Schweigen oder schreiben?

29. März 2010

Hat er oder hat er nicht? Das Rätsel um Schuld oder Unschuld von Wetterfrosch Jörg Kachelmann ist in diesen Tagen so etwas wie die Gretchenfrage der deutschen Journaille. Hat Kachelmann die ihm zur Last gelegte Vergewaltigung an seiner Freundin tatsächlich begangen oder nicht? Dabei sind die Dinge so klar, wie sie unklar erscheinen: Man weiß es schlicht und einfach nicht und sollte sich daher instinktiver Vorverurteilungen genauso enthalten wie spontaner Sympathiebekundungen.

Gleichwohl fühlen sich Hinz und Kunz gemüßigt, der Öffentlichkeit ihre unsubstantiierten Jas und Neins mitzuteilen. Im Internet-Netzwerk Facebook, in dem sich unter dem partisanischen Aufruf „Free Kachelmann“ eine stetig wachsende Unterstützergruppe zusammenfindet oder vor den Kameras in den Fußgängerzonen dieser Republik. Ein jeder glaubt, seine ganz eigene Schuldprognose trotz vollständiger Tatsachenunkenntnis in den Raum stellen zu dürfen.

Dabei hätte der traurige Fall Kachelmann durchaus zur Sternstunde des Konjunktivs getaugt. Im Boulevard kann man aber auf solch sprachliche Feinheiten bekanntlich keine Rücksicht nehmen. Da zählen reißerische Storys und billige Effekthascherei eben mehr als seriöse Berichterstattung. Soweit das altbekannte Phänomen.

Was bleibt, ist die Frage, ob nicht zumindest die (vermeintlich) vertrauenswürdigen Medien davon hätten absehen sollen, die Verhaftung Jörg Kachelmanns zu thematisieren. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier scheint genau dies zu verlangen, wenn er aus der verheerenden Wirkung der Reportage über einen bloßen Verdacht die Schlussfolgerung ableitet, schon über den Verdacht gar nicht erst zu berichten. Dabei geht es hier weniger um die Berichterstattung an sich, sondern um ihre Folgen und damit um die Frage gesellschaftlicher Verantwortung des Journalismus. Niggemeier verortet diese Frage unter dem Aspekt des Berufsethos von Journalisten.

Ein solch medienkritischer Zwischenruf aus dem Munde des Bildblog-Herausgebers Stefan Niggemeiers ist für sich genommen nicht überraschend, wohl aber doch bemerkenswert in einer Zeit, da Journalisten nur allzu gerne dazu neigen, jedwedes moralische Fragezeichen mit dem lapidaren Verweis auf Pressefreiheit und Reporterpflichten bei Seite schieben zu wollen.

Niggemeier hat natürlich Recht, wenn er eine Art Sozialverantwortung in den journalistischen Pflichtenkatalog einbezieht. Er irrt gleichwohl, wenn er aus diesem Dogma den Rückschluss zieht, die Verhaftung Kachelmanns sei für die Medien ein Tabu. Denn auch das Bewusstsein für gesellschaftliche Folgewirkungen kann Journalisten nicht zu einer kaum durchhaltbaren und damit absurden Selbstzensur veranlassen.

Fest steht: Jörg Kachelmann ist aufgrund seiner regelmäßigen Fernsehpräsenz eine Person des Zeitgeschehens, deren Schicksal die Medien (und nicht nur der Boulevard) nicht ignorieren können, selbst wenn sie es wollten. Das öffentliche Interesse ist schlichtweg zu groß, um über diesen Fall den medialen Mantel des Schweigens legen zu wollen, mag hinter der allgemeinen Aufmerksamkeit auch vor allen Dingen Sensationslust stecken.

Gegen eine Berichterstattung als solche ist daher im Grunde nichts einzuwenden. Eine andere Frage ist die nach der Art und Weise, in der sich die Medien dem möglichen Skandal nähern, wobei die abermals unrühmliche Rolle von BILD & Co. das obligatorische Kopfschütteln verdient. Doch auch eine sachlich-angemessene Auseinandersetzung dürfte nicht verhindern, dass Kachelmann durch den öffentlich gewordenen Verdacht auf lange Zeit gebrandmarkt wäre. Auch im Falle eines Freispruchs würde dem Schweizer Meteorologen das Stigma des möglichen Vergewaltigers anhaften.

Womit dann abermals bewiesen wäre, dass die Unschuldsvermutung zwar zum Glück juristische Wirklichkeit, aber leider keine gesellschaftliche Realität ist. Diesen Missstand in die Schuhe der Journalisten schieben zu wollen, ist, solange diese sachlich korrekt informieren, schlicht abwegig. Denn letztlich geht es doch nur um das Problem einer Gesellschaft, die zu fundierter Meinungsbildung und respektvoller Zurückhaltung oftmals genauso wenig Zeit wie Lust verspürt. Die Medien trifft hieran ausnahmsweise mal keine Schuld.

Heerscharen von Philosophen und Historikern arbeiten sich nun schon seit Jahrhunderten an unserer mysteriösen Bundesliga ab. Vielleicht liegt die Wahrheit der Liga aber doch schlicht in den bizarren Namen ihrer Protagonisten. Die Liga-Lehren unternehmen den Versuch einer semantischen Analyse:

Bezeichnend
Beginnen wir – wissenschaftlich sauber – mit der Semantik der Semantik. Das Wort “Semantik” leitet sich vom griechischen “semainein” ab, welches so viel wie “bezeichnen” bedeutet, und demnach für die Lehre von der Bedeutung der Zeichen steht. Genau genommen geht es aber heute gar nicht mehr um irgendwelche merkwürdigen Zeichen, sondern um die Ermittlung der Herkunft eines Wortes. Welches Zeichen uns Hanno Balitsch mit seiner künstlerisch wertvollen, aber fußballerisch zweckfreien Volleyball-Einlage geben wollte, ist hingegen genauso rätselhaft wie Magaths zur Spielerinstruktion genutzte Zeichensprache. Mit Semantik hat beides jedenfalls rein gar nichts zu tun.

Irreführung
Apropos Magath und Semantik: Felix Magaths Schleifer-Mantra hält semantischen Nachprüfungen definitiv keinen Stand. Denn dass Qualität etymologisch auf “Qual” zurückzuführen sei, ist genauso abwegig wie die Behauptung, dass das, was Felix’ Fummeltruppe zuletzt auf dem grünen (oder braunen) Rasen zu Stande brachte, auch nur im Entferntesten etwas mit Fußball zu tun hatte. Bekanntlich sollte man Magaths Ausführungen aber immer mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen. Denn diese schwanken zumeist zwischen grobem Unfug und bewusster Irreführung. Wie seine Erläuterungen der Offensivtaktik in Leverkusen, die sich in etwa so anhörten: Man spiele zwar mit drei Spielern vorne drin. Aber in die Spitze sollen dann nicht immer alle drei. Sondern immer nur zwei – und einer mit dabei! Soso! Mathematisch-semantisch-logischer Unfug. Aber wirkungsvoll. Denn man gewann nicht nur locker-flockig zwonull, sondern spielte auch eine richtig gepflegte Kugel. Und das nach den quallvoll-menschenrechtswidrigen Darbietungen der Vergangenheit. Doch die waren eben nur – bewusste Irreführung.

Torwartsemantik
Auch an der Säbener Straße fährt man jetzt ganz konsequent die Semantik-Schiene. Stichwort: Torwartfrage. Da suchte man bis zuletzt ja noch nach der Idealbesetzung. Weil sich Rensings Flankenallergie als untherapierbar erwies. Und weil der Butt schon 4000 Jahre auf dem Buckel hat (Grass, ne?). Und so wünschte man sich jetzt ein junges Supertalent. So einen Sepp-Maier-Typ, eine echte Nummer 1, die mal richtig fest im Sattel sitzt. Aus reiner Begriffslogik heraus verpflichtete man dann also Regenburgs Rouwen Sattelmaier. Nach dem schnodderigen 1:2 gegen den VfB hat man die Wunschliste nun noch um einige Positionen ergänzt. Denn mit Flügellahm, Humpelrobben und Jammerklose holt man eben keine Meisterschaft. Da bräuchte es schon einen Grätschenroth, Eisenbreitner oder Budenmüller. Beim FCB hat man deshalb prompt reagiert und die 500 Südamerika-Scouts nach einem Semantik-Crashkurs in die bayrischen Bezirksligen abkommandiert.

Müllermeierschulze
Deutsche Redewendungen bedienen sich ja gerne gängiger, weit verbreiteter Nachnamen, um Alltägliches beispielhaft zu illustrieren. Man denke nur an Lieschen Müller, die vergreiste Vorgängerin von Erika Mustermann. Oder an Müllermeierschulze als Synonym für Bürger Otto Normal. Wir lernen daraus: Allerweltsnamen stehen stellvertretend für das Normale, das Übliche, ja für das Durchschnittliche an sich. Eine Durchbrechung erhält dieser schöne Grundsatz nun ausgerechnet durch die Schiedsrichterzunft, welche in der Vergangenheit ja schon des Öfteren kundgetan hat, sich nur allzu gerne vom reaktionären Mainstream lösen zu wollen. Hinz und Kunz heißen hier allerdings Schmidt und Wagner und pfeifen für gewöhnlich ziemlich unnormal, unüblich und unterdurchschnittlich. Denn wieso Tante Frings für ihre zarte Nasalmassage mit Rot bedacht wurde und weshalb Abseits neuerdings auch bei Gegnervorlage möglich ist, das weiß der Meier. Oder Schmitz’ Katze. In dem Sinne: Mensch, Meier! Oder in gepflegter Unparteiischen-Idiomatik: Blind wie Schmidt und Wagner.

Philologische Probleme
Effzeh-Fans pflegen zu ihrem Verein gemeinhin ein eher leidenschaftlich geprägtes Verhältnis, welches für wohl abgewogene Analysen in aller Regel keinen Platz lässt. Und so kann es auch schon einmal vorkommen, dass der Geißbockfreund an sich die eigenen Spieler in Folge einer leidenschaftslosen, mithin soldoesken Darbietung als Söldner verunglimpft. Woraus sich die naheliegende semantische Frage ergibt, ob sich das Wörtchen “Söldner” von Soldo (der Zvonimir) ableitet. Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht! Das 4:1 in Hannover sorgt allerdings auch für keinen akuten Klärungsbedarf, sondern hinterlässt neue philologische Probleme. Zum Beispiel: Sollte man Tosic nicht zukünftig doch mit “r” schreiben? Sind taktische Optionen mit einem alten Maniche automatisch maniche-faltig? Vereinigen sich in Mirko Slomkas Nachnamen die unglückprognostizierenden Begriffe Slapstick, Omen und Katastrophe? Handelt es sich bei Hannover um ein gleichsam unheilverkündendes Blending aus Hannobalitsch und Gameover? Und ist “Schlaudraff” nur das skurrile Resultat einer Westfälischen Lautverschiebung und bedeutet letztendlich nichts Anderes als “Schlaff drauf”? Womit zumindest eines feststehen dürfte: Der Effzeh und Hannover 96 geben in diesen Tagen nicht nur Fußballfreunden eine Menge Rätsel auf.

Außendienst
Wir halten noch einmal fest: Schalke ist Tabellenführer. Sachlich-nüchtern, so wie es sich für den Anspruch der Liga-Lehren gehört, und ohne jedweden zynischen Verweis auf unästhetisches Rumgeholze. Denn dafür war diesmal der amtierende Deutsche Meister zuständig. Nur zur Erinnerung: Wolfsburg. Vorname: VfL! Genau! die! Und genau die spielten in Mainz zwar ziemlich magath, werden aber weiterhin von Lorenz-Günther Köstner trainiert, der charmefreien Reinkarnation von Rolf Schafstall mit der Aura eines frühverrenteten Außendienstvertreters für Häkeldecken. Und mit genau dieser Einstellung bestritten die 1:5-Hertha-Honks ihren Außendienst in Mainz. Und gewannen am Ende doch irgendwie. 2:0. Alte Schule eben.

Und was gab’s noch?
Pokal – mit geradezu erschütternden Erkenntnissen: So widerlegte Arjen Robben, dessen Nachname ja eine gewisse Bewegungsschwerfälligkeit nahezulegen scheint, mit seinem PacMan-Sololauf nicht nur den absurden “nomen est omen”-Leitspruch, sondern quasi im Vorübersprinten auch den Satz des Pythagoras. Von wegen: Diagonal geht am schnellsten. Grober Unfug! Richtig fix is’ über’s Eck. Weitere mathematische Lehren blieben allerdings aus. Dafür gab’s noch ein paar zusätzliche nominelle Paradoxien: Denn Lahm war flink, Schweini hundemüde und Felix sah am Ende auch nicht gerade glücklich aus. War ja aber auch Pokal. Und der hat bekanntlich seine… Aber lassen wir das.

Ach Guido,

22. März 2010

die Welt ist irgendwie schon ungerecht. Erst lehrst Du uns über all die Jahre, wie politische Moral und menschlicher Anstand aussehen. Und jetzt kriechen diese ganzen Neuoppositionellen aus ihren Hinterbänklerlöchern und meinen, es alles sehr viel besser zu wissen. Nur weil Du Dich auf deinen Auslandsreisen mit befreundeten Wirtschaftsleuten umgibst und weil jetzt angeblich der Eindruck der Vetternwirtschaft aufkommt. Dabei haben diese neunmalklugen Moralapostel wohl vergessen, dass Du Mitglieder einer Partei bist, die mit Vetternwirtschaft so viel zu tun hat wie unser Wirtschaftsminister mit Hochdeutsch. Und deshalb sind solche Vorwürfe natürlich total absurd. Noch dazu weil Du solche Anschuldigungen niemals von Dir gegeben hättest. Damals, als Du auch noch in der Opposition warst. Lang ist’s her, man erinnert sich ja kaum mehr dran. Du warst da immer sehr viel zurückhaltender. Vorwürfe waren nie Dein Ding. Du hast Dich zurück gehalten. Ein großer Zampano warst Du ja nie. Nein, Du hast keine Skandale gewittert. Du hast immer an das Gute im Menschen geglaubt. Wieso also glaubt jetzt niemand an das Gute im Westerwelle? Apropos „im Westerwelle“: Da stören sich ja einige dran, dass Du Deinen Lebenspartner mit auf Reisen nimmst. Weil das ja total unüblich sei, dass ein Außenminister mit seiner Frau oder eben mit seinem Mann auf Reisen geht. Und weil Dein Freund ja dazu noch ganz eigene Interessen habe. Und weil das jetzt so aussehe, als würdest Du ihn damit persönlich unterstützen. Aber das ist selbstverständlich alles lächerlich. Du gibst ja nix auf Freundschaften, genauso wenig wie auf das dumme Geschwätz. Sollen sie doch reden. Tja, und das haben sie bei Dir damals auch immer gedacht: Lasst ihn doch reden. Den nimmt doch eh keiner ernst. Und das Schöne ist: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mach Du mal. Wir nehmen Dich einfach nicht ernst. Ist vielleicht auch besser so…