Da hamma’s: Bahamas!

28. September 2009

Die wichtigste Lehre aus der gestrigen Bundeswahl muss wohl lauten: Umgehend die Zahl der Leibwächter für unsere Kanzlerin verdoppeln. Denn sollte unserer Regierungschefin etwas zustoßen, übernimmt automatisch der Vize-Kanzler das Zepter. Und das kann in der neuen Legislaturperiode nun wirklich niemand wollen. Guido Westerwelle, der moralische Zeigefinger der Mittelschicht, wird also bald Außenminister. Und es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als resigniert festzustellen: Deutschland hat es nicht besser verdient.

Doch die neue Bundesregierung hat mehr zu bieten als nur einen in hanebüchenem Schulenglisch drauf los plappernden Außenminister. Die neue Regierungskoalition ist christlich, demokratisch, liberal und – zur aller Überraschung – auch sozial. Hätte man nicht gedacht. Denn Deutschland wird mitnichten von Schwarz-Gelb regiert. Wer das glaubt, hat die Christsozialen aus Bayern vergessen. Und die sind nun mal seit eh und je und immerzu blau! Wir haben also jetzt Schwarz-Blau-Gelb! Und das nennt man nun wohl jetzt Bahamas-Koalition! Apropos Bahamas, dort leben gut 200.000 Nassauer, und zwar ausnahmslos in der Hauptstadt. In Deutschland gibt es mindestens genauso viele. Meint jedenfalls die FDP und wendet sich lieber den Leistungsträgern zu. Die hießen früher mal Besserverdiener. Was Guido & Co. aber irgendwie nicht mehr so sehr gefiel. Schließlich könnte man ja so in den Verdacht geraten, eine reine Wirtschaftspartei zu sein. Was natürlich vollkommen absurd wäre.

Für die Besserverdienenden, oder wie die FDP sagt, für die Leistungsträger will man jetzt wieder etwas tun. Die Steuern senken. Und nicht nur für die. Demnächst wird gesenkt, was das Zeug hält. Und zwar so sehr, bis die Wirtschaft derart an Kraft gewinnt, dass man eigentlich ganz auf Steuern verzichten könnte. Oder so ähnlich. Das refinanziert sich alles von selbst. Und wer das nicht glauben will, der hat einfach keine Ahnung. Und wer orakelt, dass es am Ende doch keine Steuersenkungen gibt, der ist einfach nur böswillig und gemein.

Warten wir also ab, was uns Bahamas zu bieten hat und werfen derweil einen mitleidigen Blick auf die einstige Volkspartei namens SPD. Die sind inzwischen schon so verzweifelt, dass sie überlegen, Sigmar Gabriel zu ihrem neuen Vorsitzenden zu machen. Oder sich unter der neuen Vorsitzenden Andrea Nahles mit den Linken zwangszuvereinigen. Und so schön das auch ist, dass man sich jetzt in der Opposition wieder ordnen und auf die alten Stärken besinnen kann, so traurig muss einen doch der Blick auf die Personalien machen. Wenn Heiko Maas oder Thorsten Schäfer-Gümbel schon als junge Wilde gelten, muss die olle SPD wohl eine hüftsteife Alte sein.

Immerhin, demnächst dürfte es im Bundestag wieder ein bisschen lebhafter zugehen. Mehr Krach als Kuschel, mehr Spott als Schmusen. Das wäre doch schon was. Die Bahamas sind eben doch irgendwie interessanter als Trinidad & Tobago.

Liga-Lehren VII. Diesmal mit frappierenden Ähnlichkeiten, bemerkenswerten Psychogrammen und ein bisschen Wahlkampf:

Bei der Geburt getrennt
Als eingefleischter “11Freunde”-Leser wirft man nach der obligatorischen Lektüre der Hetzer-Kolumne natürlich umgehend einen Blick auf die Rubrik “Bei der Geburt getrennt”, die Ähnlichkeiten zwischen Fußballgrößen und sonstigen Prominenten aufdeckt. So haben wir denn auch erfahren, dass die Allianz-Arena bei genauerem Hinsehen ziemlich deutlich einem Haufen Hundescheiße ähnelt und dass Mesut Özil zweifellos der verschollen geglaubte Zwillingsbruder von Hans Rosenthal ist. Doch dass Nationalspielerin Célia Okoyino da Mbabi exakt das gleiche bezaubernde Lächeln besitzt wie unser Capitano, wurde bislang genauso verschwiegen wie die subtilen Parallelen der Schalker Prominenz zu den Ikonen der Sesamstraße, siehe Magath (Ernie), Rafinha (Kermit) und Kuranyi (Graf Zahl). Immerhin, die aktuelle Ausgabe beweist, dass Rasurverweigerer Kießling doch irgendwie ziemlich genau wie Catweazle aussieht. Ausgesehen hat! Damals, als Bayers Catweazle noch Buden am Fließband gemacht hat. Der kahle Kies schert sich inzwischen wieder die Wolle von den Wangen und wirkt jetzt wie Florian Silbereisen nach dem Facelifting – und spielt auch genauso Fußball. Gegen den harmlosen FC hat’s für Bayer auch so gereicht. 1:0 dank Milky Rolfes, der präpubertären Ausgabe von Justin Timberlake.

Mit Puppen getanzt
Und wer sich schon immer gefragt hat, woher einem nur das anmutige Antlitz des Bayern-Trainers bekannt vorkommt: Die Liga-Lehren haben des Rätsels Lösung. Der Bayern-General ist eine dreiste Kopie von Beaker, dem hysterischen Assistenten von Prof. Dr. Honigtau Bunsenbrenner aus der Muppets-Show. Und wie es sich für einen Muppet gehört, ist auch Lieutenant Louis immer für eine Überraschung gut. Diesmal eine heimtückische Taktikumstellung, die auch Marcel Reif verwirrte, der das neue System flugs zu einem regelinkompatiblen 4-3-1-3 zusammenfasste. Die Bayern verloren übrigens trotz personeller Überzahl. Ist erstmal nix mit Puppen tanzen…

Aus der Rolle gefallen
Mal ehrlich: Fußball ist doch dann am schönsten, wenn es nicht so läuft, wie wir es alle eigentlich vermutet haben. Dies gilt besonders, wenn die Protagonisten vollkommen unvorhergesehen aus ihrer Rolle fallen. Also zum Beispiel wenn uns Udo nüchtern zum Doppelpass erscheint, wenn Klein-Rensing mal eine Flanke abfängt oder wenn Stefan Effenberg zur allgemeinen Überraschung einen grammatikalisch korrekten Satz in den Raum feuert. Apropos Effe: In dessen Rolle schlüpfte unlängst der Schweizer Schiri Bussaca, als er den Fans aus heiterem Himmel den ausgestreckten Mittelfinger zeigte. Und eine Woche zuvor hat der Eidgenossen-Eminem bei einem Spiel in Katar den Ernst August in sich geweckt und mitten im Spiel auf den Rasen gestrullert. Wobei es sich genau genommen aber nur um ein bösartiges Gerücht handelt, das hier aus dramaturgischen Gründen in BILDscher Sensationslust als Fakt verkauft wird. Fakt ist aber, dass uns das Effenberg’sche Pinkel-Prinz-Imitat in zwei Wochen gegen Russland pfeifen wird. Und dann pinkeln und stinkefingern kann, was Zeug hält, ohne sich nachträglich vor laufenden Kameras rechtfertigen zu müssen. Fifa-Schiris dürfen nämlich laut neuester Anweisung von oben nach dem Spiel mal schön ihre Klappe halten. Und so verprellte auch Derby-Schiri Wolle Stark nach dem Match die wartenden Journalisten und machte ganz pflichtbewusst einen auf Maulkorb. Wie üblich: Top Sache, Fifa!

Zu viel getrunken
Das mit dem nüchternen Lattek können wir wohl vorerst vergessen. Auch diesmal schlug Mr. Doppelkorn im Doppelpass wieder zu und oberbelehrte den armen Wonti: “Der Ball muss die Linie nicht mit vollem Umfang überqueren, sondern mit vollem Durchmesser!”. Und das ist natürlich absoluter Unfug und vollkommen absurd. Oder – wie man in Fachkreisen sagt – total lattek.

Die Wahl gewonnen
Keine Prognose, sondern Tatsache: Schwarz-Gelb hat verloren! Im Pott regiert Königsblau. Bei S04 kennt man eben die Geheimnisse eines erfolgreichen Wahlkampfs: Ein Neuer an der Basis, entschlossen über den linken Flügel kommen und vor allem schamlos westerwellisch beim einfachen Volk einschmeicheln. Vortrefflich verinnerlicht von Aufsichtsratboss Tönnies, der sich proletarisch-anbiedernd zu Hotte und Herbert in den Schalker Fanblock gesellte, um dort im Dunst von Schweiß und Bier den Sieg der Seinen mitzuerleben. Was natürlich eine kaum erträgliche Zumutung für VIP-Logen-Kuschler darstellt, von der der volksnahe Wurstmaxe aber vorerst befreit ist. Das nächste Derby steht erst in einem halben Jahr an – und dann im eigenen Wahllokal.

Aus Fehlern gelernt
Bochums 1:0-Sieg in Nürnberg hat es mal wieder bewiesen: Misserfolg ist keine Schande, wenn man denn nur die richtigen Schlussfolgerungen daraus zieht. Und so erkannte man beim VfL nach dem misslungenen Saisonstart: Mit Marcel Koller, diesem Schweizer Schlafwagenschaffner, wird das nix mehr. Wir brauchen Feuer, Leidenschaft und den Siegeswillen eines Titan gepaart mit Kahn’schem Verlust der Selbstkontrolle. Ergo wurde Dariusz “Heintje” Wosz Co-Trainer und Paulchen “Schlafzuviel” Freier fand sich in der Startaufstellung wieder. Und genau deshalb gingen am Freitag die Punkte nach Bochum. Fußball kann doch so einfach sein – man muss nur aus seinen Fehlern lernen.

Theoretisch gedacht
Ach ja, DFL: War ja eine nette Idee. Drei Derbys an einem Spieltag. Von wegen Emotion pur mit allen Schikanen. War aber nix. Maniche mit ‘nem Trittchen, Neuer mit ‘nem Tänzchen und sechs Tore beim ultimativ traditionsreichen Niedersachsen-Derby. Aber sonst? Gut gedacht ist nun mal nicht gleich gut gemacht, das alte Lied von Theorie und Praxis. Wie bei Paparazzi-Schubser Lehmann. Theoretisch ist das ein ganz lieber Typ, nur praktisch ist er unausstehlich.

Und was gab’s noch?
Pokal! Und der hat eben nicht, wie die ganzen Phrasenschweinfüller meinen, seine eigenen Gesetze. Der hat nämlich gar keine. Pure Anarchie. Zustände sind das – wie auf dem Vorstandsklo: All die Großen scheiden aus. Und so könnte man ganz schadenfroh weiterkalauern. Von wegen “Leverlosen”, “Ha-Ha! HSV” oder “Oh veh, VfL!”. Dies wäre allerdings ziemlich abgedroschen. Trauern wir lieber ein wenig mit Lonely Lucy über die doppelte “Ertha-Blamasch” und trösten ihn damit, dass zumindest ein Schweizer die nächste Runde erreicht hat: In Trier hat ein Basler die Eintracht ins Achtelfinale geführt. Ähm… Und da es jetzt nicht mehr draufkommt, sei noch erwähnt, dass auch die Frankfurter Eintracht einen Satz nach vorne gemacht hat. Allerdings nur einen: 6:4 gegen Aachen. Der zweite Satz wurde nicht mehr ausgetragen. Tja, Fußball ist eben kein Tennis und der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Womit das Phrasenschwein voll und diese Liga-Lehren am Ende wären.

Wahlkampf! Oder nicht?

21. September 2009

Wenn es nicht gerade Jürgen Rüttgers wäre, man wäre fast geneigt, sich bei unserem Ministerpräsidenten zu bedanken. Danken dafür, dass er in dieses furchtbar langweilige und knochentrockene Wahlkämpchen ein bisschen Feuer gebracht hat. Er hieße allerdings nicht Jürgen Rüttgers, hätte er für seinen halbherzigen Wahlkampfwiederbelebungsversuch nicht einen Griff in die stets mit sich geführte Populistenkiste gewagt, also just jenes Behältnis, in das der charismafreie Landesvater genauso gerne langt wie sein pfälzisches Vorbild einst in die bereit gestellten Fettnäpfe dieses Landes trat.

Diesmal waren’s nicht die Inder, sondern die Rumänen, die in das Visier des allseits gefürchteten Stänker-Jürgens gerieten. Die nämlich kämen und gingen, wann sie wollten. Und wüssten dann auch nicht, was sie zu tun hätten. Meinte zumindest unser Pulheimer Balkan-Experte. Und der muss es ja wissen. Doch solch vorurteilsgeschwängerte Stammtischparolen gehören sich für einen staatsmännischen Politiker von Weltformat, wie Rüttgers es wohl nie sein wird, natürlich nicht. Das ist Tabu, das geht gar nicht. Das ist „Rassimus pur“, ereifert sich denn auch die dauernölende Renate Künast, das fleischgewordene „Och nö“ der Grünen. Und der in Bukarest geborene Bestsellerautor Vlad Georgescu hat dann auch gleich Strafanzeige gegen Rumänen-Rüttgers gestellt – wegen Volksverhetzung. Und natürlich geht auch das mal wieder viel zu weit.

Denn wer Rumänen magelnde Arbeitsmoral vorwirft, ist, auch wenn er CDU-Ministerpräsident ist, deshalb noch lange kein Volksverhetzer und ein Rassist schon mal gar nicht. Also mal wieder schön die Kirche in Düsseldorf lassen. Die Rumänen als latent faules und lustloses Völkchen abzutun, ist dumpf, polemisch und wohl auch unverschämt, aber eben noch nicht rassistisch. Vielmehr doch irgendwie volksnah, und zwar so volksnah, wie es sich für eine selbst ernannte Volkspartei wie die CDU gehört.

Und deshalb sollte man das doch besser sein lassen mit dem Dankeschön. Denn einerseits ging es wohl doch mehr um Stimmenfang als auch um Wahlkampfbelebung (wer hätte das gedacht?) und andererseits hat es ja auch nicht viel gebracht. Dieses ganz hemdsärmelige Rumgezicke ist so fad und einfallslos, dass sich Wehner und Strauss wohl wünschen würden, nie in diesem Land mit so viel Herzblut debattiert zu haben. Dann doch lieber woanders, in Rumänien zum Beispiel.

Immerhin, ein Gutes hat es dann doch: Man freut sich doch irgendwie auf den 27. September. Dann ist nämlich der Wahlkampf, der nie ein solcher war, auch schon wieder vorbei. Und das sind doch wenigstens gute Aussichten.