Glaubwürdigkeit

30. März 2009

Dieter Althaus‘ Rückkehr in die Tagespolitik lässt Fragen offen und schafft Unbehagen. Dabei geht es wohl weniger um den Vorwurf einer Sonderbehandlung, die die zügige gerichtliche Aufarbeitung der Geschehnisse vom 1. Januar einschließlich des vergleichsweise milden Urteils nahe zu legen scheint. Eine Lex Althaus wäre auch eher ein österreichischer Justizskandal denn ein deutsches Politikum. Im Mittelpunkt einer zunächst vorsichtig, aber zusehends emotional geführten Debatte steht vielmehr eine grundsätzliche Frage: Darf ein vorbestrafter Politiker ein bedeutsames Staatsamt bekleiden? Oder verlangt das Amt des Ministerpräsidenten ein Mindestmaß an persönlicher Integrität, die im Falle Althaus nach einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung nicht mehr gegeben ist?

Dabei ist die Fragestellung in sich schon reichlich schief. Natürlich darf Althaus trotz der ihm auferlegten Strafe weiter als Ministerpräsident arbeiten. Und selbstverständlich darf er sich auch im August diesen Jahres wieder für dieses Amt zur Wahl stellen. Aber sollte er dies auch? Es geht hier eben nicht um die Einhaltung politischer Spielregeln, sondern um die Festlegung ethischer Grenzen. Die politische Dimension kann in einer Demokratie ohne weiteres dem Wähler überantwortet werden und muss nicht zum Gegenstand staatswissenschaftlicher Fundamentaldebatten gemacht werden. Die Thüringer werden am 30. August entscheiden, ob Althaus für sie als Ministerpräsident weiterhin tragbar ist. Ihr Votum geht jeder theoretischen Reflexion über Dürfen und Nicht-Dürfen vor.

Die Frage nach dem Sollen muss Althaus indes für sich alleine beantworten. Er muss sich fragen, ob er nach seiner Verurteilung noch in der Lage ist, sein Land angemessen zu repräsentieren. Dabei rückt neben dem Unfall als solchen, an dessen Hergang sich der 50jährige CDU-Politiker nach eigenem Bekunden bis heute nicht erinnern kann, der fragwürdige Umgang mit den Folgen in den Mittelpunkt. Nachdenklich stimmen dabei vor allem Althaus‘ Ausführungen, in denen er zwar seine Verantwortlichkeit für das Geschehene anerkennt, gleichzeitig aber den Begriff der Schuld ausdrücklich von sich weist. Dies mag angesichts der emotionalen Belastung des Wortes „Schuld“ mit Wahltaktik erklärbar sein, zeigt aber andererseits auch ein zweifelhaftes Moralverständnis.

Schuld bedeutet – im juristischen wie im moralischen Sinne – Vorwerfbarkeit eigenen Tuns. Den Vorwurf, der Althaus mit der Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung gemacht wurde, muss er jedoch gegen sich gelten lassen. Andernfalls verliert er seine persönliche Glaubwürdigkeit und damit über kurz oder lang auch seine politische Legitimation. Dieter Althaus hat es somit selbst in der Hand, die Zweifel über die Fortsetzung seiner politischen Karriere mit einem ehrlichen und glaubhaften Bekenntnis zur eigenen Schuld zu beseitigen.

Hysterischer Eifer

23. März 2009

Der erste Schrecken über den Amoklauf von Winnenden war gerade verarbeitet, da begab sich das Fernsehen umgehend an die Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse samt eingehender Analyse: Wie konnte es zu seiner solchen Katastrophe kommen? Und wie kann man so etwas für die Zukunft verhindern? Plasberg, Will, Illner & Co. – alle suchten sie nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Heraus kam das übliche nebulöse Nichts, ein kollektives Schulterzucken mit einer verquasten Anklage des Internets, der Videospiel-Industrie und der sozialen Verwahrlosung unserer Zeit. Kurz, die gleiche Ohnmacht, wie wir sie aus dem April 2002 nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium kennen.

Dabei kann man es den zuständigen Redakteuren gar nicht verübeln, dass sie sich wie Fliegen auf das Thema der Woche schmeißen und die bisherige Planung ad hoc über Bord werfen. Es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass sich aktuelle Gesprächsrunden auch akuten Themen widmen. Winnenden war unter diesem Grundsatz nahezu Pflichtprogramm.

Problematisch ist vielmehr die Art und Weise der Herangehensweise, der vermeintlich wohlmeinende analytische Ansatz, durch den die Ursachen der Tragödie offengelegt werden sollen. Dem Zuschauer wird damit suggeriert, eine eingehende Befassung mit den Geschehnissen könne, sofern denn nur die richtigen Lehren gezogen werden, ähnliche Szenarien für die Zukunft verhindern.

Tatsache ist jedoch: Was immer man auch für Maßnahmen ergreift, ob es sich um eine Verschärfung des Waffenrechts oder Einlasskontrollen an Schulen handelt, man wird niemals eine Gewähr dafür geben, solche Vorfälle unterbinden zu können. So grausam es auch klingen mag: In unserer Gesellschaft tummeln sich so viele kranke Seelen und Köpfe, dass es immer wieder mal zu vergleichbaren furchtbaren Taten kommen kann und wird.

Diese gesellschaftliche Ohnmacht gegenüber der Unberechenbarkeit des Einzelnen öffentlich einzugestehen, mag Medien und Politik schwer fallen, ist aber unerlässlich im Sinne eines aufrichtigen Umgangs mit der Lebenswirklichkeit. Mit der derzeitigen Hysterie, die in völlig überzogenen Forderungen nach Gesetzesverschärfungen mündet, ist jedenfalls niemandem geholfen. Auch nicht den Opfern und ihren Angehörigen. In ihrem Sinne sollte es vielmehr sein, sich nicht wie bei dem Drama von Erfurt mit hysterischem Eifer auf die Katastrophe zu stürzen, um wenige Tage später wieder den Blick verschämt weg zu richten und das Elend der Betroffenen zu vergessen.

Vor der Länderspielpause präsentierte sich die Liga noch einmal als echter Gassenhauer. Ein Hit nach dem anderen, von Bayern Blues bis Hertha House! Die hitverdächtigen Lehren des 25. Spieltags:

Dreams are my Reality
Detaillierte Infos über den Musikgeschmack von Liga-Lehren-Liebling Lucien Favre liegen leider nicht vor. Wir müssen also spekulieren. Favres rassiges Wesen – betörender Charme gepaart mit lasziver Erotik – spricht für Schmusepop zur Untermalung von gepflegtem Geschlechtsverkehr auf Flokatiteppich an knisterndem Kamin, eben irgendwas zwischen Kuschelrock und Kaufhausmusik. Kurz: Musik zum Träumen. Und noch kann sexy Favre von der Meisterschaft seiner Hertha träumen, wenngleich er nach dem ernüchternden 0:2 in Stuttgart vorerst wieder auf dem harten Boden der Realität angekommen ist. Dem neutralen Zuschauer gefallen Hertha-Siege hingegen wesentlich besser. Schon allein, weil Schnulzen-Favre sich dann wieder in Trance tanzt. Also Lucy, mach uns wieder die Dancing Queen. Wir sind heiß!

Mamma mia
Derweil konnte die Elf von Jürgen “I love your Smile” Klinsmann aus dem Patzer des Tabellenführers Kapital schlagen und zeigte beim 1:0 gegen den KSC regelrechten Traumfußball – eine Viertelstunde lang. Was der amtierende Meister danach und vor allem in der zweiten Halbzeit bot, erinnerte dann schwer an die böse alten Zeiten von Giovanni “Mamma mia” Trapattoni: Konzeptloses Rumgekicke ohne Sinn und Verstand. Vor allem Lukas “Isch bin ene kölsche Jung” Podolski überzeugte erneut mit dem Elan einer narkotisierten Nacktschnecke und wurde der Trap-Taktik entsprechend gegen Jancker reloaded, Daniel van Buyten, ausgewechselt. Zum Glück sorgte Franck “I feel like dancing” Ribéry noch für ein Highlight, als er Gegenspieler Görlitz eine manuelle Gesichtsmassage versetzte. Le Petit Franck sah kein Rot – im Gegensatz zu Uli “Maschine brennt” Hoeneß, der auf Dieter “Unnatural Blonde” Nickles’ Frage nach einem möglichen Platzverweis gewohnt ungehalten reagierte: “Sind wir hier im Kindergarten?” Ist zwar eine rhetorische Frage, wird aber dennoch beantwortet: Ja, Uli, sind wir! Dynamik wie im Sandkasten und Disziplin wie in der Bauklotzecke. Kindergarten eben.

Angie
Es gibt Dinge, die sind so grässlich, dass man sie sich eigentlich gar nicht so genau ausmalen will: Unsere Kanzlerin im Bikini. Ein gepflegter Herrenabend mit Guido Westerwelle auf der Reeperbahn. Body-Painting mit Reiner Calmund. Ein Friseurtermin von Torsten Frings. Und obwohl das alles eigentlich schon abschreckend genug ist, gibt es eine Vorstellung, die so abgrundtief widerwärtig und ekelerregend ist, dass man sie gar nicht aussprechen möchte. Sie sei gleichwohl erwähnt, wenn auch mit der gesetzlich vorgeschriebenen Warnung: Das nun folgende Szenario ist nicht geeignet für Menschen unter 20 Jahren oder mit schwachem Herz: Der VfL Wolfsburg wird Deutscher Meister. Welch abscheuliche Vorstellung: 1000 Werksarbeiter und 23 Fans bei der Meisterfeier in der Werkshalle 3 des VW-Konzerns! Beängstigend! Noch ist das glücklicherweise nur reine Fantasie. Durch das 3:0 der Magath-Elf in Bielefeld ist dieses schlimmste anzunehmende Ereignis jedoch noch wahrscheinlicher geworden. Dann doch lieber Angie im knappen Zweiteiler…

The Name of the Game
Günter Netzer, der Friedrich Nietzsche unter den Fußball-Experten, hat neben seiner Vorliebe für antiquierte Seitenscheitel noch eine weitere befremdliche Leidenschaft, nämlich die merkwürdige Marotte, in dem Auftreten einer Nationalmannschaft Mentalität und Philosophie des jeweiligen Landes wieder zu finden. Demnach müssten die Italiener also auch auf dem Platz heißblütige Machos sein, während Ballack & Co. nur so vor pedantischem Ordnungssinn strotzen. Ist aber nicht so, siehe Norwegen-Desaster. Möglicherweise kann man Nietzsche-Netzers Fußballkultur-Theorie aber in leicht abgewandelter Form auf die Bundesliga übertragen. Soll heißen: Jeder Club spielt so, wie der Trainer heißt, siehe schaaffromme Bremer, kloppende Dortmunder oder funkelnde Frankfurter. Und selbst am Beispiel des Bochumer VfL, dessen Offensivspiel beim Auftritt in Gladbach nach der Pause vollständig kollabierte, lässt sich das Modell verifizieren. Dass es trotz Sturm-Koller am Freitagabend zu einem Auswärtssieg reichte, lag übrigens allein am schwachen Auftritt der Gastgeber: Mensch Meyer!

Sad but true
Kaum ist man auf Schalke Memmchen Müller los (”Es geht eine Träne auf Reisen”), wird man bei den Knappen übermütig und hofft jetzt auf den Titanen (”Holding out for a Hero”). Die Leistung gegen den HSV war jedoch traurig wie ein Kurkonzert mit Milky Müller. Ohne Neuers Slapstick-Einlage wäre gar ein Remis möglich gewesen. Aber immerhin hat man eine Erkenntnis gewonnen: Schalke braucht einen neuen Torwart – und wenn auch einen 39jährigen.

What’s another Year
An einem leidigen Thema kommen wir auch diesmal nicht vorbei: Die Schiedsrichter. Unbeirrbare Ignoranz in Dortmund, ehrfürchtige Zurückhaltung in München und schmerzhafte Fehlsichtigkeit in Sinsheim – die “Men in Black” waren abermals nicht immer auf Höhe des Geschehens. Das wirklich Überraschende an den Fehlentscheidungen dieses Spieltags ist indessen, dass Schiri-Clown Lutz Wagner vollkommen unschuldig war, weil nicht präsent. Apropos Lutz, die hessische Pfeife hat vor kurzem verkündet, seine Karriere in diesem Sommer, ein Jahr vor Erreichen der Altersgrenze, an den Nagel zu hängen. Ein herber Verlust – der unberechenbare Lutz war stets ein echter Farbtupfer in einer sonst so grauen Liga. Und nun? Wie soll das nur ohne ihn werden? Daher an dieser Stelle die dringende Bitte, die Aktion “Bibi in die Bundesliga” erstmal auf Eis zu legen zugunsten eines beherzten “Lutz, bleib noch ein Jahr”.

Und was gab’s noch?
“Appetite for destruction”: Üble Gerüchte: Prinz Boa und Pätze Eber sollen wild randaliernd durch die Straßen Berlins gezogen sein und dabei Autos beschädigt haben. Wohlgemerkt: Sollen! Weil kann ja nicht. Denn alle sozio-psycho-philo-unlogische Studien zeigen: Sinnlose Gewalt ist stets Ausdruck persönlicher Perspektivlosigkeit oder materieller Bedürftigkeit. Ergo sind Fußballprofis grundsätzlich ganz harmlos. Lells bestätigen die Regel!
“Changes”: Neues aus Schalke: Marcelo Bordon ist in den Wechseljahren! Und was machen Frauen in den Wechseljahren? Genau, sie geben die Binde ab! Konsequenterweise hat der 33jährige Brasilianer denn auch sein Kapitänsamt aufgegeben. Motto: Es sollen auch mal die Jüngeren ran. Neuer Spielführer der Schalker ist übrigens der 35jährige Mladen Krstajic.
“Allein Allein”: Und noch mal Schalke: Krisen-Kevin hat gesprochen und sich über die mangelnde Unterstützung der eigenen Fans beklagt: Mit Pfiffen könne er nicht spielen! Stimmt, ohne allerdings auch nicht. Zum Abschluss daher eine kleine Runde Mitleid an unseren Teilzeit-Stürmer ohne Pfiff: Wird schon wieder – oder auch nicht.