Ein Politikum lebt weiter

31. Dezember 2007

Es ist die Nachricht der Woche und sie kommt weder aus dem Nahen Osten noch aus der Hauptsstadt. Nein, die frohe Botschaft des Tages kommt aus Köln: Die Lindenstraße wird bis zum Jahre 2011 verlängert. Was hier mit ungläubigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen wird und da schlichtweg ignoriert wird, dürfte in der beträchtlichen Fangemeinde ein kollektives Durchatmen verursacht haben. Denn die Lindenstraße ist für ihre Fans nach inzwischen 22 Jahren allwöchentlicher Ausstrahlung mehr als eine liebgewordene Gewohnheit.

Sie ist für sie so etwas wie ein Reiseführer durch die Irrungen des Alltags, der kein gesellschaftliches Phänomen tabuisiert. Man muss schon lange suchen, um ein Thema zu finden, dessen sich die Lindenstraßen-Macher bislang nicht angenommen haben: Aids, Vergewaltigung, Kindesentführung, Homosexualität, Mord, Zölibat – alles ist irgendwann irgendwie schon einmal vorgekommen. Dass sich all dies in einer einzigen Straße zugetragen hat, mag dabei stutzig machen, eingefleischte Fans ficht dies jedoch nicht an. Denn das Erfolgsrezept der Lindenstraße besteht nicht alleine darin, alle brisanten Themen aufzugreifen und in Szene zu setzen, sondern auch jeweils deutlich Stellung zu beziehen. Die Lindenstraße ist daher schon längst mehr als eine bloße Fernsehserie, sie ist ein Politikum mit ihrem festen Platz in unserer Meinungsgesellschaft. Dabei wird kein Wert auf Ausgewogenheit gelegt. Vielmehr soll die Serie den links-liberalen Stempel ihres Schöpfers, Hans W. Geißendörfer, tragen.

Es verwundert daher nicht, dass die Seifenoper, deren Schauplatz in der bayrischen Landeshauptstadt liegt, in Wirklichkeit in Köln gedreht und vom WDR produziert wird. Wäre der Bayrische Rundfunk die verantwortliche Sendeanstalt, so würde es die Lindenstraße (in dieser Form) nicht mehr geben. Zu nonkonformistisch und provokativ sind die Botschaften, die an jedem Sonntagvorabend über die Bildschirme flimmern, als dass sich die staatstreuen Rundfunkräte in München dies gefallen lassen würden. In Köln gehen die Uhren jedoch zum Glück anders. Deshalb hat hier die Lindenstraße ihre Zukunft und wird den politischen Diskurs weiter bereichern. Die Nachricht von der Fortsetzung der Serie ist daher nicht nur eine Freude für ihre Fans, sondern auch ein gutes Zeichen für unsere Meinungsgesellschaft.

Aktionismus - Teil 2

24. Dezember 2007

Es ist der Polit-Reflex unserer Zeit. Kaum hat die Nachricht über neue Gewalttätigkeiten die Runde gemacht, meldet sich die hohe Politik zu Wort und hat die ultimative Lösung bereits parat. So geschehen vor wenigen Wochen nach dem Hungertod der kleinen Lea-Sophie, der die Spitzenpolitiker der verschiedenen Partei auf die Idee der Einführung eines Kindergrundrechts in die Verfassung brachte.

Gegen Ende des Jahres nun bewegen Bilder aus einer Münchener U-Bahn-Station die Gemüter. Dort haben ein 17-jähriger Grieche und ein 20-jähriger Türke, von Überwachungskameras beobachtet, einen Rentner auf brutalste Weise zusammengetreten und das nur, weil er sie gebeten hatte, das Rauchen einzustellen. Der bayrische Innenminister Herrmann zögerte nicht lange und gab den Weg vor, der zu beschreiten wäre, um solche Verbrechen für die Zukunft zu vermeiden: Erhöhung des Strafmaßes für jugendliche Gewalttäter sowie eine häufigere Anwendung des Erwachsenenstrafrechts für 18 – 21-Jährige. Herrmann fand mit seinem Vorschlag die Zustimmung seines Ministerpräsidenten und dürfte wohl auch in der Bevölkerung großen Beifall geerntet haben. Denn der Wunsch, dass die skrupellosen und im Übrigen uneinsichtigen Täter, für ihre grausame Tat harte Konsequenzen zu spüren bekommen, ist nur allzu verständlich.

Doch es bleibt abermals die Frage, wieso es erst eines solch grausamen Verbrechens bedarf, um das System als solches zu überdenken. Oder anders gewendet: Wieso kann ein einzelnes Ereignis ein ganzes System in Frage stellen? Natürlich gibt es immer wieder Vorfälle, die das Maß zum Überlaufen bringen und somit Anlass zu einer grundsätzlichen Debatte geben. Im Falle der U-Bahn-Attacke liegen die Dinge jedoch anders. Denn so grausam und widerwärtig sie auch war, es handelt sich leider um keinen Einzelfall.

Der Unterschied zu sonstigen Vorfällen liegt hier nämlich darin, dass das Geschehen von einer Kamera beobachtet und dem Fernsehpublikum zur allgemeinen Empörung vorgelegt werden konnte. Diese breite Emotionalisierung ist es dann eben auch, die die verantwortliche Politprominenz zum Handeln zwingt und ihnen Forderungen entlockt, für die sich ansonsten niemand interessieren dürfte. Mit dem schwindenden Interesse am Fall an sich verläuft dann auch die grundsätzliche Debatte im Sande und kann abermals unter dem Stichwort „Aktionismus“ verbucht werden.

Pro Samstag

17. Dezember 2007

Dem Frust über die 3:0-Pleite gegen Piräus folgte für die Bremer die erleichternde Erkenntnis, dass man wegen des zeitgleichen Sieges der Madrilenen gegen Rom nun wenigstens im Uefa-Cup sein Glück suchen kann. Den Terminplanern der DFL dürfte diese Nachricht jedoch die Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben. Denn bereits jetzt gestaltet sich die Terminierung der Bundesligapartien äußerst schwierig. Bei vier deutschen Teilnehmern im sogenannten „Cup der Verlierer“ ist es oftmals unausweichlich, zumindest einer Mannschaft die ihr an sich zustehende Zweitagespause zu versagen. So mussten in dieser Saison Leverkusen, Hamburg, Nürnberg und die Bayern nach einer Uefa-Cup-Partie am Donnerstag bereits gute 40 Stunden später ihr nächstes Pflichtspiel austragen.

Der Protest über diese vermeintliche Wettbewerbsverzerrung wurde in den vergangenen Wochen immer lauter. Insbesondere Bayern-Boss Rummenigge meldete sich wiederholt zur Wort und verlangte von der DFL eine Änderung. Diese jedoch ist an die bestehenden TV-Verträge gebunden und muss deshalb, unabhängig von der Zahl der deutschen Uefa-Cup-Teilnehmer, sechs Begegnungen auf den Samstagnachmittag terminieren. Wenn jetzt mit Werder Bremen ein fünftes Team regelmäßig donnerstags im Uefa-Cup antritt (ein Weiterkommen von Nürnberg und Bayern vorausgesetzt), wird die Lage noch prekärer und die Proteste wohlmöglich noch lauter. Doch sollte die ARD, die für die Samstagspartien die Erstvermarktungsrechte im Free-TV besitzt, nicht kompromissbereit sein, dürfte sich an der Situation nichts ändern.

Während Vereinsinteressen und TV-Verträge die Diskussion dominieren, werden die Belange der Fans in dieser Frage bislang noch ausgeklammert. Dies ist bedenklich, denn weder die Vereine noch die Fernsehsender können sich den Wünschen der Zuschauer verschließen, sondern müssen ihre Planung so weit wie möglich hieran ausrichten. Aus dem Blickwinkel des durchschnittlichen deutschen Fußballfans ist eine zunehmende Verschiebung auf den Sonntag nicht wünschenswert. Es mag ein wenig nostalgisch oder gar konservativ klingen, aber die 1. Bundesliga gehört einfach zum Samstagnachmittag. Dies bestätigen auch einige Faninitiativen der Vergangenheit, die sich unter dem Schlagwort „Pro 15:30“ gegen eine weitere Entzerrung des Bundesligaspieltags ausgesprochen haben.

Bundesligaspiele am Sonntag bieten in der Regel nicht den gleichen Reiz wie die Begegnungen des Vortages. Dies hat vielleicht weniger mit geringeren Zuschauerzahlen und später TV-Berichterstattung zu tun, als vielmehr damit, dass Sonntage mit der ihnen eigenen Tristesse einfach nicht die Stimmung liefern, die man für den ungetrübten Genuss eines Bundesligaspiels benötigt. In Italien und England mögen die Dinge anders liegen – dort ist der Sonntag seit jeher der Tag des Erstligafußballs. In Deutschland gibt es eine solche Tradition nicht. Bei uns gehört der Bundesligafußball nun einmal zum Samstag. Insofern ist der derzeit geltende Fernsehvertrag, auch wenn ihm solche Erwägungen wohl kaum zugrunde liegen, ein Segen für den Fußball-Fan, garantiert er ihm doch die Erhaltung des samstagnachmittäglichen Bundesligafußballs.

Dies mag die Vereinsverantwortlichen erzürnen. Ihr Ärger ist auch verständlich, denn es ist nicht zu leugnen, dass es einen klaren Nachteil bedeutet, wenn den Spielern die ihnen an sich zustehende Regenerationspause vorenthalten wird. Aber seien wir mal ehrlich: Ist im Fußball wirklich alles gerecht und ausgeglichen? Ist es wirklich fair, wenn eine Mannschaft Woche für Woche von Verletzungen gebeutelt wird, während andere Teams stets aus dem Vollen schöpfen können? Ist es wirklich gerecht, wenn ein Verein von einem finanzkräftigen Sponsor unterstützt wird und manch Abstiegskandidat jeden Euro mehrfach umdrehen muss?
Nein, Gerechtigkeit oder gar Gleichheit sind im Fußball, wie auch sonst im Leben, die reinste Illusion. Das heißt nicht, dass man die Idee der Chancengleichheit deshalb gleich aufgeben sollte, aber man muss bereit sein, sie hier und da zu opfern, jedenfalls um den Sport für den Zuschauer attraktiv zu halten. Deshalb bleibt zu hoffen, dass auch zukünftig Bundesligafußball weit überwiegend am Samstag gespielt wird – das wollen die Fans so und das müssen auch die Vereine respektieren.