Anti Ypsilanti

28. Januar 2008

Seit letztem Wochenende wissen wir nun: Wolfgang Clement würde die SPD in Hessen nicht wählen. Aha. Muss er allerdings auch nicht, denn er wohnt ja in Bonn. Und als Nordrhein-Westfale kann er sich von Ministerpräsident Rüttgers ein X für ein U vormachen lassen, ohne deshalb auf eine Ypsilanti setzen zu müssen. Und dennoch sorgt Clements Bekenntnis für Unverständnis und Empörung unter den Sozialdemokraten. Denn Clement ist, auch wenn es unglaublich klingt, im Besitz eines SPD-Parteibuchs. Was während seiner aktiven politischen Zeit nur eine vage Vermutung war, erscheint nun wie ein böses Gerücht. Doch Clements SPD-Mitgliedschaft ist Realität, genau so wie sein RWE-Aufsichtsratmandat. Und genau hierin liegt das Problem. Als Parteibuch-Sozi sollte er seine Partei in der Öffentlichkeit unterstützen, als RWE-Lobbyist muss er die Ziele seines Unternehmens im Auge haben.

Wenn nun Parteisolidarität und Unternehmensinteressen irgendwie nicht zu vereinbaren sind, dann steht man, so wie Clement jetzt, vor einem Dilemma. Der ehemalige Arbeitsminister hat sich für sein Unternehmen entschieden. Das ist nicht erstaunlich, immerhin dürfte RWE seine Aufsichtsratsmitglieder gut entlohnen. Und dass einem die Brieftasche doch näher ist als das Parteibuch, dürfte keinen aufgeklärten Beobachter mehr überraschen. Selbst wenn wir den unwahrscheinlichen Fall annehmen, dass Clement ganz einfach seine persönliche Überzeugung geäußert hat, scheint kein Grund für besondere Empörung gegeben zu sein.
Immerhin sollte die eigene Meinung doch immer Vorrang genießen vor Parteigefügigkeit. Oder?

Also viel Aufregung um nichts? Nicht ganz. Denn Clements Aufruf war denn doch ein wenig zu deutlich. Es bestand für ihn kein Anlass, sich so aus dem Fenster zu lehnen. Es hätte genügt, Zweifel an einzelnen Punkten des Yspilsanti-Programmes anzumelden, wenngleich auch der Zeitpunkt der Äußerung wenige Tage vor der Wahl Fragen aufgeworfen hätte. Aber dass Clement gleich eine Wahlwarnung ausspricht, dürfte nicht nur SPD-Mitglieder irritiert haben. Denn es entsteht der Eindruck, als habe Clement der SPD einen mitgeben wollen. In Clements Statement schwingt eine Menge Frust mit über eine Partei, die oftmals nicht den Weg gegangen ist, den der für sie vorgesehen hatte. Es ist der Verdruss über eine Partei, an der zwar die politische Karriere, aber doch nur selten das eigene Herz hing.

Dies ist dann wohl auch der Grund, wieso es Clement so leicht fällt, in offene Opposition zu seinen einstigen Mitstreitern zu treten. Deshalb ist sein Aufruf letztlich nicht überraschend, aber doch Zeugnis mangelnder Identifikation mit der eigenen Partei.

Die andere Talentsuche

21. Januar 2008

Der unaussprechliche Titel ließ es bereits erahnen. Stefan Raabs zweiter selbstinitiierter Gesangswettbewerb sollte anders werden, als das, was die gängigen Castingshows unserer Zeit zu bieten haben. Statt auf schräge Typen und billige Polemik wollte der schnodderige Moderator vor allem auf eines setzen: Qualität. So jedenfalls lautete sein selbstgestellter Anspruch. Raabs Unternehmen war jedoch von vorneherein nicht bloß ein selbstloses Pioniertum, sondern hatte Masche. Es setzte auf die allgemeine Verdrossenheit gegenüber Bohlens Verbalinjurien und dem mangelnden Talent der vermeintlichen neuen Superstars.
Das Konzept beschränkte sich denn auch in einer unmissverständlichen Oppositionierung gegenüber RTL. Gezielt wurde Carl Carlton, dessen Sohn Max Buskohl seinerzeit von RTL ein Auftritt in TV Total untersagt wurde und so als Geburtshelfer für Raabs Talentshow fungierte, zum Juror erkoren. Zusammen mit dem befremdlichen Titel-Akronym, dessen Schluss („RTLAD“) allein einprägsam war, war die provokative Kampfansage an den konkurrierenden Privatsender komplett, frei nach dem Motto „Wir machen nicht alles anders, aber alles besser“.

Diese Ankündigung kann nun – nach Abschluss der Reihe – auf den Prüfstand gestellt werden. Das Fazit: Raab & Co. machten gewiss nicht alles besser, aber immerhin doch vieles. Auch der selbsternannte Reformator konnte nicht widerstehen, den einen oder anderen krächzenden bunten Vogel der Lächerlichkeit des Publikums preiszugeben. Dies gelang ihm genauso wenig wie der Verzicht auf übertriebene Showeinlagen und ermüdende Inszenierung. Und dennoch kann sich das Ergebnis sehen lassen: Die jungen Sänger überzeugten durchweg mit musikalischer Leistung anstatt mit affektiertem Gehabe und hoben sich damit wohltuend von der Schar der nervig-schrillen Sternchen ab, die einem sonst bei ähnlichen Veranstaltungen präsentiert wird. Alle, die sich bis in die Endrunden vorgekämpft hatten, verfügen über ein beachtliches Talent und stehen nicht in dem Verdacht, aus Marketinggründen speziell gefördert worden zu sein. In besonderem Maße gilt dies für die vier Finalteilnehmer, die inzwischen einen eigens für sie komponierten Titel aufnehmen konnten. Herausgekommen ist dabei eine bemerkenswerte E.P. mit vier echten Ohrwürmern, die sinnbildlich für die Qualität der Interpreten und der ganzen Sendereihe stehen.

Stefan Raab, dessen Umgang mit den Kandidaten von respektvoller Kumpanei bis zu übertrieben unterwürfiger Bewunderung reichte, darf man gratulieren. Er hat sein vollmundig angekündigtes Vorhaben einer anspruchsvollen Talentsuche in die Tat umgesetzt. Wenngleich seine Intention vielleicht nicht ganz so uneigennützig war, wie er es für sich in Anspruch genommen hat, hat er mit seiner Interpretation einer Castingshow die Musikszene doch bereichert. Dabei ist es letztlich zweitrangig, ob der schüchternen 18jährigen Siegerin Stefanie aus der Schweiz eine längere Halbwertszeit beschieden sein wird als den bisherigen Gewinnern der diversen Talentwettbewerbe. Entscheidend ist, dass Raabs Show für eine andere Musikkultur steht, die auf Niveau statt auf Effekthascherei setzt. Dass hierdurch vier sehr begabte Musiker mit echter Perspektive entdeckt wurden, ist eher eine erfreuliche Begleiterscheinung, die sich Raab, der auch mit seinem Bundesvision Song Contest den deutschen Musiknachwuchs fördert, aber ans Revers heften darf und wird.

The next Scharlatan

14. Januar 2008

Deutschlands Fernsehlandschaft ist eintönig, langweilig und ideenlos. Diesen Missstand hat inzwischen auch der Blockbuster-Kanal Pro Sieben erkannt und wartet nunmehr mit einem neuen, gänzlich unverbrauchten Format auf. Dieses lässt sich in etwa so zusammenfassen: Hoffnungsvolle Jung-Magier präsentieren dem Publikum ihre Kunst, stellen sich sodann einem Abstimmungswettkampf und dürfen sich dabei die profunden Kommentare des Altmeisters Uri Geller anhören. Dieser darf dann, zur Auflockerung der Sendung, die Zuschauerschaft mit ein paar seiner allerneuesten Tricks verblüffen. Ob Uhren-Ingangsetzen oder Löffelverbiegen – alles garantiert noch nie da gewesen. Um dem Ganzen noch den nötigen Glamour zu verleihen, werden A-Promis vom Range einer Sonya Kraus in die diversen Zaubereien einbezogen, die mit ihrem atemlosen Staunen die Unfassbarkeit des gerade Geschehenen dokumentieren. Als seriöse und unbestechliche Jury fungiert ein Skeptikertrio um Kölns OB Schramma, das dem Ganzen den intellektuellen Echtheitsstempel aufdrückt. Und fertig ist „The next Uri Geller“, der neue Quotenrenner im deutschen Fernsehen.

So weit, so schlecht. Dass Uri Geller über 30 Jahre nach seinem ersten Auftritt noch immer mit seinen vermeintlich übersinnlichen Kräften die Menschen zu faszinieren weiß, ist kein gutes Zeichen für die Befindlichkeit unserer Gesellschaft im Allgemeinen und des Fernsehens im Besonderen. Klar, das Volk ist dumm und lässt sich gerne für selbiges verkaufen. Das ist keine wirklich neue Erkenntnis, für die es an sich keines Uri Gellers bedarf. Aber dass es einem Magier (so denn diese Umschreibung auf Geller zutrifft) mit dem exakt gleichen dümmlichen Repertoire gelingt, die Menschen über mehrere Jahrzehnte hinweg zu faszinieren, muss einem doch angst und bange machen. So weit sind wir vom Mittelalter also doch nicht entfernt.

Das alles wäre aber halb so schlimm, würden sich die Zuschauer bloß an den scheinbar genialen Tricks erfreuen. Doch die meisten glauben offenkundig wirklich, dass Geller eine mystische Gestalt mit übersinnlichen Kräften ist. Die Zuschauer sind eben auch nicht schlauer als die unkritischen und schmeichelnden Fernsehmoderatoren. Ob sie nun Thoelke, Jauch oder neuerdings Gödde heißen, alle haben sie es versäumt, dem „großen Meister“ die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel, wieso er seine „einzigartige Gabe“ für so einen Nonsens wie Löffelverbiegen benutzt und sie nicht sinnvoller investiert. Vielleicht verweist er ja dann auf seinen Beitrag zum Weltfrieden. Denn nach eigenem Bekunden habe er im Flugzeug neben KGB-Agenten gesessen und mit seiner „Konzentrationskraft“ die Daten in deren Koffern gelöscht. Auf den Unterhändler von Michail Gorbatschow habe er dabei einen so großen Einfluss gehabt, dass Gorbatschow am nächsten Tag vorgeschlagen habe, die Mittelstreckenraketen abzuschaffen. Diese Ausführungen dürften dann allerdings auch den erfahrensten Journalisten sprachlos machen.

Was wir aus all dem lernen können: Die Leichtgläubigkeit stirbt nie aus. Und deshalb wird es, wie es der Titel der Sendung fast drohend prophezeit, auch in der Zukunft noch viele Uri Gellers geben, die sich die Naivität der Menschen zu nutze machen. Doch was auch immer sie für einen Schabernack betreiben, eines kann man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen: Dumm sind sie nicht – im Gegensatz zu ihrem Publikum.