Es hat wahrscheinlich noch niemand gemerkt. Aber, die SPD ist wieder da. Die modernste Volkspartei seit Umwandlung der Union in eine Kapitalgesellschaft meldet sich zurück auf dem Parkett der Eitelkeiten. Und zwar rundumerneuert, durchgestylt und vor allem stark wie nie. Glaubt man nicht, ist aber so. Und das liegt natürlich vor allem an dem neuen Führungsduo, dieser unwiderstehlichen Mischung aus Korpulenz und Konsequenz. Ja, diese hoch erotische Kombination aus niedersächsischem Bud Spencer und pfälzischer Kathy Bates wird den sozialdemokratischen Selbsthilfeverein im Handumdrehen wieder an die Regierung bringen. Daran gibt es derzeit nicht den geringsten Zweifel.

Vor kurzem sahen die Sozis noch alt aus, jetzt sind sie plötzlich jung wie nie. Und das haben sie alleine ihrem neuen Vorsitzenden zu verdanken. Swinging Siggy, der einstige Pop-Beauftragte, bringt wieder mächtig Rock ‘n‘ Roll in den Laden. Die SPD ist inzwischen schon so cool wie ein Joint Venture von Tokio Hotel und Eminen. Und wo man sich bei den Sozialdemokraten mal wieder so richtig jung fühlt, da kann man auch ganz unauffällig uralte Vorschläge aus der Lafontaine‘schen Mottenkiste holen. Stichwort Vermögenssteuer. Der Oppositionsklassiker. Quasi eine Art klassischer Neo-Anti-Neo-Liberalismus. Oder so ähnlich. Wenn man nichts zu sagen hat, fordert man die Vermögenssteuer. Und wenn man wieder an der Macht ist, hat man’s wieder vergessen. Ist halt nur dumm, dass manche Leute wirklich verlangen, dass man das, was man sich so oppositionell ganz fein ausgedacht hat, irgendwann auch umsetzen wird. Absurd!

Aber selbstverständlich ist diese mega-hippe Verjüngungskur nur ein Teil der ausgeklügelten SPD-Zukunftsstrategie. Der Goslarer Herzbube wäre nicht überall als total ausgefuchster Visionär bekannt, hätte er nicht noch ein zweites Ass im Ärmel. Und so verkündete er bereits am Parteitag in Dresden das ultimative Erfolgsrezept, in dem er vielsagend-eindeutig verkündete „Wir müssen wieder dahin, wo es stinkt.“ Denn nur Laien sehen hier Interpretationsspielraum. Von wegen Wahlkampfveranstaltungen auf Männer-Pissoirs oder Teilnahme an der allmonatlichen Sitzung des Ortsvereins in der miefigen Dorfkneipe. Alles großer Quatsch. Denn die Aufforderung dahin zu gehen, wo es stinkt, kann bei einem Sozialdemokraten nur eines bedeuten: Einzel-Audienz bei Loki und Smoky! Schließlich sind das die wirklich jungen Gesichter der Sozialdemokratie.

Damit wäre also bewiesen: Die SPD ist für die Zukunft gerüstet. Mit einem ultramodernen Parteiprogramm, einem Führungsduo mit der innigen Harmonie von Marianne und Michael und der zukunftsweisenden Erkenntnis: Der wohligste Duft ist der Gestank der Vergangenheit. Na dann: Auf in die Zukunft, SPD!

Die Liga-Lehren diesmal mit einer winzigen Prise Spott und Häme, versüßt durch devote Ehrerbietungen gegenüber den aus- und umsteigenden Bayern-Machern:

Abschied
Man kann es gar nicht deutlich genug herausheben: Der Kaiser hat abgedankt. In einer Demokratie ist so etwas ja gleichsam paradox wie bemerkenswert. Nicht aber in Bayern. Da ist mit Demokratie bekanntlich Essig. Und da überlegte man sich natürlich, wie man dem emeritierten Oberhaupt angemessen huldigen kann. Was aber ist das passende Abschiedsgeschenk für den unfehlbaren Fußballkaiser? Die Fußball-WM 2022? Eine einjährige Weihnachtsfeier? Oder doch lebenslang frei Schnackseln in München-Giesing? Fand man wohl alles nicht so passend beim konservativen FCB und entschied sich ganz klassisch für das gute alte Abschiedsspiel, welches man seinerzeit wohl irgendwie vergessen hatte. Kann bei einem eher durchschnittlicher Kicker ja mal passieren, wird aber nun nachgeholt. Vielleicht darf der Kaiser sogar mitkicken – als Stand-Libero für fünf Minuten, oder so. Alles ist möglich am Tag der vergessenen Bayern-Mitarbeiter, deren Verdienste bislang noch nicht gewürdigt wurden. Da kriegt selbst Klinsi den einst unterschlagenen Blumenstrauß überreicht. Und Dettmar Cramer darf sich endlich bei den Bayern-Fans verabschieden. Mei, wird des schee!

Ode an Uli
Apropos vergessen: Bei der ganzen Kaiser-Nostalgie, in deren Zuge sogar Rilke-Rummenigge ein paar selbst gedichtete Danke-Verse vortrug, wurde doch fast der alte Hoeneß vergessen, der nun auf dem kaiserlich vorgewärmten Präsidentensessel Platz nimmt. Die Liga-Lehren vergessen sowas jedoch nicht und haben sich dem Ex-Manager zu Ehren etwas zusammengereimt:

Als Manager mit Kragenweite,
lebtest du den Bayern-Traum
und scheiterst um Haaresbreite
beinahe doch an Christoph Daum.

Dein Haupt verfiel in Feuerröte
bei deinen wilden Schimpftiraden,
und plagten dich der Spieler Nöte
nahm deine Galle schweren Schaden.

Trotz Lemke, Klinsi, Wirtschaftskrise
bot dein Job dir doch viel Schönes,
und du folgst nunmehr der Devise:
Ich mach euch jetzt den Präsi-Hoeneß.

Niedlich
Die Beliebtheit des sympathischen Kurzpassclubs aus Freiburg lässt sich ganz zwanglos mit dem Kuscheltier-Syndrom erklären: Sieht nett aus, tut keinem weh und will doch nur spielen. Und was für niedliche Namen die da auch haben: Jonathan Jäger zum Beispiel. Die nominelle Kreuzung aus gottesfrömmigem Streber und erbarmungslosem Schützenbruder. Oder aber der längst legendäre Alain Junior Ollé Ollé, ein Name wie eine heruntergekommene Fußballkneipe im Pariser Rotlicht-Viertel. Putzig! Zum Auswärtsspiel in Nürnberg kramte Robbie Dutt jetzt einen besonders feinen Leckerbissen aus seiner Schatzkiste des skurrilen Wohlklangs hervor: Jackson Mendy – so hießen im letzten halben Jahr ca. 50% der Neugeborenen in Berlin-Marzahn. Der Freiburger Jackson Mendy indes spielt hinten links und machte da seine Sache in Nürnberg richtig gut. Aber wir wissen ja: Namen sind wie Scholl und Jauch.

THG
Wenn etwas in unserer schönen Liga zum Kotzen ist, dann diese elendige Harmoniesülze. Wie zwischen Schwarzgelb und dem befreundeten Traditionsclub aus dem Kraichgau. Unerträglich, wie die sich gegenseitig anschmachten. Sah Borussen-Boss Hajo Watzke ganz genauso und schlug vor dem samstäglichen Duell mal ein wenig auf die Populismus-Pauke. Von wegen Hopp der weiße Ritter, böse ungerechte Welt und so. Und stellte Hopps Lebenswerk in provokativer Ignoranz in Frage “THG oder wie heißen die?”. Genau: Treuergebene Hopp Geknechtete, die am Samstag 1:2 verloren. Gegen den BHB – oder wie heißen die?

Oma Shumway
Eigentlich müsste man ja jetzt zwingend was über die hoffnungslose Hertha sagen. Aber wie schon Großmutter Shumway zu sagen pflegte: “Wenn dir gar nichts Nettes einfällt, das du jemandem sagen könntest, sag am besten gar nichts.” In dem Sinne schweigen wir andächtig und überlassen das Wort besser Herthas Krisenmanager Funkel, der nach dem fatalen 1:3 gegen die Eintracht ganz fatalistisch resümierte “Bei mir ist keine Ratlosigkeit. Wir haben schlecht gespielt, aber es war kein Offenbarungseid.” Klingt irgendwie ratlos, oder?

Relativ
Empathisch veranlagte Menschen fühlen in den Tagen der Vorweihnachtszeit das tiefe innere Bedürfnis, sich in die Lage der Zeitgenossen hineinzuversetzen, denen es derzeit nicht so gut geht. Zum Beispiel den Freunden unseres höchst sympathischen Kölner Fußballscheinvereins, der in den letzten 8 Ligaspielen sage und schreibe 2 (in Worten: zwei) Tore erzielt hat. Und so ein Empathieflash bringt denn auch irgendwann die ultimative Erkenntnis: Als FC-Fan fühlt man sich derzeit wie ein Frauenarzt: Jede Woche muss man Abstriche machen. Und das war natürlich ein leidlich schenkelklopfwürdiger Kalauer. Dass sich jetzt manch frustrierter FC-Fan gleichwohl ein leises Schmunzeln nicht hat verkneifen können, beweist nur, wie schlecht es um den FC-Schnarch bestellt ist. In Krisenzeiten lacht man eben über jeden Stuss (erklärt übrigens auch, wieso ein Wolfgang Lippert in der DDR hat Karriere machen können). Ist eben alles eine Frage der Relation. Das Grusel-0:0 in Bochum war jedoch nicht nur relativ bescheiden, sondern absolut grauenhaft. Der FC war an diesem Abend gleichwohl besser war als Herrlichs gar nicht so herrlicher VfL. In Relation zu Bochum war Köln damit richtig klasse, eigentlich aber doch absolut miserabel. Und damit doch verhältnismäßig mäßig.

Und was gab’s noch?
Eine geglückte Pranjic-Flanke, Hotte Heldt als Halbzeit-Hulk und Reaktionen auf den FC-Stammtisch mit Leese und den SPOX-Schwaflern. Vor allem der Community-Boss bekam schwer Breitseite und musste mit derben Kommentaren leben. Gipfel der Blasphemie “Wirkt total arrogant, hat aber leider vollkommen Recht”. Genau genommen war dies natürlich keine Kritik, sondern eine Art sportjournalistische Seligsprechung. Schließlich wird “Arrogant, aber hatte immer Recht” eines Tags auf dem Grabstein von Uli Hoeneß stehen. Der MySPOX-Cheffe schafft sowas schon zu Lebzeiten. Old Diva Kucharski hatte allerdings gleich die ultimative Erklärung parat. “Das war keine Arroganz”, stammelte er heisterkampesk, “das war Müdigkeit”. Und das ist, wie alle Anwesenden bestätigen können, selbstverständlich absolut zutreffend. Our Oli war an diesem Sonntagmorgen ein Schatten seiner heißblütigen Selbst und wirkte temperamentsmäßig mehr so wie Murmeltier auf Baldrian. Aber irgendwie regt einen das doch zum Nachdenken an. Vielleicht sind auch im Profi-Fußball die Dinge in Wirklichkeit ganz anders als sie scheinen. Maik Franz ist eigentlich kein halbstarker Prügelprolet, sondern nur ein hyperaktiver Zappelphilipp mit ADS. Effes Rumgebalze ist rein drüsenbedingt. Und Udo Lattek macht sich eigentlich nichts aus Doppelkorn und Hopfenbowle – der hat halt nur immer Durst. Ja, man lernt eben nie aus. Und deshalb gibt es auch kommende Woche wieder die Lehren der Liga.

Der Papa ist wieder da

23. November 2009

Jeder hat wohl so seinen Stichtag im Kopf, auf die das eigene Hoffen und Warten ausgerichtet ist. Die einen zählen ungeduldig die Tage bis zum Beginn des Sommerurlaubs, die anderen blicken in familienidyllischer Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Die Freunde des kultivierten Fremdschämens hingegen fieberten auf den 3. November hin. Da kehrte der Papa aus seiner gut zweieinhalbjährigen Kreativpause zurück. Auf Pro7 ist die vierte und letzte Staffel der Kultserie Stromberg gestartet.

Doch „Stromberg“ ist gewiss nicht für jedermann das humoristische Nonplusultra. Im Gegenteil, ein Großteil kann mit der im Dokumentarstil gefilmten Parodie des Büroalltags einer fiktiven Versicherungsabteilung so rein gar nichts anfangen. Ja, wohl kaum eine Comedy-Reihe polarisiert derart stark wie das zynische Porträt des narzisstischen Antihelden. Der Humor, der einer subtilen Mischung aus Realsatire und Sitcom entspringt, scheint bei denen einen voll ins Schwarze zu treffen und andere gleichsam unberührt zu lassen.

Dabei ist die schauspielerische Leistung von Christoph Maria Herbst, der dem selbstverliebten Proll-Boss Gesicht, Herz und Stimme verleiht, gänzlich unumstritten. Herbst hat in seinem Alter Ego Bernd Stromberg zweifelsohne die Rolle seines Lebens gefunden – seine Darstellung ist schlicht und einfach großartig. Auf geradezu meisterliche Weise gelingt ihm der emotionale Spagat zwischen Ekel und Sympathikus. Denn so abstoßend und peinlich der Habitus des notorischen Versagers Stromberg auch sein mag, so sehr kann man sich hin und wieder doch mit seiner Figur identifizieren. Denn Herbsts Stromberg ist eben mehr als nur die bloße Karikatur eines Chefs, sondern eine liebenswerte Überzeichnung menschlicher Abgründe. Größenwahn, Faulheit, Chauvinismus, Sturheit – alles, was in uns allen zumindest in kleinen Dosen angelegt ist, kommt in der Person des egozentrischen Abteilungsleiters in geballter Form zusammen.

Womöglich ist es denn auch genau diese Ambivalenz von Gut und Böse, bei der das Böse nur auf den ersten Blick zu überwiegen scheint, die den Protagonisten und die Serie selbst so reizvoll macht. Eingebettet in ein höchst lebensechtes Szenario, dem der ambitionierte, aber weltentrückte Mitarbeiter Ernie (grandios gespielt von Bjarne-Ingmar Mädel) Farbe und Komik verleiht, entwickelt Stromberg alle Facetten des menschlichen Wahnsinns, die zuweilen groteske und fremdschämtaugliche Ausmaße annehmen.

Man muss Stromberg demnach nicht lieben. Aber man kann es. Und wenn, kommt man davon nicht mehr los. Mit einem lachenden und weinenden Auge blickt man denn auch auf den 3. November. Wenn die Kultserie in ihre letzte Runde geht.