Eine Frankfurter Familienrichterin hat einer Deutsch-Marokkanerin die vorzeitige Scheidung von ihrem Ehemann unter Verweis auf das Züchtigungsrecht des Korans verweigert. Die junge Frau machte mehrfache schwere Misshandlungen durch ihren Mann geltend und erstrebte eine schnelle Loslösung des Ehebündnisses, die ihr jedoch verwehrt wurde.

Kaum wurde die Entscheidung der Frankfurter Richterin publik, machte sich eine Welle der Entrüstung breit. Zahlreiche führende Politiker, darunter u.a. Justizministerin Zypries und Bayerns Ministerpräsident Stoiber meldeten sich zu Wort und geißelten das Vorgehen der Familienrichterin. Vokabeln des Entsetzens, von ‚abenteuerlich’ bis ‚unerträglich’ machten die Runde.

Als unbefangener Beobachter sollte man jedoch nicht reflexartig in den Aufschrei der Empörung miteinstimmen, sondern vielmehr nüchtern die Vorgänge betrachten und versuchen, sich ein eigenes Bild der Dinge zu machen. Dies gilt hier in besonderem Maße, da jedwede Diskussion im Dunstkreis religiöser Konflikte meist vorschnell emotional bewertet wird und rationale Argumente ausschließt.

Dabei gilt es zunächst festzustellen, dass die Auffassung der Richterin bereits deshalb fragwürdig ist, weil die von ihr in Bezug genommene Koranvorschrift im Islam unterschiedlich interpretiert wird. Keineswegs kann ohne weiteres davon ausgegangen, dass der Koran ein körperliches Züchtigungsrecht gegen Frauen vorsieht. Aber selbst wenn man unterstellt, dass der Koran Schläge gegen Frauen legitimiert, so heißt dies noch nicht, dass dies für die Entscheidung eines deutschen Gerichts maßgeblich sein muss. Nach deutschen Gesetzen, die auf dem Grundgesetz als Wertefundament fußen, ist ‚jedermann’ und ‚jederfrau’ vor Beeinträchtigungen der körperlichen Unversehrtheit zu schützen. Gewalt ist nur in absoluten Ausnahmefällen wie Notwehrsituationen zulässig, ansonsten aber durch unsere Gesetze nicht gerechtfertigt.

Es bleibt die Frage, wie generell zu verfahren ist, wenn deutsche Gesetze, insbesondere das Grundgesetz, mit kulturellen und religiösen Regeln in Konflikt geraten. Die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach: Das Grundgesetz muss stets den Vorrang genießen. Dabei kann man zur Begründung schlicht darauf verweisen, dass in Deutschland nun einmal das Grundgesetz als allgemeines Wert- und Ordnungsprinzip gilt, dem sich alles und jeder unterzuordnen habe. Man kann aber noch weitergehen und darauf hinweisen, dass unsere Verfassung ja bereits so liberal ausgestaltet ist, dass sie auf religiöse, kulturelle und gewissensbezogene Sitten und Verhaltensmuster Rücksicht nimmt. Das Grundgesetz ist für sich ein derart offenes und tolerantes Wertesystem, dass es Konflikte mit anderen Kulturen und Religionen eher meidet denn herausfordert. Gerade die Religionsfreiheit genießt einen sehr hohen Rang und ermöglicht es jedem Menschen, sein Leben nach seinen eigenen spirituellen Überzeugungen auszurichten. Nur in Extremfällen kommt es zur Kollision zwischen deutschem Recht und anderen Religionen. Ein solcher Fall liegt dann vor, wenn eine Religion (vermeintlich) Gewalt legitimiert. Hier aber darf sich das deutsche Recht nicht zurücknehmen, sondern muss umso klarer und unmissverständlicher zur Geltung kommen. Denn nach unserem Verfassungsverständnis darf die freie Religionsausübung niemals so weit gehen, dass Gewalt letztlich unter dem Schutz des Grundgesetztes steht.

Gerade weil das grundgesetzliche Wertesystem so tolerant und liberal ist, muss, wenn andere Grundrechte (wie Gesundheit und körperliche Unversehrtheit) in Frage stehen, ein Ausrufezeichen gesetzt werden. Deswegen darf rechtlicher Schutz niemals unter Hinweis auf vermeintliche religiöse Regeln, die Grundrechte außer Kraft setzen wollen, verwehrt werden.

Immer neue Schreckensmeldungen über Alkoholexzesse Jugendlicher haben eine Diskussion über ein generelles Alkoholverbot für Minderjährige nach sich gezogen. So forderte u.a. die Drogenbeauftragte der Unionsfraktion Maria Eichhorn (CSU) eine Heraufsetzung der Altersgrenze auf 18 Jahre.

Dem Vorschlag mag das löbliche Anliegen zugrunde liegen, dem ausufernden Jugendalkoholismus Herr zu werden. Dass Komasaufen und Alkoholabhängigkeit unter Jugendlichen ein Phänomen unserer Zeit sind, ist unübersehbar.
Da die hohe Politik dieses Problem inzwischen auch erkannt hat, ist es nur richtig, dass sie sich dieses Themas annimmt. Bedauerlicherweise ist auch diese Debatte – wie so viele andere – von blindem Aktionismus gekennzeichnet. Denn es nützt nichts, Maßnahmen zu überdenken, die an der Realität weit vorbeigehen. So liegt es auch bei dem angedachten Alkoholverbot für Jugendliche. Die Wirklichkeit sieht nämlich so aus, dass Alkohol eine normale Begleiterscheinung des Heranwachsens ist. Jugendliche wollen ihre Grenzen austesten, sich an Neues heranwagen und Lebensfreude verspüren. Und hierfür ist Alkohol ein, wenn auch nicht ein notwendiges, Mittel. Das war früher so, das ist heute so und das wird wohl auch immer so bleiben. Und dies bleibt unbedenklich, solange im Einzelfall keine Abhängigkeiten entstehen und das Maß des medizinisch vertretbaren Konsums nicht überschritten wird.
Diese Feststellung mag zwar nicht für jedermann politish correct sein, sie deckt sich jedoch mit der Überzeugung der gesellschaftlichen Mehrheit.

Natürlich nähren die Nachrichten über sich exzessiv betrinkende 16jährige den Verdacht, dass Alkoholismus d a s Problem der Jugend ist. Richtig daran ist, dass in bestimmten Kreisen der Alkoholmissbrauch durch Jugendliche beängstigende Ausmaße angenommen hat. Richtig ist aber auch, dass der Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland insgesamt abgenommen hat. Es wäre daher verfehlt, das diskutierte Verbot mit einem Hinweis auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung begründen zu wollen. Vielmehr legen die vorliegenden Untersuchungen eine Konzentration auf die Problemgruppen nahe. Zudem können Verbote, dies ist keine neue Erkenntnis, kontraproduktiv sein. Gerade im Hinblick auf ein Alkoholverbot muss davon ausgegangen werden, dass dies eher den entgegensetzten Effekt haben wird. Denn wenn es tatsächlich einen Reiz des Verbotenen gibt, muss er hier zur Geltung kommen.

Bevor man über Möglichkeiten nachdenkt, durch die der Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen eingedämmt werden kann, sollten zunächst die avisierten Ziele abgesteckt werden. Gerade an diesem Punkt könnte ein solches Vorhaben jedoch bereits scheitern. Denn jeder Debatte über Alkohol und Drogen haftet der Verdacht der Scheinheiligkeit an. Manch ein Politiker wird sich nicht trauen auszusprechen, dass Alkohol in gewissem Maße auch zum jugendlichen Leben dazu gehört. Dabei wären Offenheit und Aufrichtigkeit so wichtig, um ein glaubwürdiges Konzept zu entwickeln.
Will man demnach also wirklich die Jugend in Deutschland vollständig ‚entalkoholisieren’? Oder muss es nicht genügen, wenn man die krassen Fälle des Alkoholmissbrauchs zu bekämpfen versucht?
Entscheidet man sich am Ende für die erste Alternative, so beschreitet man einen Weg, der an der Realität komplett vorbeigeht. Realitätsfremde Maßnahmen sind aber per definitionem nie dazu geeignet, die Probleme der Wirklichkeit in den Griff zu bekommen.

Deshalb gilt es Augenmaß zu beweisen und sich nicht an einer, wie es Horst Seehofer treffend formuliert hat, ‚Olympiade der Verbote’ zu beteiligen. Ein Alkoholverbot für Jugendliche verließe den Boden der Wirklichkeit und wäre nicht zielfördernd.
Um Jugendalkoholismus auszumerzen, muss man dessen gesellschaftliche Ursachen bekämpfen. Dies ist ein mühsamer und langwieriger Weg, der nicht auf Repression, sondern auf Prävention gestützt ist. Er ist aber erfolgversprechend, da er im Gegensatz zu einem Verbot an der Wirklichkeit orientiert ist und nicht den Makel der Scheinheiligkeit trägt.

The Power of Messages

12. März 2007

Ein Blick in das deutsche Werbefernsehen hat heutzutage etwas von einem kleinen Fremdsprachenkurs. Eine Vielzahl der Werbebotschaften, die dem unbefangenen Zuschauer die Leistungsfähigkeit des angepriesenen Produktes suggerieren soll, hat seltsam anglophonen Charakter. Fernsehgeräte sind „like no other“, beim Autofahren kann man „The Power of Dreams“ spüren, Hautcremes versprechen „intensiv care“ und „feel the fire“ heißt es beim Verzehr von Imbissprodukten.

Unterstellen wir einmal, die Werbefachleute, die – nach unzähligen schlaflosen Nächten – solche „Slogans“ hervorbringen, verstehen ihr Handwerk. Ihre Entscheidung für fremdsprachige Werbesprüche beruht nicht auf einer Abneigung gegenüber der deutschen Sprache, sondern schlicht auf professionellen Erkenntnissen. Warum also misstraut man der deutschen Sprache zusehends, wenn es darum geht, einprägsame Botschaften an den Mann und an die Frau zu bringen? Klar, das lässige oder, sagen wir besser, „coole“ Englisch ist populär, ja „in“ oder gar „trendy“. Wer dem Zeitgeist vertraut, setzt auf den „Spirit“. Gerade die „Teens“, die auf alles stehen, was „hip“ ist, werden durch die „Power“ der „Messages“ erreicht. Doch sind wir ehrlich: Englisch ist „more than a language for kids“. Englisch klingt modern, professionell, international, ja irgendwie nach Tempo, Fachwissen und der großen weiten Welt. Deutsch kommt dagegen betulich, ja manchmal kompliziert und veraltet daher. Ein Unternehmen, das seinen Kunden beweisen will, dass es mit der Zeit geht und auf dem Stand der Technik ist, meidet eine Sprache, der der Missklang von Bürokratie und Schwerfälligkeit anhaftet. Oder würden Sie Beweglichkeit, Logistik und Netzwerke anpreisen, wenn Sie stattdessen von „mobility, logistics, networks“ sprechen können?

Englisch kann auch dazu dienen, Missverständnisse zu vermeiden. Wenn Sie Ihre potentiellen Kunden animieren „Komm rein und finde raus!“, so ist dies eine zweifelhafte Botschaft, die die nicht unbedingt für das Angebot des eigenen Geschäfts spricht. Da ist die angelsächsische Alternative doch ein wenig einladender, wenngleich einer Studie zur Folge viele Zuschauer es dennoch im oben genannten Sinn interpretieren.
Während Englisch die Sprache des Fortschritts ist, symbolisiert das Französische Eleganz. Nicht ohne Grund bezeichnet sich ein französischer Kraftfahrzeugproduzent auch auf dem deutschen Markt als „créateur d’automobiles“ und nicht als „Schöpfer der Autos“ (wobei dies durchaus einen, wenn auch leicht religiösen, Wohlklang, in sich trüge).

Bei allem Verständnis für fremdsprachige Werbeslogans kommt doch Skepsis auf. Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die Werbefachleute inzwischen regelrecht Angst vor Deutsch als Kommunikationsmittel haben. Wie anders lässt es sich erklären, dass sich heutzutage nur deshalb vieles ändert, „because change happens“. Auch wenn den geistigen Urheber die Empörung über seinen wenig originellen Werbespruch freuen wird (auch negative „Publicity“ ist „Publicity“), so sollte man ihm seinen Einzeiler schnellstmöglich um die Ohren hauen. Vielleicht sollte er sich einfach eine neue Arbeit (für ihn: „a new job“) suchen – die Begründung dafür hat er ja bereits selbst geliefert.

Wir jedoch bleiben mit der Frage zurück, für welche Werbung sich die deutsche Sprache noch eignet. Wenn Englisch modern und Französisch elegant ist, was ist dann Deutsch? Als Sprache der Dichter und Denker sollte man sie vielleicht gar nicht für intellektuell zweifelhafte Werbenachrichten missbrauchen. Das wäre konsequent. Ansonsten bedienen wir uns einfach der gängigen Stereotype: Deutsche sind fleißig, gemütlich, und sportbegeistert. In diesem Sinne sollte sich noch etwas finden lassen, irgendwo zwischen Bier, Baumarkt und Bundesliga – da bleibt genug Spielraum für „good performances“.