Der Albtraum aller deutschen Fußballromantiker ist Wirklichkeit geworden: Die TSG Hoffenheim hat am letzten Spieltag der zurückliegenden Zweitligasaison den Aufstieg geschafft und bereichert ab der kommenden Saison nun die Bundesliga. Von einer „Bereicherung“ wollen viele aber nichts wissen. Der Provinzclub aus dem 3000-Seelendorf im Norden Baden-Württembergs gilt als Fremdkörper in der deutschen Fußballlandschaft, als Kunstobjekt des Mulimilliardärs Dietmar Hopp, das trotz des Zusatzes „1899“ Tradition und Historie vermissen lässt. Kurz um: Hoffenheim hat den Ruf eines Retortenclubs ohne Flair, der nur dank der Finanzkraft eines Mannes diesen sportlichen Aufschwung erleben konnte.

Und in der Tat ist Dietmar Hopps Projekt der lebende Beweis dafür, dass Geld eben doch Tore schießt. Doch ganz so einfach ist es dann nicht. Denn die von Ralf Rangnick trainierte Mannschaft ist der Konkurrenz qualitativ keineswegs derart überlegen, dass ein Aufstieg zwangsläufig war. Hier wurde nicht blind mit Millionen um sich geworfen, in der Hoffnung, dass sich der eine oder andere teure Neuzugänge als Volltreffer erweisen würden. Nein, Hoffenheims Aufstieg ist das Ergebnis hochprofessioneller konzeptioneller Arbeit, für die die akribischen Strategen Ralf Rangnick und Bernhard Peters beispielhaft stehen.

Gleichwohl wäre all das, was sich in den letzten Jahren in Hoffenheim entwickelt hat, ohne die finanzielle Unterstützung Dietmar Hopps so nicht einmal ansatzweise möglich gewesen. Also bleibt ein fader Beigeschmack?
Dass Geld im Profifußball eine entscheidende Rolle spielt, kann auch der nostalgischste Fußballfan nicht leugnen. Deshalb hat man sich inzwischen damit arrangiert, wenn große Vereine, die Millionen, die sie über Jahre selber erwirtschaftet haben, in Spielereinkäufe investieren und somit der weniger finanzstarken Konkurrenz allmählich enteilen. Bauchschmerzen kriegt der durchschnittliche Fan nur dann, wenn Gelder von außen in den Verein hineingepulvert werden. Wenn Vereine dank großzügiger Finanzspritzen selbstverliebter Mäzene mit Fußballleidenschaft aus dem Nichts in das Rampenlicht schießen, gehe der Fußball, so wie wir ihn kennen, langsam vor die Hunde. Möglicherweise ist da etwas Wahres dran.

Doch Dietmar Hopp ist nicht der Roman Abramowitsch von Hoffenheim. Hopp hat sich nicht willkürlich einen Verein ausgesucht, dem er mit eigenem Geld unter die Arme greift. Er hat sich vielmehr für den Club entschieden, für den er selbst einst die Fußballschuhe geschnürt hat. Hopps Ansinnen ist mehr als ein spontanes Engagement, das kurzfristig Erfolge zu Tage bringen soll, in denen man sich selbst medienwirksam präsentieren kann. Der Hoffenheimer Mulitmilliardär, der neben dem Fußballclub auch viele Jugendprojekte in der Rhein-Neckar-Region fördert, hat sich dazu entschlossen, einen Teil seines Vermögens in seine (sportliche) Heimat zu investieren und damit etwas an die Allgemeinheit zurückzugeben. Und ist dies nicht genau das, was wir uns von den vermögenden Personen wünschen?

Natürlich liegt bei der Unterstützung eines Fußballclubs der Verdacht nahe, dass jemand in grenzenloser Liebhaberei und Verschwendungssucht sportlichen Erfolg erkaufen will. Vielleicht ist dies auch ein Teil der Hoppschen Wahrheit. Doch Dietmar Hopps Projekt lohnt ein genaueres Hinsehen. Hier wird nicht nur seriös und mit Augemaß gearbeitet, sondern trotz der außergewöhnlichen Finanzkraft Wert auf Zurückhaltung und Bescheidenheit gelegt. Dietmar Hopp ist alles andere als ein geltungssüchtiger Magnat, sondern vielmehr ein verantwortungsbewusster Gestalter mit Leidenschaft zum Fußball.
Man muss die TSG Hoffenheim deshalb gewiss nicht mögen. Aber die Arbeit, die hier verrichtet wird, verdient Respekt.

Der Topf läuft über

19. Mai 2008

Ob Kerner kocht, Promis zum perfekten Dinner laden oder Calli & Co. als Feinschmecker-Jury fungieren, Kochsendungen sind längst ein fester Bestandteil der deutschen Fernsehunterhaltung. Was vor wenigen Jahren als zartes Pflänzlein zu blühen begann, überwuchert inzwischen unser Fernsehprogramm. Und selbst die Fernbedienung, einst das wirksame Mittel gegen fantasielose Programmgestaltung, hat seinen Schrecken verloren. Denn Wegzappen nützt nichts mehr – ein-, zweimal hin- und hergeschaltet und man landet unter Garantie wieder irgendwo, wo irgendwer irgendwas kocht.

Dass Kochshows einen gewissen Reiz haben, kann man nicht bestreiten. Aber irgendwann hat es sich eben ausgereizt. Noch dazu, wenn die immer gleichen Köche in ihren Töpfen und Pfannen etwas zubereiten, was man so schon in ähnlicher Form zigmal gesehen hat und was man selber zu Hause niemals selber kochen würde. Kochsendungen als Lebenshilfe? Wohl kaum!

Es geht wohl eher darum, die chronische Genusssucht der Fernsehgemeinde kontinuierlich zu befriedigen. Und dabei ist es durchaus verständlich, dass die prominenten Köche ein Maximum an Profit und Popularität aus der Kochshow-Welle mitnehmen wollen. Doch inzwischen haben sie den Bogen längst überspannt, der Topf läuft über. Bald dürften die Zuschauer gesättigt und der Markt übersättigt sein.

Aushängeschild dieses Trends ist Horst Lichter, ein echter Hansdampf in allen Gassen, dessen Bekanntheitsgrad weniger auf herausragender Kochkunst, denn auf kesser Lippe beruht. Nicht genug, dass er inzwischen in gefühlten 50 Kochsendungen pro Woche präsent ist und nunmehr auch von diversen Werbeplakaten herunterlächelt, betätigt er sich jetzt auch noch als (vermeintlicher) Comedian. So darf er in Panelshows wie „Genial daneben“ seinen nicht immer sehr fundierten Senf abgeben und tingelt neuerdings mit Soloprogramm durch die Lande. Man darf gespannt sein, wie lange das gut geht.

Die gleiche Frage darf man sich auch stellen, wenn es um die Fortdauer des Kochshow-Wahnsinns geht. So abwechslungsreich und unterhaltsam ist dieses Genre nun auch nicht, als dass es diese Flut an Pfannenkrakeelern auf Dauer verkraften könnte. Bald schon hat es sich ausgekocht…

Das Inzest-Drama von Amstetten macht fassungslos und hinterlässt Fragen: Wie konnte ein Mann über 24 Jahre in seinem Haus so viel Grauen verbreiten, ohne dass Familie und Nachbarn etwas davon bemerken konnten. Oder wollten sie die grausame Wahrheit nicht wahrhaben? In jedem Fall hat die Tragödie von Amstetten über die vergängliche Schockwirkung hinaus einen symbolischen Wert, steht sie doch sinnbildlich für eine Gesellschaft, in der das Wegschauen seit langem schon kultiviert wird.

Unter dem Deckmantel der Familienbande kann sich heutzutage jede nur denkbare Perversität zutragen, ohne dass die Umwelt davon Notiz nimmt. Die Angst, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen und als Verräter gebrandmarkt zu werden, ist oftmals größer als die Kraft zur Zivilcourage. Dieses Phänomen lässt sich mit einem unübersehbaren Werteverfall erklären, aber keineswegs rechtfertigen. Denn gesellschaftliche Fehlentwicklungen entbinden nicht von persönlicher Verantwortung.

Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl, das über das Versagen der Zivilgesellschaft in diesem einen spektakulären Fall hinausgeht. Denn über der gesamten Debatte dieser Tage lastet bleischwer eine Frage, die wir uns alle stellen müssen: Wie viel Elend gibt es in den Familien, das von außen nicht bemerkt wird oder nicht bemerkt werden will und von dem wir alle bis dato nichts ahnen? Die Antwort auf diese Frage dürfte viel erschreckender ausfallen als alle widerwärtigen Details aus dem Kellerverlies von Amstetten.

Das Publikwerden des Inzestgreuels könnte somit über die Befreiung der Gepeinigten hinaus einen anderen positiven Effekt zeitigen, wenn es unsere Gesellschaft für das versteckte Grauen des Alltags sensibilisiert. Denn die Würde des Einzelnen endet nicht hinter der Wohnungstür, sondern wird hier nur noch angreifbarer. Deshalb brauchen wir endlich eine Kultur des Hinsehens, die uns ermutigt, besser aufeinander aufzupassen. Der Fall Amstetten könnte hierfür einen Ausgangspunkt bilden.