Abnutzungserscheinungen?

23. Februar 2009

Seit über zehn Jahren nun lenkt Thomas Schaaf die sportlichen Geschicke der Bremer und blickt auf eine bemerkenswerte Bilanz zurück. Doch in dieser Saison hat Werder den Weg des Erfolges verlassen und muss sogar um die Teilnahme am internationalen Wettbewerb bangen. Vieles spricht dafür, dass sich die Ära Schaaf allmählich ihrem Ende zuneigt. Es scheint, als habe sich der introvertierte Coach mit der hanseatisch-kühlen Ausstrahlung nach einer Dekade verbraucht.

So oder so hat sich Werder Bremen erneut als eine Insel der Seligen erwiesen, auf der – anders als bei den Liga-Konkurrenten – eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Verein und Trainer möglich ist. Warum aber funktioniert eine solche Kooperation im Regelfall nur auf wenige Jahre oder gar Monate? Wieso werden die Modelle Rehhagel und Schaaf auch zukünftig Ausnahmecharakter besitzen?

Gängige Erklärungsversuche beziehen sich hier zumeist auf die unweigerlich auftretenden Abnutzungserscheinungen. Die Methoden der Trainer, so heißt es, würden sich nach geraumer Zeit verbrauchen, die Spieler bräuchten neue Impulse, die im Regelfall nur von einem anderen Trainer kommen könnten. Dieses Erklärungsmodell versagt jedoch bei Vereinen mit großer Fluktuation, bei denen die Spieler fast wahllos ge- und verkauft werden.

Selbst im Falle von Werder Bremen, wo man auch beim Spielerpersonal eher auf Konstanz setzt, vermag diese Theorie nicht zu begründen, wieso nach zehn Jahren Zeit für einen Wechsel sei. Darum hat Thomas Schaaf auf die Frage nach den Abnutzungserscheinungen auch konsequenterweise auf Kapitän Frank Baumann verwiesen. Schließlich sei jener der einzige, der fast die kompletten zehn Jahre unter ihm trainiert habe. Und nur er könne somit beurteilen, ob sich Schaaf wirklich abgenutzt habe.

Wenn es denn wirklich um Abnutzungserscheinungen geht, dann liegen diese doch zumeist eher in Person des Trainers selbst begründet. Der muss nämlich nicht nur die Spieler zu immer neuen Höchstleistungen motivieren, sondern zunächst einmal sich selbst zu konstant guter Arbeit aufraffen. Gerade im Sport sind Gewohnheit und Routine Gift. Und die kann bei der Tätigkeit im immer gleichen Umfeld schnell aufkommen.

Womöglich ist die Begründung für die Kurzzeitigkeit der meisten Trainer-Engagements aber auch sehr viel simpler: Im Fußball geht es nun einmal in erster Linie um den sportlichen Erfolg. Und je länger ein Trainer bei einem bestimmten Verein tätig ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass – unabhängig von seinen Qualitäten – irgendwann einmal Phase kommt, in der eben dieser sportliche Erfolg ausbleibt. Da die Führungen der Vereine zwar langfristig denken müssen, ihre Geduld aber doch eher kurzfristig angelegt, trennen sich dann meist bei der ersten Krise die Wege. Und diese kommt oftmals schon nach ein, zwei Jahren, wenn nicht gar früher. Diese Erklärung klingt zwar banal, kommt der Realität aber sehr viel näher als jede Abnutzungstheorie.

Bliebe die Frage, wieso es in einigen Fällen doch mit einer langfristigen Kooperation geklappt hat. Bei Bremen sind bis dato in der Tat die ganz großen Krisen ausgeblieben, die eine Trennung unausweichlich gemacht hätten. Gleichzeitig steht der Verein aber auf für eine seriöse und durchdachte Personalpolitik, zu der unüberlegte Entscheidungen nicht so recht zu passen scheinen. Gerade bei familiär geführten Vereinen wie dem SC Freiburg oder dem AJ Auxerre in Frankreich, den Guy Roux sage und schreibe 44 Jahre lang trainierte, ist die Geduld eben doch so stark ausgeprägt, dass sie auch manch eine sportliche Talfahrt überdauert.

Menschen setzen sich eine Pappnas auf und kippen Unmengen Hochprozentiges in sich hinein, nur um sich kurzzeitig wie Willy Millowitsch und Christoph Daum in Personalunion zu fühlen. Und Tags darauf wie Mario Basler und Paul Gascoigne. Das ist Karneval in Deutschland! Ziemlich verrückt – so wie die Bundesliga in diesen Tagen. Ein närrischer Blick auf den 21. Spieltag:

Krawumm
Zum Ruhr-Derby an Fassenacht
hat sisch de DFB gdacht:
“Ei, zu unsrem eignen Schutz,
lasse mir des mit dem Lutz
un schigge unsern Wolfgang Stark,
nisch noch eimol Wagner-Quark!”

Und in der Tat lieferte der Referee aus Oberbayern – im Gegensatz zu seinem hessischen Kollegen im Hinspiel – eine tadellose Leistung ab. Das war es aber leider auch, was es an Karnevalistischem zu dem einst so hoch brisanten Derby-Knaller zu sagen gibt. Die Partie am Freitagabend offenbarte vielmehr die Emotionalität einer Büttenrede von Lucien Favre und fiel entsprechend fade aus. Apropos ausfallen: Ausgerechnet an Karneval, einem Fest, an dem die Tradition hochgehalten wird, muss die traditionelle Liga-Lehren-Rubrik leider ausfallen. Soll heißen: Kein Kuranyi-Bashing! Aber wenn ein sonst so schussdebiler Schattenparker den Ball mit derart viel Krawumm in die Maschen hämmert, dann ist das schon eine Rakete wert. Oder wie der verdutzte Weidenfeller meinte: Den wolle mer jetzt reinlasse…

In nem Dreigestirn
Als kleiner Ersatz für die ausgebliebene Kuranyi-Demontage gibt es heute ein gepflegtes Lutz-Wagner-Bashing. Der drollige Hesse mit dem eigenwilligen Humor überzeugte in Bielefeld mit nicht minder eigenwilliger Spielleitung und verweigerte den Gästen einen klaren Strafstoß. Damit ist ihm abermals ein Platz im Dreigestirn sichtbehinderter Liga-Pfeifen sicher. An die Seite von Jungfrau Luciana I. gesellen sich diesmal Bauer Knut I. (dank wagneresker Zweikampfbeurteilung) und Prinz Babak I. (dank lutz’scher Abseitsauslegung). Das soll es aber auch dann mit der Wagner-Schelte gewesen sein. Nicht, dass der gute Lutz in kuranyieske Depression verfällt. Das wäre auch zu bedauerlich – seine unberechenbaren Pfiffe sind einfach zu amüsant.

Skandale
Für den skandalsüchtigen Fußballfan hatte das Baden-Württemberg-Derby diesmal einiges zu bieten. Bereits vor Spielbeginn erschütterte die Fußballnation die unglaubliche Nachricht, dass zwei Hoffenheim-Spieler nach dem Match in Gladbach sage und schreibe zehn Minuten zu spät zur Blasenentleerung erschienen. Unsereins hatte gerade das Bekanntwerden von PinkelGate verkraftet, da schritt Jens Lehmann zur Tat und entsorgte Salihovics rechten Latschen wenig fachgerecht auf dem eigenen Tornetz. PinkelGate, GaloschenGate – was sollte da noch kommen? Nichts, auch wenn sich Schulbubi-Kempter redlich bemühte und in der zweiten Minute der Nachspielzeit auf Elfmeter entschied. Der war jedoch absolut berechtigt und wurde zudem vom Schuhklau-Opfer gen Neckar geballert. Also nichts mit ElferGate – und zu einer Nominierung fürs Dreigestirn reichte es auch nicht. Schade aber auch, der schnuckelige Kempter hätte bestimmt eine entzückende Jungfrau Michaela I. abgegeben.

Op Kölsch
Karneval und FC-Sieg bei den Bayern. Das ist für einen echten Kölner in etwa so schön, als würden Gladbach und die Pillendreher gleichzeitig den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Als kleines Tribut an die kölschen Jecken eine kurze Analyse des Spiel in rheinischer Mundart:
Nee, wat schön, ming leeve Lück,
dä FC jewinnt mit Jlück,
schießt de Bayern in dä Krise
un zeisch, dat Klinsis Spilldevise,
dä janze Driss met Dominanz
is eijentlisch nur Firlefanz.
Kicke, suffe, danze, fiere -
dat künne mer üch alle liehre.
De Bajuwaren is zo sage,
bloß nit üvver Schiris klage,
packt üch an de eij’ne Naas,
wat ihr do spillt, dat mäht keen Spaaß!
Doch hück is dat ja janz ejal,
et is ald widder Karneval!

Noch ‘n Gedicht
Am Karnevalswochenende hätte Heinz Erhardt, einer der größten deutschen Komiker aller Zeiten, seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ihm zu Ehren eine kurze Aufarbeitung der Münchener Torwartereignisse in gereimter Form:

EI, EI, EI
Es war einmal ein großer Kahn,
der konnte nicht auf Flüssen fahr’n.
Warum? Nun ja, es war kein echter,
sondern eines Tores Wächter.
Alles hielt er, dieser Wicht,
nur den Mund, den hielt er nicht.
Nach einem Spiel, das klar verloren,
begann es in ihm zu rumoren,
wütend wurd’ er und empfahl
vom Geflügel das Oval.
Er sprach freilich etwas freier
und schrie hinaus “Wir brauchen Eier”
Herr Rensing hat dies mitbekommen
und sich ei-frig vorgenommen
“Nervt mich mal die Mäkelei,
dann zeig ich Ei, vielleicht gar zwei!”
Nun schlug er zu mit viel Elan,
wie es sonst nur Oli kahn:
“Immerzu die gleiche Leier,
mir geht das tierisch auf die Eier”.
Dies vermag uns eins zu zeigen:
Die Bayern sind schon ziemlich ei-gen!

Der Werder Ranger
Der Kampf gegen das eigene Image ist zumeist zäher als eine Düsseldorfer Karnevalssitzung. Christoph Daums Schneeforschertrieb, David Jarolims Gleichgewichtsstörungen und Maik Franz’ Tourette-Syndrom beweisen: Ein geglückter Imagewandel ist dieser Tage seltener als ein Hannoveraner Auswärtssieg. Thomas Schaaf war’s egal. Bremens Coach, dem der Ruf vorauseilt, Baldriantee für ein Aufputschmittel zu halten, legte sich in der Winterpause eine Chuck-Norris-Gesichtshecke zu und macht jetzt auf Eisenhart. Eiskalt servierte der Werder-Ranger Spätheimkehrer Pizarro ab und ließ seine Mannschaft in Cottbus ohne ihren Topstürmer auflaufen – und verlieren. Das Image des braven Bremer Buben dürfte Schaaf bald los sein – seinen Job allerdings auch.

Und was gabs’s noch?
Schonkost im Uefa-Cup. Alles wenig erbaulich. Für einen der wenigen Höhepunkte sorgte da noch Stuttgarts cholerischer Torwart-Opa, der seinen einstigen Rivalen aus Bayern wohl doch intensiver studiert hat, als er zugeben mag. Nach einer Tiefschlafphase der eigenen Abwehr machte er Innenverteidiger Boulahrouz zum Herzog, riss ihm entnervt das Stirnband vom Käskopp und schleuderte es in den St. Petersburger Schnee. Fazit: Rote Ohren für den frierenden Holländer. Und et Lehmännsche? Akute Synapsenzerrung. Oder wie man in närrischen Kreisen zu sagen pflegt: “Nee, wat is der jeck!”. Felix Magath hatte ebenfalls wenig zu lachen: Sein Team verlor 0:2 bei Paris St. Germain. Übrigens, der Wolfsburger Coach ist sechsfacher Vater. Was uns das sagt: Sexy Felix kommt mit Parisern einfach nicht zurecht. TÄTÄ!!!
Bliebe nur noch Werder Bremen –
für die muss man sich derzeit schämen.
Beim Gekicke milanese
war gewiss nicht alles Käse,
doch die Aussicht ist nicht heiter
mit 1:1 kommt man nicht weiter.
Drum bleib fröhlich, Thomas Schaaf -
isch bin et och und ruf Alaaf!

Karl-Theo und die Politik

16. Februar 2009

Oh weh, oh weh! Ich will ja ein aufrichtiger Staatsbürger sein. Von wegen immer ganz korrekt und voll auf Zack. Hab mir daher vorgenommen, immer alles über unsere Minister zu wissen: Vor- und Nachnamen, Geburtsdaten, Konfektionsgröße, Hochzeitstag usw.! Klappte bis jetzt auch immer ganz gut. Bis jetzt!

Nun haben wir aber einen blaublütigen Wirtschaftsminister: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg! Puh, wie soll sich das ein Mensch merken? Da war das doch mit unserem unterfränkischen Müllermeister sehr viel einfacher: Michael Glos! Der hieß nicht nur so, der arbeitete auch so. Ohne Schnickschnack, ohne Chi-Chi, ohne Sachverstand, wie das eben so ist mit einem CSU-Provinzler.

Und weil das der Michael dann auch irgendwann eingesehen hat und wir ja dummerweise in Zeiten einer Finanzkrise leben, wo das ja irgendwie ganz gut wäre, wenn der Wirtschaftsminister was vom Wirtschaften verstünde, hat er sich dann gesagt: Mir reichts! Hat den Seehofer-Horst gleich noch bloß gestellt und ihm seinen Rücktritt vorgeschlagen. Wollte der aber auch nicht und hat einfach „Nö“ gesagt. Da stand er dann ziemlich dumm da, der Horst. Und das fand der Müller-Michi ziemlich lustig. Aber weil das dann nicht so weitergehen konnte, kam dann von irgendwer Herr von-und-zu. Und der macht das jetzt. Vorerst.

Schon seltsam: Je besser ihm sein Job gelingt, desto kürzer macht er ihn. Klingt paradox, ist aber so. Man muss sich das so vorstellen: Wenn Karl-Theo seine Sache richtig gutmacht und die Union sagen kann „Seht her, was wir für tolle Leute haben“, dann kriegt die auch noch paar Stimmen mehr. Und vielleicht gleich so viele, dass die nicht mehr mit den nervigen Sozis rumkoalieren müssen. Dann geht das auf einmal auch mit der FDP. Die ist zwar auch ziemlich komisch mit ihrem sülzigen Westerwelle. Aber die macht halt alles mit – Hauptsache sie ist dabei. Wenn man sich aber dann nun mit der FDP zusammentut, dann ist der aalglatte Adlige seinen Job los. Weil den kriegt dann die FDP. Warum? Isso!

Und für unseren Mister Economicus wird das nun eine ganz knifflige, frickelige Angelegenheit. Weil wenn er zu gut ist, fliegt er raus. Und ist er zu schlecht, kann er auch bald wieder gehen. Heißt im Klartext: So mies arbeiten, dass es dem Wähler auffällt, aber halt nicht ganz so übel, dass es die Kanzlerin merkt. Halt irgendwie dazwischen. Klingt nach Kindergarten, ist aber Politik. In dem Sinne, viel Glück, Karl-Theodor Maria Josef Xaver… ach ich geb’s auf. Scheiß drauf, wer will in diesem Land schon ein aufrichtiger Staatsbürger sein…