Auszüge meiner EM-Kolumne „nEUROtisch“ im Blog des Kölner Stadtanzeiger.

Neben den Favoritensiegen der Türkei, von Russland und Spanien hat es mit der deutschen Mannschaft auch ein Außenseiter ins Halbfinale geschafft! Nun, ganz so war es nicht: So überraschend der deutsche Viertelfinal-Sieg nach der mäßigen Vorrunde auch gekommen sein mag, so sehr ist die Löw-Elf jetzt doch in der Favoritenstellung. Denn sie ist das einzige Team aus dem erlauchten Kreis der Titelanwärter, das es bis in die Vorschlussrunde geschafft hat (bei den Spaniern musste man davon ausgehen, dass sie traditionellerweise im Viertelfinale die Segel streichen).

Nun also geht es gegen die Türken, deren unerschütterliche Moral halb Europa erzittern lässt und auch dem deutschen Team Respekt einflößen soll. Dass die Türken bislang aber nur deshalb auf ihren Kämpfergeist zurückgreifen mussten, weil sie zuvor nach grotesken Leistungen verdient in Rückstand gegangen waren, wird in diesem Zusammenhang gerne ausgeblendet. Und deshalb sollte uns vor der türkischen Mannschaft, die außer Moral und Altintop nicht all zu viel zu bieten hat, nicht bange sein. Zudem plagen den türkischen Coach arge Personalprobleme, die es derzeit zweifelhaft erscheinen lassen, ob die Türken überhaupt mit elf Mann antreten werden. Möglicherweise spielt sogar der Ersatztorhüter im Feld. Hilfsweise hat Trainer Terim bei den Deutschen bereits angefragt, ob nicht einer aus der deutschen Mannschaft für die Türken mitkicken kann. Kürünü und Gümiz stehen bereit (Letzter hat ohnehin schon genügend Erfahrung in der Unterstützung der gegnerischen Mannschaft).

Ja, wir sind im Finale! Und nein, wir haben nicht gut gespielt! Was Jogis Jungs über 90 Minuten im Halbfinale dargeboten haben, erinnerte doch erschreckend an das düstere Kapitel Ribbeck/Stielike. Fehlpässe im Mittelfeld, Orientierungslosigkeit in der Abwehr, fehlende Kreativität im Angriff. Es war wahrlich wenig berauschend, was die Deutschen bei ihrem 3:2-Sieg angeboten haben. Ballack gab das Phantom, Klose begnügte sich mit einem 1-Sekunden-Auftritt und Lehmann vermisste seinen Kompass. Deutschland hat gestern wenig begeisternden Fußball gezeigt und am Ende dank Glück und Moral doch noch den Sieg eingefahren. Kurzum: Wir haben gespielt wie die Türken!

Auch das ZDF war nicht angetan von der deutschen Leistung und wollte den Zuschauern das Allerschlimmste ersparen. Folgerichtig kappte man kurzerhand die Bildleitung nach Basel (was man am Ende wenig einfallsreich mit einem Unwetter über Wien begründete) und ließ für einige Minuten Bela Rethy zum Radiokommentator werden. Doch sollte Rethy dies als eine Bewerbung für die Bundesliga-Konferenz im Radio betrachtet haben, so dürfen wir dieses Ansinnen als eher aussichtslos betrachten. Wieder mal hat sich gezeigt, dass Radiolegenden wie Manni Breuckmann oder Edgar Endres die wahren Größen der Reporterzunft sind. Aber immerhin hat Rethy später bewiesen, worin seine einzigartigen fachlichen Qualitäten liegen: Er kann ein Spiel lesen und Spielzüge exakt vorhersehen. So wusste er bereits bei der Flanke von Philipp Lahm, dass Klose hochsteigen und den Ball am Torhüter vorbei zum 2:1 ins Tor köpfen würde. Was naive Betrachter auf ein verzögertes Bildsignal zurückführten, verbuchen wir, die wir Bela Rethys unfehlbare Sachkompetenz kennen, schlicht unter brillianter Prognose.

Immerhin hat uns dieser Bildausfall ein einmaliges Gruppenereignis beschert. Tausende Menschen standen vor den Bildschirmen und Leinwänden und spitzten ihre Ohren, welch sensationelle Nachrichten aus Basel in die Heimat vordringen würden. 50erJahre-Feeling im Jahre 2008. Das Ganze nennt sich dann „Public Hearing“. Doch auch um diesen (vermeintlichen) Anglizismus zu vermeiden, gibt es hierfür auch schon eine urdeutsche Alternative: Herdenhören! Das klingt zumindest rustikal, so rustikal, wie unsere Kicker zuletzt des öfteren aufgetreten sind.

Neben dem Halbfinalsieg der deutschen Mannschaft brachte der gestrige Abend noch eine gute Nachricht. „Nachgetreten“, die fußballverrückte Selbsthilfegruppe für gescheiterte Komiker im ZDF, gab ihren Rücktritt bekannt. Doch leider nur für diese Europameisterschaft – für die Weltmeisterschaft 2010 hat Cheftherapeut Lück bereits ein Comeback angekündigt… angedroht!

Die Europameisterschaft 2008 ist Geschichte, Spanien ist Europameister und Ballack & Co. müssen sich abermals mit dem zweiten Platz begnügen. Wir könnten jetzt hadern mit dem schwachen Offensivspiel der deutschen Mannschaft, die Mängel in der Defensive beklagen oder uns fragen, ob Michael Ballack, die deutsche Problemwade, gestern überhaupt mitgespielt hat. Ja, wir könnten auch darüber nachdenken, ob durch die Finalteilnahme nicht die insgesamt durchwachsenen Leistungen der deutschen Mannschaft bei dieser EM kaschiert worden sind (vielleicht sollte man dies aber beim DFB), aber eines sollten wir auf jeden Fall tun: Spanien gratulieren. Die Spanier stellten nicht nur die spielerisch beste, sondern auch die einzig konstant gute Mannschaft des Turniers. Der Sieg gegen Deutschland war, da trügt das knappe 1:0, hochverdient. Jogis Jungs waren chancenlos gegen eine klar bessere spanische Mannschaft. Deshalb: Felicitación, España!

Auszüge meiner EM-Kolumne „nEUROtisch“ im Blog des Kölner Stadtanzeiger.

Wir dürften uns ärgern über den deutschen Rumpelfußball, wir können verzweifeln an der mangelnden Einstellung unserer Kicker - aber wir sollten uns freuen über den phantastischen Sport, wie er zeitweise während dieser Europameisterschaft dargeboten wird. Letzteres kostet uns allerdings eine Menge Überwindung. Denn den schönsten Fußball zeigen in diesen Tagen die Holländer, zu denen wir als Deutsche naturgemäß ein bestenfalls ambivalentes Verhältnis pflegen. Aber wenn van Nistelrooy, Robben & Co. derart gekonnt und lustvoll das runde Leder über den Platz jonglieren, wie sie es unlängst gegen keinesfalls enttäuschende Franzosen taten, so muss einem als Fußballfan das Herz aufgehen und man möchte vor lauter Wonne gleich in einer Wassertomate beißen oder dem Nachbarn in die Haare spucken. Manchmal wären wir doch alle gerne Holländer. Oder?

Traurig an dem Zauberfußball dieser Europameisterschaft ist nicht nur, dass er von Holländern (und nicht von unseren Kickern) gespielt wird, sondern auch seine mediale Begleitung. Warum muss ein so mitreißendes und erstklassiges Spiel wie das zwischen Holland und Frankreich von einem so langweiligen und emotionslosen Mann wie Tom Bartels kommentiert werden? Ja, Tom Bartels kennt sich mit Fußball aus - seine Kompetenz ist nicht zu bezweifeln. Aber nein, Tom Bartels hat nicht begriffen, dass Fußball ein Sport ist, dessen Faszination nichts mit kühler Vernuft, sondern mit grenzenloser Leidenschaft zu tun hat. Unseren Neuzeit-Huberty hat diese Erkenntnis aber noch nicht erreicht und er kommentiert so nüchtern und trocken weiter, als wolle er den Fußball zu Grabe tragen.

In diesem Sinne sagen wir auch: Kalinixta, adio, i e’laða! Gute Nacht und Auf Wiedersehen, Griechenland. Denn Ottos Griechen haben sich gestern nach 180 Minuten ohne Tor(chance) aus dem Turnier verabschiedet. Hierzulande dürfte das niemandem sehr weh tun - außer natürlich Rolf “Töppi” Töpperwien, Rehhagels Haus- und Hofberichterstatter. Der Rest freut sich hingegen über den Sieg des Offensivfußballs und wartet gespannt auf das, was dieses Turnier noch bieten mag: Tore! Vielleicht von unseren Jungen morgen, aber ganz sicher von Hollands Fußballkünstlern.

Was für ein wunderbares Fußballspiel! Deutschland siegt im Ernst-Happel-Stadion gegen den Gastgeber mit 1:0 und bietet dabei all das, was modernen Spitzenfußball ausmacht: Traumpässe, Tempofußball und Kabinettsstückchen am laufenden Band. Ja, so hat Deutschland den Erzrivalen aus Österreich in Grund und Boden gespielt und seine Favoritenstellung bei dieser Europameisterschaft eindrucksvoll unterstrichen. Oder?

Es wäre so schön, wenn man nur in einem annähernd so euphorischen Ton über die deutsche Nationalmannschaft sprechen könnte. Doch der gestrige Auftritt in Wien war letztendlich Ernüchterung pur. Denn abgesehen von einem fulminantem Freistoßtor, ein paar gelungenen Dribblings von Philipp Lahm und einer soliden Abwehrleistung von Per Mertesacker, war das, was Jogis Jungs zu Tage förderten, erschreckend bieder und mittelklassig. Der 1:0-Sieg wird nicht in die Geschichtsbücher eingehen, er wird schneller in Vergessenheit geraten als jede noch so langamtige Pressekonferenz während dieses Turniers. Und das ist das eigentlich Traurige an dem gestrigen Spiel. Die deutschen Kicker haben eine historische Chance verpasst: Denn gestern wäre es möglich gewesen, den seit 30 Jahren über uns schwebenden Cordoba-Dämon ins Nirvana zu schicken. Dafür wäre jedoch ein überzeugender und klarer Erfolg notwendig gewesen. Diesen gab es aber nicht und so “dürfen” wir uns auch in Zukunft dieses unsäglich eintönige und nervende “Cordoba”-Geschrei aus österreichischen Kehlen anhören. Vielen Dank!

Die Todesgruppe hat zugeschlagen und ihr erstes Opfer gefordert. “La France est morte”. Verhallt sind die sonoren Anfeuerungsrufe der wackeren Fans für ihre Équipe Tricolore. Stattdessen begleitet die Grande Nation ein wehmütiges “Adieu, les bleus” auf ihrem Heimweg. Ein wenig schade ist es schon: Die in kollektivem Stolz lauthalts intonierte Marseillaisse, die schlampig gebundene Krawatte des Nationaltrainers, die unnachahmlichen Tempodribblings des nunmehr verletzten Franck Ribéry - all das werden wir doch ein wenig vermissen. Trösten können wir uns mit einem holländischen Offensivfeuerwerk und italienischem Catenaccio. Fußballherz, was willst du mehr?

Noch etwas zum Schluss: Wer kennt die offizielle Hymne dieser Europameisterschaft und von wem stammt sie? White Stripes? Nein, deren “Seven Nation Army” hört man zwar allenthalben, aber das Lied ist eher ein Klassiker. DJ Bobo? Iwo! Christina Stürmer? Nur für die Ösis? Revolverheld? Nein, die singen nur das deutsche Lied. Oliver Pocher? Also bitte! Shaggy? Auch der nicht! Die wirklich offizielle EM-Hymne stammt von Enrique Iglesias, wird bei der Schlussfeier offiziell präsentiert und sie kennt derzeit kein Mensch. Das Lied heißt sinnigerweise “Can Your Hear Me?”, was wir entsprechend irritiert mit einem klaren “No” beantworten. Grandioses Marketing!

Auszüge meiner EM-Kolumne „nEUROtisch“ im Blog des Kölner Stadtanzeiger.

Endlich! Es geht los! So richtig haben wohl die wenigsten daran geglaubt, dass es sie wirklich geben würde. Über Monate geisterte diese Europameisterschaft nun durch Medien, Werbung und die Musiklandschaft - manche hielten sie bereits für ein Phantom. Viel zu lange wurden wir auf die Folter gespannt.

Apropos Folter: Eine Eröffnungsfeier gab es auch. Und die hielt genau das, was man sich von Eröffnungsfeiern gemeinhin so verspricht: Formationstanz nach kommunistischem Vorbild, unzählige Fähnchen und Bildchen und vor allem eins: Langeweile pur. Nach 20 Minuten Kirchentagsfeeling ging es dann endlich los. Und zwar mit einem Spiel, dessen Temperament sinnbildlich stehen könnte für die Euphorie in den Gastgeberländern. Geduldige Schweizer gegen müde Tschechen. Dass hier tatsächlich noch ein Tor fiel, ist die erste Sensation dieses Turniers. Immerhin machten es die Portugiesen am späten Abend besser und bewiesen, dass auch bei einer EM Spitzenfußball möglich ist.

Medial begleitet wurde der Eröffnungsabend durch die obligatorische ZDF-Skatrunde um Phrasengott Johannes B. Kerner. Während Sonnyboy Klopp gewohnt zielsicher die Partien analysierte, wirkte Ex-Pfeife Urs Meier ob der Niederlage seiner Nati rat- und hilflos. Statt fachlicher Kommentare gab es einen erneuten Rekordversuch in der Verwendung des so ungebräuchlichen Begriffes “schlussendlich”. Vorsichtigen Schätzungen zu Folge sollen es etwa 150 “Schlussendlich” gewesen sein - und das am Eröffnungstag! Ob da jemand schon das Ende herbeisehnt?

Um den stimmungslosen Abend einen würdigen Abschluss zu geben, übergab Kerner dann gegen Viertel nach Elf nach Köln an die Comedy-Truppe von “Nachgetreten”, die sich abermals an Humor, Fußball und gutem Geschmack versündigte. Die Qualität der Kalauer lag deutlich unter der Grasnarbe, was wohl auch daran lag, dass Moderator Ingolf bei der Wahl seiner Komiker kein lückliches Händchen bewies (ja, genau SO schlecht waren die Kalauer).

2:0 gegen Polen - ganz Deutschland jubelt! Ganz Deutschland? Fast. Ausgerechnet der Hauptverantwortliche für den Sieg verkneift sich das Feiern. Denn Lukas Podolski plagt nach seinen zwei Treffern gegen seine alte Heimat das schlechte Gewissen. Wenn Poldi gegen Polen trifft, dann ist das, als würde man dem besten Kumpel die Freundin ausspannen: Die Moral sagt nein, ist aber machtlos gegen die Kraft der unteren Extremitäten.

Stichwort Public-Viewing. Nachdem man erkannt hat, dass dies in Amerika so viel wie “öffentliche Leichenbeschau” bedeutet, hat man sich entschieden, dem Phänomen einen neuen Namen zu geben. “Rudelgucken” soll das Ganze nun heißen. Ob sich das durchsetzen wird? In Österreich will man es jedenfalls angesichts der Befindlichkeit des eigenen Teams bei “Public Viewing” belassen…

Der erste Europameisterschaftsmontag brachte eine gute und eine schlechte Nachricht. Zunächst die gute: Italien hat verloren. Und dann die schlechte: Holland hat gewonnen! Aber das kann sich ja bald ändern.

Das Gipfeltreffen von Bern brachte aber zudem neue Erkenntnisse in Sachen Abseitsregel. Wir wissen nunmehr, dass ein Verteidiger jederzeit eine Abseitsposition aufheben kann, ganz gleich, ob er nun verletzt auf dem Boden liegt, mit dem Eisverkäufer in Vertragsverhandlungen steckt oder sich am Spielfeldrand die Nägel lackiert. Abseits ist, wenn der Abwehrspieler unnütz in der Gegend rumsteht oder -liegt.

Unteressen nehmen wir ein wenig amüsiert zur Kenntnis, dass man in Polen darüber debattiert, Lukas Podolski die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Da Poldi längst über keinen polnischen Pass mehr verfügt, eine reichlich überflüssige Diskussion. Hätte man sich auch denken können bei einem Spieler, dessen Leitmotto so deutsch ist, wie es deutscher nicht sein kann: “Ich denke nicht vor dem Tor, das mach ich nie!” In diesem Sinne: Mach’s noch einmal, Poldi.

Planlos, ideenlos, total überfordert. Nein, diesmal geht es nicht um unsere Bundesregierung, sondern um den Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen Kroatien. Das 1:2 ist irgendwo zwischen Arbeitsverweigerung und Bankrotterklärung anzusiedeln. Eine Einzelanalyse könnte man sich getrost sparen und mit einem kollektivem „Erbärmlich“ resümieren. Doch drei Personalien haben sich ein „Sonderlob“ verdient: Michael Ballack, nach Meinung vieler einer der derzeit weltbesten Mittelfeldspieler, überzeugte durch Fehlpässe, Stockfehler und Passivität. Bravo! Marcell Jansen darf zukünftig nicht mehr „Außenverteidiger“ als Berufsbezeichnung führen, sondern sich allenfalls einen Seitenläufer nennen. Und Miroslav Klose? Ja, der soll unbestätigten Gerüchten zur Folge auch bei dem Spiel anwesend gewesen sein.

Und dann war da noch die Wasserschlacht von Basel, die zu einem Fest für Freunde des Kampfußballs und Meister des verbalen Kurzpasses geriet. Zu letzteren zählt selbsternanntermaßen seit geraumer Zeit ZDF-Kommentator Wolf-Dieter Poschmann, dessen Kalauer beim geneigten Fußballfan in etwa so beliebt sind wie Rehhagels Defensivtaktik. Und so rieb sich Power-Poschi angesichts der Baseler Poolparty feixend die Hände und erzählte erbarmungslos von einer Abwehr, die „ins Schwimmen“ geriet oder von dem Kapitän, der diesmal „mehr denn je gebraucht“ würde. Ahoi! All die wässrigen Wortwitze, die Poschmann während seiner Kommentierung leichtfertigerweise hatte liegen lassen, griffen die Clowns von „Nachgetreten“ im Anschluss dankbar auf und ließen wahrhaftig keinen aus. Bis auf einen: „Ein Spiel für einen Kahn!“. In diesem Sinne: Gute Reise, besonders für die Schweizer – für die war diese EM nämlich ein R(h)einfall. Poschi wäre jetzt gewiss stolz auf mich.