“Kahn! Die Bayern!”

28. April 2008

Diese von Marcel Reif nach Gewinn der Champions League 2001 euphorisiert ausgerufenen Worte klingen wohl den meisten Fans des FC Bayern noch heute in den Ohren. Sie waren Ausdruck der Begeisterung über den größten Erfolg der Münchener im vergangenen Vierteljahrhundert und stehen sinnbildlich für eine einzigartige Erfolgssymbiose zwischen einem Spieler und seinem Verein. Denn Oliver Kahn war nicht nur der Garant für eine unüberschaubare Reihe an Triumphen, sondern gleichermaßen – neben Uli Hoeneß – Markenzeichen des selbstbewussten Rekordmeisters mit unbändigem Erfolgshunger.

Seine Identifikation mit dem FC Bayern erklärt auch den Hass, der Kahn über Jahre hinweg in den Stadien der Republik entgegenprallte und der erst nach seinen großartigen Leistungen bei der Weltmeisterschaft 2002 deutlich nachließ. Dabei beruht die Sympathie, die Kahn seitdem zuteil wird, weniger auf der Dankbarkeit gegenüber seinen Klasseparaden in den ersten sechs Spielen, als vielmehr auf dem Versagen im Endspiel gegen Brasilien. Zum ersten Mal erfuhr Kahn kollektives Mitleid; eine Emotion, die er für sich als Siegertyp nie in Anspruch nehmen wollte und nur für andere, wie den geschlagenen Keeper Canizares im Champions-League-Finale 2001, zuließ. Für die öffentliche Wahrnehmung Kahns dürfte der 30. Juni 2002 ein Schlüsselereignis gewesen sein. Denn fortan hatte der Welttorhüter, der allenthalben nur noch als der „Titan“ galt, einen Hauch von Menschlichkeit.

Kahn jedoch trägt selbst ein gehöriges Maß Mitschuld an der eigenen Legendbildung. Gerne und fast schon betont eitel philosophiert er noch heute über die Tugenden, die seine außergewöhnliche Karriere ermöglicht haben. Er gefällt sich darin, seinen Kämpfergeist und seinen unbändigen Siegeswillen („Immer weitermachen!“) öffentlich zu zelebrieren und hält damit – trotz diverser Fehlgriffe in der Vergangenheit – den Mythos „Kahn“ am Leben. Auch das zunehmende Alter hat ihm, zumindest in diesem Punkt, nicht die nötige Weisheit verliehen.

Vielleicht ist diese Portion Unbescheidenheit auch Teil seines Erfolgsrezeptes und passt zu der betont selbstbewussten Mentalität seines Arbeitgebers. Immerhin hat Kahn in der Sache Recht, wenn er sich selbst als einen Winnertyp par excellene bezeichnet – er müsste es nur nicht unbedingt so oft wiederholen. Denn diese Art der Selbstglorifizierung wird dann peinlich, wenn die Leistungen nicht mehr dem eigenen Erfolgsanspruch entsprechen. Und so müsste auch ein Oliver Kahn sich und der Öffentlichkeit eingestehen, dass er den Zenit seiner Karriere längst überschritten hat. Stattdessen jedoch betont er fortwährend, dass er auch im hohen Fußballeralter noch zu außergewöhnlichen Leistungen imstande ist und kann diese These mit einem Verweis auf eine beeindruckend geringe Gegentorbilanz untermauern.

Dass diese aber vor allem auf eine herausragende Leistung der Münchener Defensive zurückzuführen ist, ist genauso zutreffend wie die Erkenntnis, dass Kahn nicht mehr die Sicherheit ausstrahlt, die ihn in seinen besten Jahren auszeichnete. Viele möchten dies jedoch nicht wahrhaben und euphorisieren sich daher an jeder vermeintlichen Weltklasseparade des Münchener Keepers. So unlängst geschehen, als Kahn seine Mannschaft im Spiel gegen Bayer Leverkusen mit einem „Riesen-Reflex“ („BILD“) vor einem Gegentor bewahrte. Wer daran zweifelte und hier von reinem Glück sprach, dem wurde von eingefleischten Kahn-Bewunderern Blasphemie vorgeworfen. Und dies ist inzwischen typisch für die Beurteilung von Kahns Leistungen in der Öffentlichkeit. Denn aufgrund seiner allgegenwärtigen Heldenverehrung ist die kritische Distanz, die man auch einem Ausnahmesportler entgegenbringen sollte, längst verloren gegangen.

Dabei hat Oliver Kahn es verdient, dass man seine Karriere angemessen würdigt. Zu einer aufrichtigen Bilanz gehört es, seine große Titelsammlung und seinen bemerkenswerten Siegeswillen genauso zu erwähnen wie seinen Hang zur Selbstinszenierung. Doch bei allem, was man über Kahn Gutes und weniger Gutes sagen mag, steht doch eines unabänderlich fest: Oliver Kahn ist ein echter Typ mit Persönlichkeit, der dem deutschen Fußball Farbe verliehen hat und der der Bundesliga fehlen wird. Seinen längst fälligen Rückzug zum Ende der Saison muss man, so paradox ist das Fußballgeschäft, mit einer Menge Wehmut begleiten. Darum ist das, was man Oliver Kahn zum Abschied hinterher rufen möchte, genauso widersprüchlich wie manches in seiner Karriere: „Olli, es ist gut, dass du gehst – aber du wirst uns fehlen!“

Zehn Jahre Köhler

21. April 2008

…werden es wohl sein. Denn da der derzeitige Amtsinhaber sich offenkundig dazu entschieden hat, sich im nächsten Jahr der Wiederwahl zu stellen, sieht alles danach aus, als würde eine ganze Dekade unter der Präsidentschaft Köhlers stehen. Der Bürger fragt da ein wenig ratlos schnell „Ist das nicht ein bisschen viel?“ Denn auch wenn sich der schwäbische Wirtschaftsexperte allmählich in seinem Amte eingefunden und einige Sympathien erworben hat, bleibt er doch ein eher unscheinbares Staatsoberhaupt. Er hat es versäumt, entscheidende Akzente zu setzen und hat sich stattdessen in wirtschaftspolitischen Ratschlägen zur Tagespolitik verloren.

Paradox an all dem ist, dass Köhler offensichtlich ganz alleine darüber befindet, ob er noch fünf weitere Jahre im Amt bleibt. Dass immerhin noch eine Wahl der Bundesversammlung erforderlich ist, kann wohl getrost vernachlässigt werden – die Delegierten werden seinen Wunsch schon abnicken. Mit (lebendiger) Demokratie hat dies nicht mehr viel zu tun. Denn auch bei der Wahl des Präsidenten soll – so der ursprüngliche Gedanke – der Wille des Volkes maßgebend sein. Dieser wird jedoch durch die Einschaltung des Kunstobjektes der Bundesversammlung bis zur Urkenntlichkeit verwässert.

Das Misstrauen gegenüber Volkes Meinung, das wohl historisch zu begründen ist, hat auch wegen der fehlenden Machtfülle des Präsidentenamtes keine Berechtigung mehr. Warum also schafft man dieses eigenartige Organ der Bundesversammlung, das ohnehin nur zu dem einen Zwecke zusammentritt, nicht ganz einfach ab und legt die Wahl des Bundespräsidenten unmittelbar in Volkes Hände?

Es gibt eigentlich keinen durchgreifenden Grund, der gegen eine entsprechende Verfassungsänderung spräche. Allein die Tatsache, dass die bisherigen Präsidenten unserem Land keine Schande bereitet haben, nimmt dieser Diskussion, die regelmäßig in den Fokus tritt, um schnell wieder im Sande zu verlaufen, die Brisanz. Gleichwohl sollten wir Deutsche, die wir etwas auf die Repräsentation im höchsten Amte geben, darauf drängen, diese Entscheidung durch die Allgemeinheit treffen zu lassen.

Dies wäre nicht nur ein Gewinn an demokratischer Kultur, sondern könnte auch das Amt beleben. Denn so würden die Chancen eines möglichen Gegenkandidaten gestärkt, der die Aufgaben des Staatsoberhauptes mit anderer Schwerpunktsetzung erfüllen könnte. Und fünf weitere Jahre Köhler blieben uns dann womöglich erspart.

Castingshows statt Wahlen

14. April 2008

Als vor ein paar Jahren die Castingshow-Welle über Deutschland hereinbrach, sah alles nach einem kurzlebigen Modetrend aus. Zähneknirschend akzeptierte man „Popstars“, „Star Search“ und „DSDS“, in der festen Annahme, dass der Spuk so schnell verschwinden würde, wie er gekommen war. Doch jetzt, im Jahre 2008, müssen wir ein wenig verwundert unseren Irrtum feststellen. Anstatt klammheimlich von der Bildfläche zu verschwinden, vermehren sich Castingshows wie die Karnickel. Neuerdings werden sogar Musical-Darsteller, Zauberer und Fotomodels auf diese medienwirksame Weise gesucht. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Was also hat dieses Sendeformat an sich, dass es die Zuschauer immer wieder in seinen Bann ziehen kann? Es ist wohl diese seltsame Mischung aus Mitfiebern und Auslachen, aus Bewunderung und Spott. Während sich die einen mit Talentfreiheit und fehlender Selbsteinschätzung der Lächerlichkeit preisgeben, wissen die anderen durch annehmbare bis bemerkenswerte Darbietungen auf sich aufmerksam zu machen.

Soweit der eine Teil der Erklärung, der andere ergibt sich aus der Zielgruppenausrichtung. Denn da viele der Shows gerade auf das jüngere Publikum zugeschnitten sind und unbelehrbar naive Teenager trotz sinkender Geburtszahlen noch immer nachwachsen, werden DSDS & Co. wohl immer auf eine bereitwillige und begeisterungsfähige Anhängerschaft treffen.

Und gerade den Jüngeren unter den Zuschauern dürfte es wohl nichts ausmachen, dass sie bei den diversen Castingshows einem großen Etikettenschwindel aufgesessen sind. Denn wer nach unzähligen Ausscheidungsrunden als Sieger hervorgeht und sich damit als Superstar schimpfen darf, ist in aller Regel nur ein Sternchen mit kurzer Halbwertszeit. Oder wer kennt noch Elli, Florence Joy oder Eddie Schruff, die allesamt einst als neue Stars im deutschen Musikhimmel annonciert wurden. Soweit also der Befund: Castingshows sind beliebt und werden dies auch bleiben, auch wenn alles nur Augenwischerei ist.

Warum aber kann man die Popularität dieses Sendungtyps nicht noch weitergehend nutzbar machen? In unserem Land gibt es doch einige vakante Positionen, für deren Besetzung die Ausrufung einer Castingshow durchaus zu bedenken wäre.

„The Next Gerhard Schröder“: Die SPD sucht einen neuen Vorsitzenden. Die einzelnen Kandidaten müssten dann vor einer Jury bestehend aus dem Alt-Vorsitzenden Vogel und den Ex-Kanzlern Schmidt und Schröder ihre Talente in Sachen Politikerrhetorik, Stammtischreden und Opportunismus beweisen.

Oder aber wie wäre es, die Hessen würden ihren nächsten Ministerpräsidenten über eine Castingshow bestimmen. Da das mit dem Wählen ja augenscheinlich nicht geklappt hat, wäre dies doch die logische Konsequenz. Singen, Tanzen, Schwadronieren für den Regierungssessel. Einfach nicht mehr für Roland Koch anrufen oder per SMS abstimmen und weg ist er. Das ist die Zukunft: Castingshows statt Wahlen!