Bescheidene Bayern

30. April 2007

Die 2:0-Niederlage beim VfB Stuttgart war der letzte noch ausstehende Beweis für eine vollends misslungene Saison des FC Bayern München. Verpasste Champions-League-Qualifikation, frühes Aus im DFB-Pokal und ein ernüchterndes Viertelfinal-Ausscheiden gegen den AC Mailand.

Jetzt, da Deutschlands selbsternannter Vorzeigeverein auf die Scherben der eigenen Personalpolitik blickt, melden sich die Spötter und Kritiker zu Wort und beschwören das Ende der Erfolgszeiten des Rekordmeisters. Einige wollen dabei bereits seit Jahren einen schleichenden Niedergang beobachten haben. Dies überrascht nicht zuletzt deshalb, weil der FC Bayern in den vergangenen vier Jahren insgesamt dreimal das Double errungen und damit national so souverän wie selten zuvor agiert hat. Die großen Versäumnisse liegen in Wirklichkeit in der Herangehensweise an die noch laufende Spielzeit. Dabei bestand der Kardinalfehler der Münchener in dem Irrglauben, den Weggang von Ballack, Zé Roberto und Lizarazu mittels der eigenen Spieler kompensieren zu können. Aber weder Schweinsteiger, Santa Cruz, Hargreaves noch der eilig nachverpflichtete van Bommel haben der Mannschaft kreative Impulse verleihen können. Und da mit Salihamidzic und Schweinsteiger die beiden Männer für die Außenbahnen Woche für Woche so schlecht spielen konnten wie sie wollten, ohne die Sanktion der Verbannung auf Bank oder Tribüne fürchten zu müssen, lahmte das Münchener Offensivspiel. Gerade bei Spielen gegen defensiv agierende Teams zeigte sich die Unfähigkeit der Bayern, den gegnerischen Abwehrriegel mit spielerischen Mitteln zu knacken. Herauskam eine ganze Palette unnötiger aber doch stets verdienter Niederlagen.

Es ergibt sich die Frage, wie die Münchener den Weg zurück in die Erfolgsspur finden können. Will man, wie es die Verantwortlichen in unermüdlichem Da Capo betont haben, das Festgeldkonto unangetastet lassen, dann muss man eine gut funktionierende Scouting-Abteilung im Rücken haben, die einem die ersehnten Schnäppchen präsentiert. Was jedoch bei Werder Bremen seit geraumer Zeit vortrefflich klappt, will beim FC Bayern einfach nicht gelingen. Denn wann immer Uli Hoeneß stolz die Verpflichtung eines vielversprechenden Talentes aus den südamerikanischen Breiten verkündet, ist Skepsis geboten. So hat Martin Demichelis insgesamt die hohen Erwartungen bis dato nicht erfüllen können. Julio dos Santos wird wohl als Schulbeispiel für einen Fehleinkauf in die Fußballgeschichte eingehen. Und zu Roque Santa Cruz, dessen Torgefährlichkeit in etwa der Wahrscheinlichkeit entspricht, mit der er einen tollkühn begonnenen Alleingang zu einem erfolgreichen Ende bringt, braucht man inzwischen nichts mehr zu sagen. Und dass ausgerechnet der von Bayern-Berater Paul Breitner so hoch gepriesene Argentinier Sosa diese Kette unglücklicher Verpflichtungen durchbrechen wird, glauben wohl auch nur unbeirrbare Bayern-Optimisten. Nein, wenn die Bayern in den letzten Jahren geglückte Transfers getätigt haben, dann innerhalb der Bundesliga. Ballack, Pizarro, van Buyten & Co. ausfindig zu machen, bedurfte keines ausgefeilten Scoutingsystems und hatte zudem den Vorteil, die Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft schwächen zu können. Dies alles reicht jedoch nicht, um auch international langfristig mithalten zu können.

Nach der verkorksten Saison 2006/2007 wollen die Münchener nun aber im kommenden Jahr wieder angreifen. Inzwischen ist man in der Führungsetage zu der Erkenntnis gekommen, dass man dies nur mit einer deutlichen Personalverbesserung erreichen kann. Diese will man u.a. mit Jan Schlaudraff und Hamit Altintop bewerkstelligen, zwei Spielern, die bislang noch keine internationale Klasse haben nachweisen können. Es wird wohl das Geheimnis von Hoeneß & Co. bleiben, wie man so einen personellen Umbruch in Gang setzen kann.

Das wirkliche Problem der Bayern liegt aber in der für sie an sich so untypischen Genügsamkeit. Nach den Doubles der beiden vergangenen Jahre schienen Spieler und Verantwortliche zu Saisonbeginn regelrecht erfolgsgesättigt. Man glaubte, sich eine Saison der Erholung leisten zu können, um gleichsam einen Neuanfang zu starten. Auch wenn es im Prinzip richtig ist, dass der FC Bayern mit einer Saison ohne Titel leben kann, so stellt doch diese plötzliche Bescheidenheit bereits den ersten Schritt in die falsche Richtung dar. Denn was den FC Bayern über Jahre ausgemacht hat und damit Basis seines Erfolgs war, war der schier unbändige Erfolgshunger. Misserfolge wurden nicht geduldet und galten stets als ein Alarmzeichen. Doch momentan klingt das, was auch München zu vernehmen ist, deutlich moderater. „Mit einer Saison ohne Titel“ könne „man leben“, zumal man in der neuen Spielzeit „wieder voll angreifen werde“, äußerte sich Kapitän Oliver Kahn in ungewohnt mäßigendem Ton. Und genau das beschreibt auch die Devise der Vereinsführung. Frei nach dem Motto „Experiment gelungen, auf ein neues!“.

Doch um wirklich wieder Erfolge erringen zu können, bedarf es mutigerer Schritte als der bislang halbgaren Personalpolitik. Der FC Bayern wird mehr investieren müssen, als er bis dato bereit war. Er wird bei der Umgestaltung des Kaders mehr Augenmaß beweisen müssen als zuletzt. Hierfür gibt es jedoch keinerlei Anzeichen. Und deshalb deutet derzeit vieles darauf hin, dass die Bayern sich auch in der kommenden Saison äußerst schwer tun werden, die Meisterschaft nach München zu holen.

Nur Gutes über Tote?

23. April 2007

Die Geltung eines althergebrachten Grundsatzes, nach dem man über Tote nur Gutes zu sprechen habe, ist nicht frei von Zweifeln. Denn warum soll die Ehrlichkeit im Tode ein Ende finden und der Scheinheiligkeit weichen müssen? Dass sich der Verstorbene nicht mehr zu wehren vermag, darf nicht dazu führen, dass man seiner Person plötzlich kritiklos begegnet.

Mag man also insoweit noch über die Berechtigung dieses Prinzips streiten können, so sollte andererseits doch eindeutig sein, dass der Tod eines Menschen keine Legitimation dafür liefert, sonnige Legenden über ihn zu verbreiten. Oder anders formuliert: Der Tod mag zum Schweigen verpflichten, aber gewiss nicht zur Lüge berechtigen. So selbstverständlich diese Erkenntnis doch sein sollte, hat sie sich offenbar doch nicht bis zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger herumgesprochen. Dieser besaß die Kühnheit, den jüngst verstorbenen ehemaligen Regierungschef Baden-Württembergs Hans Filbinger als einen Gegner des NS-Regimes zu huldigen und ihn gleichsam von jedweder persönlicher Verantwortung freizusprechen. Oettinger zur Folge habe kein Mensch durch das Handeln Filbingers sein Leben verloren. Diese Behauptung ist jedoch nicht nur mutig, sondern erwiesenermaßen falsch. Filbinger hat (Un-)Recht im Namen des nationalsozialistischen Systems gesprochen und in dieser Funktion an Todesurteilen mitgewirkt.

Es bleibt somit die Frage, was Oettinger zu seinen Ausführungen, die er anlässlich der Trauerfeier für Filbinger getätigt hat, veranlasst hat. Dabei erscheint es eher abwegig, dass Oettinger von dem, was er zur Rolle Filbingers geäußert hat, tatsächlich überzeugt ist. Hiergegen spricht vor allem, dass er sich aufgrund des immer stärker werdenden Drucks der Politik und Medien inzwischen von seiner Rede distanziert hat. Denn eine wirkliche Überzeugung kann nicht durch öffentlichen Druck beseitigt werden. Naheliegender scheint dagegen schon die Vermutung, dass ihn eine fehlgeleitete Vorstellung vom Andenken Verstorbener zu seinem Fauxpas verleitet hat. Dies ist umso schwerwiegender, als dass die Leugnung der Verfehlungen Filbingers ein Schlag ins Gesicht seiner Opfer ist und somit ihr Andenken beschädigt.

Im Rahmen der politischen Empörung hat der SPD-Vorsitzende Kurt Beck den Verdacht ausgesprochen, dass Oettinger seine Aussagen gezielt getätigt habe, um so am rechten Rand des Wählerspektrums zu fischen. Der Verdacht, dass Politiker ihr Handeln an demoskopischen Gesetzen ausrichten, ist naheliegend. Und wer wüsste es besser als Kurt Beck, dass jede öffentliche Handlung eines Politikers stets auf ihre Wirkung gegenüber der Wählerschaft abzuklopfen ist. Gleichwohl sollte man es sich nicht so leicht machen und jede verunglückte Äußerung zur deutschen Vergangenheit als Bad im braunen Sumpf abstempeln. Denn manchmal sind die Motive eben doch vielschichtiger – so wie auch im Falle Günther Oettingers, dessen Umgang mit Filbinger eher durch Verunsicherung als durch Kalkül gekennzeichnet ist, was jedoch sein Auftreten nicht minder peinlich erscheinen lässt.

Irgendwann in der gymnasialen Schullaufbahn steht man vor der Entscheidung: Latein, ja oder nein? Eine grundlegende, aber eben doch tote Sprache lernen? Oder sich nicht doch eher direkt des lebendigen Französisch annehmen?

Was also sprich für Latein: Latein ist die Grundlage vieler Sprachen. Wer lateinische Vokabeln beherrscht, der tut sich leichter, wenn er Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch lernen möchte. Dass ‚approach’-ende Menschen sich nähern und ‚signification’ die französische Bedeutung der Bedeutung ist, versteht sich für den geübten Lateiner eo ipso.

Dies ist jedoch nicht einmal der entscheidende Vorteil von Latein. Vokabelkenntnisse sind schön und gut. Aber was Latein wirklich ausmacht, ist die rasiermesserscharfe sprachliche Gliederung. Die wahre Kunst des Lateinischen besteht darin, Sätze mit allen Regeln der sprachlichen Logik sauber auseinander zu nehmen, um sodann ihre Bedeutung zu ermitteln. Dies gelingt jedoch nur mit hinreichenden Grammatik-Kenntnissen. Wer sich jedoch die lateinische Grammatik aneignet, der kann nicht nur lateinische Text übersetzen, sondern besitzt eine wunderbare Grundlage zum Erlernen jedweder Sprache. Latein zu beherrschen, heißt zu wissen, wie Sprachen funktionieren und welchen Gesetzen sie unterliegen. Ob Zeitenfolgen, Gerundium oder Nebensatzkonstruktionen, Latein liefert das Einmaleins der Sprache.

Natürlich können im Einzelfall die Dinge anders liegen. Manch lustloser Siebtklässler wird versuchen, sich mit Hängen und Würgen durch die Texte zu quälen, deren Inhalte ihn herzlich wenig interessieren. Er wird die Grammatik vielleicht nur so vertieft lernen, dass er das vielgefürchtete Mangelhaft vermeiden kann. Dies ist leider Realität, aber andererseits auch ein Phänomen anderer Schulfächer.

Letztlich jedoch liefert Latein nur ein Angebot, ein Angebot zum besseren Verständnis von Sprache allgemein, als Basis zum leichteren Erlernen anderen Sprachen und – nicht zu vergessen – als Übung zur Schulung des logischen Denkens. Es lohnt sich, dieses Angebot anzunehmen. Wer jedoch von vorneherein eine Abneigung vorweist, der sollte sich allerdings überlegen, ob er den harten, aber doch so gewinnbringenden Weg gehen will.