Jesus Reloaded?

27. April 2009

Da hab ich mich doch letzt ziemlich erschreckt. „Die schlimmste Entgleisung, die es jemals in den deutschen Medien gegeben hat!“. Hörte ich von irgendwo. Und mir ging plötzlich tierisch die Muffe. Absolut übelstes No-Go ever – was konnte das sein? Kai Diekmann wird Chefredakteur der FAZ? Rauchverbot für Smoky Schmidt im Fernsehstudio? Nacktbilder von unserer Kanzlerin auf der BILD-Titelseite? Oh ja, das wäre wirklich übel. Und absolut unentschuldbar. Was könnte da schlimmer sein?

Ja, und dann war ich erleichtert. Weil dann erfuhr ich, wer das gesagt hatte, von wegen ganz ganz böse Entgleisung und so. Ein Bayer. Genauer gesagt der Pressesprecher der Bayern. Na und die regen sich ja immer ganz schnell ganz fürchterlich auf. Also immer dann, wenn es um Anstand, Moral, Kirche und sowas geht. War diesmal natürlich genauso. TAZ-Aufmacher: Klinsi ans Kreuz genagelt mit „Always look on the Bright Side of Life!“ So ein bisschen Monty-Python-mäßig. Nicht wirklich neu, aber ganz nett. Zum Schmunzeln. Dachte ich mir so. Direkt aber wieder umgedacht. Weil sowas macht man ja nicht. Sowas ist schließlich der absolut undenkbarste ultimative geht-gar-nicht-Tabubruch. Weil Scherze über Bayern-Trainer, also wirklich, das kann man nicht bringen.

Oder sollte es doch etwas mit Gotteslästerung zu tun haben? Könnt ja sein, weil ist ja Jesus-Karrikatur. Ist ja irgendwie Blasphemie. Und sowas ist ja nun mal gar nicht drin. Aber nee, denkste. Ist nicht. War nur wegen Klinsi. Verletzung von Persönlichkeitsrecht. Klage. Unterlassung. Abmahnung. Die ganze Chose. Kirche hat gar nix gesagt – hab jedenfalls nix gehört. Soll heißen: Jesus-Scherze sind schon ganz okay, nur bitte nicht mit dem heiligen FC Bajuwarius und seinem Heilsbringer.

Und dann hab ich noch ein bisschen nachgedacht und mir überlegt: So mit Jesus verglichen zu werden, ist doch gar nicht mal schlecht. Den finden doch inzwischen alle ziemlich klasse. Nur damals hat man ihm nicht über den Weg getraut, obwohl der ja nur Gutes im Schilde führte. Da wollte die TAZ also doch nur sagen: „Hey, Leute, macht uns mal den Klinsi nicht so fertig. Irgendwann werdet ihr schon sehen: Das ist ein guter Mann. War bei Jesus genauso!“. Und eigentlich war das doch ziemlich nett von der TAZ. Nur hat der Jürgen das irgendwie nicht verstanden. Schade eigentlich.

Also ich hätte mich gefreut. Da sind alle gegen einen und plötzlich setzt sich eine Tageszeitung für einen ein. Dazu noch so ein linkes Revoluzzerblatt und das bei einem konsvervativen Bonzenclub. Da kann man doch mal richtig dankbar sein. Und was macht der Klinsmann? Rumnölen und um sich hauen. Sowas hätte der gute Jesus nicht getan. Ist also doch kein Jesus reloaded, der Klinsi. Hat sich die TAZ wohl getäuscht.

Baseball in Sinsheim, Ping Pong in Düsseldorf und Blood Bashing bei Olympia. Die Lehren des 29. Spieltags, diesmal mit Anleihen aus der großen weiten Welt des Sports!

Kriminell
Szenen wie in einem billigen Sat1-Krimi: Herthas Kapitänchen “Klein Arne” Friedrich wurde unlängst eine 9000-Euro schwere Rolex aus der Mannschaftskabine entwendet. Der Langfinger zeigte sich jedoch gnädig und bot die Rückgabe gegen Zahlung von 5000 Euro an. Das unerschrockene Opfer ließ sich nicht zweimal bitten und erledigte die Lösegeld-Übergabe – mit schusssicherer Weste bekleidet – höchst selbst. Als Lohn der Mühen erhielt Arnie Armbanduhr sein geliebtes Chronometer zurück und sah mit an, wie der dreiste Rolex-Räuber dingfest gemacht wurde. Sein GSG-9-Ausflug hat ihm dabei angeblich so gut gefallen, dass er nun auch in der Bundesliga nur noch mit schusssicherer Weste antreten will. Modell: Hitzlsprotektor. Unglaublich – aber bei einem Rotlichtclub wie Honey Hertha, dessen Aushängeschilder “Pascha” Voronin (Zuhälter-Brille), “Ante” Pantelic (Wettmafia-Frisur) und “Horny” Favre (Softporno-Gesicht) sind, wundert einen allmählich gar nichts mehr.

Hertha’s Homerun
Apropos Hertha: Fußball spielt man da auch. Ab und zu. Aber jedenfalls nicht an diesem Freitag. Das Gastspiel bei Heavy Hopp, der beim Wetten gegen IM Mehdorn zwei Atlantik-Inseln verloren haben soll, hatte dann doch mehr von Baseball: Einfach mal die Erbse nach vorne hauen und dabei kreuz und quer über den Platz laufen. Mit dieser Taktik schlugen die Hertha Whitesox einen übelst bayernduseligen 1:0-Homerun. Keine Sau weiß, wie sie das mal wieder hinbekommen haben. Tja, Fußball ist manchmal doch wie Baseball – so richtig steigt man nie dahinter.

Rüpel-Reif
Das hemmungslose Niedermachen unbeholfen agierender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hat ja längst den Charakter eines Volkssports und soll als Blood-Bashing demnächst olympisch werden. Macht aber auch immer einen Heidenspaß. Muss aber diesmal ausfallen. Die einschlägigen Opfer sind leider disqualifiziert. Kuranyi (gibt nix mehr her), Klinsmann (das erledigen andere), Vogts (lebt der noch?) und Effenberg (basht sich selber) bieten einfach keine ausreichenden Angriffsflächen mehr. Widmen wir uns lieber Premiere-Kommentator Marcel Reif, der – pflichtbewusst wie er ist – seine Zuschauer an der emotional aufgeheizten Stadionatmosphäre teilhaben lässt und bei seinen regelmäßigen Tribünenpöbeleien die Off-Taste lässig ignoriert. So geschehen in der 80. Minute des bayrischen Meisterschaftsabschiedsspiels, als er die narkotisierte Schar der Bayern-Anhänger mit einem völleresk gebrüllten “Du säufst zu viel!!!” aus dem Klinsmann-Koma erweckte. Tausende Fans schreckten (schlaf-?)trunken mit der Bierpulle in der Hand auf: “Wer? Ich?”. Oder wen sollte Rüpel-Reif mit seinem neuerlichen Tourette-Anfall gemeint haben: Den Bayern-Trainer? Nee, lebt enthaltsam. Luca “Isch liebe Doppelpack”-Toni? Verstehte keine Deutsch! Kollege Töppi? Weiß das selber! Kann wohl doch nur einer gewesen sein: Weizen-Waldi! Hatte seine (Williams-)Birne mal wieder vor Marcellos Feldstecher geparkt. Also, schleich dich!

Ping Pong
In Bremen weiß man derzeit auch nicht, was man nach dem Erreichen des Pokalfinales aus dieser heftigst verleverkusenten Rückrunde machen soll? Hinschlabbern (so wie in der 1. HZ gegen den VfL) oder nochmal Gas geben (wie nach der Pause)? Irgendwie nix Halbes und nix Ganzes. Dann doch lieber das Bayer-Original: In Leverkusen hat man nämlich traditionell die zweite Saisonhälfte leidenschaftlich in den Sand gesetzt. So wie jedes Jahr. Und das wird jetzt auch kompromisslos durchgezogen. Wie beim ekligen 0:1 gegen den KSC. Ein Spiel wie Ping-Pong. Hin und her und her und hin – und irgendwann wird einem ganz schlecht vom Zuschauen. Dazu passte auch die Entstehung des einzigen Treffers: Nobody Langkamp haut einfach mal dazwischen, das Bällchen fliegt und fliegt und fliegt und landet irgendwann im Netz. Ein wahrer Lucky Punch. Beziehungsweise die wohl schönste Ballonabwehr in der Geschichte des Ping-Pong-Soccer.

Geht gar nicht
Auch KSC-Verteidiger Andy Görlitz bilanzierte nach dem hässlichen Auswärtssieg ganz ironisch: “Wir haben heute wundervoll über die außen gespielt und tolle Kombinationen gezeigt!” Soll heißen: Wir haben rumgegurkt wie Hertha und trotzdem gewonnen – wie Hertha! Ja, der Junge hat Humor. Bleibt einem aber auch nix anderes übrig, wenn man wie eine sächsische Grenzstadt kurz vor Polen heißt. Ganz humorlos fiel hingegen das Statement von Bayers Silberlocke aus: “Es geht nicht um die Niederlage an sich, natürlich hätten wir gerne das Spiel gewonnen, aber du kannst auch gegen den KSC verlieren.” Sorry, Rudi, wir widersprechen nur ungern. Aber gegen den KSC verlieren können… Nee, geht gar nicht. Geht genauso wenig wie ein Doppelpack von Andreasen, ein 45-Meter-Grätschenlupfer oder – noch absurder – die Meisterschale in Wolfsburg. Wissenschaftlich ausgeschlossen! Kann nicht, ist nicht, geht nicht! Basta!

Bärig
Maik Franz, Karlsruhes Kampf-Catcher, ist nicht nur ungekrönter Meister des verbalen Flachpasses, sondern auch ein lupenreiner Sado-Masochist. Wünschte sich am Sonntagnachmittag doch glatt, dass die Wölfe dem KSC einen “Bärendienst” erweisen. Die Wolfsburger, denen bei einem Befehl ihres Ex-Spielers Evil Maik naturgemäß mächtig die Düse geht, erwiesen den Badenern den erwünschten Bärendienst und ließen das mal sein mit dem Wolfshunger. 2:0-Klatsche, 3 Punkte für Cottbus. Fand man in Karlsruhe natürlich ziemlich bärig.

Und was gab’s noch?
Pokal! Zunächst ein abermals ziemlich mauer Kick in Düsseldorf. 80 Minuten lang flog die Kugel durch die Gegend, ohne auch nur ein einziges Mal im Netz zu zappeln. Klingt nach dem längsten Ballwechsel in der Geschichte des Herren-Tennis, war aber das mit Abstand Armseligste, was der deutsche Profi-Fußball derzeit so zu bieten hat.
Deutlich besser wurd’ es dann einen Tag darauf, beim ersten Teil der vierteiligen Hanseaten-Trilogie. Und da die beiden Mannschaften momentan einfach nicht genug voneinander kriegen können (man sieht sich ja so selten), haben sie ihr erstes Rencontre gleich mal um 30 Minuten und ein Elfmeterschießen verlängert. Am Ende gab’s grünweißen Jubel und eine bittere Erkenntnis für den HSV: Ein frisch gemähter Rasen ist nur halb so viel wert wie ein gut gegelter Wiese! Fußball ist eben doch auffem Platz!

Das Beste kommt zum Schluss
Und noch eine höchst erfreuliche Nachricht zum Schluss. Johannes B(astkorbflechter) Kerner, der schleimige Nebensatz vom Senioren-TV, wechselt Ende des Jahres zurück zu Sat1. Ist zwar bundesligatechnisch höchst unerheblich. Aber und jetzt kommt’s (bitte festhalten, aufstehen und losjubeln): Die Weltmeisterschaft 2010 findet damit definitiv ohne unseren devoten Milchbubi statt. Und mal ehrlich, ist das nicht eine prächtige Perspektive?!

Armer Herbert

20. April 2009

Vor wenigen Wochen wurde in Hamburger der Herbert-Award verliehen, ein nach der Reporter-Legende Herbert Zimmermann benannter Preis zur Würdigung herausragender Leistungen auf dem Gebiet des Sportjournalismus. Der Herbert-Award versteht sich als Rückspiel zur Sportlerwahl des Jahres – die Rollen von Journalisten und Sportlern werden getauscht. Die Aktiven küren in elf verschiedenen Kategorien ihre Favoriten unter den deutschen Sportberichterstattern.

Wer sich von dieser ungewohnten Aufgabenverteilung fundierte und nachvollziehbare Entscheidungen versprochen hat, sieht sich angesichts der Ergebnisse der neuerlichen Wahl bitter enttäuscht. In einigen Fällen haben die Sportler zwar durchaus angemessen votiert, zum Beispiel wenn sie Jürgen Klopp zum besten TV-Sportexperten küren oder Monica Lierhaus als beste Kommentatorin auszeichnen, ansonsten aber lagen sie gründlich daneben. Weshalb das gähnend langweilige Gequassel im Sportstudio journalistisch wertvoller sein soll als die perfekt abgestimmte Bundesliga-Konferenz im Bezahlfernsehen, wird wohl das ewige Geheimnis der Juroren bleiben.

Ähnlich fragwürdig mutet das Votum in der Kategorie „Bester Sport-Internetauftritt“ an, die mysteriöserweise an „Sport1“ ging, während die exakt recherchierten und launig geschriebenen Hintergrundberichte auf „spox.com“ mit einem geradezu unverschämten 9. Platz abgespeist wurden. Gleichsam lächerlich wirkt das Votum in der Rubrik „Beste Sportzeitschrift“, in der die Konzentration der „Sport-Bild“ auf Gerüchte und Polemik (1. Platz) offenkundig stärker honoriert wurde als die feinsinnigen Analysen der „11 Freunde“ (3. Platz).

Besonders deutlich wird das Desaster aber in der Königskategorie, der des besten Live-TV-Kommentators. Bei einer Auszeichnung, die sich in der Tradition von Herbert Zimmermann sieht, sollte gerade in dieser Sparte Wert auf die von Zimmermann verkörperten Kardinaltugenden eines Sportjournalisten gelegt werden, also Leidenschaft und Kompetenz. Doch wen wählt die Schar der Aktiven als ihren journalistischen Liebling aus? Bela Rethy! Ein Mann, der allenfalls sportjournalistische Mittelklasse darstellt. Gewiss, Rethy gehört noch zu den Besseren der öffentlich-rechtlichen Berichterstatterzunft. Zumindest in puncto Kompetenz übertrifft er den Kollegen Poschmann um Längen. Doch folgt dieser – und das ist der eigentliche Skandal dieser Preisverleihung – bereits auf dem zweiten Platz und verweist damit sämtliche Mitglieder der hochkompetenten Premiere-Sportredaktion sowie Eurosport-Unikum Sigi Heinrich auf die weiteren Plätze.

Die Geschlagenen dürfen sich mit Fug und Recht verschaukelt vorkommen. Eine Reporterwahl, bei der Wolf-Dieter Poschmann, der weder die Abseitsregel verinnerlicht hat noch die Protagonisten auf dem Platz auseinander halten kann, auf den zweiten Platz kommt, kann man nun wirklich nicht ernst nehmen. Es ist nicht nur ärgerlich, sondern geradezu ein Schändung Zimmermanns Andenken, wenn man in seinem Namen derart absurde Entscheidungen trifft und Reporter dekoriert, die nun wahrlich gar nichts von einem Herbert Zimmermann haben.

Vielleicht also ist die gut gemeinte Idee, mit den Sportlern die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, genau der falsche Ansatz für eine Journalistenwahl. Denn wer selbst Gegenstand der Berichterstattung ist, wird nicht unbedingt den besten, sondern tendenziell den bequemsten Berichterstatter zu seinem Favoriten erklären. Journalistische Unabhängigkeit, wie sie auch und gerade von einem Herbert Zimmermann repräsentiert wurde, sieht anders aus.