Aufgemerkt!

26. April 2010

TV-Tipps zu erteilen, mag inzwischen ein wenig verpönt sein, noch dazu wenn es sich um eine Talkshow handelt. Andererseits sind die meisten Quasselsendungen dieser Tage so ernüchternd langweilig und banal, dass es schon Erwähnung verdient, wenn man ein erfrischendes Gegenbeispiel ausmacht.

„Aufgemerkt – Pelzig unterhält sich“ ist genau so ein erfrischendes Gegenbeispiel. Frank-Markus Barwasser in seinem Alter Ego als grantelnder Durchschnittsfranke Pelzig zeigt hier, wie unterhaltsam und vergnüglich eine Talkshowsendung sein kann, wenn man den Gästen nur hartnäckig auf den Zahn fühlt. Dabei ist Pelzig kein respektloser Provokateur, sondern ein geradezu liebenswürdiger Jedermann mit spitzer Zunge und großem Herz. Ein scharfsinniger Schelm, der sich einen unverkrampften Blick auf seine Umwelt bewahrt hat und der mit seinen bissigen Kommentaren stets den Nagel auf den Kopf trifft. Seine vermeintlich harmlosen Fragen entlocken den Gästen dabei immer wieder bemerkenswerte Statements, wie man sie von ihnen (aus herkömmlichen) Talksendungen nicht gewohnt ist.

„Aufgemerkt“ ist eine zwar unkonventionelle, aber gerade deshalb umso amüsantere Talkshow mit Kabarett-Elementen, wie es sie heutzutage viel zu selten gibt. Ein bisschen anders, ein bisschen böse – aber in jedem Fall bemerkenswert. Nur leider viel zu selten auf dem Bildschirm - alle paar Wochen spät donnerstagabends in der ARD.

Die vermeintlich so gewöhnlichen Protagonisten unserer Liga entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als genau so virtuelle wie sonderbare Wesen. Der Beweis in Liga-Lehren, Teil 32:

Virtuelles
Virtuell heißt auf Proletarierdeutsch (sog. Poldisch) so viel “gibt’s nicht wirklich”, also etwas rangnickesker formuliert: Unwirklich, unreal, nur scheinbar. Woraus sich unmittelbar erklärt, weshalb man diese Saison bei der Hertha als lediglich virtuell begreift. Denn das alles kann nur übler Schein sein, ein böser Traum, aus dem man bald erwachen wird. Gestützt wird diese These auch durch das samstägliche Rencontre mit Schalke 04 (Rencontre ist übrigens Vonthurnuntaxisch für “Aufeinandertreffen”), offenbarten die beteiligten Personen doch unübersehbare Ähnlichkeiten zu ganz irrealen virtuellen Figuren. Man denke nur an Fabi Lustenberger, diese präpubertäre Mischung aus Rod und Todd Flanders. An Felix Magath, die endorphinfreie Reinkarnation eines in die Jahre gekommenen Mainzelmännchens. Oder an den inzwischen unbebashbaren Kevin Kuranyi, dem man mit etwas Fantasie durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zu Lucky Luke unterstellen könnte. Allesamt genau so surreal wie Herthas Hoffnungen auf den Klassenerhalt, die nach der virtuellen Tabelle bis kurz vor Schluss noch pseudoreale Berechtigung besaßen. Doch dann ballerte Heiko Westermann (so real wie eine deutsche Eiche) die Gastgeber zurück in die Wirklichkeit und bescherte uns die surreale Erkenntnis: Hertha 2010/2011 in der 1. Bundesliga – gibt’s nicht wirklich. Nicht mal virtuell.

Gewagtes
Felix Magath eine subtile Ähnlichkeit mit öffentlich-rechtlichen Werbemaskottchen zu attestieren, mag freilich eine gewagte These sein. Gewagt wirkte allerdings auch Magaths Prognose, Bayern würde aufgrund der Champions League-Belastung noch Punkte liegen lassen (Gerry Delling würde bei dieser Überleitung übrigens gleichsam feuchte Augen wie Hosen bekommen). Oftmals ist die Realität aber doch gnadenlos realer als jede Prophezeiung. So wissen wir nun nach Bayerns Auftritt in Gladbach, dass Magaths Vorhersage nicht gewagt war, sondern schlicht maßlos untertrieben. Denn wer für ein Einseins in Gladbach schon auf ein Kopfballtor des Langzeitsedativums Mimose angewiesen ist, der ist nicht übermüdet oder entkräftet, nein, der ist einfach total am Ende.

Absurdes
Jupp Heynckes gehört nun auch zu den eher surrealen Gestalten des deutschen Ligabetriebs. Verschwörungstheoretiker mutmaßen gar einen extraterrestrischen Ursprung. Was man bei den Ohrmuscheldimensionen eines Mr. Spock und einer Gesichtsfarbe wie der der Marsoberfläche auch irgendwie nachvollziehen kann. Ist aber eigentlich absurder Nonsens. Kann aber trotzdem stimmen. Denn dass Loverkusen in dieser Saison noch ein Heimspiel gewinnen würde, klang auch eher absurd. Stimmte aber trotzdem.

Nostalgisches
So ein Nostalgieflash ist ja eine ziemliche melancholische Angelegenheit. Da blickt man zurück auf die guten alten Zeiten, seufzt ein wenig und versinkt in bittersüßer Wehmut. So wie in diesen Tagen, da man sich unweigerlich wünscht, der gute alte Titan würde weiter mit gewohnter Testosteronüberdosierung durch Deutschlands Strafräume hüpfen. Dann gäbe es jetzt wenigstens Anknüpfungspunkte für Vulkanaschemetaphern. Von wegen: Vul-Kahn, brodelt, zischt bricht aus. Oder: Im einen steckt viel heiße Lava, im anderen ein cooler Lover – doch beide haben sie zu viel Asche. Tja, geht aber nun nicht mehr. Kahns allzu frühes Karriereende ist aber auch aus anderen Gründen noch immer höchst bedauerlich, fehlen unserer Liga seit dem doch die charismatisch-heißblütigen Torwartpersönlichkeiten, Stuttgarts alsbald emeritierenden Grummelgreis einmal ausgenommen. Manu und Rene wirken so lieb und putzig, dass sie selbst bei einsetzendem Bartwuchs noch glaubwürdige Hipp-Testimonials abgeben würden. Frank Rost, die fleischgewordene Übellaunigkeit, macht seinem Namen inzwischen auch alle Ehre (Lack ab). Und Bremens gut geröstetes Assitoastbrot ist zwar beileibe kein Spargel-Tarzan (”Spar Gel” wäre hier allerdings ein durchaus bedenkenswerter Ratschlag), taugt aber eben auch nicht als Kahn reloaded. Mit Thomas Kessler und Fabian Giefer durften diesmal aber gleich zwei junge Anwärter für Germany’s Next Top-Motzer vorspielen. Urteil: Starke Leistung. Beide haben alles, was haltbar war, gehalten. Und sind damit nicht zum neuen Kahn geeignet. Denn der war ja zumeist eher (höhö): Ungehalten.

Solidarisches
Um es einmal klar zu sagen: Bundesligaprofis verdienen unsere Hochachtung. Wer bei den pseudoinvestigativen Fragen des stammelstotternden Seitenlinien-Harry-Hirsch Rollo Fuhrmann Contenance bewahren kann, muss über wahrhaft übermenschliche Selbstbeherrschungskräfte verfügen. Dass Tim Borowski das Fuhrmann-Interview (Was äh war äh los? Was äh muss sich äh ändern?) mit einem kumpelhaften Klaps für Runzel-Rollo beendete, hatte allerdings eine ganz andere Erklärung: Solidarität! Denn Borowski wirkte auf dem Spielfeld zuletzt genauso unbeholfen wie Fuhrmann neben dem selbigen. Und für alle, die beim Anblick von Rollo Fuhrmann ein banges Déjà-Vu erfasst, haben wir hier noch die Erklärung:

Fuhrmann – Schiavelli – frappierend.

Ironisches
Unter Ironie versteht man gemeinhin ja eine Äußerung, in der zum Schein das Gegenteil des Gedachten behauptet wird. Funktioniert aber auch ohne jedwede Aussagelogik, allein durch inhaltliche Verknüpfung vollständig inkompatibler Begrifflichkeiten, z.B. Kneipentour mit Rangnick, Klose bei der WM oder Fußballtrainer Labbadia. Besonders schön ist Ironie aber, wenn man mit vermeintlich bitterbösen Missfallensbekundungen über die eigene Befindlichkeit hinwegtäuschen will. Siehe St. Pauli, wo die Fans nach dem 6:1 gegen Koblenz “Trainer raus” und “Wir haben die Schnauze voll” skandierten. Fand man in Bochum richtig super und machte man prompt nach. Dummerweise stümperte der VfL zeitgleich aber ziemlich vflesk rum. Können wir daher nicht als Ironie durchgehen lassen. Fällt unter Realfrustration. Ein bisschen Ironie besitzt man in Bochum aber trotzdem. Schließlich leistet man sich ja nun schon seit gut einem halben Jahr einen Trainer mit dem Namen: Herrlich.

Abschließendes
Ja, da gab’s ja noch das erste CL-Halbfinale mit Bayern-Beteiligung seit Abschaffung der Prohibition, bei dem sich die van-Gaal-Elf mit 1:0 eiskalt am 0:0-Wunschergebnis ihres Trainers vorbeiresultierte. Hätte aber noch schlimmer können, wenn Le Petit Fronck Lisandro Lopez nicht auf die Haxen gelatscht wäre. Immerhin konnte er aber so die gegen ihn erhobenen Vorwürfe öffentlichkeitswirksam entkräften. Soll noch einer mal sagen, Ribéry stünde auf junge Französinnen. Wenn er auf etwas steht, dann auf argentinischen Unterschenkeln. Seltsame Typen haben eben auch seltsame Vorlieben.

Elitäre Gewalt?

19. April 2010

Es scheint in diesen Tagen, als wollten die Enthüllungen über Missbrauchsfälle an deutschen Schulen kein Ende nehmen. Immer neue widerliche Details über perverse Vergewaltigungen und Quälereien werden offenbar und hinterlassen grundlegende Fragezeichen über das (Schul-)System an sich. Wie können ausgebildete Pädagogen zu solchen Gräueltaten im Stande sein? Weshalb blieben die grausamen Taten solange im Verborgenen? Und nicht zuletzt die vielleicht schwerwiegendste Frage: Wie viele Verbrechen an deutschen Schulen sind bislang noch unentdeckt?

Man kann nur hoffen, dass all diese Fragestellungen durch eine schonungslose Aufklärung einer umfassenden Beantwortung zugeführt werden. Doch schon jetzt liegen bestimmte Rückschlüsse nahe: So ist doch zumindest bemerkenswert, dass gerade an sogenannten Eliteschulen eine Häufung an Misshandlungen jüngerer Schüler zu verzeichnen ist. Also gerade an den Bildungseinrichtungen, die zumindest in der Vergangenheit auf Disziplin und Drill besonderen Wert gelegt haben. Es ginge gewiss zu weit, die schulische Grundkonzeption quasi monokausal als Erklärung für das eigentlich Unerklärliche heranziehen zu wollen.

Und doch drängt sich der Verdacht auf, als seien die hierarchischen Strukturen zumindest ein guter Nährboden für lakonischen Machtmissbrauch, herabwürdigende Rituale und sexuelle Erniedrigung. Denn wo Befehl und Gehorsam eingeübt werden, kann die Achtung vor der menschlichen Würde schnell in Vergessenheit geraten. Respekt und Empathie weichen dann rasch Dominanz und Herrschsucht. Die Parallele zu den unlängst publik gewordenen Missbrauchsfällen in der Bundeswehr liegt dabei sehr nahe.

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort auf die Fragen also in der grundlegenden Struktur von Befehl und Gehorsam, wie sie in ausgeprägter Form an bestimmten Elitegymnasien zu beobachten war und z.T. immer noch ist. Das besondere Gewaltverhältnis, pendelnd zwischen strenger Unterordnung und devoter Unterwürfigkeit, birgt zweifelsohne eine gewisse Versuchung zum Machtmissbrauch in sich. Und gleichwohl entbindet dieser Befund die Täter nicht von ihrer individuellen Schuld. Im Gegenteil. Die latente Anfälligkeit des Systems bürdet den Pädagogen eine zusätzliche Verantwortung auf, eine Pflicht zur Mäßigung und zur Besinnung auf die natürlichen Respektsgrenzen.

So sehr man aber auch strukturelle Defizite als Ursache der Martyrien ausmachen will, so sehr versagt dieser Ansatz doch, wenn es darum geht, die abartigen sexuellen Übergriffe von Lehrern auf Schüler begreifbar zu machen. Diese bleiben weiterhin unerklärlich, vor allem aber unentschuldbar.