eindruck gewinnt, dass unsere politischen Verantwortungsträger nicht so konzeptionell arbeiten, wie sie müssten. Und weil, was sehr gefährlich sein kann, Stimmungen in unserem Land offensichtlich noch immer einen großen Einfluss auf die Politik besitzen. So verlockend es für einen Politiker auch sein mag, einen Einzelfall für eigene Pläne zu benutzen, so ernüchternd ist dies doch, wenn wir an sich darauf hoffen, mit Weitblick und Verantwortungsbewusstsein regiert zu werden.

Geistreich

16. Oktober 2006

Für den gewöhnlichen Schauspieler ist es die absolute Ausnahme, die eigene Person auf der Bühne zu verkörpern. Für die sogenannten Stand-Up-Comedians gehört es dagegen schon fast zum täglich Brot, Anekdoten aus dem eigenen Alltag der Öffentlichkeit preiszugeben. Bastian Pastewka, dessen Profession wohl irgendwo zwischen diesen beiden Berufssparten anzusiedeln ist, hat sich genau dieser Aufgabe angenommen.

In der nach ihm benannten Comedy-Reihe, deren zweite Staffel seit September allfreitäglich auf Sat1 gesendet wird, gewährt er den Zuschauern einen kleinen Einblick in sein Privatleben. Dieser ist freilich zu weiten Teilen rein fiktiv, zeigt aber dennoch autobiographische Züge. Denn „Pastewka“ nimmt nicht nur das Comedy-Business, in dem der Protagonist sein berufliches Zuhause hat, aufs Korn, sondern entlarvt zugleich manche seiner Marotten, wie sein enzyklopädisches Wissen über alte Serien und Spielfilme. Vor allem aber überzeugt die Comedy-Reihe durch Situationskomik, perfekt getimte Dialoge und vor allem aberwitzige, aber geistreiche Handlungen.

Bastian Pastewka ist sich dabei nicht zu schade, den Anti-Helden zu mimen und Woche für Woche erneut zum Deppen zu werden. Mit beeindruckender Zielsicherheit tritt er stets genau in die für ihn bereitgestellten zu Fettnäpfchen und zieht sich so Unmut und Zorn seiner Familie, Kollegen, Nachbarn und Freunde zu. Dabei meint er es in aller Regel gut oder denkt jedenfalls genauso geradlinig-egoistisch, wie es die meisten seiner Zuschauer auch tun würden. Man fühlt unweigerlich mit ihm und teilt seine Abneigung gegen die widerborstigen und eigentümlichen Mitmenschen, die ihm zumeist nicht wohlgesonnen sind. Dabei macht es sich Pastewka in der Regel selber schwer. Ob er die eigene Mithilfe unter Hinweis auf seinen in Kindertagen erlittenen Leistenbruch verweigert oder pedantisch in der Kantine auf den im zustehenden 15. Köttbular besteht, Pastewka macht sich keine Freunde.

Selbst in der eigenen Familie lässt das Verständnis für den berühmten Comedian zusehends nach. Ob Vater Volker, Bruder Hagen oder die von Christina do Rego brillant gespielte Nichte Kim, alle bringt Bastian mit seinen Aussetzern zur Verzweiflung. Allerdings ist ihm bei seinen Unternehmungen selten das Glück hold. Denn wenn zum Schluss gerade die Person, deren Zorn sich Pastewka in besonderem Maße zugezogen hat, zu seinem Pech rein zufällig wieder vor seine Nase tritt, dann schließt sich der Kreis zu einem interessanten und geistreichen Erzählbogen.

Ohne Zweifel, „Pastewka“ ist ein Glücksfall für die deutsche Comedy. Intelligent gemacht, hervorragend gespielt, authentisch, witzig, einfach beste Unterhaltung.