Irgendwie kann man es sich noch gar nicht so recht vorstellen, das neue Bayern ohne Edmund Stoiber an der Spitze. Über die letzten 14 Jahre hinweg hat sich der sogenannte Ziehsohn des „großen“ Franz-Josef Strauß zum Sinnbild für bayrische Leitkultur entwickelt. Seine unbeholfenen Auftritte haben Deutschland amüsiert und ganze Heerscharen von Kabarettisten ernährt. Nicht zuletzt deshalb ist Stoibers Rückzug ein Verlust für uns alle. Ein Verlust, der nicht zu kompensieren sein wird, wagt man einen Blick auf die Liste seiner potentiellen Nachfolger:

Günther Beckstein, der erste Landesfürst in der Zeit nach Stoiber, hat den unabweislichen Makel, dass er – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – seine Sätze im Kopf vorformuliert, ehe er sie in die Mikrofone herausposaunt. Dies ändert zwar nichts daran, dass vieles dessen, was Beckstein zwischen Maß und Brotzeit so von sich gibt, an sich in den Aktenshredder gehört. Immerhin aber kann man Beckstein zuhören und tatsächlich verstehen, was er meint. Das war bei Stoiber stets unmöglich. Dass Beckstein aber genauso lange das Zepter des Ministerpräsidenten wird schwingen dürfen, ist eher zweifelhaft. Denn er ist Franke und dazu noch Protestant und somit jedenfalls gefühlter Preuße. Als solches dürfte er es auf Dauer schwer haben in einer Partei, die traditionell allem Fremdem ein wenig skeptisch gegenübersteht.

Interessanter dürfte die Frage des neuen CSU-Vorsitzenden sein. Hier stehen immerhin drei Kandidaten zu Wahl:
Der neue Vorsitzende dürfte aller Voraussicht nach Erwin Huber sein, ein Mann, dem man seine bajuwarische Herkunft an Sprache und Auftreten anmerken kann. Er ist katholisch und kein Franke, erfüllt also alle Voraussetzungen zur Eignung als Vorsitzender der CSU. Huber ist ein waschechter Bayer, wahrscheinlich bayrischer als Stoiber es jemals gewesen ist. Und wenn der gute Erwin auch dann und wann nicht den souveränsten Eindruck macht, so kann er dem zumeist indisponierten Stoiber doch insoweit nicht das Wasser reichen.

Eher gering sind die Chancen für Horst Seehofer, das soziale Gewissen der CSU. Abgesehen von seinem leicht gerollten „R“ wirkt unser Bundeslandwirtschaftsminister so herrlich unbayrisch, dass ein Nichtbayer sich ihn unweigerlich als neuen Ministerpräsidenten wünschen muss. Trotz seines sachlichen Argumentationsstils und trotz (oder wegen?) seiner unzweifelhaften Fachkompetenz ist Seehofer in den Reihen der CSU jedoch nicht übermäßig beliebt und wird Stoiber deshalb wohl nicht im Amte folgen.

Wirklich konsequent wäre allerdings nur, wenn die Frau, die für Stoibers Rückzug hauptverantwortlich ist, ihn auch auf seinem Thron beerben würde. Gabriele Pauli, die für den Wertekanon der CSU in etwa so sinnbildlich ist wie Gerhard Schröder seinerzeit für die klassische Sozialdemokratie, hat jedoch keine realistischen Chancen auf das Amt der Ministerpräsidentin. Ob man ihr den Putsch gegen Stoiber oder eher die Tatsache, dass sie bei ihren Latexbildern keine näheren Einblicke gewährt hat, übel nimmt, sei jedoch dahingestellt. Fakt ist: In Bayern hat man’s offensichtlich weder mit den noch mit der Roten.

Als wollte sie allen noch mal klarmachen, dass ihre CSU-Mitgliedschaft nur eine Legende sein kann, hat Pauli dieser Tage den Vorschlag gemacht, den heiligen Bund der Ehe doch nicht auf Lebenszeit, sondern erst mal auf sieben Jahre zu schließen. Pauli, die bereits zweimal geschieden ist, spricht aus eigener Erfahrung, dürfte sich aber mit diesem Einwurf eher noch mehr Feinde gemacht haben. Dabei ist ihr zugegebenermaßen recht unorthodoxer Vorschlag bei genauerem Überlegen gar nicht so absurd, immerhin orientiert er sich an den tatsächlichen Gegebenheiten. Doch die spielen in einem Land wie Bayern, in dem religiöse Dogmen soziale Wirklichkeiten verdrängen, keine Rolle.

Frau Pauli dürfte somit, auch wenn sie nett anzusehen ist, bald von der Bildfläche verschwinden. Die CSU hingegen verliert mit Edmund Stoiber einen herausragenden Vertreter für Unbeholfenheit und Konzeptlosigkeit, der hierzulande dem Phänomen des Fremdschämens eine neue, ungeahnte Qualität verliehen hat.

Ede, wir werden Dich vermissen!

So gut wie fast nie

17. September 2007

Blenden wir ein wenig zurück, sagen wir ins Jahr 2003. Damals quälte uns die deutsche Nationalmannschaft in schöner Regelmäßigkeit mit biederem, ärgerlichem und zuweilen wenig erfolgreichem Fußball. Da erschummelte man sich in den Schlussminuten ein glückliches 2:0 gegen die Fußballgroßmacht der Färöer-Inseln, veranlasste den Bundestrainer mit einem peinlichen 0:0 auf Island zu einer legendären Verbaloffensive oder ging vor eigenem Publikum gegen schier übermächtige Franzosen mit 3:0 unter. Jetzt, rund vier Jahre danach, sieht bei den deutschen Elite-Kickern alles anders aus. Wie keine andere Mannschaft in Europa dominiert sie die eigene Qualifikationsgruppe, verkraftet selbst die namhaftesten Ausfälle, bietet auch in belanglosen Testspielen phasenweise sehenswerten Offensivfußball und eilt in beeindruckender Selbstverständlichkeit von Sieg zu Sieg. Ja, um die deutsche Fußballnationalmannschaft ist es derzeit bestens bestellt.

Und trotz alledem wird in diesen Tagen auch des öfteren Kritik laut: Die erste Halbzeit gegen Rumänien sei enttäuschend gewesen, das Offensivspiel gegen die Waliser habe zu Wünschen übrig gelassen und auch im Spiel gegen England hätten sich eklatante Mängel im Abwehrverhalten offenbart. In der Tat sind die angesprochenen Kritikpunkte nicht von der Hand zu weisen. Und es wäre geradezu fahrlässig, ob der allgegenwärtigen Euphorie nicht auch auf die Fehler hinzuweisen. Dies darf jedoch nicht den Blick auf das Wesentliche versperren. Und dieser offenbart, dass sich die deutsche Mannschaft momentan in einer herausragenden Verfassung befindet, in der sie als einer der Topfavoriten auf den Europameistertitel gelten muss. Es ist wohl mehr als 30 Jahre her, dass man so zufrieden mit dem Status quo des deutschen Teams sein konnte. Man mag hierfür viele Faktoren anführen: Die Euphoriewelle durch die Weltmeisterschaft im eigenen Land, die verbesserte Jugendarbeit, die uns zahlreiche junge Talente beschert hat oder aber vielleicht auch schlicht eine Portion Glück.

Neben Qualität und Quantität des Kaders ist aber vor allem der Trainerstab um Joachim Löw für das konstante Leistungshoch verantwortlich. Löw hat augenscheinlich genau das richtige Gespür für die richtige Zusammensetzung einer Mannschaft und verbindet in seiner Person taktisches Geschick mit menschlicher Führungsfähigkeit. Er ist der Garant für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. Zu hoffen bleibt, dass ihm und seinen Spielern die gleiche Sympathie auch dann entgegenkommt, wenn es kurzfristig nicht laufen sollte. Denn die haben sich Löw und seine Truppe aufgrund der Erfolge der letzten Zeit mehr als verdient.

Wenn man also auch hier und da an der einen oder anderen Unzulänglichkeit nörgeln mag, so bleibt doch festzuhalten, dass die deutsche Nationalmannschaft derzeit ein reiner Quell der Freude ist. Schön wäre es indes, wenn die deutschen Vereinsmannschaften im Europapokal an die Erfolge des Nationalteams anknüpfen können. Doch hier ist Skepsis angesagt. Denn die ganz großen internationalen Stars spielen, von kleinen Ausnahmen abgesehen, nicht in der Bundesliga. Vielleicht aber ist in dieser Saison zumindest ein kleiner Aufschwung möglich.

Das Ende der Spaßgesellschaft

10. September 2007

In dieser Woche jährt sich zum sechsten Mal der Tag der Terroranschläge in den USA, die am 11. September 2001 die Welt in Schrecken versetzt haben. Bereits am gleichen Tag beschwor der Journalist Peter Scholl-Latour, nach den Auswirkungen der Geschehnisse auf unsere Welt befragt, das Ende der Spaßgesellschaft herauf. Jetzt, sechs Jahre danach, lässt sich resümieren, dass Scholl-Latour mit seiner Prognose falsch lag. Denn wenn er glaubte, dass eine Gesellschaft, die sich – der Vergnügungssucht verfallen – allenfalls oberflächlich den Problemen unserer Welt widmete, sich fortan mit Nachdruck dem globalen Dilemma zuwenden würde, so irrte er. Gewiss haben uns die bedrückenden Bilder der zusammenstürzenden Türme des World Trade Center vor Augen geführt, dass niemand vor den Gefahren des Terror der Welt gefeit ist und sich den globalen Konflikten entziehen darf.

Aber ist unsere Gesellschaft dadurch eine grundsätzlich andere geworden? Hat sich die alltägliche Oberflächlichkeit zugunsten nachhaltigen und wahrhaftigen Denkens verflüchtigt? Ist die menschliche Gier nach Lustgewinn und Zerstreuung weniger geworden? Wohl kaum. Vielleicht aber lag Scholl-Latour bereits mit seiner Diagnose falsch, als er die Welt des neuen Jahrtausends als „Spaßgesellschaft“ stigmatisierte. Zwar ist die Beobachtung, dass gerade die jüngere Generation einer gewissen Oberflächlichkeit verfallen ist und den Blick für die großen Probleme der Zeit verloren hat, nicht ganz von der Hand zu weisen. Gleichwohl ist ein solches Pauschalurteil nicht minder oberflächlich als die gerügte Haltung der vermeintlichen Gesellschaft selbst. Denn es ist kurzsichtig und geradezu fahrlässig, den Blick nur auf genussfanatische Eigenbrödler zu richten und diese gleichsam zu Stellvertretern einer ganzen Generation zu erheben. Unsere Gesellschaft ist eben doch weit vielschichtiger, als es Scholl-Latour wahrhaben wollte und will. Viele, aber längst nicht alle sind von der „Geiz-ist-geil“-Mentalität befallen. Die Sorge um das Wohl der Mitmenschen und die Zukunft unseres Planeten ist eben auch in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts anzutreffen. Die Rahmenbedingungen, die unsere Ellenbogengesellschaft setzt, lassen diese jedoch oftmals nicht deutlich genug hervortreten.

Scholl-Latours Prognose muss somit bereits an seinem fehlerhaften Befund scheitern. Richtig ist, dass es – 2001 wie 2007 – zahlreiche Menschen gibt, die allen übergeordneten Problemen der Allgemeinheit mit Ignoranz und Gleichgültigkeit begegnen. Diese Menschen lassen sich aber auch nicht von Terror und Krieg beeindrucken. Deshalb gibt es damals wie heute eine Spaßgesellschaft, unter deren Etikett jedoch nicht die ganze Gesellschaft verunglimpft werden sollte.