Das war sie nun also, die spannendste, nervenzerreißendste, kribbeligste Bundesliga-Saison aller Zeiten. Doch irgendwie war das zum Ende hin nur ein laues Lüftchen. Im Abstieg ging’s praktisch nur um den Relegationsplatz, der Kampf um die Uefa-Cup-Plätze (Entschuldigung: Europa Liga) wurde kaum zur Kenntnis genommen und die Meisterschaft haben sich Magaths Wölfe dann doch fast ungefährdet gesichert.

Überhaupt: Wolfsburg. Der VfL Wolfsburg ist Deutscher Meister – nach wie vor ein höchst surreales Ergebnis. Die Puristen unter den Fußball-Fans hatten es die ganze Zeit geflissentlich ignoriert. Frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dabei geht der Meistertitel dieses Jahr absolut zu Recht nach Niedersachsen. Zu dieser Feststellung bedarf es nicht einmal der gängigen Floskel, nach der das Team, das am Ende vorne stehe, es immer verdient habe. Ein einfacher Blick auf die Rückrundentabelle beweist die späte Dominanz der Wölfe: 14 Siege und insgesamt 43 Punkte.

Eine beeindruckende Bilanz. Das Zustandekommen der Wolfsburger Meisterschaft steht denn auch exemplarisch für das große Problem der Liga, den eklatanten Mangel an Konstanz. Keine Mannschaft, eben nicht einmal der Meister, konnte über die gesamte Dauer der Saison überzeugen. Nur die Bayern hielten sich auf konstantem Niveau, das jedoch nicht genügte, um den Titel an die Isar zu holen.

Selbst Jürgen Klinsmann, der zuletzt die mangelnde Geduld der Offiziellen anprangerte, hätten in den verbleibenden fünf Spieltagen nicht mehr die dafür erforderlichen Punkte und Tore holen können. Für den FC Bayern, die Liga und Jürgen Klinsmann wäre es indes am besten, man würde die öffentliche Debatte über sein misslungenes Trainer-Engagement allmählich beenden. Es bringt in der Sache nichts und hat zudem jedweden Unterhaltungswert verloren.

Interessanter ist da schon der Blick in die Zukunft der Liga. Man darf gespannt sein, ob es Louis van Gaal gelingt, den Rekordmeister wieder auf Erfolgskurs zu bringen und international besser zu positionieren. Nicht minder spannend dürfte die Entwicklung bei der Überraschungsmannschaft aus Hoffenheim sein, die in der Rückrunde nicht einmal ansatzweise an die Form der Hinserie hat anknüpfen können. Ob Ralf Rangnick, der als einer der größten Fußball-Experten im Land gilt, das Projekt Hoffenheim weiter nach vorne bringen kann, scheint zweifelhaft. Nicht zuletzt weil Rangnicks Engagements in der Vergangenheit stets von überschaubarer Dauer waren.

Größere Erwartungen verbindet man da schon mit Borussia Dortmund, einem Verein, der sich nicht zuletzt dank Jürgen Klopp wieder an die nationale Spitze herangearbeitet hat. Der Gewöhnungsprozess ist abgeschlossen und mangels internationaler Belastung ist dem BVB in der kommenden Saison einiges zuzutrauen. Die Enttäuschungen der Saison sind indes Bayer Leverkusen und Werder Bremen, also paradoxerweise just die beiden Mannschaften, die im Pokalfinale am Samstag aufeinandertreffen. Die beiden Teams blieben mit Platz 9 und 10 weit unter ihren Möglichkeiten. Im Falle von Leverkusen trotz einer äußerst sehenswerten Hinrunde. Das Potential hätte in beiden Fällen für einen Platz im internationalen Wettbewerb gereicht. Was im Umkehrschluss die Trainer Labbadia und Schaaf in Frage stellt.

Mit Spannung blicken auch die FC-Fans auf die kommende Saison. Trotz zuweilen sehr dürftiger Leistungen können die Fans der Geißbock-Elf mit der abgelaufenen Saison sehr zufrieden sein – eine Saison ohne echte Abstiegsnöte ist für den FC in diesen Tagen ein echter Erfolg.

Die Aussicht auf die kommende Saison verheißt schon jetzt eine Menge Spannung. Spannung, die ein wenig über die Tristesse der elendig langen Sommerpause hinweg zu helfen vermag.

Die Bundesliga-Saison 2008/2009 ist Geschichte. Doch am letzten Spieltag zog die spannendste, unwiderstehlichste, kribbeligste, geilste Liga der Welt noch mal alle Register:

Surreal
So: Dreimal kneifen, zweimal kalt duschen, einmal die Pupillen schärfen und irgendwie versuchen, das Unfassbare zu realisieren: Wolfsburg ist Meister! Und noch mal ganz langsam: Der VfL Wolfsburg, dieser sympathische Traditionsclub mit Herz, dieses konzernresistente Familienunternehmen mit Erfolgshistorie, hat an diesem Wochenende die Deutsche Meisterschaft geholt. Das muss man erst einmal verarbeiten. Das samstägliche Szenario in der VW-Arena hatte ja auch schwerst surreale Züge. So surreal wie ein enthemmtes Freudentänzchen vom bärbeißigen Dieter Hoeneß im Kreise seiner Spieler oder ein experimentelles Trainerintermezzo von Jürgen K. beim FCB. Oder aber ein dreitägiges Komasaufen mit Funky Felix. Unvorstellbar sowas!

Vantastisch
Damit keine Missverständnisse entstehen. Die LLen gratulieren dem VfL ganz herzlich zum Titel! Denn der geht natürlich absolut zu recht an die…. – An welchem Fluss liegt eigentlich Wolfsburg? Egal, wer 80 Tore schießt, davon alleine 95 durch das neue Traumsturmduo Grafiko, der wird verdient Meister. Da hätte selbst der beste Bayern-Trainer nichts ausrichten können. Nicht einmal Jürgen „California Dreaming“ Klinsmann, der doch tatsächlich behauptete, die Bayern noch zur Meisterschaft hätte führen können. Was ja auch irgendwie plausibel erscheint: Bei einem 4:1 gegen Gladbach, einem 5:1 in Cottbus, einem 3:2 in Hoffenheim und einem lockeren 7:1 gegen den VfB wäre die Schale nicht an die Aller (genau, die war’s!), sondern an die Isar gegangen. Aber so muss sich Joking Jürgen woanders umschauen. In Wolfsburg wird das allerdings nichts. Weil der Nachname des neuen Trainer ja mit einem „V“ beginnt, wie VW-Boss Winterkorn im Interview mit Signore Henkel verriet. Wer wird’s also? Völler? Vanenburg? Oder gar (Winterkorn bewahre) der Vulkan vom Kaukasus, Berti Vogts? Nix da! Die graue Eminenz kehrt zurück: Kalli Veldkamp!

Kegelclub
Letzte Bundesligaspieltage haben ja irgendwie immer etwas von einem Kegelclubausflug in den Sauerland-Stern: Knapp zwei Dutzend testosterongeschwängerte Lebemänner laufen völlig enthemmt kreuz und quer durch die Gegend und alle paar Minuten landet einer in der Kiste. Soll heißen: Ganz zum Ende der Saison, wenn’s um nix mehr geht, kann man so richtig schön die Sau raus lassen. Und dann fallen die Tore wie reife Kegel. Und Ergebnisse kommen dabei raus… Un!fass!bar!: Hoffe 3:2, KSC 4:0 und Cottbus 3:0. Da wird einem ganz schwindlig – wie nach 12 Pils und einer Palette Dornkaat. Kegelclub eben!

Auffallend

Ja, letzte Spieltage machen wuschig und verwirren die Sinne. Selbst den sonst so geistig regen Kaiser. Dessen Rückschau auf die Klinsmann-Entlassung fiel nämlich irgendwie nicht ganz so logisch aus: „Das konnte der Jürgen nicht verstehen. Das hat ja keiner verstanden“. Verstehe einer den Franz!  Aber auch beim an sich so klugen Kloppo liefen die Synapsen an diesem Spieltag plötzlich im Stromsparmodus. Dem Vorwurf seines Keepers, am Ende nicht mehr offensiv genug gespielt zu haben, begegnete er mit messerscharfer Analyse: „Wir haben offensiv gespielt. Nur ist das dem Roman nicht aufgefallen. Konnte einem aber auch nicht auffallen.“ Was man vom geistigen Dünnpfiff dieses Spieltags allerdings nicht behaupten kann.

Kreativ

Wir haben es ja immer geahnt: Der innovativste Club der Liga ist Arminia Bielefeld. Präsentiert uns doch mal ganz kreativ den Einweg-Trainer. Verpflichten, absteigen, in die Wüste schicken! Praktisch! Gratulieren kann man zu der Erfindung wohl nicht. Jörg Berger hingegen schon. Der wurde nämlich unlängst zur Trainerschlampe des Jahres gewählt. Verdienter Titel!

Beschämend
Wir haben’s ja immer gewusst: Der DFB ist ein gefühlskaltes Monster, eine spießige Bonzentruppe ohne Herz, ein erbarmungsloses Etwas! Oder wie ist es sonst zu erklären, dass LL-Liebling Lutz Wagner das verdiente Abschiedsspiel am letzten Spieltag verwehrt wurde? Dabei hätte es so schöne belanglose Klecker-Kicks wie Schalke – Hoffe oder Köln – Bochum gegeben. Da hätte selbst der senile Lutz nichts mehr kaputt machen können. Aber nein, der taktlose DFB schickt Leaving Lutz ja lieber dahin, wo wir Deutsche am liebsten alle missliebigen Querulanten sähen: Nach Österreich. Oder zumindest an die österreichische Grenze. Burghausen gegen Stuttgart-Zwo. Unwürdig sowas!

Sorry

An dieser Stelle gilt es, Entschuldigung zu sagen bei all den Trainern, die in den vergangenen Wochen und Monaten so schmählich vernachlässigt wurden: Lieber Friedhelm Funkel, lieber Ede Becker und lieber Marcel Koller, Ihr seid das aber auch irgendwie selber schuld. Trainer mit dem Unterhaltungswert einer narkotisierten Briefmarkensammlung haben in den LLen nun mal nichts zu suchen. Ausnahmslos! Nehmt Euch mal ein Beispiel an Temperamentsschleudern den der Liga: An Charming Schaaf, an Funky Felix oder an dem unwiderstehlichen Horny Farvre. Das sind Typen!

Merci
Apropos Horny Favre: Seine schnuckelige Hertha sorgte wie erwartet für die skurrile Schlusspointe dieser total abgedrehten Saison. Nach einander die ganzen Topteams mit ganz ekligen 2:1-Siegen abfiedeln und wenn es um alles geht, das Ding ganz gepflegt 0:4 in den Sand setzen. Und das Ganze noch gegen die vom KSC! Was ein Gag! Urkomisch! Diese Hertha aber auch. Und Funny Favre setzte gleich noch einen drauf: „Wir sind zufrieden, aber die Enttäuschung ist da“. Tja, das hätten selbst Firle-Franz und Konfuso-Kloppo nicht besser hinbekommen. Ach Lucy, Du bist schon ein Scherkeks. Danke für alles. Merci, Cheri!

Und was gab’s noch?

Die hanseatische Gute-Laune-Truppe hat’s nicht gerissen. Schon wieder eine deutsche Endspielniederlage. Zeigt: Auf dem deutschen Fußball liegt ein Fluch, der Ballack-Fluch! Als Zuschauer konnte man sich auf diesen ziemlich traurigen Kick aber eh nicht konzentrieren. Zu sehr war man von Donezks charismatischem Gigolo-Coach fasziniert:
Und halb Deutschland hat sich gefragt: Woher zum Teufel kennt man den?

Inzwischen ist das Geheimnis nun gelüftet: Mircea Lupescu ist das Produkt einer hemmungslosen Liebesnacht von Gotthilf Fischer und Roberto Blanco! Zweifel ausgeschlossen.
Trösten konnte man sich übrigens mit einem Europameistertitel, den die deutschen U17-Bubis am Montag einfuhren. Tolle Truppe! Eine Sammlung spielfreudiger Jungspunde, die Hoffnung für die Zukunft macht. Vor allem Bienvenue Basala-Mazana – ein Name wie ein Begrüßungsplakat in einem kamerunischen Kuhdorf. Und genau der Junge wird uns 2018 zum WM-Titel schießen. Das ist sicher – ganz sicher. Denn dann hat auch Vize-Ballack seine Karriere beendet. Blendende Aussichten!

Staatsmaskottchen

18. Mai 2009

In wenigen Tagen wird in Berlin das neue Staatsoberhaupt gewählt. Vieles spricht dafür, dass der neue Bundespräsident auch der alte ist: Horst Köhlers Chancen auf eine Wiederwahl stehen gut, wenngleich Gegenkandidatin Gesine Schwan aufgrund der zu erwartenden Unterstützung aus Reihen der Linken nicht chancenlos ist. Der Bürger wird auf die Entscheidung am 23. Mai keinen Einfluss mehr nehmen können. Und dennoch wird auch der nächste Bundespräsident formal demokratisch legimitiert sein. Dem demokratischen Kunstprodukt Bundesversammlung sei Dank, in dem auf irgendeine nebulöse Weise Volkes Meinung doch zum Ausdruck kommen solle. So oder so ähnlich dürften jedenfalls die Mütter und Väter des Grundgesetztes gedacht haben, als sie das aus Vertretern des Bundestages und der Landtagsparlamente zusammengesetzte Gremium für die Wahl des Präsidenten vorgesehen haben. Was in der staatsrechtlichen Theorie auch irgendwie richtig ist, aber praktisch doch so wenig mit lebendiger Demokratie zu tun hat.

Nun gibt es seit Jahr und Tag Überlegungen, das Staatsoberhaupt doch endlich wieder vom Volk wählen zu lassen. Schließlich besitzen die aus der Weimarer Zeit stammenden Zweifel ob der möglichen Gefahren einer Direktwahl angesichts einer gefestigten Demokratie keine Berechtigung mehr. Konsequent wäre, dann auch gleich darüber nachzudenken, dem Präsidenten eine über die bloße Repräsentantenrolle hinausgehende politische Funktion einzuräumen. Schließlich ist der diesbezügliche Argwohn doch auch nicht mehr angebracht. Richtigerweise denkt so aber fast niemand. Die Beschränkung auf eine Vertreterfunktion, die praktisch keine politische Handhabe umfasst, hat sich bewährt. Der Bundespräsident wird auch in Zukunft so etwas wie ein lebendiges Staatsmaskottchen sein, das von seinen gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten mal stärker (von Weizsäcker) und mal schwächer (Köhler) Gebrauch macht. Es besteht daher trotz allen Unbehagens über das zuweilen unwürdige parteipolitische Geschacher samt der nur sehr bedingt demokratischen Wahl keine Notwendigkeit, das ohnehin wahlmüde Volk auch für diese Entscheidung an die Wahlurne zu bitten.

Wünschenswert wäre aber zumindest, bei der Kandidatenkür etwas mehr Augenmaß zu bewahren. Denn immerhin ist der Bundespräsident nach wie vor das Oberhaupt unseres Landes und sollte daher eine in vielerlei Hinsicht vorbildliche und beeindruckende Persönlichkeit darstellen. Wie auch immer die Umsetzung dieses zugegebenermaßen elitären Gedankens aussehen mag, man sollte sich auf keinen Fall mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben. Bundespräsident sollte nicht „irgend einer“ werden, sondern eine Person, die sich mit ihrem bisherigen Wirken für das Amt empfohlen hat. Jeder mag für sich selbst entscheiden, welcher Kandidat diese Anforderungen erfüllt. Horst Köhler war und ist jedenfalls nicht diese herausragende Persönlichkeit, die für das Amt des Bundespräsidenten prädestiniert ist. Ein prima Staatsmaskottchen gibt er aber dennoch ab.