Von wegen buntes Fußballfest zum Rumtröten und Mitjubeln. In Wirklichkeit steckt sehr viel mehr hinter dieser WM, nämlich eine Menge Physik, ein bisschen Germanistik und sogar die Mafia:

Physik
4:1! Gegen England! Ein Spiel, das dem deutschen Fußball-Fan so viel Befriedigung verschaffte wie Werner Lorant eine Nacht in einer Tabakplantage oder Schnacksel-Franz eine Weihnachtsfeier im Juli. Als Gipfel der germanischen Genugtuung haben wir die Zeugen Linekers aber diesmal endlich auch mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Erst das urbritische Kick & Rush-Goal mit einem unaufhaltsamen Miro (Too Klose to fall) und dann das langersehnte Wembley revers reloaded. Erste GPS-Messungen haben ergeben, dass Lampards Ball weit hinter der südafrikanisch-botswanischen Grenzen gelandet ist. Doch wir geben fröhlich den Anti-Lübke und stellen ganz undiplomatisch fest: “Wir haben’s genau gesehen: Der Ball war nicht drin!” Die Torlinie war aber auch seltsam schief gezogen. Zudem sollte man nicht vergessen, dass wir uns ja auf der anderen Seite des äquators befinden, wo die Gesetze der Physik eben andere sind als hierzulande. So hat die umgekehrt wirkende Corioliskraft zweifelsohne eine optische Täuschung verursacht, die physikalische Laien glauben ließ, das Spielgerät habe die Torlinie möglicherweise überschritten. Wir als wissenschaftlich geschulte Beobachter wissen dagegen: Alles Illusion. Der Ball war nicht einmal im Fünfmeterraum.

Cosa nostra
Während Lampards Schuss die Wissenschaft also noch auf Jahre beschäftigen dürfte, brauchen wir über Argentiniens Abseitstor nicht lange zu debattieren. Denn Tevez stand bei seinem Treffer so nah an der gegnerischen Torlinie wie kein Franzose während der gesamten Weltmeisterschaft. Das hat das italienische Schirigespann natürlich auch gesehen – allerdings erst nach Betrachtung der Wiederholung auf der Videowall. Und da ist nach den FIFA-Statuten eine Korrektur bekanntlich nicht mehr möglich. Ein Verstoß hätte für Rosetti & Co. die im Weltverband übliche Sanktion nach sich gezogen: Ein Jahr lang Unkraut jäten in Sepp Blatters Schrebergarten. Apropos Mafia: Vielleicht ist der italienische Referee auch nur dem landesüblichen Grundsatz gefolgt: Wenn die Kugel im Ziel landet, darf man dem Schützen die verdiente Belohnung nicht verweigern.

Miro
Unserem unumstrittenen Chefstürmer Klose eilt nun schon seit Jahrzehnten der zweifelhafte Ruf eines Leistungsspektrums zwischen Weltklasse und Kreisliga voraus. Auch intellektuell wurde er diesem Stigma zuletzt wieder absolut gerecht. So nutzte er die PK-Frage nach der Freizeitgestaltung zu einer ungeahnten Comedy-Einlage und witzelte drauf los, dass sich selbst die Kanzlerin vor Amüsement die Mundwinkel in die Horizontale gegrinst hätte. Denn mangels mitgereister Ehefrau müsse er ja anderweitig kuscheln. Mit dem Harry Stenger zum Beispiel. Aber da könne er sich schon Schöneres vorstellen. Hach, wie drollig. Und vor allem wie geistreich. Hätte man bei dem vorangegangenen Statement nicht für möglich gehalten: “Wir haben uns natürlich gefragt, ob die englische Mannschaft besser ist wie die Spieler, wo in England spielen.” Klingt wie eine persönliche Kriegserklärung an jeden Germanisten, ist aber Klose pur. Und der spielt doch allemal besser wie die, wo zu Hause geblieben sind.

Posch!
Für langwierige Debatten sorgt während der WM vor allem die Frage nach dem übelsten ärgernis dieser Tage. Während die einen in den blökenden Alphörnern Südafrikas das unübertreffliche Elend sehen und sich die anderen auf die kartenwütigen Schiedsrichter fokussieren, haben wir einen alten Bekannten als ultimativen WM-GAU ausgemacht. Und zwar einen 59jährigen Ex-Leichtathleten, der mit Fußball rein gar nichts zu tun hat. Genau: Poschi Poschmann (Code-Name Posch Greis), die öffentlich-rechtliche Bindehautentzündung mit der Lizenz zum Wegschauen. Für gewöhnlich brilliert ja Poschi, der auch bei harmlosesten Rückpässen die Stimme so spannungsgeladen oszillieren kann, als würde der eigene Magen-Darm-Trakt zur finalen Gewinnausschüttung ansetzen, mit der beneidenswerten Gabe, Spielernamen nach einem mysteriösen Random-System auszuwählen. Diesmal aber gelang ihm eine geradezu verzückend feine Stilblüte, wie wir sie dem Mainzer Scheinkommentator in dieser unscheinbaren Schlichtheit gar nicht zugetraut hätten. Denn als Brasiliens Lucio Crissi Ronaldo sanft in die Adduktoren grätschte, kommentierte Posch Greis die anschließende Beschwichtigungsgeste des Brasilianers mit einem subtilen “Da entschuldigt er sich, dass er ihn nur leicht getroffen hat!”. Richtig, denn eigentlich wollte er ihm ganz gepflegt die Kniescheibe perforieren. Hat aber leider nicht geklappt. übrigens, Poschi: Sorry, dass wir dich jetzt nur ein kleines bisschen durchgebasht haben. An sich wollten wir dich ja nach allen Regeln der Kunst auseinandernehmen. Naja, dann eben beim nächsten Mal.

Heiligtum
Sollte es noch irgendwelche Zweifel an der Vormachtstellung des Fußballs gegeben haben, so dürften diese spätestens seit Sonntag der Vergangenheit angehören. Denn König Fußball verdrängte ein nationales Heiligtum in die mediale Bedeutungslosigkeit. Statt der an sich an den Sonntagabend festzementierten Lindenstraße sendete die ARD – aus aktuellem Anlass – das Alkoholische Quartett mit Weißbier-Waldi in seiner Paraderolle als sprechendem überdruck-Fass. Die Nation will eben wissen, was ultimative Fußball-Experten wie Box-Birne Uli Wegener oder Travestie-Star Matze Knop zur Schlacht von Blomfontein zu sagen haben. Manch argloser Zuschauer, der lindenstraßenlüstern die ARD einschaltete, dürfte die Programmänderung aber gar nicht bemerkt haben. Na gut, Mutter Beimer wirkte ein wenig aufgedunsen und ihre neue Haartönung war etwas ungewohnt. Auch Erich Schiller war schon mal besser rasiert. Aber dass die Stammtischrunde vom Akropolis in den Biergarten umzieht, soll ja schon mal vorkommen.

Raus
Einer muss noch raus: Die USA sind raus und jetzt ist erstmal Wunden lecken angesagt. Zum Glück aber waren ja Billyboy Clinton und Zungenakrobat Jagger auf der Tribüne. Und wenn sich jemand mit Lecken (passiv und aktiv) auskennt, dann doch wohl die beiden. Und wo’s jetzt eh nicht mehr drauf ankommt: Wieso werden die Brasilianer gegen Holland keine Chance haben? Weil sie nur einen kleinen Robben haben. Oder wie sie sagen: Robinho.

Qual der Wahl
Da ist sie nun, die große unerträgliche Leere des Nichts: Zwei spielfreie WM-Tage, eine erste Andeutung des Grauens, das uns in knapp zwei Wochen erwartet. Doch zum Glück gibt es ja die technisch anspruchsvolle Bundespräsidentenwahl, die uns ein wenig vom fußballfreien Nirvana abzulenken vermag. Wir entscheiden uns übrigens für den Kandidaten mit dem besseren Ballgefühl und dem versierteren Stellungsspiel, der rechts wie links kann. Oder eben Kaiser Franz. In dem Sinne: Schau’ mer mal!

Friedman reloaded

28. Juni 2010

Westerwelle schweigt – für den Beobachter des politischen Berlins gleichsam überraschend wie erfrischend. Der Bundesaußenminister scheint sich in diesen Tagen Zurückhaltung verordnet zu haben und tut gut daran, dem auch weiter zu folgen. Womöglich ist es dafür aber bereits zu spät. In der eigenen Partei rumort es, der Unmut wird größer und die Ablösung des FDP-Vorsitzenden scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Es bleibt die Frage nach den Ursachen. Wieso hat der einst so populäre Westerwelle in der Gunst der Wähler wie der eigenen Parteisoldaten derart gelitten? Die gängige Erklärung nimmt seine Doppelrolle als Außen- und Innenpolitiker in Bezug. Man könne eben nicht gleichzeitig außenpolitischer Versöhner und innenpolitischer Provokateur sein. Das stimmt. Und dennoch ist der Casus Westerwelle vor allen Dingen ein Scheitern an den selbst gesetzten Ansprüchen. In geradezu beispielloser Art und Weise gefiel sich Westerwelle in der Rolle des moralischen Mahners und unerschrockenen Hüters von politischer Kultur und staatsbürgerlichem Anstand. Wie kein Zweiter ging er auf die vermeintlich so unfähige Regierung los und beschwor, es selbst alles viel besser zu können. Und nun zeigt sich der abgrundtiefe Krater zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Westerwelle und der FDP ist es nicht gelungen, die lauthals proklamierten Ziele (allen voran die ach so unumgängliche Steuersenkungen) in die Tat umzusetzen. Und die sehnsüchtig erwartete Wunschkoalition versinkt im Chaos, trotz oder eben wegen Westerwelle.

Es kann daher nicht verwundern, dass dem FDP-Vorsitzenden derzeit eine große Portion Häme entgegengebracht wird. Wer den moralischen Zeigefinger erhebt, um später dann hilflos die Arme in die Luft zu recken, muss genau damit leben können. Insofern erlebt Westerwelle in diesen Tagen nur das, was vor wenigen Jahren schon Michel Friedman widerfahren ist. Denn wer auf all zu hohem Rosse reitet, fällt irgendwann auch einmal sehr tief.

WMotionen III. Diesmal mit manuellen Erkenntnissen, bezahlten Rechnungen, überlieferten Traditionen und der üblichen Prise Kulturkunde:

La culture francaise
Auch wenn uns das französische Temperament wohl ein ewiges Mysterium bleiben wird, so haben wir durch die letzte Weltmeisterschaft doch zumindest eines gelernt: Der Franzose an sich reagiert auf die Behauptung, Abkömmling einer professionellen Liebesdienerin zu sein, mit einem unmissverständlichen Frontalangriff. Frei nach dem Motto: Wenn man den Franzosen vor den Kopf stößt, stößt er mit selbigem zurück – und schickt einen auf die Materazzi. Bedauerlicherweise wurde jene bahnbrechende Erkenntnis über französische Lebensart dieser Tage wieder auf den Haufen geworfen. Denn Raymond Domenech, als genetische Kreuzung aus Pierre Brice und Gilbert Becaud ja so etwas wie der Bilderbuch-Franzose, beantwortete die von Nicolas Anelka aufgestellte Abstammungsvermutung samt Aufforderung zur Rektalpenetration (ab jetzt deshalb nur noch: Analka) eben nicht mit dem landesüblichen Tête-à-Tête sondern mit einer großzügigen Rückreise-Erlaubnis. Das Publikwerden des Kabineneklats veranlasste die Équipe triste-colore übrigens zu einem (v)erbitterten Trainingsstreik. Womit als Fazit bleibt: Die Franzosen haben ihre Trainingsleistungen im Spiel bestätigen können. Einzig und allein ein Verdienst von Monsieur Domenech. Bien fait, Raymond!

Devot
Apropos Raymond und französische Lebensart. Für großes Aufsehen sorgte der französische Ex-/Noch-/Nie-so-richtig-Nationaltrainer, als er nach dem Abpfiff des Südafrika-Matches seinem Kollegen Parreira den fälligen Handschlag verweigerte. Was nach einer unentschuldbaren Respektlosigkeit aussah, war jedoch in Wirklichkeit eine geradezu liebevolle Geste tiefempfundener Ehrfurcht. Schließlich gilt die Verweigerung des Handschlags in Frankreich als Ausdruck persönlicher Hochachtung. Ja, wenn der Franzose das obligatorische Shakehands ausschlägt, ist das genauso freundschaftlich devot gemeint, als wenn der Deutsche den eigenen Landsleuten zur Demonstration unverbrüchlicher Verbundenheit den ausgestreckten Mittelfinger zeigt. Oder wenn der Holländer seinem Nachbarn in ekstatischer Zuneigung Speicheldrüsensekret in die Haarpracht injiziert. Andere Länder – andere Sitten.

Handliches
Unumstrittener Topstar dieser Weltmeisterschaft ist und bleibt… Diego Maradonna, die vollbärtige Chauvinisten-Kugel mit dem sympathischen Habitus eines ausgebrannten Vorstadtzuhälters. Mara-Bomba hat es nicht nur geschafft, seine Gauchos trotz vollständiger Ignoranz der Gesetzmäßigkeiten des modernen Fußballs taktisch perfekt einzustellen. Nein, sein Geist scheint inzwischen auch Fußballer anderer südamerikanischer Staaten zu befruchten. So erinnerte Luis Fabianos handlich-praktische Vorbereitung seines Tores gegen die Elfenbeinküste unweigerlich an den legendären Auftritt des selbst ernannten Diego(tt) anno 1986. Die anschließende Aufregung über die vermeintlich so boshafte List können wir allerdings nicht teilen. Denn bei all dem unwürdigen Gekicke, das uns bei dieser WM geboten wurde, sollten wir doch über jede Aktion froh sein, die Hand und Fuß besitzt. Und vielleicht wollte Fabiano nur an”hand” des Jabulanis beispielhaft das Dilemma Afrikas illustrieren. Für beide gilt schließlich: Arm dran. Letztlich aber wäre es geradezu bigott, würden wir uns über Fabianos Handarbeit ereifern. Denn immerhin lautet das Motto dieser Reihe ja: Alles und jeden auf den Arm nehmen – wieso also nicht auch mal den Ball?

Mentalität
Zum legendären Dogma des nicht minder legendären Günter Netzer (Delling hab ihn selig) gehört es, dass man an der Spielweise einer Nationalmannschaft Kultur und Mentalität des jeweiligen Landes ablesen könne. Klingt gut, ist aber absurd. So agieren die vermeintlich so heißblütigen Italiener mal wieder wie ein Eskimo in der Winterstarre. Die Holländer wirken derweil auch nicht gerade wie im Rausch. Und die Engländer spielten eine Halbzeit lang sogar ganz manierlich. Ja und selbst das sonst so prinzipientreue Nordkorea hat sich beim 0:7 gegen Portugal an der lang erprobten Staatsräson “Wir lassen keinen rein” versündigt. Womit Netzers These als Hirngespinst entlarvt wäre – wie immer nicht gerade in-delling-ent.

Tradition
Zumindest die deutsche Nationalmannschaft konnte aber einem Kontrapunkt zur allgemeinen Kulturverdrossenheit setzen und brillierte mit einem quälend-schwerfälligen Arbeitssieg, wie er so schon von unserem Grundgesetz vorgegeben wird. Jogis Jungs bewiesen jedoch nicht nur Fleiß und Verfassungstreue, sondern auch einen ausgeprägten Sinn für political correctness. Denn nicht nur dass die erfolgreiche Zusammenarbeit Müller/özil beispielhaft für die gelungene Integration stand, auch die insgesamt eher durchwachsene Leistung machte der ganzen Welt klar, dass wir hierzulande eben nur auf gemäßigte Kräfte setzen. Dass die deutsche Mannschaft darauf verzichtete, sich in den Schlussminuten noch einen Treffer einzufangen, um so den vermeintlich schweren Gegnern aus dem Weg zu gehen, hatte mit Politik hingegen nichts zu tun. Das lag schlicht an unserem unerschütterlichen Traditionsbewusstsein. Denn England werden wir wie üblich locker und leicht aus dem Turnier kegeln – im Elfmeterschießen. Das steht zwar nicht im Grundgesetz – aber in der Bibel.

Gekauft
Korrekterweise sollte man jedoch anmerken, dass auch die Italiener ihrem Nationalmotto treu geblieben sind. So kündigte Italiens Reformminister Bossi vor dem Slowakei-Match an, man werde sich schon ins Achtelfinale kaufen, mithin auf altbewährte Art und Weise die Vorrunde überstehen. Wieso das Modell Berlusconi diesmal nicht funktionierte, wissen wir nicht, ist uns aber auch mortadella. In euphorischer Verzückung kalauern wir lieber beschwingt vor uns her: Italien versucht es mit billigen Tricks, aber die Slowakei hat sich (zu) teuer verkauft. Die italienische Abwehr schwimmt – aber eben nicht im Geld. Oder: Die Slowaken bestachen zwar durch Einsatz – waren aber doch nicht bestechlich. Hach, so ein italienisches Vorrundenaus ist einfach nicht in Geld zu bezahlen.

Bye Bye
Das größte ärgernis dieser Tage sind aber zweifelsohne die Schiedsrichter, die zwar mitunter viel pfeifen, von Tuten und Blasen aber gleichwohl keine Ahnung haben. So sah es jedenfalls auch Nati-Trainer Hitzfeld, der die untalentierten (Un-)Parteiischen lieber am Strand pfeifen sehen würde. Und damit hat er natürlich wie immer Recht. Bei einer Weltmeisterschaft sollten nur die Leute zum Zuge kommen, die ihr Metier beherrschen. Allerdings müsste man diesen Grundsatz dann bitte auch konsequent zu Ende denken. Was denn zur Folge hätte, dass dies wohl die letzte WM war für die Herren Poschmann, Wark, Beckmann, Simon und von Thurn und Taxis. Hart, aber konsequent. Die WMotionen bleiben übrigens dennoch weiter am Ball…