Tränen für Michael

29. Juni 2009

Michael Jackson ist tot. Der wohl größte Superstar der letzten 30 Jahre ist vergangenen Donnerstag an Herzversagen gestorben.

So weit, so schlecht. Größere postmortale Lobhudeleien sollte man sich, will man nicht in den Verdacht der Heuchelei geraten, besser sparen. Der deutschen B- bis F-Prominenz scheinen solche Anschuldigungen hingegen herzlich egal zu sein. Frei nach dem unsäglichen Grundsatz „Über Tote nur Gutes“ übertreffen sie sich in devoten Ehrerbietungen gegenüber dem verstorbenen Popstar und blenden dabei wie gewöhnlich jedweden kritischen Ansatz aus. Jeder Hinz und Kunz, dem von der emotionsgeilen Boulevardjournaille ein Mikro vor die Nase gehalten wird, meint, selbiges mit seinen belanglosen Trauerbekundungen füllen zu müssen.

Doch wen interessiert, was ein abgehalfterter RTL2-Moderator zum tragischen Ende des sogenannten King of Pop zu sagen hat? Niemand? Wohl nicht. Das nachhaltige Interesse an Statements pseudopopulärer Scheinpromis spricht eine andere Sprache. Und trotzdem möchte man den betreffenden Damen und Herren doch ganz freundlich empfehlen, dem angeborenen Selbstdarstellungsreflex trotzend doch einfach mal die Klappe zu halten. Gleiches gilt auch für die vermeintlichen Top-Promis wie die allgegenwärtigen Veronica Ferres oder die in Stein gemeißelte Betroffenheitsmiene, Uschi Glas. Letztere hatte ja schon Mitgefühl mit dem monumentalen Ehrenwortkanzler und ging für den armen Mann sogar sammeln. Kein Wunder also, dass sie auch bei Michael Jacksons Tod ein paar bedeutungsarme Sätze in die Kameras schluchzt. Nichts anderes haben wir erwartet.

Leider nur erschöpft es sich nicht mit dem Schluchzen und Klagen. Jeder potentielle Dschungel-Show-Kandidat fühlt sich derzeit genötigt, die deutsche Öffentlichkeit über die zahllosen Tränen zu informieren, die er angesichts des weltbewegenden Trauerfalls in den heimischen Wänden vergossen habe. Das muss man natürlich öffentlichkeitswirksam kund tun. Soll ja jeder wissen – interessiert ja auch jeden, brennend.

Naturkatastrophen haben den Planten heimgesucht, Weltkriege sind über die Menschen eingebrochen, furchtbare Unfälle haben die Menschheit erschüttert – doch all dies löst offensichtlich nicht ansatzweise die Schockwirkung aus wie der plötzliche Tod eines Superstars. Es scheint, als seien noch nie so viele Tränen geflossen wie in diesen Tagen. Bei allem Respekt vor persönlicher Trauer (auch ob des Ablebens eines anonymen Superstars) sollten sich die jammernden Stars und Sternchen genauso wie die unbekannten Jedermanns eines vor Augen halten: Die Welt wird sich weiterdrehen, das Leben wird weitergehen – auch ohne Michael Jackson. Selbst wenn es derzeit nicht so ausschaut…

Aufruf zu Moral

22. Juni 2009

Skibbe, Labbadia, Heynckes, Frontzeck! Der deutsche Trainermarkt erlebt in diesen Tagen eine Fluktuation, wie wir sie sonst nur von Italiens Staatspräsidenten oder Lothar Matthäus’ Freundinnen kennen. Mit nahezu spielerischer Beliebigkeit werden derzeit die Trainersessel in Deutschlands Eliteliga neu besetzt. Wirklich neu ist dieses Phänomen für sich genommen nicht. Allein die atemberaubende Geschwindigkeit, in der sich das Trainerkarussell in der Sommerpause 2009 dreht, besitzt revolutionäre Ausmaße. Ein Verein wie Borussia Dortmund, der mit just dem Trainer in die neue Spielzeit geht, der auch schon das Mannschaftsfoto zur Saison 2008/2009 geziert hat, nimmt momentan schon eine Ausnahmestellung ein. Ganz zu schweigen von einem Club wie Werder Bremen, dessen jahrelanges Vertrauen in Thomas Schaaf in einer sonst so hektischen Liga fast schon rührend altmodisch daher kommt.

Doch diesmal sind es nicht allein Manager und Vorstandsvorsitzende, die die Vielzahl der Trainerwechsel zu verantworten haben. In einigen Fällen haben die Fußballlehrer höchst selbst ihr Engagement – aus unterschiedlichen Motiven – vorzeitig beendet. Ein altersmüder Hans Meyer hat aus Mangel an Motivation die Brocken hin geworfen und Platz für einen jüngeren Kollegen macht. Bruno Labbadia brach bereits nach einem Jahr das Experiment Bayer Leverkusen ab, um zum Wunschverein Hamburger SV zu wechseln. Dort hatte Martin Jol von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch gemacht und ebenfalls nach einem Jahr die Segel gestrichen.

Die Wechsel waren kaum verkündet, da entbrannte eine bislang ungekannte Debatte über Anstand und Moral der Trainer. Vor allem Leverkusens neuer Coach Jupp Heynckes tat sich hierbei hervor, indem er die Praxis der Ausstiegsklauseln bemängelte und an die Vorbildwirkung der Trainer appellierte. “Man muss sich ganz klar mit dem Club und der Laufzeit identifizieren”, fordert Heynckes, der sich in seiner langjährigen Trainerkarriere noch nie eine Ausstiegsklausel in seinen Vertrag hat schreiben lassen. Auch junge Kollegen wie Gladbachs neuer Trainer Michael Frontzeck und Frankfurts Michael Skibbe schließen sich Henyckes’ Argumentation an.

Der Verweis auf die Vorbildwirkung der Trainer ist für sich genommen berechtigt. Wer, wenn nicht der Trainer, soll den Spielern eine professionelle Haltung vorleben? Doch bereits hier ergeben sich erste Zweifel: Gehört eine dauerhafte Bekenntnis zum eigenen Arbeitgeber noch zum selbstverständlichen Ethos eines Profifußballers? Die Praxis der Vergangenheit spricht eher dagegen. Eine langjährige Verbindung zwischen Sportler und Verein ist – zumindest im Fußballsport – mehr Ausnahme denn Regel und gehört als antiquiertes Idealbild längst in das Reich der Utopie. Die Wünsche puristischer Fußballfans sehen freilich anders aus. Sie träumen von prinzipientreuen Identifikationsfiguren, denen die Zuneigung zum Verein mehr bedeutet als die Fülle des eigenen Geldbeutels.

Der gemeine Fan, der den Fußball oftmals als religionsgleiches Lebenselixier begreift, sollte sich dieses Ideal bewahren. Trainer, die durch ihre tagtägliche Arbeit in einem phasenweise moralfreien Geschäft geprägt sind, dürfen und müssen hier mehr Realismus an den Tag legen. Das schließt nicht aus, für den eigenen Berufsstand eine Vorbildwirkung zu reklamieren. Es darf aber eben auch nicht den Blick auf die profitoriente Realität versperren.

So löblich die fast schon devote Selbstverpflichtung von Heynckes & Co. auch sein mag, so sehr überrascht sie doch angesichts einer zumeist trainerfeindlichen Personalpolitik im Fußball-Business. Gerade ein Jupp Heynckes, dessen jüngere Trainer-Engagements in Schalke und Mönchengladbach von Vereinsseite vorzeitig beendet worden sind, kennt die harten Regeln des Geschäfts und will sie für sich selbst doch nicht gelten lassen.

Heynckes’ Aufruf zu moralischer Integrität besitzt gleichwohl Glaubwürdigkeit. Die späte Rache eines oft Geschmähten ist nicht die Sache eines Mannes, der nie als Provokateur hat auf sich aufmerksam machen wollen. Vielleicht aber ist sein neuerlicher Einsatz für die verlorengegangenen Werte auch nur Zeichen einer gewissen Altersmilde. Bleibt in seinem Sinne zu hoffen, dass ihm in Leverkusen eben jene Treue zuteilwird, die er von sich und seinen Trainerkollegen einfordert.

Insolvent (in)konsequent

15. Juni 2009

Opel darf weiter leben. Oder formulieren wir es medizinisch korrekt: Opel wird weiter am Leben gehalten. Einer Finanzspritzkur namens Magna sein Dank – verschrieben und verordnet von der deutschen Bundesregierung höchst selbst, die den Fortbestand des Rüsselsheimer Automobilherstellers als eigenen politischen Erfolg feiert.

Nur Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU) betrachtet die gefundene Lösung mit Argwohn. Er hätte einen klaren Schnitt mit einem verbindlichen Insolvenzplan favorisiert. Die Skepsis des Wirtschaftsministers scheint dabei nur konsequent. Denn wer planwirtschaftlichen Tendenzen mit Verweis auf die regulative Wirkung des Marktes entgegen tritt, darf diese Haltung auch und gerade in der finanziellen Krise eines Großunternehmens nicht aufgeben. Schließlich stellt das ausdifferenzierte System der Insolvenz geradezu das Paradeinstrument einer freien, sich selbst reinigenden Marktwirtschaft dar.

So beschwören es die Parteiökonomen mit neoliberal angehauchtem Pathos, um dann doch wieder schwach zu werden, wenn – wie bei Opel – tausende Arbeitsplätze in Rede stehen. Wie ein kleines Kind, das im Angesicht eines Eisstandes jede tapfer beschworene Bescheidenheit vergisst, gibt die hohe Politik immer dann ihre selbst verordnete Zurückhaltung auf, wenn es der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zu rechtfertigen scheint. Dabei ist es weniger eine ernsthafte Besorgnis um Arbeitsplätze denn ein veritables Interesse an Wählerstimmen, das das staatliche Eingreifen motiviert.

Der Vorwurf des Populismus mag hierbei selbst populistisch klingen. Immerhin werden die in Regierungsverantwortlichkeit stehenden Parteien in erster Linie an ihren Erfolgen beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gemessen. Ihr Einsatz für den Erhalt von Arbeitsplätzen scheint daher nur unserer allgemeinen Erwartungshaltung zu entsprechen. Umgekehrt darf dies aber eben auch nicht dazu führen, alle wirtschaftspolitischen Prinzipien über Bord zu werfen. Dies gilt umso mehr, als dass ein Unternehmenserhalt oftmals nur eine kurzfristige Lösung ist, die weder dem Unternehmen noch den Angestellten langfristig weiter hilft.

Der Fall der Holzmann AG, für deren Fortbestand sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder als Robin Hood der Arbeitnehmer feiern ließ, ist in dieser Hinsicht geradezu ein Schulbeispiel. Es zeigt: Mit lebenserhaltenden Maßnahmen ohne Aussicht auf Heilung ist letztlich niemandem gedient – auch nicht der Politik. Und deshalb spricht vieles dafür, dass auch für Opel die Insolvenz eine schmerzhafte, aber langfristig doch gesündere Lösung gewesen wäre.