Reinigungsprozess

31. August 2009

Man kann Wahlergebnisse ja bekanntlich sehr unterschiedlich interpretieren. Jeder liest letztlich aus den Zahlen das heraus, was ihm gerade am besten in das persönliche Denkschema und die vorbereitete Propaganda passt. Da verwundert es auch nicht, dass sich nach den gestrigen Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und dem Saarland sowie der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen alle Parteien irgendwie als Sieger fühlen. Dieses Phänomen ist ja nun hinlänglich bekannt.

Im Falle von FDP, Grünen und Linken mag die Siegesgewissheit sogar angebracht sein. Bei Union und SPD sieht es da schon anders aus. Gerade die Sozialdemokraten müssen allmählich um ihren Status als Volkspartei fürchten. Denn die SPD kann, und das ist trotz der vielfältigen Interpretierbarkeit von Wahlergebnissen inzwischen unbestreitbar, von der nachlassenden Zustimmung für die Union nicht profitieren. Im Gegenteil, ihre eigenen Verluste sind so gewaltig, dass Regierungsbeteiligungen immer unwahrscheinlich werden. Kernproblem ist die immer stärker werdende Konkurrenz durch die Linke.

Was für die Sozialdemokraten im Endeffekt nur bedeuten kann, sich nunmehr ernsthaft mit den Rivalen von links auseinanderzusetzen. Dies heißt nicht, zwangsläufig Koalitionen mit der Linke eingehen zu müssen. Aber die einst selbst verordnete Tabuisierung der Gysi-Lafontaine-Partei muss ein Ende haben, will man nicht weiter in der Gunst der Wähler sinken. Dazu gehört es aber eben auch, die Linke, die sich im Osten der Republik zu einer veritablen Volkspartei gemausert hat, auch wirklich ernst zu nehmen. Ein Koalitionsangebot wie in Thüringen mit der Maßgabe, trotz 9% weniger selbst den Ministerpräsidenten zu stellen, hat damit aber wenig zu tun. Eine solche Offerte zeigt, dass man bei der SPD den Ernst der Lage weiterhin verkennt und glaubt, den politischen Gegner lächerlich machen zu können. Was auch der Wähler zur Kenntnis nimmt.

So oder so, die SPD steht vor eine Dilemma. Sie ist gezwungen, sich der Linke weiter zu nähern und damit gleichzeitig an politischer Glaubwürdigkeit zu verlieren. Noch schwieriger dürfte aber die inhaltliche Auseinandersetzung ausfallen. Eine Aufgabe eigener Positionen zur Ermöglichung einer Koalition mit der Linke auf Bundesebene dürfte keine Option sein. Andererseits aber ist unter den derzeitigen Gegebenheiten und den zuweilen abstrusen Ideen der Linkspartei eine verantwortbare Zusammenarbeit mit Gysi & Co. nicht möglich. Was letztendlich dazu führt, dass man sich bei den Sozialdemokraten in die Oppositionsrolle fügt. Und das möglicherweise auf längere Zeit, wie Parteienforscher und SPD-Mitglied Peter Lösche prognostiziert. Das, so Lösche, können sogar 15 Jahre dauern, würde aber den dringend erforderlichen Reinigungsprozess ermöglichen.

Beim BVB vertraut man – auch ohne Tante Wörns – auf weibliche Intuition, in Leverkusen setzt man auf männliche Tugenden und in München geht’s mal wieder ziemlich tierisch zu. Die Liga-Lehren Teil IV:

Feurig
Bleiben wir zu Beginn doch ausnahmsweise mal realistisch. Denn ganz im Vertrauen, dieser Spieltag ging doch rein temperamentsmäßig schwer in Richtung Baldrian. Vor allem die fünf Partien des Samstagsnachmittags mit gerade einmal sieben Treffern bestachen durch den Thrill-Faktor einer Kneipentour mit Miro Klose und Mesut Özil. Immerhin: Bayer 04 traf doppelt und spielte dabei eine ganz gepflegte Offensivkugel. Und das alles nur wegen Burning Jupp, der Trainerikone des modernen Tempofußballs, die sogar im einst so schüchternen Stefan Kießling das Feuer der Leidenschaft entfacht hat. Bayers Ex-Milchbubi kaschiert sein Babyface neuerdings gar mit einer angetäuschten Gesichtshecke und überzeugt auch auf dem Platz durch mannhaften Einsatz. Im Spiel gegen den VfL erzielte unser Pseudo-Chuck-Norris bereits den vierten Saisontreffer und hat damit exakt vier Buden mehr auf dem Torkonto als Sturmkollege Cacau vom VfB. Jener aber darf, weiß Löw wieso, dieser Tage mit der Nati durch die Republik tingeln. Was ihm die einzigartige Gelegenheit bietet, zusammen mit Miro und Mesut die Kneipen von Leverkusen und Hannover unsicher zu machen. Das wird ‘ne Sause!

Weiblich
Es gibt Dinge, die will der gemeine Fußballfan genau genommen gar nicht wissen. Zum Beispiel: Was macht eigentlich Tante Wörns, die hypersensible Grätschen-Gaby aus längst verdrängten Zeiten? SPOX war’s egal und präsentierte uns ein flauschiges Exklusiv-Interview mit der Grande Dame der Manndeckung, welches so auch ohne weiteres in der “Bild der Frau” hätte abgedruckt werden können. Immerhin wissen wir jetzt: Frau Wörns ist als Jugendtrainerin beim Hombrucher SV tätig und könnte jederzeit einen Posten beim BVB annehmen – wenn sie nur wollte. Als Chefsekretärin zum Beispiel. Oder als Kloppos Assistentin. Derzeit scheint Dortmunds Chefcoach allerdings keine feminine Unterstützung zu brauchen. In Frankfurt verzichtete er auf Welttorjäger Barrios und ließ an dessen Stelle Sensibelchen Zidan auflaufen, der das trainerliche Vertrauen prompt mit einem Treffer zurückzahlte. Klopps Entscheidung war jedoch weder taktisch motiviert noch nüchtern durchdacht, sondern entsprang lediglich einem rational nicht erfassbaren Bauchgefühl. Was zeigt: Der BVB-Trainer verfügt über so viel weibliche Intention, dass man in Dortmund momentan auch ohne Christiane Wörns auskommt. Noch!

Dösig
In der Redaktion des beliebten Fußballmagazins “11 Freunde” hat man sich offenkundig vom kuscheligen Kaffeeklatsch auf SOPX inspirieren lassen. Jegliche Gesetze des Marketings ausblendend, machte man nämlich die September-Ausgabe mit dem unwiderstehlichen Konterfei des heißblütigen Entert(r)ainers Thommy Schaaf auf. Ergänzt durch ein Zitat, das einen noch vor dem Aufschlagen des Heftes in hanseatische Trance narkotisiert: “Ich wollte nie jemand anderes sein als Thomas Schaaf”. Uah! Genauso machten es seine Kicker dann auch gegen die dösige Hertha. 60 Minuten lange den Gegner mit müdem Ballgeschiebe in den Schlaf wiegen und dann eiskalt zuschlagen! Schon ein Fuchs, der Schaaf.

Animalisch
Von Tante Wörns nun zu ganz anderen merkwürdigen Kreaturen und damit zum Streichelzoo an der Säbener Straße. Dort geht’s in diesen Tagen bekanntlich ziemlich tierisch zu. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Tiger auf der Bank, eine Schwein(i) im Mittelfeld und jetzt wieder ein Butt im Tor. War den Bayern-Bazis aber wohl noch nicht animalisch genug. Denn kurz vor Toresschluss kaufte man sich? Genau: Robben! Und der lieferte umgehend den wissenschaftserschütternden Beweis: Wölfe sind eine leichte Beute für Robben. Zuvor aber wurden die Bayern-Fans jedoch von der vermeintlichen Verpflichtung des gänzlich unanimalischen Rafinha erschüttert. Doch schnell gab es Entwarnung: Die Meldung erwies sich nämlich, wie es sich für den tierischen FCB gehört, als… Ente!

Glücklich
Beinahe hätten wir es vergessen: Herzlichen Glückwunsch, Felix Magath. Natürlich nicht zur 0:1-Heimniederlage gegen den SC Freiburg – so viel Sarkasmus wäre wohl auch für den passionierten Hobbyzyniker Magath zu viel des Guten. Nein, Schalkes Alleinherrscher hat seine Macht vergrößert und darf sich fortan auch um den Bereich Marketing kümmern. Aber auch der mächtige Magath muss lernen: Macht macht einsam. Allein am Samstagnachmittag kamen sieben neue Feinde hinzu. So schickte der fiese Felix in der Halbzeitpause drei seiner Spieler kollektiv in die Gelsenkirchener Wüste und gardinenpredigte sie auf Andi-Müller-Selbstbewusstsein zusammen, um nach Spielende dann nonchalant festzustellen: “Wir haben heute so gespielt wie letzte Saison.” Was den Herren Rütten, Büskens, Mulder und Reck bestimmt ganz prima gefallen hat. Doch nicht nur Lateiner wissen: Wer Felix heißt, der ist auch ohne Freunde glücklich.

Klassisch
Begonnen hat der beste 4. Bundesliga-Spieltag seit Hoeneß’ Tribünendasein übrigens mit zwei charmanten Retro-Einlagen in Mönchengladbach: Erst Marx mit Netzer-Pass auf Bobadilla, der die Murmel auf klassische Weise ins Netz gertmüllerte. Und dann Marin-Double Marco Reus als Mini-Maradonna mit angedeutetem 86er Gedächntnis-Solo. Schön! Auch ansonsten war die Partie übrigens ein echter Klassiker, gab sie doch fortwährend Anlass zur ewigen Frage: Muss das nun “sein oder nicht sein”? Richtig: Hamlet! Und das ist bekanntlich ja leider ein Trauerspiel.

Schlussendlich
Basti Deisler, der bayrische Halb-Wörns, eröffnet einen Nepal-Laden. Zweieinhalb Jahre nach seinem Rückzug aus dem Profigeschäft macht der Ex-Nationalspieler in Freiburg ein Geschäft mit Nepal- und Himalaya-Produkten auf. Der beste Abnehmer an Buddha-Figuren hat vorerst aber wohl keinen Bedarf. Vielleicht kann Khamandeisler jedoch für seinen ehemaligen Arbeitgeber einen Kontakt zu einem hoffnungsvollen tibetanischen Sturmtalent vermitteln. Oder aber, dem animalischen Trend der Bayern entsprechend, ein spirituelles Gespräch mit dem Dalai – ähem – Lama. Statt tierischer Kalauer nun aber die obligatorische Siegerehrung:
Sky-Lady Jessica Kastrop erhält für ihr im Bochumer Ausweichtrikot-Lila gehaltenes Moderatorendress den begehrten Weidenfeller-Wanderpokal. Und der Beckenbauer der Woche für paradoxe Fußball-Logik geht diesmal an die Majestät, den Kaiser höchst selbst. Wobei sein abschließendes Fazit “Mit Arjen Robbens Einwechslung hat sich das Spiel gedreht” angesichts des Spielverlaufs nur vordergründig sinnfrei erscheint. Schließlich wurde der holländische Neuzugang zur Pause eingewechselt. Und da werden üblicherweise nunmal die Seiten gewechselt und damit ja auch irgendwie das Spiel gedreht. Was beweist: Der Kaiser hat immer Recht. Meistens jedenfalls.

Kult(ur)gut Currywurst

24. August 2009

Da kann man ja wohl nur gratulieren: Deutschlands bekannteste Wurst wird 60! Nein, Gutfried-Kerner muss sich noch ein paar Jährchen gedulden: Die Currywurst, der beliebteste Fast-Food-Snack zwischen Rhein, Ruhr und Spree, wurde nunmehr vor fast genau 60 Jahren aus der fettig-triefenden Taufe gehoben und startete von Berlin aus ihren Siegeszug durch die Republik.

Doch was macht den Reiz der kleingehäckselten, in würziger Tomatensauce schwimmenden Bratwurst aus? Das Äußere kann es wohl kaum sein. Zumeist sieht die bräunlich-rote Imbissspezialität doch mehr wie das Produkt eines vorzeitig abgebrochenen Verdauungsprozesses aus und kann daher auf visueller Ebene kaum überzeugen. Da liegt das geschmackliche Potential unseres Snackklassikers doch unweit höher: Nicht edel, nicht fein, aber eben doch würzig-scharf und zumeist ziemlich lecker gilt die Currywurst gleichwohl nicht als Gaumenfreude für Feinschmecker. Muss sie allerdings auch nicht. Schließlich ist die würzige Würstchenpampe längst so etwas wie die Leibspeise des kleinen Mannes. Eine Art kulinarisches Wappen der einfachen Leute – längst Kulturgut mit Kultcharakter.

Mit ihrem proletarisch-bodenständigen Charme wurde die Currywurst gar Teil des Wahlprogrammes eines Ex-Kanzlers, der sein Bekenntnis zum kleinbürgerlichen Snack nutzte, um ein Stück Volksnähe zu demonstrieren. Und auch ein dem Ruhrgebiet entstammter krächzender Sängerbarde besang einst wonnevoll das scharfe Würstchen, um sich und seiner Heimat ein lukullisch-(un)melodisches Denkmal zu setzen.

Wer die gesellschaftliche Bedeutung der Currywurst anzweifelt, sollte in der Imbissbude seiner Wahl einmal eine Assi-Schale bestellen. Serviert wird einem dann nämlich eine kalorienbombige Portion Pommes mit Mayo samt einer nicht minder energiegeladenen Ausgabe der nunmehr 60 Jahre alten Soßenwurst. Doch so prollig-asozial die Currywurst auch wirken mag, ist sie doch längst eine (fast) jedermann mundende Gesellschaftsspeise. Na dann: Herzlichen Glückwunsch. Und guten Appetit!