Polito(un)logisch

25. Juni 2007

Eines der häufigsten Postulate moderner Bildungspolitik ist die Intensivierung fächerübergreifenden Lernens. Wie interdisziplinärer Schulunterricht konkret aussehen soll, bleibt dagegen zumeist mysteriös. Ob während Turnübungen Lateinvokabeln abgefragt werden, das Periodensystem der Elemente als Sonett vorzutragen ist oder ob das menschliche Verdauungssystem als Modell für eine Buntstiftzeichnung dienen soll – vieles ist denkbar, aber nur weniges erscheint sinnvoll.

Immerhin geht die internationale Politik in diesen Tagen mit gutem Beispiel voran und bietet mit dem Hauptstreitpunkt des bevorstehenden EU-Gipfels einen Paradefall für die Kombination zweier sich prinzipiell unversöhnlich gegenüberstehender Disziplinen: Mathematik, anerkanntermaßen auf den Gesetzen der Logik aufgebaut, und Politik, ein bekanntlich  konsequenten Schlussfolgerungen unzugängliches Terrain, erfahren durch die Diskussion um die erforderliche Abstimmungsmehrheit im EU-Ministerrat eine nicht für möglich gehaltene intellektuelle Symbiose.

Worum geht es also:
Während der zur Diskussion stehende EU-Vertragsveränderungsentwurf eine doppelte Mehrheit vorsieht, spricht sich Polen für die sog. Quadratwurzel-Mehrheit aus. Dabei ist die doppelte Mehrheit erreicht, wenn mindestens 55 Prozent der Mitgliedstaaten zustimmen, die zugleich mindestens 65 Prozent der Bevölkerung der Union ausmachen. Die polnischen Kaczinski-Zwillinge sehen das hingegen anders und sprechen sich trotz familiärer Ämterquadratur für das Radizieren aus: Sie fordern nun für jedes EU-Land eine Zahl von Stimmen, die sich ergibt, wenn die Quadratwurzel aus der Bevölkerungszahl gezogen wird.

Alles verstanden? Nein? Nun, wenn alles so einfach wäre, würde dieser Sachverhalt ja auch nicht als fächerübergreifende Schulaufgabe taugen. Unpolitischen Mathematikern bzw. mathematikfernen Politikern zur Folge soll die Wurzel-Lösung der Zwillinge im Endeffekt kleinere Staaten bevorzugen. Dies verwundert jedoch: Denn während nach dem Änderungsentwurf alle Staaten gleiches Stimmgewicht besitzen, würden nach dem polnischen Vorschlag bevölkerungsschwächere Länder über weniger Stimmen verfügen. Dem ersten Modell zur Folge bedarf es stets einer Mehrheit der Mitgliedsstaaten. Nach Polens Entwurf hingegen könnte auch eine Minderheit an Staaten – wegen ihres stärkeren Stimmgewichts – ein Vorhaben durchsetzen.
Vergegenwärtigen wir uns diesen Befund anhand eines konkreten Beispiels: Nehmen wir einmal an, im EU-Ministerrat würde über eine Richtlinie, nach der an europäischen Schulen das Fach Mathematik abgeschafft werden soll, abgestimmt. Frankreich, Spanien, Großbritannien, Italien, Niederlande, Rumänien, Tschechien und natürlich Deutschland stimmen dem Vorhaben zu, während die restlichen Staaten dagegen votieren. Nach dem bislang vorliegenden Modell könnte die Richtlinie nicht angenommen werden. Zwar würden die abstimmenden Länder deutlich mehr als 65 Prozent der Unionsbevölkerung ausmachen. Da aber nur acht von 27 EU-Mitgliedern zustimmen, wäre das Quorum von 55 Prozent nicht erreicht. Die bevölkerungsreichen Staaten könnten sich nicht durchsetzen. Legt man hingegen das Polen-Modell zugrunde, wäre mit über 50.000 von insgesamt rund 100.000 Quadratwurzel-Stimmen die erforderliche Mehrheit überschritten. Von Bevorzugung der kleineren Länder könnte keine Rede mehr sein.

Und, ist jetzt die Verwirrung vollständig komplett? Wenn ja, dann haben Sie alles richtig gemacht. Denn Sie haben somit an einem konkreten Beispiel nachvollzogen, dass Politik und Mathematik tatsächlich nicht miteinander zu vereinbaren sind. Deshalb ist die EU-Debatte um die Abstimmungsmehrheit zwar gut gemeint, aber leider mal wieder nicht gut gemacht.

Wir jedenfalls bleiben zurück mit einer Frage und einer Erkenntnis. Die Frage lautet, bei politischen Themen nicht unüblich: Was soll das ganze Theater eigentlich? Und die Erkenntnis ist vorhersehbar und ernüchternd zugleich: Politik und Logik, das verträgt sich nicht.

Vorteil Desinteresse

18. Juni 2007

Der Frühsommer ist die Zeit der Tennisturniere. Während der europäische Spitzenfußball eine Pause einlegt, werden quer durch Europa die großen Tennisturniere ausgetragen. Doch die deutsche Fernsehlandschaft scheint hiervon kaum mehr Notiz zu nehmen. Paris, Wimbledon, Halle – die großen TV-Sender sind nicht im Bilde und überlassen die Berichterstattung den Sportkanälen. Das Interesse am Tennissport scheint an einem Nullpunkt angekommen zu sein. Doch worin liegen die Gründe für das allgemeine Desinteresse?

Der Hauptgrund ist bei den neuen, eher blassen Spielertypen zu suchen. Wohl kaum eine andere Sportart lebte so von ihren Idolen und leidet jetzt unter ihrem Fehlen. Dies gilt insbesondere für den deutschen Tennissport, dessen Boom der 80er und 90er Jahre fast ausschließlich auf seine Ikonen Boris Becker und Steffi Graf zurückzuführen ist. Beide waren nicht nur äußerst erfolgreich, sonder Persönlichkeiten, die die Massen mit ihrem Spiel in ihren Bann zogen. Nach ihrem Rücktritt verblasste das Tennis-Phänomen jedoch zusehends. Weder ein Thomas Haas noch ein Nicolas Kiefer oder eine Anke Huber konnten die Zugkraft entwickeln, mit der einst Becker und Graf den Boom begründet hatten.

Aber auch der internationale Tennissport hat an Popularität eingebüßt. Die Ursachen liegen hier ähnlich. Man sehnt sich zurück nach echten Typen und Kämpfern vom Schlage eines John McEnroe, Jimmy Connors oder Ivan Lendl. Die Protagonisten der Neuzeit, ob sie nun Federer, Nadal oder Davydenko heißen, kommen dagegen wesentlich stromlinienförmiger daher. Dabei sind ihre sportlichen Leistungen keineswegs geringer einzuschätzen. Im Gegenteil, das Spiel ist noch professioneller und vor allem schneller geworden, aber deshalb eben nicht unbedingt attraktiver. Begeisternde Ballwechsel sind eher selten, stundenlange Tennisschlachten nur noch die Ausnahme – eine Entwicklung, die insbesondere dem höheren Tempo geschuldet ist.

Die Gründe für die nachlassende Tennis-Euphorie sind somit schnell ausgemacht. Indes dürfte es schwierig bis unmöglich sein, diese Erkenntnisse in grundlegende Reformen zu transformieren. Denn Professionalität lässt sich nicht aufhalten. Die Geschwindigkeit des Spiels durch künstliche Regeländerungen zu drosseln, erscheint wenig praktikabel. Und dem Mangel an echten Persönlichkeiten kann man nur mit dem Hoffen auf neue Typen begegnen. Die Perspektiven sind eher düster. Möglicherweise zeigt sich so auch, dass das Tennis viele Jahre lang über seine Verhältnisse gelebt hat und allmählich auf dem Boden der Realität angekommen ist. Denn so spektakulär und aufregend manches Endrunden-Match auch sein kann, so ernüchternd kann der Alltag der Vorrundenspiele sein. Wenn dann auch noch die großen Zugpferde dem Sport allmählichen den Rücken kehren, dann sind die besten Zeiten vorbei. Und hieran wird sich so schnell nichts ändern.

Systemfehler

11. Juni 2007

Sind wir mal ehrlich: Wenn wir die Bilder der acht Damen und Herren sehen, die dieser Tage in Heiligendamm über das Schicksal unseres Planeten verhandelt haben, sind wir dann wirklich davon überzeugt, dass sie zum Besten von uns allen handeln? Glauben wir tatsächlich, dass sie mit Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein die Probleme der Zukunft in Angriff nehmen? Trauen wir es ihnen wirklich zu, langfristige Perspektiven für eine gerechte und lebenswerte Welt zu schaffen?

Wohl nur die wenigstens von uns werden diese Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten können. Die meisten begutachten die Verhandlungen dagegen mit Skepsis, Misstrauen oder gar mit reiner Resignation. Inzwischen haben wir uns an den Argwohn gegenüber unseren Regierungschefs gewöhnt. Dennoch muss es verwundern, dass den Verantwortungsträgern, die ja immerhin durch (mehr oder weniger) demokratische Wahlen legitimiert sind, vom Volk so wenig zugetraut wird. Denn die acht Gipfelteilnehmer sind nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht – sie sind von uns auserkoren worden. Und trotzdem vertrauen wir ihnen nicht. Warum?

Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass alle acht in ihrer Eigenschaft als Regierungschefs gerade einmal 14% der Weltbevölkerung repräsentieren, die – im Gegensatz zum „Rest“ – weit überwiegend im Wohlstand leben. Als solche sind sie von vorne herein nicht prädestiniert, die Interessen eines Kontinentes wie Afrika zu vertreten, den andere Sorgen plagen als Hedge-Fonds oder Produktpiraterie. Das eigentliche Problem liegt jedoch noch tiefer. Es würde in der Tat nichts nützen, noch mehr Regierungschefs an einem Tisch zu versammeln. Der Klimaproblematik jedenfalls würde man so nicht Herr werden. Denn als nationale Vertreter sind sie stets dazu angehalten, in erster Linie die Belange des eigenen Landes in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen. Zwar sollte auch jedes einzelne Land an einer weitsichtigen Klimapolitik interessiert sein, jedoch ist das Durchsetzen nationaler Wünsche im Hinblick auf demoskopische Werte allemal profitabler.

Die Geschicke unseres Planeten werden demnach von Menschen gelenkt, für die globale Aspekte bestenfalls von zweitem Rang sind. Dies ist ein schwerwiegender Systemfehler, den wir uns nicht mehr lange leisten können. Es ist an der Zeit, eine Art Weltregierung zu schaffen, die mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet und zudem fähig und willens ist, ihre Macht auch auszuüben. Die UN, die nach der Vorstellung ihrer Gründer eine eben solche Funktion wahrnehmen soll, ist letzten Endes auch nur ein Konzil weisungsgebundener Nationenvertreter unter dem Deckmantel eines globalen Interessenverbandes. Das Vertrauen, dass die G8 oder die UN die notwendigen Schritte für eine verantwortungsvolle Zukunftsgestaltung einleiten, ist – so es denn jemals vorhanden war – längst erschöpft. Das Wohl unserer Welt gehört in andere Hände.

Was bleibt von diesem G8-Gipfel ist eine hanebüchene Erklärung, die sich wohl kein Satiriker besser hätte ausdenken können. Die Teilnehmer „ziehen eine Halbierung der CO2-Emissionen bis 2050 ernsthaft in Betracht“. Das heißt im Umkehrschluss: Bislang hat man dieses Ziel für abwegig gehalten. Und für die Zukunft heißt das noch gar nichts. Denn wer etwas ernsthaft in Betracht zieht, der lässt es am Ende doch lieber bleiben – ganz ernsthaft.
Diese Erklärung ist weder ein ermutigender Schritt noch ein Hoffnungsschimmer, sondern nur eine unglaubliche Frechheit, die der Skepsis gegenüber der G8 weitere Nahrung gibt.