Alarmsignal

26. Oktober 2009

Der Aufschrei der Entrüstung ist groß und hallt nach: Fristlose Entlassungen wegen sogenannter Bagatelldiebstähle scheinen sich in diesen Tagen zu häufen. Die Pflegekraft, die übriggebliebene Maultaschen mit nach Hause nimmt, die Sekretärin, die eine Frikadelle vom Catering-Buffet abzwackt, der Angestellte, der den Akku seines Privathandys im Büro auflädt – sie alle teilen ein hartes und womöglich zeittypisches Schicksal: Ihnen wurde wegen vermeintlich nichtiger Vergehen fristlos gekündigt. Juristisch liegen die Dinge gleichwohl komplizierter, als es der empörte Beobachter zunächst wahrhaben mag. Die Geringwertigkeit der entwendeten Sachen allein vermag nämlich einer fristlosen Kündigung nicht entgegenzustehen. Entscheidend ist eben nicht deren Wert, sondern die durch den Diebstahl hervorgerufene Störung der Vertrauensgrundlage.

Nun mag man mit Fug und Recht darüber streiten, ob eine stibitzte Frikadelle allein genügen kann, um den Glauben in die Redlichkeit des Angestellten zu erschüttern. In jedem Fall wünscht man aber wohl keinem Arbeitnehmer einen Chef, dessen Vertrauen in die Bediensteten so schwach ausgebildet ist, dass es nicht einmal den zwar unerlaubten, aber doch so belanglosen Konsum von Lebensmittelresten überdauert.

Fakt ist andererseits: Außerordentliche, durch Bagatelldiebstahl veranlasste Kündigungen sind mitnichten ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Bereits im Jahre 1984 sorgte der sogenannte Bienenstich-Fall für Aufsehen, in dem der Bundesgerichtshof feststellte, dass eine Kündigung trotz der vordergründig so unbedeutenden Mitnahme eines Kuchenteilchens Rechtens sein kann, wenn dadurch die arbeitsvertragliche Vertrauensbasis erschüttert sei. Und so hat es auch in der Folge dem Bienenstich-Fall vergleichbare Entlassungen bei Bagatellvergehen gegeben. Eine Welle der Empörung bricht sich gleichwohl erst jetzt, im Jahre 2009, Bahn. Dabei geht es in den verschiedenen Fällen vorrangig wohl nicht um eine Solidarisierung mit den jeweils gekündigten Arbeitnehmern. Vielmehr zeigt sich in der allgemeinen Aufregung eine weit verbreitete Wut über eine als unerträglich empfundene soziale Ungerechtigkeit.

„Pflichtvergessene Manager werden mit Millionensummen abgefunden, und der kleine Angestellte darf sich nicht einmal eine Bulette mit nach Hause nehmen!“. So oder so ähnlich lässt sich wohl die allgemeine Stimmung zusammenfassen. Dabei mag das eine mit dem anderen formal nicht viel zu tun haben. Schließlich geht es um Entscheidungen in verschiedenen Unternehmen, bei denen zudem ganz unterschiedliche Gesichtspunkte zum Tragen kommen. Gleichwohl muss die breite gesellschaftliche Entrüstung als Alarmsignal gewertet werden, zeugt sie doch von einem auf Dauer kaum hinnehmbaren sozialen Missverhältnis. Wenn in den Führungsetagen Nachsicht und Großzügigkeit praktiziert werden, während gegenüber dem einfachen Arbeitnehmer Engstirnigkeit und Borniertheit dominieren, dann stimmt einfach etwas nicht in diesem Lande.

Die Politik muss sich dieses Themas annehmen und dabei – dem Populismus widerstehend – Augenmaß bewahren. Dies bedeutet konkret, den Blick für den Einzelfall zu behalten und sorgsam zu prüfen, ob der Verdacht von sozialer Kälte und Ungerechtigkeit wirklich angemessen ist. Manch ein vermeintlicher Skandal entpuppt sich bei näherem Hinsehen nämlich doch als gänzlich unskandalös.

Prohibition in Mönchengladbach, Gefühlskälte in Berlin, Modesüden in München – hinter uns liegt ein aufregender Spieltag, an dessen Ende jedoch eine eher bedeutungslose Erkenntnis steht: Der Autor hat einfach zu viel Pro7 geschaut.

Hannen vs. Sion
Kleine Einführung in die rheinische Kulturkunde. Wie erkläre ich einem Ausländer, also beispielsweise einem Westfalen, die Rivalität zwischen Niederrhein und Mittelrhein? Ganz einfach! Mit der berühmten Fabel von den grün-schwarzen Fohlen und den rot-weißen Geißböcken, deren gegenseitige Sympathie doch irgendwie schwer in Richtung Kienzle und Hauser geht. Gladbach und Köln, das ist Hassliebe pur, nur eben ohne Liebe. Entsprechend kribbelig-hitzig war die Stimmung vor dem ultimativen Derby am Samstagnachmittag, die über Mönchengladbach unversehens wieder die Zeiten der Prohibition hereinbrechen ließ. Logisch, dass dabei nur ein elendig langweiliges 0:0 rauskommen konnte. Denn ohne Sprit im Tank kann der Rheinländer einfach nicht. Und das ist zweifelsohne die wichtigste Lektion der rheinischen Kulturkunde.

Desperate Hertha
Um es mal deutlich zu sagen: Sat1 ist ein herzloses Fernsehmonster. Denn wir sind uns doch wohl einig: Armen, vom Schicksal gebeutelten Menschen sollte man hin und wieder ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Doch was macht Sat1, dieser gefühlskalte Bonzensender? Zeigt am Euro-League-Abend lieber den Feelgood-HSV als die Krisen Hertha. Da ist sie, die allseits gefürchtete soziale Kälte. Immerhin wurden so drei Viertel der verbliebenen Hertha-Fans ins Stadion gelockt – genau 8000 Zuschauer verfolgten im Berliner Hexenkessel das geschmeidige 0:1 gegen einen nicht näher benannten Club vom West-Niederrhein. Ganz anders die noble DFL, die das Wolfsburg-Match als einziges 15:30-Uhr-Spiel am Sonntag ansetzte und der armen Hertha so endlich etwas mehr Beachtung schenkte. Und siehe da, aus der selbstironischen Slapstick-Truppe wurde eine verzweifelt gegen das eigene Elend ankämpfende Einheit. Oder wie man beim kaltherzigen Kirch-Konsortium sagen würde: Vom witzigsten Quatsch Comedy Club der Hauptstadt zur Desperate Hertha. Am Ende gab’s zwar nur ein mageres 0:0, aber immerhin den ersten Punktgewinn seit Einführung des Farbfernsehens.

We are Family
Die mildtätige DFL bewies darüber hinaus eine geradezu vonderLeyensche Portion Familiensinn, als sie das anrührende Duell der Bender-Zwillinge zum Start des Familienwochenendes für den Freitagabend ansetzte. Doch nur der Großherzigkeit von Onkel Jupp und Papa Klopp ist es zu verdanken, dass es auch tatsächlich auf dem Platz zum herzergreifenden Wiedersehen der beiden Brüder kam. Dass der BVB am Familienfreitag trotz hartnäckiger Offensivallergie beinah zum einem Dreier gekommen wäre, lag hingegen allein an Bayers Opa Sami, der zu Beginn mal eben einen auf Bruder Leichtfuß machte – und das vor den Augen von Tante Käthe. Bei der ganzen Familienduselei wollte übrigens auch der Familiensender SKY nicht außen vor stehen und lud zum Halbzeitinterview eine besonders liebgewonnene Verwandte: Tante Wörns. Gern sieht man die – mit Nichten!

Pech reloaded
Das selbsternannte Fußballfachmagazin Kicker genießt gemeinhin ja den Ruf des Staatsrats im Fußballjournalismus. Soll heißen: Vollständiger Verzicht auf Humor und Zoten zugunsten der guten alten Huberty-Doktrin – biedere Sachlichkeit ohne Kompromisse. Umso erstaunter nahm man dann die launig-alberne Schlagzeile auf der Kicker-Homepage zur Kenntnis, die in Grimmepreis-verdächtiger Metaphorik von dem bevorstehenden Ende des Ärachens Babbel kündete: “Sägemehl unter Babbel Stuhl”. Und das ist nicht nur eine äußerst geistreiche epische Prophezeiung, sondern auch kompletter Nonsens. Denn in Stuttgart denkt nun wirklich niemand daran, den erfahrenen Trainerfuchs in die Wüste zu schicken. Schließlich war der ja auch an der 0:1-Pleite in Hannover komplett unschuldig. Verantwortlich dafür waren a) das Schiri-Team (”Amateure”), b) der rotzige Balljunge, der nicht weiß, wie man sich alten Leuten gegenüber benimmt und Jopi Lehmann die Murmelübergabe verweigerte sowie c) das stinkende Pech, das in Stuttgart inzwischen seinen Erstwohnsitz angemeldet hat. Den MC Babbel aber wohl bald kündigen kann. Weil der Huberty-Kicker dann irgendwie doch immer Recht behält.

Ignoranten wie wir
Böse Zungen behaupten ja, das mit der Transferpolitik bei der kleinfamiliären Fußball-AG aus München-Giesing sei zuletzt mehr so suboptimal gelaufen. Siehe dos Santos, Karimi, Donovan und so. Und das ist natürlich alles grober Unfug. Das waren ja nur Marketing-Gags, um den Milliarden Bayern-Fans in Peru, Iran und USA etwas bieten zu können. Dass diese Kicker-Karikaturen mit dem Ball in etwa so gut umgehen konnten wie Fidel Hoeneß mit Kritik, war doch jedermann klar. Selbst Ulbricht-Uli. Inzwischen ist man von dieser Marketingstrategie aber abgewichen. Jetzt kann man ganz abramowitschesk nach Lust und Laune das einst so unantastbare Festgeldkonto plündern und echte Topstars von Weltklasseformat kaufen, bei denen man in Barcelona und Madrid in ehrfurchtsvolle Neidstarre verfällt. Nur Ignoranten wie wir sehen das anders und haben bereits eine neue Maßeinheit für gänzlich unbrauchbare Fehleinkäufe definiert: Der Braafheid (BH). Apropos, beim souveränen 2:1-Sieg gegen Horny Skibbe durfte mal wieder der kroatische Flankengott Pranjic (2,5 BH) ran, während der traurige Mario (inzwischen auch schon bei 0,5 BH angekommen) zunächst auf der Bank Platz nehmen musste. Aber die Bayern haben ja noch Sturmtank “Jancker reloaded” van Buyten, der bislang exakt genau zwei Tore mehr als erzielt hat als Kloni zusammen. Also zwei. Wirklich aufsehenerregend war am Samstagnachmittag in der Allianz Arena aber nur eines: Kalles neue Mafiabrille, die uns lehrt: In der Bayern-Vorstandsetage ist das Gespür für Neuverpflichtungen in etwa so ausgeprägt wie modische Zielsicherheit.

Gaalileo Mystery
Apropos…die Bayern! Die haben unter der Woche ja mal wieder einen absolut flashenden Starkstrom-Auftritt hingelegt. Hardcore Eigentoring, Elfmeterkilling, Platzverweising, Umgrätsching – alles in einem Spiel! Masochisten-Herz, was willst du mehr? Eine herzzerreißende Mischung aus Selbstzerfleischung und Rumgeholze. Oder kurz: In München hat man endlich das “System van Gaal” verstanden. Wobei wir uns bei diesem adligen Namen eigentlich etwas Grazileres vorgestellt hatten. Sieht doch irgendwie mehr aus wie Beenhakker oder Klopp.
Und wem diese zotigen Kalauer zu flach sind, sei das legendäre Zitat entgegengehalten: “Die schönsten Tore sind die, bei denen der Ball schön flach oben reingeht.” Stammt übrigens von Mehmet Scholl. Und der ist ja irgendwie auch (noch) Bayern-Trainer. Doch wer jetzt glaubt, da kommt noch einer. Von wegen platt wie ‘ne Flunder, flach wie ein(e) Scholl(e)… Nö, is nicht! Denn so flach wie eben ist das Leben – eben. Mein lieber Scholli!

Es ist schon jetzt eines der amüsantesten Déjà-vus des Jahres 2009: Oskar Lafontaine macht einen unerwarteten Rückzieher, der die eigene Partei gleichsam irritiert und brüskiert zurücklässt. Anstatt weiter mit Gregor Gysi die Bundestagsfraktion der Linken zu führen, ergreift Lafontaine die Flucht in die saarländische Heimat, um im dortigen Landtag als Fraktionsvorsitzender zu fungieren.

Die Parallelen zu seinem überraschenden Rücktritt als Finanzminister im Frühjahr 1999 sind dabei unübersehbar. Wieder einmal entgeht Lafontaine der persönlichen Verantwortung und sucht, der persönlichen Tradition gemäß, das Weite. Auf den ersten Blick mögen die Dinge im Jahre 1999 anders gelegen haben. Damals gab der forsche Saarländer sein Ministeramt auf, um sich vorerst komplett aus der Politik zurückzuziehen. Diesmal ist es nur das Amt des Vorsitzenden einer Oppositionsfraktion. Und gleichwohl wird man den Eindruck nicht los, als habe das hemdsärmelige Zurückweichen bei Lafontaine Methode. Hätte er im Bundestag noch eine zwar allseits kritisch beäugte aber doch so verantwortungsvolle Rolle im parlamentarischen Zweikampf gegen die Regierungskoalition eingenommen, so dürfte er im beschaulichen Saarland ein weit entspannteres Dasein abseits der großen Öffentlichkeit fristen.

Die Herausforderungen, die auf ihn im Saarbrücker Landtag zukommen, sind nicht vergleichbar mit den Aufgaben in Berlin. Statt Schwarz-Gelb an die vollmundigen Wahlsprechen zu erinnern und einen plausiblen Gegenentwurf für die finanzpolitische Zukunftsgestaltung zu entwerfen, darf Lafontaine im kleinsten Flächenbundesland nun den aufmüpfigen Landtagskrakeeler geben. Immerhin wird ihm dabei das Privileg zuteil, die erste Jamaika-Koalition auf Landesebene aus oppositioneller Distanz beobachten zu können. Dass es überhaupt zu diesem Regierungsbündnis kommt, ist nicht zuletzt auf den Heimatrückzug des Linken-Politikers zurückführen. Lag bis zuletzt ein rot-rot-grünes Koalitionsmodell noch im Bereich des Möglichen, so ist es spätestens mit Lafontaines Intervention endgültig gescheitert. Denn nicht nur für die Sozialdemokraten ist Lafontaine nach wie vor ein Enfant terrible. Auch die Grünen betrachten eine Zusammenarbeit mit den Linken unter Mitwirkung des roten Oskar für unvorstellbar und ziehen dementsprechend ein schwarz-gelb-grünes Bündnis vor.

Dies hat Lafontaine selbstverständlich gewusst. Und daher hat er mit seiner Entscheidung für Saarbrücken gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sich selbst aus der Verantwortung des Oppositionsführers im Bundestag gestohlen und seine Partei vor der Regierungsverantwortlichkeit im Saarland bewahrt. Beides passt zu Lafontaine und zu den Linken, denen Verantwortung noch immer zu heiß ist.