Friedensaktivisten?

29. Oktober 2007

Den diesjährigen Friedensnobelpreis erhält der ehemalige US-amerikanische Vizepräsident Al Gore. Glückwunsch! Aber dennoch darf man sich die Frage nach dem „Warum“ stellen? Wieso soll gerade Al Gore der herausragende Friedensaktivist unserer Zeit sein?

Begründet wurde die Auszeichnung mit Al Gores Einsatz gegen die drohende Klimakatastrophe. Dieses Engagement ist unbestritten. Aber was hat der Kampf gegen Treibhausgase und Umweltverschmutzung mit dem Einsatz für Frieden zu tun? „Viel“, werden wohl die Jurymitglieder sagen und darauf verweisen, dass eine gesunde Welt auch eine friedliche Welt sein wird. In der Tat ist etwas Wahres daran. Immerhin zeigt der Irak-Konflikt, dass Rohstoffengpässe durchaus ein Kriegsmotiv sein können.

Doch ganz ehrlich: Ist dieser Gedanke wirklich die maßgebliche Triebfeder eines Umweltaktivisten wie Al Gore? Man will ihm ein generelles Friedensbewusstein ja gar nicht absprechen, muss aber gleichzeitig konstatieren, dass er doch vorrangig andere Ziele verfolgt. Al Gore geht es wie wohl den meisten seiner Mitstreiter vor allem darum, den Gedanken der Nachhaltigkeit in das Bewusstsein der Menschen zu tragen. Umweltaktivisten wollen wachrütteln und aufzeigen, dass es jetzt einschneidender Maßnahmen bedarf, um den Fortbestand unseres Planeten und der Menschheit zu sichern. Das ist honorig, vielleicht genauso honorig wie der Einsatz für Frieden, aber in der Sache eben doch etwas anderes. Denn Friedensschaffung gestaltet sich über Aussöhnung und Versöhnung und manifestiert sich in dem Überwinden religiöser, ethnischer und politischer Brücken. All dies ist eben nicht Kern der Arbeit Al Gores und deshalb ist Friedensschaffung jedenfalls nicht das Charakteristikum seines Engagements.

Trotz dieses Etikettenschwindels sei Al Gore die Würdigung gegönnt. Denn seine lobenswerte Initiative verdient einen Preis, wenn auch vielleicht nicht diesen. Doch seien wir froh, dass Al Gore den Preis erhalten hat und nicht etwa der gleichfalls nominierte Ex-Kanzler aus der rheinland-pfälzischen Provinz. Bei ihm könnte man ja tatsächlich auf den Gedanken kommen, er habe sich als heldenhafter Versöhner betätigt und so den Frieden gefördert. Denn er hat – er selbst wird nicht müde, dies zu betonen – die deutsche Einigung vorangetrieben und auch das europäische Zusammenwachsen auf den Weg gebracht. Nun kann man aber bereits darüber streiten, ob er in dieser Entwicklung wirklich der Protagonist war oder sie nicht doch Verdienst anderer (Genscher, Gorbatschow) ist.

Wir Deutschen aber, die Kohl besser kennen als die breite Weltöffentlichkeit, wissen, dass es sich bei ihm mitnichten um einen großen und selbstlosen Friedensaktivisten handelt. Kohl wollte seine Idee eines großen Deutschlands in einem zusammenwachsenden Europa in die Tat umsetzen und sich so einen Eintrag in die Geschichtsbücher sichern. Dies ist ihm gelungen und das hat er auch verdient – im Gegensatz zu einem Friedensnobelpreis.

In diesen Tagen machen einige Internetportale mit der Frage auf, ob das „Dritte Reich auch gute Seiten“ hatte? Sollte diese Fragestellung sinnbildlich für das deutsche Geschichtsbewusstsein sein, so muss einem angst und bange werden. Denn dann wären 60 Jahre Vergangenheitsbewältigung augenscheinlich umsonst gewesen. Glaubt man denn ernsthaft, dass mit der Machtergreifung Hitlers Deutschland von einem auf den anderen Tag von einem Dämon befallen wurde? Meint man wirklich, dass ein Land, das von Unmenschen regiert wurde, in Gänze nur aus Unmenschen bestand?

Nein, das nationalsozialistische System war brutal, pervers und höchst gefährlich, aber es konnte einer aus Menschen bestehenden Gesellschaft nicht jeden Funken Humanität nehmen. Dementsprechend war auch im Dritten Reich nicht alles schlecht. Das Gegenteil zu behaupten, hieße, die nationalsozialistische Diktatur als gespenstisches Mysterium zu beschreiben, das mit allem Irdischen nichts zu tun hat. Natürlich gab es in einer Zeit des Schreckens auch manch kleinen Lichtblick. Dies leugnen zu wollen, wäre absurd.

Die eigentliche Frage, die unausgesprochen im Raum steht und in einer Brühe aus political correctness, verquastem Geschichtsbewusstsein und geheuchelter Solidarität unterzugehen droht, ist jedoch eine andere: Darf man offen zugeben, dass auch im Dritten Reich nicht alles schlecht war?
Nun, um die Frage zu beantworten: Man darf. Man darf es genauso, wie man über deutsche Kriegsverbrechen und heldenhafte Widerstandskämpfer sprechen darf. Man muss es vielleicht sogar, wenn man sich der historischen Wahrheit verpflichtet fühlt.

Bedauerlich ist jedoch, dass eine für das deutsche Selbstverständnis so wichtige Diskussion zuletzt auf so niedrigem Niveau geführt wurde. Denn wenn es um gesellschaftliche Werte und historische Bewertung geht, dann wünscht man sich einen profunden Dialog zwischen lebenserfahrenen Intellektuellen. Stattdessen fand die Debatte zwischen einem selbstverliebten Talkshow-Moderator und einer naiven Ex-Nachrichtensprecherin statt. Johannes Baptist Kerner und Eva Herman statt Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker. Armes Deutschland!

Eben jenem Kerner war es dann auch vorbehalten, das Totschlagargument in die sich zusehends ereifernde Gesprächsrunde zu werfen: „Autobahn geht gar nicht“, ließ er seine verdutzte Gesprächspartnerin und den skandalwitternden Zuschauer wissen. Doch warum eigentlich? Wenn es damit zu tun hat, dass der Bau der Autobahnen mitnichten eine Errungenschaft des System Hitler war, sondern deren Beschluss und Konzeption zeitlich früher liegen, dann könnte man Kerner in der Tat zustimmen. Doch irgendwie hat man den Verdacht, als habe der stets betont korrekt agierende Talkshowprediger seinem beichtenden Gast wie seiner unterwürfigen Zuschauergemeinde schlicht einen verbalen Maulkorb anlegen wollen.

Wenn also Autobahn „nicht geht“, was bleibt dann an Positivem? Die von Eva Herman angeführte Mutterrolle im Dritten Reich? Vielleicht, wahrscheinlich aber nicht. Denn abgesehen davon, dass auch hier die Ursprünge weit früher liegen, dürfte das fragwürdige Frauenbild eher kein Ruhmesblatt sein. Dann doch eher symbolhafte Taten der Menschlichkeit, mutige Überzeugungsbekundungen im Widerstand oder auch ganz systemneutrales Handeln im alltäglichen Leben.

Was auch immer man ausgemacht hat, man kann dies benennen, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Denn es führt niemals zur Relativierung des Unrechtsregimes des Dritten Reiches. Schrecken und Schaden, die von 1933 bis 1945 von Deutschland ausgingen, sind so unermesslich groß, dass kein Licht die Dunkelheit dieser Zeit entscheidend erhellen kann. Gerade deshalb gibt es aber kein „Geht nicht“, solange man sich nur zur historischen Wahrheit bekennt.

Empörungsreflexe

15. Oktober 2007

Der Skandal dieser Woche kommt aus der Welt des Sports, wurde aber von der Politik dankbar aufgegriffen. Der Deutsch-Iraner Ashkan Dejagah hat seine Teilnahme am Länderspiel der deutschen U21-Nationalmannschaft in Israel aus persönlichen Gründen abgesagt und dafür heftige Proteste geerntet. Der Fall „Dejagah“ ist sinnbildlich für ein deutsches Phänomen, den Empörungsreflex. Zudem liegen die Dinge nicht so eindeutig, wie manche es gerne hätte.

Man kann es natürlich so sehen: Wer für Deutschland spielt, der sollte sich dieser Verantwortung auch bewusst werden. Es kann nicht sein, dass private und möglicherweise politische Gründe den Ausschlag darüber geben, ob ein Spieler sich bereit erklärt, in einem Länderspiel anzutreten. Dass Dejagahs Entscheidung nicht frei von politischen Motivationen war, zeigt sich im Übrigen in seinem fragwürdigen Statement, nach dem „mehr iranisches als deutsches Blut“ in seinen Adern fließe und er aus Respekt vor seinen Eltern handele. Wäre es dann nicht konsequent, auch für Iran und nicht für Deutschland das Trikot überzustreifen? Wenn Dejagah wirklich die Ehre zu schätzen wüsste, die eine Berufung in die Nationalmannschaft bedeutet, dann würde er anders auftreten.

Andererseits muss man konstatieren, dass es für Iraner – spätestens seit Ahmadinedschad im Amt ist – durchaus gefährlich sein kann, nach Israel zu reisen und das Land öffentlich anzuerkennen. Genau das würde Dejagah aber mit einer Teilnahme am Länderspiel tun. Das ist traurig, aber es ist Realität. Und deshalb ist Dejagahs Befürchtung, zukünftig Probleme bei einer Einreise in den Iran zu haben, nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man kann den Vorfall wohl aus beiden Perspektiven betrachten. Letztendlich aber dürfte die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegen. Dass ein deutscher Nationalspieler in Israel nicht antreten möchte, ist jedenfalls traurig und hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Denn es zeigt abermals, wie weit wir von religiöser Toleranz und angstfreiem Miteinander entfernt sind.

Dejagahs Entscheidung ist aber nicht zwangsläufig politischer Natur. Zu seinen Gunsten muss unterstellt werden, dass persönliche Gründe, nicht zuletzt die Angst um die eigene Familie, ausschlaggebend waren. Es ist daher kontraproduktiv, sich voreilig zu entrüsten und mit einer ganzen Menge Schaum vor dem Mund das Vorgehen Dejagahs zu geißeln. Gleichwohl hat kurz nach dem Bekanntwerden seines Entschlusses der altbekannte deutsche Empörungsreflex eingesetzt, dem zufolge all das niedergemacht wird, was im Hinblick auf unsere Geschichte als politisch nicht korrekt einzustufen ist. Eine Absage für ein Länderspiel gegen Israel gehört wohl dazu. Und folgerichtig meldete sich gleich CDU-Moralapostel Friedbert Pflüger zu Wort und forderte den Rauswurf Dejagahs aus der Nationalmannschaft. Dass sich Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden, diesem Ansinnen anschloss, überraschte dann wohl niemanden.

Abseits aller Zweifel über die Angemessenheit der allgegenwärtigen Brüskierung müssen doch Fragen erlaubt sein: Wieso muss die Politik, der Zentralrat der Juden eingeschlossen, derart lautstark intervenieren? Gehört es wirklich zu ihren Aufgaben, Forderungen über den Umgang mit einem Fußball-Nationalspieler zu stellen? Ist es nicht viel mehr Sache des DFB zu entscheiden, wie fortan mit Dejagah zu verfahren ist? Muss sich hier die Politik wirklich einmischen? Wäre es nicht endlich Zeit, ein wenig mehr Gelassenheit an den Tag zu legen und die Dinge, auch wenn sie die Belange Israels tangieren, etwas nüchterner zu betrachten?