Hartzversagen

29. Januar 2007

Inzwischen steht fest: Der Initiator und Namensgeber der einschneidendsten Arbeitsmarkt- und Sozialreform der Nachkriegszeit hat sich der Untreue und der unrechtmäßigen Begünstigung schuldig gemacht. Peter Hartz, ehemaliger VW-Personalratschef, gestand vor dem Landgericht Braunschweig, den Mitgliedern des VW-Betriebsrates Sonderbonuszahlungen in Millionenhöhe gewährt zu haben.

Das umstrittene Gesetzeswerk, das viele Menschen zu drastischen Einsparungen zwingt, trägt damit den Namen eines Mannes, der die Verantwortung für eine beispiellose Verschwendung und Veruntreuung von Unternehemensvermögen trägt. Vergegenwärtigt man sich die Brisanz der Reform und die Vehemenz der gegen sie gerichteten Proteste, so erkennt man die Perversion der nunmehr bekannt gewordenen Verfehlungen des Peter Hartz. Gleichzeitig gerät so die moralische Legitimation der vieldiskutierten Neustrukturierung des Sozialsystems in Frage.

Doch was bleibt, ist die einzigartige Absurdität, dass derjenige, der zum Sparen aufgerufen hat, selbst mit dem Geld nur so um sich geworfen hat.  Man stelle sich zum Beispiel vor, ein Gesetz gegen illegale Parteispenden trüge den Namen von Manfred Kanther. Oder die nächste Rechtschreibreform hieße Küblböck-00. Vielleicht gibt es ja auch irgendwann eine Reform des deutschen Schiedsrichterwesens - Name: Hoyzer 2005! Oder wie wäre es mit einem globalen Friedensplan Bush-07?

Absurd? Ja, aber sicher nicht absurder als eine Reform zur Entlastung der Sozialkassen, die nach einem Mann benannt ist, dessen Sparsamkeit sich in einer Verurteilung wegen Untreue äußert.

In der Geschichte des deutschen Journalismus haben sich Prinzipien verfestigt, die Qualität, Sachlichkeit und Unvoreingenommenheit gewährleisten sollen.
Dazu gehört auch ein Gentlemen’s Agreement, nach dem Privatangelegenheiten deutscher Politiker aus der Berichterstattung herauszuhalten sind.

Dass sich die BILD-Zeitung mit der Einhaltung einer solchen auf gutem Willen beruhenden Vereinbarung schwer tut, ist angesichts ihres (mangelnden) journalistischen Anspruchs nicht verwunderlich. Doch die neuesten Schlagzeilen über das Intimleben des Landwirtschaftsministers Horst Seehofer erreichen ein Maß, das sowohl die Grenzen journalistischer Distanz als auch des guten Geschmacks deutlich überschreiten.

Anscheinend ohne jeglichen Skrupel werden auf der Titelseite der Dienstagsausgabe Mutmaßungen über eine heimliche Beziehung des CSU-Politikers angestellt. Würde die BILD-Zeitung solche Gerüchte in politisch ruhigen Zeiten verbreiten, so würde man ihr lediglich und wie so oft schlechten Stil im Sinne eines Schmierenjournalismus vorwerfen. Da sich die CSU momentan aber in einem nahezu revolutionären Machtkampf befindet, in dem Intrigen an der Tagesordnung sind, muss sich das Springer-Blatt einem noch schwerer wiegenden Vorwurf stellen. Denn es liegt die Vermutung nahe, dass die BILD als Werkzeug eines innerparteilichen Ränkelspiels fungiert und gezielt Stimmungsmache betreibt. Dabei ist zweitrangig, wer genau aus den Reihen der CSU die Verbreitung der Gerüchte lanciert hat. Denn dass die BILD-Zeitung mit ihren Schlagzeilen bestimmte Interessen befriedigen will, kann nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden.

Die politische Unparteilichkeit der Tageszeitung aus dem Springer-Verlag ist von je her zweifelhaft. Doch selbst wenn man ihr ein gewisses Maß an politischer Nähe zubilligt, so ist sie in diesem Fall - wieder einmal - zu weit gegangen. Der Bruch des Ehrenkodex ist geschmacklos und unprofessionell.

Angesichts dieser Verfehlungen dürfte es für die BILD-Zeitung eine der vielen Abmahnungen des Presserates geben. Das jedoch dürfte die Verantwortlichen unbeeindruckt lassen - zumindest so lange, wie das Blatt gekauft wird. Und ein Ende ist da nicht abzusehen - leider!

Kommerzielle Musik

15. Januar 2007

“Das ist mir zu kommerziell” - das ist eine der beliebtesten Begründungen für die eigene Abneigung gegenüber einer bestimmten Musikrichtung oder einer Band bzw. Interpreten. In der Angst als Spießer, Konformist oder Langweiler abgestempelt zu werden, distanzieren sich einige von der Meinung der Masse und suchen bewusst nach alternativen Nischen.

Wer so eine Haltung zeigt, ist im wahrsten Sinne des Wortes geschmacklos, also ohne eigenen Geschmack. Denn es kommt dann anscheinend nicht mehr darauf an, was einem selbst zusagt, sondern was der großen Masse nicht gefällt. Nur das hat die Chance zum eigenen Favoriten aufzusteigen. Von großem Selbstbewusstsein zeugt solch eine Einstellung im Übrigen nicht. Denn wenn man erst nach rechts und links schauen muss, um die eigenen Vorlieben zu definieren, dann hat man offensichtlich kein großes Vertrauen in den eigenen Geschmack.

Warum kann man nicht einfach das gutheißen, was dem eigenen Ohr gefällt, ganz gleich, ob es sonst nur Tausende oder doch Millionen mögen? Warum ist es für manche geradezu anrüchig, wenn man den Geschmack der Masse teilt?

Kommerzielle Musik mag es geben - eben Musik, die einem Großteil der Bevölkerung zusagt. Über die Qualität sagt dies jedoch noch nichts aus. Es gibt gute und schlechte Musik - ob ein Lied dagegen kommerziell gehalten ist oder nicht, sollte für die eigene Beurteilung unerheblich sein.

Übrigens: Die Gruppe Fettes Brot hat vor einiger Zeit mal ihre Single “Nordisch by nature” aus den Plattenläden räumen lassen - aus Angst davor, ihre Fans könnten ihnen den kommerziellen Erfolg übelnehmen. Wohl dem, der nicht solche Fans hat!