Rezept ‘09

28. Dezember 2009

Man nehme eine Schüssel voll Weltwirtschaftskrise, würze scharf mit Schweinegrippe und mische dies vorsichtig mit einer großen Portion Abwrackprämie. Die Masse gebe man nun in eine gute geölte Westerwelle und lasse sie unter Hinzugabe von etwas Guttenberg langsam aufgehen. Derweil in einer heißen Pfanne etwas Magath auslassen, mit sahnigem Gabriel andicken und mit ein wenig Kundus abschmecken. Nun die Magath-Gabriel-Masse auf den Weltwirtschaftskrisen-Abwrackprämien-Haufen geben, die vorher kleingeschnittenen Opel drüberstreuen und dabei zur eigenen Entspannung dreimal das Wort „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ fehlerfrei aussprechen. Dabei die übrig gebliebenen Arcandor-Reste zusammen mit den Quelle-Strünken sachgerecht entsorgen. Nun den Magath-Gabriel-Weltwirtschaftskrisen-Abwrackprämien-Auflauf noch kräftig obamaisieren und abschließend mit einem Kopenhagener Klimagipfel dekorieren. Das Ganze dann unter ständigem Rühren in den Ausguss. Bon appetit!

Markus Babbel hat seinen Abschied vom VfB zu einer Generalabrechnung mit dem Profifußballtum genutzt. Von den Ereignissen rund um das Spiel gegen den VfL Bochum sichtlich erschüttert, skizzierte er die Angst seiner Spieler vor dem wütenden Mob und blickte zurück auf die Anteilnahme am Tode Robert Enkes, die aus heutiger Sicht „nur eine Heuchelei“ gewesen sei.

Dabei hat Babbel hat Recht, wenn er auch für Fußballmillionäre menschlichten Respekt reklamiert. Morddrohungen und persönliche Beleidigungen müssen auch gegenüber hochbezahlten Fußballern Tabu bleiben. Das erscheint, auch wenn die Lebenswirklichkeit zuweilen anders ausschauen mag, selbstverständlich. Menschliche Achtung macht eben nicht vor Geld und Prominenz Halt. Es bedarf auch keines Quervergleichs zum Fall Enke, um die nicht immer einfache Grenzziehung zwischen hinnehmbarer Emotion und inakzeptablen Verbalinjurien zu begründen.

Insofern fügen sich Babbels Ausführungen in eine Stimmung, die den Selbstmord Robert Enkes zum Mahnmal des inhumanen Profisports überhöhen. Dabei ist bis heute nicht geklärt, ob und inwiefern die mitunter harten Rahmenbedingungen des Fußballgeschäfts für Enkes Suizidentschluss ausschlaggebend waren. Fest steht lediglich, dass Enke an Depressionen litt und sich – aus Scham und Angst – nicht traute, diese Krankheit der Öffentlichkeit zu offenbaren. Wenn man hieraus Rückschlüsse allgemeiner Art ziehen will, dann betreffen diese zunächst einmal unsere Gesellschaft im Allgemeinen, und allenfalls in zweiter Linie den Profisport.

Das allseits beschworene Vorhaben, im Sport mehr Menschlichkeit walten und Schwächen zulassen zu wollen, mag gleichwohl löblich sein. Seine praktische Umsetzung dürfte sich bei den im Fußballgeschäft obwaltenden Gesetzen indes schwierig gestalten. Und so wird sich vieles, was großspurig versprochen wurde, am Ende doch als Lippenkenntnis erweisen. Zumal wenn man mit der Ankündigung stärkerer Rücksichtnahme die Hoffnung verbindet, dass Häme und Hass aus Deutschlands Stadien verschwinden und sich diese zu einem Ort der Sensibilität verwandeln. Dies wird der Profifußball nicht leisten können. Jedenfalls solange, wie er in Deutschland eine Ventilfunktion für angestaute Emotionen einnimmt.

Genau das macht den Fußball letztlich aber so populär. Fußball bedeutet Emotionen. Und Emotionen sind nicht immer schön und lieb, sondern manchmal dreckig und widerwärtig. Dies gilt umso mehr, als Fußball die Massen anzieht. Und in der Masse befinden sich eben auch zahlreiche Idioten, die ihre Idiotie im Schutz des Kollektivs wonnevoll ausleben können. Das ist so und das wird auch so bleiben. Trotz Enke.

Die letzte Liga-Lehren-Ausgabe 2009 – mit Lehmanns Rücktritt, allerlei Würsten und ein wenig Winter:

Schnee
Brrrrr, war das kalt! Temperaturen wie in Calis Kühlhaus. Und natürlich verspürt man an einem so schneereichen Spieltag den unwiderstehlichen Drang, mit abgenudelten Daum-Kalauern nur so um sich zu werfen. Machen die Liga-Lehren aber nicht. Stattdessen Kritik am Rahmenterminkalender. Einen Bundesligaspieltag fünf Tage vor Weihnachten anzusetzen, zeugt nun wirklich nicht von einem guten Riecher. Da stehen einem die Haare zu bergen. Aber vielleicht ist das alles ja auch nur: Haarspalterei!

Rücktritt
Topspiel diesmal also Stuttgart gegen Hoffe. Und da kann man jetzt natürlich so einiges reininterpretieren. Von wegen Daimler gegen SAP, Großstadt gegen Provinz oder Hundt gegen Hopp. Nur eben kein Derby. Davon will man in Stuttgart nämlich mal gar nichts hören. Weil keine Tradition, keine historische Rivalität und so. Und das stimmt ja auch irgendwie. Denn wenn das ein Derby ist, dann kann Hulk Lehmann auch direkt als Psychotherapeut anfangen. Apropos: Das Ganze fand ja nun leider ohne Rüpel-Jens statt. Weil der sich ja zuletzt so ein bisschen daneben benommen hat. Und deshalb gab ihm der Titan, seines Zeichens altersmilder Meister der Selbstbeherrschung, den ultimativen Rat, doch endlich zurückzutreten. Wobei: Zurücktreten? Hat er doch gemacht. Erst letztens – gegen Bancé. Fand man in Stuttgart jetzt aber nicht so cremig. Wie Luiz Gustavo den armen Khedira im Mittelkreis umjenste, um dann den Lehmann Richtung Kabine zu machen, dagegen schon. Verstehe einer diese Fans.

Nochmal Jens
Kommt man ja nicht von los, war aber auch zu anrührend dieses Seelenstripteasechen bei Johannes Bastkorbflechter Kerner. Doch eigentlich wollte er ja zu Beckmann. Der alten Grünkern-Memme ging aber mal wieder die Düse, von wegen Angst ums Kassengestell. Und da witterte Kamikaze-Kerner seine Chance und lockte mit einem 5-Euro-Subway-Gutschein. Ließ sich Jens natürlich nicht entgehen und plauderte sich auf der Couch des Kuscheltalkers den ganzen Torwart-Müll von der Seele. Erzählte uns dabei, dass er sich am liebsten in einem Erdloch verkrochen hätte. Und hatte auch gleich eine ganz plausible Erklärung für seinen unbeholfenen Umgang mit nervenden Reportern und nölenden Fans parat. Dafür, so Jammer-Jens, sei er nämlich nicht geschult. Deshalb also! Muss aber nicht so bleiben. Denn die VHS Stuttgart bietet im nächsten Jahr einen neuen Kursus an: Selbstbeherrschung für Senioren. Also, schnell einschreiben!

Feinfühlig
Spätestens seit der Vorwoche wissen wir ja: Die DFL ist ein ganz umsichtiges Gebilde mit geradezu kuranyiesker Sensibilität. Vor allem bei der Ansetzung des Freitagsspiels beweist sie immer wieder höchstes Feingefühl. Diesmal also Schalke gegen Mainz. Das konnte ja auch unmöglich am Samstag stattfinden. Denn ein Schalke-Heimspiel am 100. Geburtstag des BVB, das wäre so wie Parteitag der Linken am 3. Oktober, wie Treffen der Kaninchenzüchterdachverbandes an Ostermontag oder – machen wir es noch deutlicher – wie die Wiedereinführung der Prohibition an Ouzo Latteks Geburtstag. Klarer Fall von geht gar nicht. Und deshalb also Schalke schon am Freitag. Könnte allerdings auch das Prinzip Brokkoli der Vorwoche gewesen sein. Von wegen Abarbeiten von Eklig-Unappetitlichem. Wobei, so schlimm war das 1:0 gegen Mainz gar nicht. Für Magath-Verhältnisse geradezu ein Leckerbissen.

Glückwünsche
Nun aber endlich Glückwunsch, du geiler BVB! 100 Jahre ist das nun her, als Schalke noch eine Kinderkrankheit war. Respekt. Und Glückwunsch auch dir, HSV. Geht doch! Was das doch ausmacht, wenn man statt des papierkugeligen Schneeballimitats auf das Original vertraut. Vor allem aber Gratulation, Bayer 04! Herbstmeister! Oder wie man bei Euch sagt: Meister!

Würste
Die wichtigste Regel des Fair Play lautet gewiss: Niemals den Gegner lächerlich machen. Nur die Bayern haben das nicht verstanden und 6.0-Berlin gleich mehrfach der Lächerlichkeit preisgegeben: Erst pervertiert der Neu-Präsident das alte Schuhbeck-Motto “Hertha, wenn’s um die Wurst geht” zu einem (un-)appetitlichen “Wurst, wenn’s gegen die Hertha geht” und macht mit seiner Wurstverteilaktion deutlich, dass der Kick gegen die Hertha-Würste für ihn den Thrill von Weihnachtsmarkt besitzt. Dann der nächste Fauxpas, als Mitte der 2. Halbzeit Flankenlegastheniker Braafheid eingewechselt wird. Und dann das schlimmste, absolut unentschuldbare No-Go: Miro Klose – inzwischen eine Schwangerschaft ohne Buli-Treffer ist – kommt rein. Frei nach dem Motto: Gegen Würstchen kannst du auch mit blinden Brötchen spielen. Liebe Bayern, sowas macht man nicht.

Besinnlichkeit
Und da das bis jetzt nicht wirklich andächtig war, gibt es nun ein kleines weihnachtliches Bundesligagedicht:

Wenn alte Männer Brillen stehlen
und nur noch wirres Zeug erzählen,
wenn Louis, der sonst böse linst,
plötzlich richtig freundlich grinst,
wenn man dreimal, weil man gern schenkt,
den Ball im eig’nen Tor versenkt,
wenn Skibbe, der von Topstars träumt,
die Wut aus seinem Munde schäumt,
wenn Udo sinnenlos berauscht
das Kölschfass gegen Glühwein tauscht,
wenn Bayer ängstlich darauf wartet,
dass die Rückrunde bald startet,
wenn in Berlin trotz Funkels Funkeln
die Lichter ausgeh’n und verdunkeln,
ja wenn des Kaisers Kugeln schwillen,
um Angestellten-Lust zu stillen,
dann ist mal wieder Weihnachtszeit,
hoch lebe die Besinnlichkeit.

Und was gab’s noch?
Das Wunder von Berlin! In einem mitreißenden, hochdramatischen Klassekick besiegte die heißblütige Hertha im Berliner Hexenkessel den Sportclub aus Portugal mit 1:0 und zog locker und leicht in die nächste Runde ein. Ja, so kurz vor Weihnachten sollte man sich so viel Sarkasmus eigentlich sparen. Denn so kurz vor Weihnachten ist familiäre Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität angesagt. Also neuer Versuch: Hertha BSC hat ein großartiges Jahr 2009 mit dem hochverdienten Einzug in das Sechzehntelfinale der Euro League abgeschlossen und blickt nun auf ein sorgenfreies und unbeschwertes Jahr 2010. Na also, geht doch auch ohne Sarkasmus.

Ach ja…
…natürlich fehlt hier noch der obligatorische Seitenblick auf unseren sympathischen Domstadtclub. Ist aber verzichtbar. Gab ja schon wieder das traditionelle 0:0. Wahrscheinlich jedenfalls. Und richtig, das ist eine Hommage an die Alternative Liste, die unlängst ganz frech ein 0:7 des FC vorausgesetzt hat. Einfach so, als nachträgliche Prognose ohne jede Substanz. Und das mache ich jetzt einfach auch mal so und huldige damit Kucharski & Co. – sozusagen als Dank für die Verlinkungen der letzten Wochen. Apropos Dank:

Ein herzlicher Dank an alle Leser der Liga-Lehren, die dieser Reihe im Jahr 2009 treu geblieben sind. Euch allen ein frohes Weihnachtsfest verbunden mit den besten Wünschen für 2010 – natürlich mit neuen Ausgaben der Liga-Lehren!