Die wahren Leidtragenden

30. Juli 2007

Man kann in diesen Tagen viele Aspekte der Doping-Problematik beleuchten. Man kann die Moralvorstellungen der dopenden Radsportler hinterfragen. Man kann die Richtigkeit des Übertragungsstopps der Öffentlich-Rechtlichen in Frage stellen. Man kann sogar über einen Abbruch der Tour nachdenken

Vielleicht sollte man aber einmal den Fokus auf die wirklich Leidtragenden dieser Misere richten, nämlich die viele Millionen Radsportfans in aller Welt. Sie haben sich monatelang auf dieses Großereignis gefreut und ihnen wird nunmehr eine Veranstaltung vorgesetzt, die letztlich keinen Grund zur Freude bietet. Wenn nur noch von Doping, Bluttests und Rennausschlüssen die Rede ist, verliert man unweigerlich den Spaß an der Sache. Die Folge ist purer Frust. Und dieser äußert sich zuweilen in trotzigen Kommentaren, frei nach dem Motto „Lasst sie doch dopen, Hauptsache wir sehen endlich wieder Sport!“ So kurzsichtig eine solche Argumentation auch sein mag, so nachvollziehbar ist sie doch, wenn man weiß, wie stark die emotionale Bindung eines Fans zu seinem Sport sein kann. Für den Fußball ist eine derart persönliche Beziehung anerkannt, für den Radsport kann jedoch nichts anderes gelten. Denn wer seinen Sport liebt, der will ihn auch leben. Das andauernde Gerede über Doping dagegen ist ernüchternd und frustrierend.

Natürlich muss sich der Radsportfan mit der Frage auseinandersetzen, ob er nicht jahrelang einer Illusion erlegen ist und naiv war zu glauben, dass Radrennen fairer und sauberer Sport sind. Nach heutigem Stand muss man davon ausgehen, dass Doping schon seit eh und je ein Problem des Radsports ist und die jetzige Debatte daher nur eine logische Konsequenz eines langjährigen Betrugs darstellt. Doch all das kann nichts daran ändern, dass der Radsport eine faszinierende und begeisternde Disziplin ist, auf die viele Fans ihren Anspruch erheben. Doch momentan haben sie von ihrem Sport nicht viel. Er wird ihnen regelrecht vermiest.

Bei der Suche nach den Miesmachern kann man zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Sind es die Medien, die vom eigentlichen Sport praktisch nicht mehr berichten und sich stattdessen nur auf elendige Dopingdiskussionen konzentrieren? Sind es die Verantwortlichen im Radsport, die über lange Zeit die Schwere der Problematik nicht wahrhaben wollten? Oder sind es letztlich nicht doch die Sportler höchst selbst, deren Beschwörungen des sauberen Sports am Ende doch bloße Lippenbekenntnisse erfolgssüchtiger Sportler mit eigenartiger Wettkampfmoral waren?
Dem Fan wird das vielleicht am Ende sogar gleichgültig sein. Er will endlich wieder seinen Sport zurückhaben, ungetrübt durch nicht enden wollende Dopingdiskussionen. Augenblicklich jedoch scheint das jedoch ferner denn je. Und hierin liegt das wirkliche Dilemma: Vielen Fans wird so das Objekt ihrer Begeisterung und damit auch ein Stück Lebensfreude genommen. Dieser Aspekt kommt bislang in der Auseinandersetzung mit dem Thema viel zu kurz. Auf die Wünsche der Fans muss stärker Rücksicht genommen werden, ihr Interesse ist immerhin die Wurzel des kommerziellen Erfolgs des Radsports. Und vielleicht kann dieser Aspekt auch zu einer Trendwende beitragen, wenngleich derzeit jede Hoffnung auf einen dopingfreien Radsport Naivität gleichkommt.

Oh Gott, Gottlieb!

23. Juli 2007

Es gehört zu den fragwürdigen Traditionen der ARD-Tagesthemen: Egal wie belanglos das Tagesgeschehen auch gewesen sein mag, egal wie unbrisant die übermittelten Botschaften auch sein mögen, jede Ausgabe der spätabendlichen Nachrichtenschau wird mit einem nachdenklichen Kommentar „bereichert“. So meldet sich tagtäglich ein Journalist einer ARD-Anstalt zu einem vermeintlich heiklen Thema zu Wort und wirft einen kritischen Seitenblick auf die aktuellen Vorgänge.

Wann immer die an sich so diskussionsunfreudige CSU im Mittelpunkt der Diskussion steht, tritt Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayrischen Rundfunks, auf den Plan und gibt seine Sicht der Dinge zum Besten. Doch wer bei ihm auf eine differenzierte Analyse hofft, wird stets enttäuscht. Denn Gottlieb hat den für Berufsjournalisten selbstverständlichen Grundsatz professioneller Objektivität offenkundig nicht verinnerlicht. In unerträglicher Distanzlosigkeit pflegt er die bayrische Volkspartei mit Samthandschuhen anzufassen und macht dabei aus seiner Affinität zu Stoiber & Co. keinen Hehl. Wenn in der Öffentlichkeit Kritik an den Christsozialen aufkommt, meldet sich stets Gottlieb zu Wort und versucht zu beschwichtigen. So geschehen auch dieser Tage, als er angesichts der sich zuspitzenden CSU-Führungskrise von einer natürlichen Umbruchphase sprach und die innerparteiliche Zerstrittenheit auf kurzfristige Machtkämpfe in einer lebendigen Partei reduzierte.

Gottliebs Vorliebe für die CSU ist übrigens nicht nur bei seinen regelmäßigen Kommentaren in den Tagesthemen zu beobachten, sondern findet ihren Ausdruck auch in der von ihm moderierten Polittalkshow „Münchener Runde“. Diese jedoch wird im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt, in dem Gottlieb als Chefredakteur nicht nur Hausmacht besitzt, sondern in dem ein CSU-Parteibuch bekanntlich eine ungeschriebene Karrierevoraussetzung darstellt. Die ARD hingegen lebt nicht zuletzt von ihrer Neutralität und muss sich fragen lassen, ob sie sich einen derart voreingenommenen und unglaubwürdigen Kommentator noch leisten kann.

Sigmund Gottlieb sei seine eigene Meinung gegönnt. Wenn er jedoch als politischer Journalist ernst genommen werden will, so muss er endlich Unparteilichkeit und die Fähigkeit beweisen, auch mit seiner geliebten CSU hart ins Gericht gehen zu können. Mit seinem bisherigen Habitus ist er jedenfalls ein Ärgernis für jeden neutralen Zuschauer und eine Schande für seinen Berufsstand.

Keine Ultimaten

16. Juli 2007

„Einer Bundesregierung stellt man keine Ultimaten.“ Mit diesen ungewöhnlich deutlichen Worten quittierte Bundeskanzlerin Angela Merkel am heutigen Donnerstag das Fernbleiben dreier türkischer Organisationen beim Integrationsgipfel im Kanzleramt. Die Äußerung der Regierungschefin ist, mag sie zunächst auch nach einer schroffen Zurückweisung klingen, in ihrer Eindeutigkeit zu begrüßen. Die Bundesregierung darf sich nicht erpressen lassen und muss dies auch klar zum Ausdruck bringen.

Die Erklärung der Kanzlerin ist nicht zuletzt auch angesichts der Begründung des Boykotts uneingeschränkt gut zu heißen. Denn die abwesenden Vereinigungen stützten ihr Fernbleiben insbesondere auf ihre Kritik an dem neuen Zuwanderungsgesetz, nach dem nachziehende Ehepartner aus der Türkei künftig einfache Deutschkenntnisse nachweisen müssen. Nun mag man über den Integrationseffekt des Zuwanderungsgesetzes in der Sache trefflich streiten. Dass das Erlernen der deutschen Sprache (das Gesetz verlangt sogar lediglich einfache Kenntnisse) aber eine unverzichtbare und eigentlich selbstverständliche Voraussetzung für eine nachhaltige Integration ist, dürfte dann doch niemand ernsthaft in Zweifel stellen. Sprachkenntnisse sind eine conditio sine qua non, um sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Wer dies in Abrede stellt, kann nicht ernst genommen werden und verdient eine klare Antwort.

Die türkischen Organisationen tun dies dennoch und prangern eine Ungleichbehandlung an, da für den Nachzug aus einigen anderen Staaten Sprachkenntnisse nicht zwingend erforderlich sind. Der Verweis auf die Ungleichbehandlung hat nur vordergründig seine Berechtigung. Denn es gibt in der Tat gute Gründe, weshalb man bei türkischen Nachzüglern (aber auch nicht nur bei ihnen) besonders genau hinschaut. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gerade auch bei türkischen Familien mangelnde Sprachkenntnisse einer nachhaltigen Integration im Wege stehen. Hinzu kommt, dass man auf diesem Wege glaubt, ein Stück weit dem Problem der Zwangsverheiratung entgegenwirken zu können. Trotz allem muss man berechtigterweise nachfragen dürfen, wieso denn nicht jeder Nachzügler, ganz gleich aus welchem Land er kommt, Deutschkenntnisse vorweisen muss. Hierin mag man eine Inkonsequenz sehen. Dass jedoch darf türkische Verbände nicht dazu verleiten, den notwendigen Integrationsbeitrag ihrer Landsleute in Frage zu stellen.

Abgesehen davon kann Integration immer nur durch Dialog gelingen. Wer sich dem Dialog entzieht, verhält sich kontraproduktiv. Ein Boykott ist hier immer das falsche Mittel.
Deshalb ist es auch zu begrüßen, dass die Kanzlerin trotz der Brüskierung durch die türkischen Organisationen nicht schmollt, sondern stattdessen betont hat, dass die Einladung zum Dialog fortbestehe.