Stirb langsam an Ostern

31. März 2008

Es war ein seltsames Ostern 2008. Irgendwie viel zu früh, dazu noch viel zu kalt und irgendwie auch viel zu brutal. Letzteres jedenfalls ist die Auffassung führender Kirchenvertreter in Deutschland. Denn sowohl der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, als auch der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Markus Bräuer, prangerten unisono die österliche Programmgestaltung der Privatsender an.

„Stirb langsam“, „Sudden Death“, „King Kong“ seien der Beweis für einen wenig „angemessenen Umgang mit der Osterbotschaft“. Eine Auffassung, der man sich fast anschließen möchte, wenn man denn wüsste, wie nun eine passende Antwort des Fernsehens auf das Osterfest auszusehen hat. „Das große Promi-Eiersuchen“ auf Sat1, „Mein Name ist Hase“ in einer Endlosschleife auf Pro7 oder dann doch eine der sechsstundenlangen Bibelverfilmungen?

So genau wissen das wohl weder Marx noch Bräuer. Ihre Intervention hat aber denn doch etwas Sympathisches. Schließlich nehmen sie den Kampf David gegen Goliath auf und wenden sich gegen die schier übermächtigen privaten Fernsehanstalten. Deren programmatische Sünden liegen aber letztlich weniger in der Ausstrahlung von Actionfilmen an christlichen Feiertagen als vielmehr in dem alltäglichen Talkshow-Müll, in dem unsere (TV-)Gesellschaft irgendwann versinken wird.

Hieran kann man sich mit Fug und Recht ereifern, man wird aber in der Sache nichts ändern können. Denn die Privatsender sind im Endeffekt nur einem Gesetz unterworfen, dem Gesetz des Marktes. Die Initiative gegen die österliche Gewalt im Fernsehen ist daher nicht nur gut gemeint, sondern fast schon rührend naiv.

Das Jahr 2008 steht im Zeichen der Olympischen Spiele und ist geprägt von der weltweiten Vorfreude auf das Großereignis in Peking. Diese jedoch hat in den letzten Tagen deutlich abgenommen. Denn der Ruf nach einem Boykott der Spiele wird derzeit immer lauter. Die gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen tibetanischer Mönche hat die Weltöffentlichkeit aufschrecken lassen. Im Zuge der allgemeinen Hilflosigkeit ist jetzt das Augenmerk auf die Olympischen Spiele in Peking gerichtet worden. Eine allgemeine Verweigerung sei, so sieht es unter anderem auch EU-Parlamentspräsident Pöttering, eine angemessene Reaktion auf die fortwährenden Menschenrechtsverletzungen in China.

Die Vergangenheit hat jedoch bewiesen, dass Sportveranstaltungen nicht als Vehikel politischer Machtdurchsetzung taugen. Dies gilt auch und gerade für Olympische Spiele, die einst als fröhliches und unbeschwertes Zusammentreffen von Athleten aus aller Welt gedacht waren. Zwar hat Olympia spätestens durch das Attentat von München seine Unschuld verloren. Doch muss es das Bestreben der Organisatoren sein, den Sport in den Vordergrund zu stellen und die Politik außer vor zu lassen.

Abgesehen davon wäre ein Boykott der Spiele in Peking nur allzu scheinheilig. Denn warum sagt niemand etwas gegen Olympia im Land von Guantanamo und Todesstrafe? Natürlich ginge es zu weit, die USA mit China gleichsetzen zu wollen. Im Reich der Mitte sind Menschenrechtsverletzungen in großem Ausmaß an der Tagesordnung. Aber ist das wirklich eine neue Erkenntnis? Durfte man unter diesem Hintergrund die Spiele überhaupt an die Volksrepublik vergeben? Die Entscheidung für Peking geschah im Wissen um das Gräuel, das im Namen der Staatsführung tagtäglich verübt wird. Das Vorgehen gegen die tibetanischen Mönche bildet da nur ein weiteres Glied in einer langen Kette. Es unterscheidet sich von dem alltäglichen Unrecht nur dadurch, dass es (zum Glück) nicht geheim gehalten werden kann und macht der Welt deutlich, dass China ein Land ist, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Ein Olympia-Boykott wäre jedoch eine unglaubwürdige und nutzlose Maßnahme. Wenn es einen Grund gibt, die Spiele von Peking zu meiden, dann wäre dies die schamlose Dopingpraxis unter chinesischen Athleten. Denn dieser Missstand ist im Sport selbst verankert. Allerdings ist die westliche Welt hier – dies hat die Vergangenheit bewiesen – auch alles andere als ein leuchtendes Vorbild.

Die neue Beliebigkeit

17. März 2008

Aufbruchstimmung in der Republik: Die jüngsten Wahlergebnisse bewegen die etablierten Parteien dazu, ihre alten Bündnisschwüre zu überdenken. Plötzlich entdecken Schwarze und Grüne gegenseitige Sympathien, SPD und Linke gehen auf den längst erwarteten Schnupperkurs und auch die FDP gibt zähneknirschend die Ampel frei. Dies alles hat schon etwas von einem politischen Swinger-Club: Jeder mit jedem, fast zufällig und ohne Tabus, Koalieren ohne Reue. Es herrscht die große Beliebigkeit.

Doch ist die neuentdeckte Freizügigkeit unter Deutschlands Parteien nicht vielleicht sogar ein Sieg der Demokratie? Schließlich räumen die Parteien nur antiquierte Ideologien aus dem Wege und ordnen sich – endlich – dem Wählerwillen unter. Frei nach dem Motto: Das Volk entscheidet und nicht die Partei. Doch nicht nur der unter Politikern so beliebte Verweis auf den dämonenhaft über allem stehenden Wählerwillen bleibt floskelhaft. Auch der Demokratiegedanke ist hier nur ein Scheinargument. Denn der „Wähler“ (übrigens auch so ein mystisches Abstraktum) kann dank der allseitigen Beliebigkeit abstimmen wie er will – am Ende steht eh irgendein undefinierbares Konglomerat aus allem Möglichen. Ob nun Schwarz-Grün, Ampel oder Rot-Rot-Schwarz - alles geht, Hauptsache es reicht zum Regieren. Und gehen wir nun davon aus, dass in einer Wahl eine allgemeine Präferenz für eine bestimmte politische Grundausrichtung zum Ausdruck kommen soll, so hat all das nicht mehr viel mit lebendiger Demokratie zu tun.

Natürlich machen die zuweilen skurrilen Wahlergebnisse ein kalkuliertes Koalieren nicht leicht und natürlich müssen in einer Demokratie alle (demokratischen) Parteien prinzipiell gesprächsbereit sein. Dies darf aber eben nicht dazu führen, eigene Grundpositionen aufzugeben und sich jedermann an den Hals zu werfen. Demokratie muss beweglich, aber eben auch berechenbar sein. Die große Herausforderung für Deutschlands Parteien besteht darin, diese beiden Grundsätze in Einklang zu bringen. Der Mangel an herausragenden Führungspersönlichkeiten lässt aber Zweifel zu, ob sie diese auch meisten werden.