Wer einmal lügt…

28. Mai 2007

Es war eine faustdicke Überraschung, die Erik Zabel auf der Pressekonferenz am Donnerstag zum Besten gab: Entgegen aller Vermutungen hat er nur ein einziges Mal das Dopingmittel EPO zu sich genommen und es dann, aus Besorgnis um seine Gesundheit, wieder abgesetzt. Ähnlich erstaunlich fiel das Bekenntnis Rolf Aldags aus, der nach seiner eigenen Darstellung nicht über die gesamte Zeit seiner Karriere Dopingmittel einnahm, sondern im Jahre 2002 nach längerer Pause erst wieder zu EPO zurückgriff. So oder so ähnlich dürfte die Wahrnehmung der realistischen Beobachter des Radsportes aussehen.
Für die hoffnungslosen Optimisten müssen die Verlautbarungen von Zabel & Aldag jedoch eine schmerzhafte Erkenntnis bedeuten. Denn wenn schon Erik Zabel, dem stets das Image eines fairen und sauberen Sportsmannes anhaftete, gedopt hat, dann dürfte auch dem größten Träumer klar sein, dass Doping im Radsport an der Tagesordnung ist.

Doch jetzt, wo alle Zweifel schwinden und Befürchtungen zur Gewissheit werden, wird das ganze Dilemma schonungslos offengelegt. Das strukturelle Problem einer Sportart, in der Anspruch und Wirklichkeit offensichtlich unvereinbar sind, lässt sich nicht mehr kaschieren.
Radsport ohne Doping ist eine Illusion.

Der Radsport wird sich nie mehr damit zufrieden geben müssen, dass Doping nicht erwiesen ist. Vielmehr muss jeder Zweifel beseitigt werden, dass Doping überhaupt möglich ist, ohne dass es entlarvt wird. Der Weg dahin ist steinig und langwierig. Denn momentan muss jeder davon ausgehen, dass der Radsport vom Doping durchseucht ist. Eine Geständniswelle, wie sie sie von Zabel und Aldag jetzt möglicherweise initiiert wird, kann da nur der Anfang sein. Blutprofile und DNA-Tests müssen folgen und ein lückenloses Überwachungssystem nach sich ziehen.

Gelingt es nicht, das Vertrauen in einen sauberen Sport (wieder-)herzustellen , so wird es Aufgabe der Medien sein, den nötigen Druck auf Athleten und Offizielle auszuüben. Dies bedeutet zwangsläufig auch, dass man die Berichterstattung zurückstutzt oder gar gänzlich auf sie verzichtet. Nur wenn man dem Radsport die Medienpräsenz und ihm so die finanzielle Basis entzieht, kann man die Verantwortlichen dazu veranlassen, für einen glaubwürdigen und damit attraktiven Sport zu sorgen.

Eines ist jedoch stets schon klar: Augenscheinlich ehrliche, mit Ehrenwort beschworene Bekenntnisse gegen das Doping taugen nicht, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Die Lügen der Vergangenheit wiegen zu schwer. Denn auch für den Radsport gilt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

Die 44. Bundesligasaison ist nunmehr Geschichte und sie erlebte einen Meister, dem dies wohl niemand zugetraut hätte. Wenn man nicht gerade Udo Lattek heißt oder ein anderer Teilnehmer der süffig-sanften Gesprächsrunde am Sonntagvormittag ist, so kann man die diesjährige Meisterschaftsentscheidung nur als eine faustdicke Überraschung bezeichnen, mit der man niemals gerechnet hätte. Da mag man die durchdachte Einkaufspolitik des umsichtigen Horst Heldt und die früchtebringende Jugendarbeit noch so sehr loben, der Meistertitel für den VfB war nicht zu erwarten. Denn trotz der beiden mexikanischen Neuzugänge und der Verpflichtung des aufstrebenden Roberto Hilbert ist das Personal des VfB Stuttgart keineswegs so herausragend, dass man damit die Konkurrenten aus Schalke, Bremen und München ohne weiteres abhängen könnte. Alle Experten winden und drehen sich, um das Erfolgsphänomen erklären zu können. Ist es die sachlich-nüchterne Arbeit eines unterschätzten Armin Veh? Liegt es an der vielbeschworenen Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Routiniers?

Vielleicht sollte man jedoch nicht versuchen, die Erfolgsgeschichte fußballtheoretisch haarklein begründen zu wollen. Fußball ist eben doch nicht kalkulierbar und liefert Ergebnisse, die man sich nicht so recht erklären kann. So jedenfalls liegen die Dinge auch beim VfB Stuttgart, der aufgrund seiner Konstanz in der Endphase der Saison den Titel zweifellos verdient hat.

Auch wenn dieser Tage die Lobeshymnen auf Veh & Co. einbrechen, so sollte man doch nicht vergessen, wer in dieser Saison den schönsten Fußball gespielt hat. Und das waren dann letztlich doch nicht die Stuttgarter, sondern wieder einmal die Bremer. Diego, dessen Verpflichtung sich als einziger Glücksgriff für Bremen und die Liga erwies, bildete mit Torsten Frings ein kongeniales Mittelfeld-Duo und bescherte der Bundesliga den so sehr vermissten internationalen Glanz. Bremer Spiele trugen zumeist die Garantie für Tore und spielerische Eleganz in sich. Dass es am Ende für die Hanseaten nicht zu einem Teil reichte, hängt wohl nicht zuletzt mit der mysteriösen Formkrise des Miroslav Klose zusammen. Dennoch, die Bremer haben eine gute Saison gespielt und werden auch im kommenden Jahr den deutschen Fußball international wieder ordentlich repräsentieren.

Schalke wird indes als einer der großen Verlierer dieser Saison in die Geschichte eingehen. Zum wiederholten Male haben sie den greifbar nahen Titel verpasst und sind wohl abermals an den eigenen Nerven gescheitert. Dass man ausgerechnet beim Erzrivalen aus Dortmund die Meisterschaft verliert, verleiht dem ohnehin schon schmerzlichen Scheitern noch eine zusätzliche bittere Note. Dass Schalke eine insgesamt sehr sehenswerte Saison gespielt hat, interessant auf und um Schalke dagegen wohl fast niemanden.

Der Verlierer dieser Saison ist hingegen der FC Bayern München, der seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Nicht einmal das Mindestziel Champions League wurde erreicht. Stattdessen dürfen sich die Münchener in der kommenden Saison auf den Dorfsportplätzen der europäischen Provinz probieren. Ausschlaggebend für das Münchner Versagen war die allgegenwärtige Sattheit nach zwei Doubles in Folge, die die Verantwortlichen vor dringend erforderlichen Neuverpflichtungen zurückschrecken ließ. Die Fehlentscheidung hat sich gerächt und soll nun mit einem radikalen Neuaufbau korrigiert werden. Im Sinne des FC Bayern bleibt zu hoffen, dass das Umfeld die hierfür nötige Geduld bewahren und auch mit kurzfristigen Misserfolgen leben wird.

Die Saison 2006/2007 war außergewöhnlich. Hierfür sprechen nicht nur die Zuschauerrekorde und das gestiegene spielerische Niveau, sondern die Spannung, die die Liga lange in Atem gehalten hat. Bis kurz vor Saisonende war die Hälfte der Vereine noch abstiegsgefährdet und drei Mannschaften kämpften um den Meistertitel. Aber auch sonst werden viele Kuriositäten, Anekdoten und Überraschungen in Erinnerung bleiben. Man denke nur an den schwarzen Mittwoch mit drei Trainerentlassungen innerhalb kürzester Zeit, an Augenthalers 42-Sekunden-Pressekonferenz oder an Diegos Traumtor aus 62 Metern. Es war eine außergewöhnliche Saison, die schon jetzt Appetit macht auf Spielzeit Nr. 45.

Erpressungsversuch

14. Mai 2007

Bundespräsident Köhler hat entschieden: Christian Klar wird nicht begnadigt. Die Entscheidung ist, wie für das Gnaden“recht“ typisch, weder richtig noch falsch, sondern als solche hinzunehmen. Sie verdient Respekt und sie müsste diesen auch genießen, wenn sie anders ausgefallen wäre. Dass Köhler sich indes vor seinem Urteil mit Klar persönlich getroffen hat, war angemessen. Denn wie sollte man eine Entscheidung über eine Person treffen, wenn man diese nicht einmal persönlich kennt. Gänzlich unangemessen waren hingegen die Drohgebärden, die angesichts Köhlers Treffen mit Klar aus den Reihen der Union, insbesondere von Seiten der CSU, zu vernehmen waren. So stellte CSU-Generalsekretär Markus Söder in Aussicht, dass ein Gnadenerweis Köhlers eine „schwere Hypothek“ für dessen Wiederwahl sei.

Man kann in diesen Tagen den Fall Klar zum Anlass nehmen, das Gnaden“recht“ in seiner jetzigen Form auf seine Berechtigung hin zu überprüfen. Solange jedoch unsere Verfassung dem Bundespräsidenten die Kompetenz zur Gnade zuweist, ist er bei deren Ausübung vor (politischer) Einflussnahme zu schützen. Jeder, auch Söder, hat Manipulationsversuche zu unterlassen und die Entscheidung zu respektieren. Dieses gebietet nicht nur die Achtung vor der Würde des Amtes, sondern ganz einfach der politische Anstand. Diesen hat Söder jedoch bei seiner Ankündigung gänzlich vermissen lassen. Seine Aussage ist letztlich nichts anderes als der Versuch einer Erpressung. Denn legt man die kryptische Formulierung des Generalsekretärs sachlich aus, so kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass er Köhler mit einer gezielten Drohung dazu veranlassen wollte, von einem Gnadenerweis für Klar abzusehen. Das ist keine „Überwertung“, wie Günther Beckstein vielleicht meint, sondern eine nüchterne Analyse der indiskutablen Äußerung eines Politikers, der bislang mit großer Zielsicherheit in jedes sich bietende Fettnäpfchen getappt ist. Dass dieser Mann in so einer herausgehobenen Funktion auf Dauer in unserer Demokratie nicht tolerabel ist, hat außer seinem Mentor Stoiber inzwischen jeder verstanden.

Bezeichnend an den Vorfällen ist wieder einmal, dass gerade die Parteien, die ein „C“ in ihrem Namen tragen und sich stets ihrer christlichen Verwurzelung rühmen, lauthals einen Gnadenerweis abgelehnt haben. Und das, obwohl das Verzeihen als solches einen maßgebenden Wert in einer christlich-geprägten Gesellschaft darstellt. Es drängt sich aber eben doch der Verdacht auf, dass bei der Union das Wertebewusstsein ausgeblendet wird, wenn politische Ideologien ins Spiel kommen.

Es bleibt dabei: Köhlers Entscheidung verdient Respekt, sie ist einer objektiven Bewertung nach „richtig“ oder „falsch“ unzugänglich. Die Begründung, die auf die mangelnde Reue Christian Klars abstellt, macht Köhlers Entschluss aber jedenfalls nachvollziehbar. Und es bleibt zu hoffen, dass Köhler in der Tat nach seinem eigenen Gewissen entschieden und dem politischen Druck der Unionsparteien bei seiner Entscheidungsfindung widerstanden hat.