Dienstwagen-Gate

27. Juli 2009

Sind wir doch mal ganz ehrlich: Irgendwie schielen wir doch noch immer ein wenig neidisch über den großen Teich. Auf die große weite Welt, von der wir hier im beschaulichen Good Old Germany nur träumen können. Und seit wir eine Kanzlerin haben, die von der Ausstrahlung her auch als Kassiererin in einer stillgelegten kik-Filiale durchgehen würde, ist hier irgendwie so gar nix mehr los. Alles ganz harmonisch, friedlich, freundlich. Im Klartext: Stinkend langweilig.

So war das – bis zuletzt. Doch nun haben wir endlich den Aufreger schlechthin, den Eklat aller Eklats, einen Skandal, bei dem selbst Richard Nixon vor Empörung im Grab rotieren dürfte: Dienstwagen-Gate! Ja, genau: Unsere allseits geliebte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt war mit ihrem Dienstwagen in Spanien – samt Chauffeur. So ein bisschen beruflich, aber genau genommen doch ziemlich privat. Und da das sonst ja niemandem aufgefallen wäre, hat sie sich praktischerweise den Schlitten vor Ort auch noch stehlen lassen. Das ist so skandalös, dass es nicht einmal verboten ist. Denn ob zu dienstlichen Zwecken oder einfach nur zum Shoppen, die gute Ulla durfte das. War alles ganz legal. Nur dürfe man nicht alle Möglichkeiten bis zum Letzten ausreizen, ereifert sich Claudia Roth, die grüne Tränendrüse, das fleischgewordenen Menno mit dem Hang zum Melodramatischen.

Es geht also nicht um Recht und Gesetz, sondern um Moral. Komisch. Waren wir uns denn nicht einig, dass das nicht zusammenpasst, Politik und Moral? Oder glauben wir jetzt doch wieder daran? So kurz vor einer Bundestagswahl ist es wohl ganz günstig, mal wieder ein paar Werte aus der verstaubten Anstandskiste zu kramen. Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit. Wer kann das besser vertreten als Guido Westerwelle, die liberale Moralinstanz mit dem treudoofen Blick für das Unanständige. Und so ließ es sich Grolling Guido nicht nehmen, mit bitterböser Miene vor die Kameras zu treten in dem verzweifelten Versuch aller Welt glauben zu machen, Politik sei doch etwas furchtbar Ernstes. Ist es natürlich nicht. Das wissen wir ja. Und das weiß Guido auch. Aber so rund zwei Monate vor der Wahl macht es sich ganz gut, noch einmal die Moralkeule zu schwingen und das Verprassen von Steuergeldern anzuprangern. Ja, das kommt gut. Das macht Laune.

Nun stehen sie also da, die Westerwelles, Roths & Co., den moralischen Zeigefinger in Richtung Ulla Schmidt gerichtet, den Blick zum Wahlvolk gewandt, als wollten sie uns sagen: So ist sie, so bin ich nicht. Drum wählt mich. Oder so ähnlich. Das ist zwar nicht so skandalös wie der ultimative Dienstwagen-Gate, aber dafür doch irgendwie ziemlich peinlich.

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Wer kann Kanzler?

20. Juli 2009

Wie sieht eigentlich der perfekte Kanzler der Zukunft aus? Unter uns: Keine Ahnung. Das ZDF wollte es dennoch wissen und hat jüngst in einer aus Kanada importierten Castingshow das hoffnungsvollste Polittalent gesucht. Das Ganze lief unter dem selbstbewussten Titel „Ich kann Kanzler“, der irgendwie ein wenig an die Basta-Prosa unseres Altkanzlers erinnerte. Sei’s drum. So vielversprechend der Name dieser öffentlich-rechtlichen DSDS-Variante auch wirkte, so ernüchternd war das Ergebnis.

Viel Theater, wenig dahinter. Die jungen Talente stellten sich der illustren Jury aus Ex-Bürgermeister Henning Scherf, Kracher-Lady Anke Engelke und dem Inquisitor der Nation, Günther Jauch, und schwafelten sich um Kopf und Kragen. Zum Teil rhetorisch gewandt, auch sympathisch im Auftreten, doch zumeist so unverbindlich inhaltsleer, dass es wohl dem genannten Altkanzler die Freudentränen in die Augen getrieben haben sollte. Von Pragmatismus keine Spur. Stattdessen Floskeln, Theorien und Ideologien.

Doch ist es nicht genau das, was den perfekten Politiker von heute auszeichnet: Beliebigkeit und Unbestimmtheit. Und glauben wir wirklich, dass das jemals anders sein wird? Na also. Der Sendetitel war dann doch ziemlich passend. Diskutieren, ohne wirklich was zu sagen. Das macht den perfekten Kanzler aus. Oder die Kanzlerin. Nicht wahr, Frau Merkel?

Wahrlich trübe Aussichten. Oder doch zu viel des Pessimismus? Vielleicht, vielleicht auch nicht. So lange wir den Kanzler noch wählen (lassen) und nicht auf Castingshow-Formate zurückgreifen, darf man noch etwas Hoffnung haben. Doch ganz ehrlich: Ist die Demokratie nicht irgendwie die größte Castingshow des Landes. Wobei das mit der Größe so eine Sache ist - bei den Wahlbeteiligungen.

Und wie war das nochmal, wenn die Einschaltquoten nicht stimmen? Genau, dann wird eine Sendung abgesetzt. Knallhart, ohne Kompromisse. Das war’s dann also mit der Demokratie. Hat sich bald ausgekanzlert. Und vielleicht fragen wir ja dann: Wer kann Kaiser? Aber da haben wir ja schon einen…

Das Doping-Dilemma

13. Juli 2009

Claudia Pechstein also auch. Oder nicht? Deutschlands erfolgreichste Eisschnellläuferin soll ihre Leistungsfähigkeit durch gezieltes Blutdoping gesteigert haben. So zumindest laut der gegen sie erhobene Vorwurf. Sie selbst bestreitet dies und erklärt ihre veränderten Blutwerte mit einer genetischen Erkrankung. Wie das Verfahren gegen die fünffache Olympiasiegerin ausgehen wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Führende Doping-Experten bezweifeln, dass die Ergebnisse der Blutuntersuchungen durch genetische Prozesse erklärt werden können. Doch selbst wenn es der Eisschnellläuferin am Ende gelingen sollte, ihre Unschuld zu beweisen oder auf andere Weise einer Sperre zu entgehen, wird der Fall Pechstein doch einen üblen Nachgeschmack behalten.

Das ohnehin schwindende Vertrauen in die Sauberkeit des Hochleistungssports hat bereits jetzt stark gelitten. In den Wochen der Tour de France, da positive Dopingproben schon fast an der Tagesordnung sind, wirken Dopingvermutungen außerhalb des Radsports wie ein Duplikator einer von Ernüchterung geprägten Grundstimmung. „Die dopen doch alle“, so in etwa lässt sich Volkes Meinung über die Lauterkeit des Spitzensports auf den Punkt bringen. Kaum jemand mehr glaubt an die praktische Umsetzung der gutgemeinten Idee des sauberen Sports. Zumindest wenn Athletik und Ausdauer gefragt sind. Hier scheint Doping längst zu der unausgesprochenen Wirklichkeit zu gehören.

Da liegt der immer häufiger zu vernehmende Vorschlag, das Doping doch einfach zu legalisieren, natürlich nahe. Und in der Tat, Doping zu gestatten, würde dem Sport die verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückgeben und die zum Himmel stinkende Verlogenheit nehmen. Dieser Ansatz wäre der richtige, wenn Doping keine gesundheitsschädigen Wirkungen zeitigen würde. Doch wie der Fall Pantani und möglicherweise auch die Erkrankung Laurent Fignons zeigen, ist Doping eben keine harmlose Methode der Leistungssteigerung, sondern schädigt den Körper nachhaltig. Auch wenn die Folgen erst Jahre später offenbar werden.

Da hilft auch der Verweis auf die Eigenverantwortlichkeit des Sportlers nichts. Jeder müsse doch selbst wissen, was er seinem Körper zumute und ob er auch Spätfolgen in Kauf nehmen solle. Nein, so einfach ist eben nicht. Denn eine Legalisierung des Dopings käme einer faktischen Pflicht zu medikamentösen Leistungssteigerung gleich. Wenn Doping erlaubt ist, muss ein Athlet diese Möglichkeit nutzen. Andernfalls ist er nicht lange konkurrenzfähig und wird die Bühne des Spitzensports erst gar nicht betreten. Deshalb muss der bisherige Weg weitergegangen werden, auch wenn er dazu führt, dass jedwede Spitzenleistung immer mit einem Fragezeichen versehen werden muss. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Labors irgendwann einmal in der Lage sein werden, sämtliche Methoden unerlaubter Leistungssteigerung nachzuweisen. Auch wenn dies derzeit wie eine Illusion erscheint.

Das Thema Doping stellt nicht zuletzt den Sportjournalismus immer wieder aufs Neue vor eine große Herausforderung: Wie die Balance halten zwischen kritisch-investigativer Berichterstattung und unbefangener Konzentration auf das Sportereignis als solches? Diese Frage ist umso dringlicher, als die Millionen Sportfans hierzulande zunehmend genervt sind von Sportjournalisten, die in ermüdendem Da Capo die immer gleichen Fragen an Athleten, Mediziner und Juristen stellen, um die Hintergründe des jeweiligen Falles zu beleuchten. So wichtig und richtig eine detailgetreue Analyse auch sein mag, so sehr geht sie, wenn sie den Mittelpunkt einer Sportsendung ausmacht, doch an den Wünschen der sportbegeisterten Zuschauer vorbei. Für sie steht der Sport im Mittelpunkt und sonst nichts.

Dabei stellt sich diese Problematik in dieser Form nur für den Fernsehjournalismus. Bei Print-Medien und Online-Angeboten kann der Leser selbst bestimmen, welche Angebote er wahrnimmt und welche nicht. Im Fernsehen ist dies schon schwieriger. Wegzappen ist zwar möglich, aber nicht immer im Sinne der Sache. Schließlich geht es einem ja darum, über das sportliche Geschehen auf möglichst unterhaltsame Weise informiert zu werden. Die Lösung kann wohl nur über eine größere Differenzierung zwischen reiner Sportberichterstattung und Hintergrundreportagen erfolgen. Das bedeutet eben nicht, die Dopingproblematik aus dem Sport ausblenden zu wollen, sondern ihr einen eigenen Platz zuzuweisen.

Dafür böten sich Sendeformate wie der einst im ZDF ausgestrahlte, im Jahre 1996 abgesetzte Sport-Spiegel an, in dem seinerzeit die Hintergründe des Sports näher beleuchtet wurden. Auf diesem Wege würde man dem Thema Doping die gebührende Aufmerksamkeit schenken, ohne den bestehenden Verdruss der Zuschauer zu verstärken. Sport ist eben im Kern doch Unterhaltung und sollte auch als solche behandelt werden. Und eine übermäßige Fixierung auf das Doping-Dilemma würde letztlich alles nur noch schlimmer machen.