Querpässe

26. November 2007

Noch vor wenigen Wochen sah alles danach aus, als würde diese Fußballsaison geprägt sein von Gleichförmigkeit und Langeweile. Die Bayern eilten von einem Erfolg zum nächsten, berauschten sich an der eigenen Spielkunst und suhlten sich in beängstigend beständiger Harmonie. Zeitgleich stellt die deutsche Nationalmannschaft immer neue Beliebtheitsrekorde auf und geriet angesichts ihrer fortwährenden Erfolge zur kritikfreien Zone. Selbst das sonst so investigative Fußball-Frühshoppen-Gespann um Wonti & Udo gelangte allmählich an die Grenzen der eigenen Schaffenskraft. Wenn es bei Bayern und der Nationalmannschaft läuft, dann ist der deutsche Fußball so interessant wie ein Interview mit Thomas Doll.

Doch irgendwann hatte der Fußballgott (oder war es doch der Kaiser höchstselbst?) ein Einsehen. Er verabreichte Ottmar Hitzfeld eine kleine Rotationsdosis, setzte Kalle & Uli eine Adrenalinspritze und mir nichts dir nichts war er wieder da, der fast schon verschollen geglaubte FC Hollywood. Und wäre das nicht schon schön genug, ließ er bei dem grauen Wolf aus Leverkusen das Island-Symptom wieder aufleben. Der fauchte einmal böse in Richtung Frankfurt, diagnostizierte beim Bierhoff-Olli eine Schulterprellung angesichts dauernden Schulterklopfens und initiierte so eine Diskussion, die den Schreiberlingen dieses Landes den heißersehnten Stoff für Kommentare, Analysen und Prognosen gibt.

Nun kann man natürlich das Vorgehen der Akteure kritisch beleuchten: Hätte Rummenigge seine Kritik nicht intern formulieren können? Hätte sich sein Vorstandskollege nicht besser beim Würstel-Formen abreagieren können? Hätte der allseits beliebte Rudi nicht etwas dezenter agieren können? Ja, sie hätten. Aber seien wir mal ehrlich: Wäre das nicht ein herber Verlust gewesen? Fußball ist Sport, aber in erster Linie ist es Unterhaltung. Und die ergibt sich eben nicht nur aus dem Geschehen auf dem Platz, sondern nicht zuletzt aus dem Drumherum. Oder wie würden es die ARD-Kommentatoren in der ihnen eigenen Metaphorik ausdrücken: Nur lange Bälle reichen nicht, Querpässe machen das Spiel erst attraktiv. In diesem Sinne: Danke an alle Beteiligten – der deutsche Fußball lebt wieder.

Respektlos

19. November 2007

Für die politischen Akteure gibt es gemeinhin nichts Schöneres als den Rücktritt eines parteifremden Politikers. Ein solcher Rücktritt ist zumeist der Startschuss für ein allgemeines Säbelrasseln, in deren Zuge medienwirksam die Unfähigkeit und Zerstrittenheit des politischen Gegners angemahnt werden dürfen.

Der Fall des Franz Müntefering liegt hier jedoch anders. Zwar sprach der Zeitpunkt seines Rücktritts, kurz nach der gescheiterten Koalitionsrunde, für ein politisches Motiv. Doch hat Müntefering selbst klargestellt, dass es die Sorge um seine kranke Frau und damit ausschließlich private Gründe waren, die den Ausschlag für seine Entscheidung gaben. Der politische Anstand, vor allem aber der menschliche Respekt gebieten es, dass man ihm dies auch glaubt. Die Gründe, die Müntefering angeführt hat, sind zu ernst, als dass man sie öffentlich in Zweifel stellen dürfte. Gleichwohl haben einige Parteirepräsentanten, allen voran FDP-Generalsekretär Niebel, ihr Misstrauen kundgetan und behauptet, dass der Rücktritt auch politische Gründe habe. Nun mag Niebel glauben, was er will. Wenn er aber Müntefering unterstellt, er führe persönliche Motive nur zum Schein an, um damit die wirklichen politischen Ursachen zu kaschieren, dann ist dies nicht nur respektlos, sondern hat den Charakter einer üblen Nachrede. Denn wer solche eine Behauptung in den Raum stellt, der sollte sie auch beweisen können. Mutmaßungen sind hier fehl am Platze.

Geradezu wohltuend hebt sich hier der Kommentar des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers ab, für den es schlimm wäre, „wenn diese Entscheidung nun mit politischen Spekulationen verbunden wäre.“ Rüttgers ahnte wohl, was da kommen würde. Seine Vorahnung fand in Niebel und Lafontaine ihre (un)würdigen Repräsentanten, die nicht zum ersten Mal mangelndes Feingefühl bewiesen. Es bleibt zu hoffen, dass es auch ihnen zukünftig gelingt, dem perfiden Reflex, jede Irritation beim politischen Gegner für die eigenen parteipolitischen Zwecke nutzbar zu machen, zumindest dann und wann widerstehen zu können. Dies wäre ein echter Gewinn für unsere demokratische Kultur.

Das Poker-Phänomen

12. November 2007

Stefan Raab tut es regelmäßig, Ben Affleck liebt es und selbst James Bond kann es nicht lassen: Pokern. Inzwischen hat das Kartenspiel der Hasardeure die verrauchten Hinterzimmer verlassen und ist im Multimedia-Zeitalter des 21. Jahrhunderts angekommen. Ob Film, Fernsehen oder Internet, überall ist Poker präsent und erobert sich eine stetig wachsende Fangemeinde. Selbst ein selbsternannter Sportsender füllt sein halbes Tagesprogramm mit der Übertragung bedeutungsschwerer Pokerturniere. Poker ist derzeit schwer angesagt – mich jedoch befremdet diese allgegenwärtige Begeisterung.
Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass ich ohnehin kein Freund von Kartenspielen bin, deren Reiz sich mir nie so recht erschlossen hat. Vielleicht langweilen mich die antiquierten Spielkartenmotive, vielleicht erinnern mich Kartenspiele aber auch einfach nur zu sehr an provinzielle Stammtischrunden – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich Kartenspiele allgemein und Poker insbesondere wohl niemals in ihren Bann ziehen werden.

Die große Faszination des Pokerspiels erklärt sich wahrscheinlich auch aus finanziellen Motiven. Poker ohne Geldeinsatz ist wie Fußball ohne Ball oder Schwimmen ohne Wasser.
Es ist das Hoffen auf den ersehnten Gewinn gepaart mit der Angst vor dem großen Verlust.
Diese Mischung macht wohl den großen Kick aus, den sich passionierte Pokerspieler immer wieder geben müssen und der sie, je nach persönlichem Talent und Launen der Fortuna, dem Wohlstand nahe bringt oder in den finanziellen Ruin treibt. Spätestens hier weiß ich, dass Pokern nichts für mich ist. Denn in meinem Falle hört bei Geld hört nicht nur der Spaß, sondern auch das Spiel auf. Wenn es ums Geld geht, dann wird es ernst und es bleibt kein Platz für die ungetrübte Freude am bloßen Spiel. Nicht zuletzt deshalb gehöre ich wohl auch der verschwindend geringen Minderheit der Fußballfans an, die sich bisher hat zurückhalten können, ein paar Euro bei einem der vielen Wettanbieter zu setzen.

Möglicherweise hängt meine Ignoranz gegenüber dem Pokerspiel auch mit meiner Abneigung gegenüber den immer weiter um sich greifenden Anglizismen zusammen. Beim Poker wird nicht gesetzt, erhöht und riskiert. Nein, hier muss man „checken“, „callen“, „raisen“ oder „all in“ gehen. Bei allem Verständnis für Fachsprache und internationale Kommunikation, mich persönlich nerven diese Poker-Termini, deren Bedeutung sich mir bis heute nicht wirklich erschlossen hat. Zugegeben, manche Begriffe aus der Pokersprache sind durchaus witzig: Anna Kournikova für Ass und König – sieht gut aus, gewinnt aber selten. Solch pfiffigen Umschreibungen kann ich sehr wohl etwas abgewinnen – das Poker-Phänomen bleibt mir dennoch ein Rätsel.

Übrigens hat gerade der letzte Bond-Film „Casino Royale“, in dem die Poker-Variante Texas Hold’em eine zentrale Rolle einnimmt, dem Pokerspiel international zu großer Popularität verholfen. Anders als beim Pokern kann ich die weltweite James-Bond-Begeisterung jedoch nachvollziehen. Und ich habe die leise Hoffnung, dass James-Bond auch noch in zehn Jahren, wenn Poker längst wieder in die kleine Welt der Hinterzimmer zurückgekehrt ist, noch immer die Massen begeistern wird. Wetten? Nein, ich hab’s ja nicht so mit Glücksspielen…