Zur Lage der Nation

31. Mai 2010

Es ist zum Jammern, das Elend nimmt einfach kein Ende: Eyjafjallajökull, Deep Water Horizon, Guido Westerwelle – überall nur brodelnde Schlammlöcher, gegen die die Menschheit absolut machtlos ist. Vor allem Gift-Guido, die unaufhörlich Laber speiende Kraterlandschaft der Liberalen, hinterlässt ein immer bedrohlicher scheinendes Bild der Verwüstung. Ein erbärmliches Abbild der Verzweiflung, das Verzweiflung schafft und ratlos macht: Wie ist dieser Vulkan nur zu stoppen? Selbst Parteifreunde sind mit dieser Frage überfordert. Im moralgeschwängerten Westerwelle-Staccato haut der anmutige Außenminister nahezu pausenlos selbstindoktrinierte Politfloskeln raus, desillusionierte Durchhalteparolen irgendwo zwischen resignierter Selbstverteidigung und panischem Scheinangriff, die der Öffentlichkeit nur eines signalisieren sollen: Wir leben noch, doch vielleicht nicht mehr lange. So oder so ähnlich lautet das derzeitige Credo der einstigen 18%-Partei, die nunmehr auf Augenhöhe mit der Linken agiert. Und gleichwohl hinterlassen Guidos Verbalscharaden bei ihren Zuhörern derzeit nur eine Frage: Wann hört er endlich auf?

Immerhin, Hessens charismatischer Gute-Laune-Präsident Rolle Koch hat eben diese Frage nun zur allgemeinen Zufriedenheit beantwortet: Bald, sehr bald. Ja, Roland Koch geht. Denn ein Roland Koch ist zu Höherem geboren als nur zum Ministerpräsidenten eines deutschen Provinzländchens. Ein Roland Koch gehört in die Vorstandsetage eines Weltkonzerns, wo er mit wirtschaftlichem Know-How, vor allem aber mit sozialem Einfühlungsvermögen und menschlichem Feinsinn seinen Teil dazu beitragen kann, dass diese Welt ein bisschen besser wird. Danke, Roland!

Und als wäre das nicht schon schön genug, hat nun auch kuschelweiches Staatsoberhaupt den Lafo gemacht. „Keinen Bock mehr! Mir reicht’s! Ihr könnt mich mal! Ich hau‘ ab!“ Unser Horst will nicht mehr. Weil ihn keiner mehr mag. Weil man keinen Respekt mehr vor seinem Amt habe. Kurz: Weil er die Schnauze voll hat und keine weitere Sekunde mehr in diesem Sauhaufen rumpräsidieren will. Kennt man begründungstechnisch so nur von schmollenden Klassensprechern, die sich mit ihren Mitschülern verkracht haben und trotzig die Brocken hinwerfen. Oder eben von einem ehemaligen Finanzminister. Und damit ist Köhlers Rücktritt zwar ziemlich jämmerlich, aber immerhin doch oskarreif. In dem Sinne: Gute Nacht, Deutschland. Oder: Guten Morgen. Wie man’s nimmt…

Machen wir uns nicht vor: Für den Umgang mit Niederlagen gibt es – bei allen denkbaren Nuancen – im Wesentlichen nur zwei, sich diametral gegenüberstehende Grundmuster. Entweder frei nach Effenberg den schmallippigen Rückzug antreten und die eigene Misslaune nicht verhehlen. Oder sich in Bewerbung um den nächsten Fair Play-Preis dem Unumkehrbaren stellen, die Leistung des Gegners anerkennen und womöglich noch das Positive im Misserfolg zu finden versuchen.

Ich selbst habe für mich entschieden, möglichst immer den zweiten Weg zu gehen. Vielleicht weil ich insgeheim doch auf einen Fair Play-Preis spekuliere, vielleicht weil mir meine gute Kinderstube das zu befehlen scheint, wahrscheinlich aber weil ich glaube, so die schmerzhafte Enttäuschung besser verarbeiten zu können. Ich gebe aber zu, manchmal will es mir dann doch nicht gelingen, den Prototyp des guten Verlierers zu mimen. Gerade unglückliche und vermeidbare Niederlagen aktivieren mein Frustzentrum derart stark, dass für wohlwollende und –abgewogene Analysen die emotionale Kraft fehlt.

So schwer es für mich also zuweilen auch ist, die Überlegenheit des Gegners festzustellen und das Gute im Schlechten zu finden, so leicht fällt es mir doch, mich nach der Champions League- Niederlage in mein Schicksal zu fügen und die Fakten anzuerkennen. Denn der Sieg der Interista war verdient. Um dies zu erkennen, brauche ich weder statistischen Zahlen noch ausschweifende Expertenanalysen. Das sagt mir schon mein Gefühl. Denn als Fan entwickelt man im Laufe der Jahre eine gute Antenne für die Befindlichkeit der eigenen Mannschaft und den sich abzeichnenden Ausgang des Spiels, wenngleich – und das ist nun wieder das Schöne am Fußball – eben dieses Bauchgefühl dann und wann auch trügen kann.

Doch während der 90 Minuten von Madrid hatte ich niemals so recht das Gespür, dass dieser Abend ein erfolgreiches Ende würde finden können. 90 Minuten “das wird heute nix” – ein bisschen mangels bayrischer Form, vor allem aufgrund der beeindruckenden Klasse der Mourinho-Elf. Und eben diese Klasse kann man nicht an statistischen Daten festmachen, man spürt sie einfach bei der Beobachtung des Spiels. Genau deshalb bleibt mir nur ein respektvolles “Chapeau, Inter!”.

Und trotzdem habe ich ein wenig gehadert und mich kurz gefragt, ob dieser 22. Mai nicht vielleicht doch der richtige Tag sei, um den Effenberg aus sich herauszukehren und auf alle Lorbeeren des guten Verlierers zu verzichten. Müllers vergebene Großchance und der Gedanke, die einmalige Gelegenheit eines Triples ungenutzt gelassen zu haben, ließen in der Tat den Wunsch nach frustriertem Schmollen aufkommen. Letztlich besann ich mich dann doch recht schnell darauf, alles doch besser distanziert-positiv zu betrachten.

Dabei hatte der Gedanke an eine herausragende, mit Double und CL-Finaleinzug gekrönte Saison natürlich etwas Tröstliches. Vor allem aber war es die Erkenntnis, dass ein Gewinn der Champions League zu diesem Zeitpunkt wohl noch etwas zu früh gekommen wäre, die mich milde stimmte. Und ja, es klingt ein wenig danach, als wolle man sich einen Haufen Scheiße zu Schokopudding schönreden. Und, ja verloren ist verloren, der Unterlegene ist für mich nicht der zweite Sieger, sondern der erste Verlierer. Aber nein, dieser Niederlage kann man wirklich etwas Gutes abgewinnen. Die Bayern befinden sich unter van Gaal in einer Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen sein dürfte. Ein Sieg im CL-Finale, der die Mannschaft zur besten Europas gekürt hätte, hätte den (falschen) Eindruck vermitteln können, als sei van Gaals Truppe bereits ein fertiges Team ohne echte Baustellen.

Nach dem 0:2 gegen Inter wissen wir aber nun alle, dass – gerade im Defensivbereich – noch Verbesserungsbedarf besteht. Die Bayern 2010 sind eine beeindruckende und international schlagkräftige Truppe, die sich aber gleichwohl noch steigern kann. Und das macht Hoffnung – Hoffnung, die die Niederlage vom Samstag nicht gar so schmerzlich erscheinen lässt.

Ich drücke es mal vorsichtig aus: Ich bin irritiert! Als eingefleischter Bayern-Fan bin ich es gewöhnt, dass meine Leidenschaft für den selbstbewussten Fußballclub aus München in meinem (rheinischen) Umfeld mit Naserümpfen goutiert wird. Hohn, Unverständnis und unverhohlene Verachtung sind so etwas wie die naturgegebene Reaktionstrias, welche das Bayern-Fan-Dasein in der anders veranlagten Fußballwelt auszulösen pflegt. Umso mehr irritiert es mich nun also, dass in der jüngeren Vergangenheit einige Fußballfreunde, denen der FCB bis dato immer ein quälender Dorn im Auge war, inzwischen eine subtile Sympathie für meinen Herz-und-Magen-Club empfinden.

Ich denke dabei auch, aber nicht allein, an den allseits bekannten SPOX-User gidmet (Name geändert), der als passionierter Effzeh-Anhänger an sich so gar nichts für meine Bayern übrig hatte, nunmehr aber dazu übergeht, den neuen FCB bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu loben. Das Management, die Vereinsführung, der Trainer, die Mannschaft, all das passe so wunderbar zusammen und füge sich zu einem Gesamtbild, welches man nur ehrfurchtsvoll bestaunen könne. Und wenn gidmet so seiner Bewunderung Ausdruck verleiht (in Wirklichkeit ist sein Sprachstil aber weitaus elliptischer, dafür allerdings auch emotionaler), dann wird man den Eindruck nicht los, als mische sich in diese erfolgsbedingte Ehrfurcht ein zarter Hauch von Zuneigung.

Wohlgemerkt ein zarter Hauch, vielleicht auch nur ein laues Lüftchen. Doch bereits die leiseste Andeutung beginnenden Wohlwollens lässt einen als Bayern-Fan aufschrecken. Sie weckt nicht nur Argwohn, sondern erschüttert gleichermaßen auch die eigene Definitionsgrundlage. Schließlich wird die allgegenwärtige Ablehnung, die man als Bayern-Fan in diesem Lande erlebt, irgendwann zu einem zweiten Motor des Faibles für den wohl am stärksten polarisierenden Sportverein dieses Landes. Soziologisch würde man wohl von Identifikation durch Termination sprechen. Oder sagen wir es so: Bei Übervölkerung einer sozialen Nische verliert die eigene Identität in Ermangelung eines repressiven Milieus an Bedeutung. Klingt toll, heißt im Endeffekt aber nicht anderes als dass wir uns vor allem durch das definieren, was wir nicht sind. Und wenn wir alle gleich sind, ist jeder einzelne nichts. Oder so ähnlich.

Das kluge Sprüchlein mit der Nische und dem Milieu habe ich mir natürlich nicht selbst einfallen lassen. Es handelt sich hierbei vielmehr um ein Zitat einer achtjährigen US-Amerikanerin aus dem Städtchen Springfield. Ihr Name ist Lisa Simpson und sie versucht auf diesem Wege, ihrem älteren Bruder Bart zu erklären, weshalb er so schlecht damit zurecht kommt, dass alle Welt seine “Ich tu, wonach mir ist”-Haltung zu adaptieren versucht.

Natürlich ginge es zu weit, in jedem Bayern-Fan einen Bart Simpson sehen zu wollen (wenngleich dies sowohl Comic als auch Komik hätte). Ein Bart Simpson definiert sich selbst als Rebell, der die Auflehnung gegen gesellschaftliche Konventionen zum persönlichen Leitmotiv erhoben hat. Dem Bayern-Fan hingegen unterstellt man gemeinhin das exakte Gegenteil. Er mache es sich leicht, gehe mit dem Strom und wolle als Erfolgsfan die Widrigkeiten des Fan-Daseins möglichst umgehen. Ich selbst schwanke übrigens noch immer, ob ich diesem Klischee weiter entgegen treten soll oder ob es nicht doch klüger ist, diesen Stereotyp zu kultivieren und ganz provokativ zur eigenen Bequemlichkeit zu stehen. So oder so, als Bayern-Fan ist man selbstverständlich kein Rebell. Aber man teilt mit Bart Simpson immerhin doch die Angewohnheit, den gesellschaftlichen Widerspruch als individuelle Antriebskraft für sich fruchtbar zu machen. Fällt diese soziale Missachtung aber plötzlich weg, so gerät man leicht in eine persönliche Identitätskrise.

Nun, ich gebe zu, von einer Identitätskrise bin ich als Bayern-Fan denn zum Glück doch noch ein großes Stück entfernt. Nach rund einem Vierteljahrhundert Fan-Sein ist die Zuneigung zum eigenen Verein so tief verwurzelt, dass man eben nicht mehr auf gesellschaftliche Diskreditierung angewiesen ist, um sich in seiner Anhängerschaft bestärkt zu fühlen. Und dennoch, so schön ich es auch finde, dass in diesen Tagen immer mehr Fans anderer Verein ganz gidmetesk ihre für den FCB offenbaren, so sehr weckt dies auch mein Misstrauen so sehr hoffe ich doch, dass dieser Spuk irgendwann sein Ende hat.

Für alle Nicht-Bayern-Fans, denen diese schrullige Fan-Psychologie etwas zu krude ist, verweise ich auf das Beispiel der letzten Fußball-Weltmeisterschaft. Denn da fanden wir das ja auch ganz toll, dass sich plötzlich das gesamte Land für Fußball begeistern konnte. Aber wir waren eben dann auch froh, als sich der ganze Hype nach dem Turnier wieder gelegt hatte und sich die Event-Fans wieder auf andere Dinge konzentrierten. So ähnlich empfinde ich das auch in diesen Tagen: Ein paar Wochen Bayern-Fieber in Deutschland finde ich ziemlich großartig, aber irgendwann darf und muss damit auch wieder Schluss sein.

Bliebe eigentlich nur noch die Frage, wieso Bayern plötzlich so in ist. Da könnte man natürlich auf die wirklich sehr ansehnliche Spielweise verweisen oder eben auf den Einzug ins Champions-League-Finale, bei dem man eben als Deutscher ganz patriotisch auch einmal mit den sonst nicht sonderlich gut gelittenen Bayern hält. Ich selbst habe aber eine andere Antwort parat: Louis van Gaal! In einer Zeit, da es von aalglatten Konformisten nur so wimmelt, sehnen wir uns eben nach bizarren, kauzigen und verschrobenen Persönlichkeiten, nach echten Typen mit Ecken und Kanten, die eben anders sind als Ich und Du. Und ob man van Gaals familiär-dominanten Habitus nun mag oder nicht, an einer Erkenntnis kommt man sicher nicht vorbei: Er ist ein echter Typ! Und irgendwie hat er den FCB noch interessanter und vielleicht sogar noch populärer gemacht, als er es bislang schon war.

Ach ja, eines noch: Normalerweise hoffe ich bei der Veröffentlichung meiner Blogs auf Zustimmung und Anerkennung (glaubt diesen jovialen Mist von wegen Dankbarkeit für konstruktive Kritik nicht – ein Autor will immer nur eins: Zuspruch). Diesmal aber wäre ich für Widerspruch äußerst dankbar. Denn so Sätze wie “Ich kann die Bayern noch immer nicht ab” oder “Ihr Bayern-Fans seid so überheblich, dass ihr jetzt sogar glaubt, man würde euch mögen” würden mich sehr sehr glücklich machen. Und den Bart Simpson in mir erst recht.