Merkels Ex

26. Juli 2010

Althaus, Oettinger, Koch, Wulff, Rüttgers, von Beust – klingt wie die Ersatzbank der deutschen Fußballnationalmannschaft Ü50, ist aber lediglich die Liste von Merkels Ex. Allesamt sind sie vor der eisernen Kanzler-Lady geflüchtet – oder eben geflüchtet worden.

Dabei sind die Motive für die Rückzüge durchaus unterschiedlich: Die einen haben keinen Bock mehr, die anderen sind es einfach leid und wieder andere haben schlicht die Faxen dicke. Ob weggelobt, abgewählt oder hingeschmissen, es bleibt die nüchterne Bilanz: Die CDU weist einen beispiellosen Verschleiß an Ministerpräsidenten auf. Dabei wird man das (un)gute Gefühl nicht los, als habe diese Abnutzungserscheinung auch und vor allen mit unserer Bundeskanzlerin zu tun. Und hierbei geht es weniger um das altbekannte Phänomen, dass Landespolitiker für die Fehler der Kollegen in Berlin abgestraft würden. Nein, es erscheint vielmehr so, als sei ein CDU-Ministerpräsidentenamt in der Kanzlerschaft Merkel ein geradezu frustrierender, weil perspektivloser Posten, den man besser jetzt als später loswerden möchte. Die Rücktritte Koch und von Beust sprechen Bände. Aber auch Jürgen Rüttgers, der nicht den Eindruck erweckte, als wolle er mit aller Macht um sein Amt kämpfen, steht beispielhaft für die Amtsmüdigkeit innerhalb der Union.

Längst weiß man, dass Angela Merkel keine starken Persönlichkeiten um sich duldet. Die Kanzlerin, die die CDU sukzessive zur Ein-Frau-Partei gemacht hat, fährt weiter den Kurs der Bequemlichkeit. Eine Strategie, in der unbequeme Geister keine Chance haben. Probleme werden in Kohl’scher Tradition ausgesessen, Loyalität geht vor Kompetenz, schwierige Sachfragen werden hinten angestellt, wenn es dem persönlichen Machterhalt dienlich ist. So oder so ähnlich lässt sich das Klima beschreiben, welches die Bundeskanzlerin der politischen Republik und damit vor allen der eigenen Partei verordnet hat. Ein Klima, das Frustration schürt und Motivation hemmt. Den inzwischen ehemaligen Ministerpräsidenten hat dieses Klima nicht mehr zugesagt – sie haben sich umgeschaut nach neuen Aufgaben, denen nicht den Mief der Merkel-Republik anhaftet.

Für Angela Merkel mag dies ein Erfolg sein – ihre Taktik geht auf. Langfristig aber wird sie einsehen müssen, dass starke Persönlichkeiten nur so stark sein können wie ihr Umfeld. Sollte sie diese Erkenntnis gleichwohl nicht verinnerlichen, wird sie als eine schwache Regierungschefin in die Geschichte eingehen. Vielleicht hat sie aber zumindest die Stärke, ihre eigene Schwäche einzusehen.

Alles gut oder was?

19. Juli 2010

Begrüßungsformeln sind bloße Floskeln, instinktiv abgespulte Phrasen ohne messbaren Aussagegehalt. Wer einen Freund mit dem obligatorischen „Wie geht’s?“ begrüßt, erwartet zumeist keine umfassende  Auskunft über dessen Befindlichkeit. Und selbst der Rückgriff auf ausgefallenere Fragekonstrukte wie „Was macht die Kunst?“ oder „Wie ist die Lage?“ ist in der Regel nicht dazu gedacht, eine tiefschürfende Unterhaltung über das allgemeine Wohlbefinden einzuleiten. Dies gilt so übrigens nicht nur in Köln, wo der klassische Mini-Dialog „Wie isset? – Joot!“ schon zum sprachlichen Kulturgut gehört, sondern ist gesicherte Erkenntnis für den gesamten Sprachraum, womöglich auch weit darüber hinaus. Einen anderen Menschen nach seinem Zustand zu befragen, ist demnach reine Höflichkeit unter Vortäuschung emotionaler Anteilnahme.

Nicht anders verhält es sich da mit der neuen Begrüßungsformel, die zwar ein wenig Abwechslung in den Platitüden-Kanon bringt, am Ende aber genauso oberflächlich floskelhaft bleibt wie seine althergebrachten Vorbilder. Neuerdings schickt es sich nämlich, Kollegen, Kumpel und Freundin mit einem samtweichen „Alles gut?!“ in Empfang zu nehmen. Ob beim Gegenüber dann wirklich alles so gut oder nicht doch vielleicht doch alles eher ungut ist, spielt in dem Moment keine Rolle. Das Gespräch wurde vorschriftsgemäß in Gang gesetzt, der Small Talk kann weitergehen.

Jenes lässig-süße „Alles gut?!“ mit seiner geradezu verdächtigen Ähnlichkeit zum englischen „Everything’s fine?“ scheint aber wohl auch Ausdruck einer allgegenwärtigen Sehnsucht nach Harmonie zu sein: Lasst uns doch so tun, als wäre alles gut, auch wenn tatsächlich alles ziemlich scheiße ist. Ja, es war wohl der kindliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach dem Guten, dem sich das Schlechte gefälligst unterzuordnen habe, der bei der Geburt des „Alles gut?!“-Wahns Pate stand. Frei nach dem Motto: Wenn überall nur schwarz gemalt wird, darf man doch ein wenig rosarot sehen. Alles gut? Und ob!

Bleibt die Frage, ob das alles wirklich so gut ist, wie es klingt. Mit neusprachlichen Entwicklungen ist es ja wie mit so vielem im Leben: Es ist reine Geschmacksache. Vergegenwärtigt man sich hingegen, dass Nina Ruge, die dauerlächelnde Boulevard-Voyeurin vom ZDF eben diese Entwicklung vorhergesagt hat, hält sich die Begeisterung über den modesprachlichen Trend doch eher in Grenzen. Oder sagte sie nicht schon damals immer: „Alles wird gut!“. In dem Sinne: Alles gut? Gar nichts ist gut. Und es steht zu befürchten, dass die „Alles gut?!-Welle in den kommenden Monaten weiter über Deutschland hereinschwappen wird. Und das ist alles andere als gut.

Die Gracht ist verloren, Spanien ist Weltmeister. Felicitationes! Wir gratulieren und blicken zurück auf die zweifellos beste WM aller Zeiten:

Vorbei
Nun also ist Schluss. Optisch dürftig, akustisch wie üblich eine Zumutung, qualitativ insgesamt bescheiden. Die Stimmung ließ zu Wünschen übrig, die meisten Einlagen waren mal wieder lächerlich und die gesamte Inszenierung wirkte erneut eher peinlich. Alles in allem ein eher klägliches Niveau bei viel zu hohem Altersdurchschnitt. Vielleicht also besser, dass Delle und Netzer endlich aufhören.

Ironie
Heilige Käsetulpe, war das ein bezauberndes Endspiel. Kaisereske Traumpässe, maradonnaeske Kunststücke und dazu Bilderbuch-Tore am Fließband… Und jetzt ohne Ironie: Eine ganz üble Treterei. Dagegen war Waterloo ein gemütliches Kaffeekränzchen. Vor allem die ollen Hollen um Honk-Horst und van Lümmel taten sich hier mal wieder vor. Am Ende gab’s so viel Gelb, dass manch einer glaubte, es liefen die Simpsons. Immerhin sah Howard Webb ja nicht nur so aus wie Homer Simpson, sondern pfiff auch genauso. Ja, Howie Webb war der Alleinschuldige an der Niederlange. Weil er O!Je!Ran! eine Ecke verweigert hatte. Ja, richtig, genau daran lag’s. Aber eigentlich wäre ja auch Nordkorea Weltmeister geworden, wenn es im Portugal-Spiel in der 12. Minute nicht diesen unberechtigten Einwurf an der Mittellinie gegeben hätte. Womit bewiesen wäre: Dieses Finale war nur mit Ironie erträglich.

KMH
Themawechsel – man kann es nicht anders sagen: KMH ist schon was Schönes. Nicht nur auf der Autobahn, sondern auch im ZDF. Ja, die die süße KaMüHo, die bei ihren Moderationen Ober- und Unterkiefer so unbeirrbar aufeinander presst, als würde sie wieder für eine ihrer Bauchredner-Einlagen im Lerchenberger Kindergarten proben, hat durchaus ihre Reize. Wenn, ja wenn da nicht der störende Fußball wäre, der ihr als titanverzücktem Kahn-Sidekick gewisse – nennen wir es – feminine Fachkommentare abverlangen würde. So gab sie, als Big Olli van Persies Abseitsstellung beim 2:1 gegen Uruguay zu erklären versuchte, die emmaeske Einordnung, auf die Millionen weiblicher Zuschauer an dieser Stelle sehnsüchtig gewartet hatten. Denn dass van Persie den Torwart irritiert (und damit im aktiven Abseits gestanden) habe, liege ja nicht zuletzt am orangenen Trikot. Sowas verwirre einfach. Das müsse dann einfach Abseits sein. Bei einem grünen Trikot wäre das natürlich etwas anderes gewesen. Und damit hat sie natürlich Recht: Wer orange trägt, der stört, der ist im Wege, der hat da nichts zu suchen. Aus dem Grunde ist die Farbe des ZDF übrigens… genau: Orange!

Paul
Bliebe die Frage, wieso wir im Halbfinale die Biege gemacht haben. Argentinien in die Pampas geschickt, England nach Wembley gebeamt und ausgerechnet gegen Spanien, unsere siestaverliebte Urlaubskolonie, geht uns die Puste aus? Unbegreiflich. Dementsprechend abstrus fielen auch die verschiedenen Erklärungsmodelle aus – von “Wir sind noch nicht so weit” bis “Spanien war einfach besser”. Natürlich alles grober Unfug. Wir halten uns da lieber an die herrschende Meinung: Paul war schuld. Nein, nicht der launische Tuntenfisch mit den unkalkulierbaren Fressvorlieben. Sondern Paul Breitner, der neunmalschlaue Gernegroß mit der Lizenz zum Dauerklugscheißen, der kurzlebigste Nationaltrainer seit Loddar nur noch Bundesliga will! Potato Fritz mit der Mao-Bibel, er allein hat uns das Halbfinal-Aus eingebrockt. Denn wer hat in Spanien gespielt, auf Spanien als Weltmeister getippt und verfügt zudem über die Aura eines andalusischen Krakenzüchters? Und wem das argumentativ zu dünn ist, für den verweisen wir einfach auf Waldis WM-Club. Denn wer so gewissenlos ist, sich regelmäßig dem Promille-Panel anzuschließen, der muss für alles als Sündenbock herhalten. Matze Knop lassen wir demnach auch gelten.

Rückblick
Lassen wir diese WM zum Schluss noch einmal WMotional Revue passieren:

Die Jüngeren von uns erinnern sich gewiss. Zu Beginn stand vor allem das akustische Elend im Mittelpunkt. Das trommelerweichende Dauergetröte veranlasste uns denn auch dazu, den atonalen Vuvuzela-Sound als “Flatulenz der Apokalypse” zu verunglimpfen. Irgendwann jedoch gewöhnte man sich an den sonoren Geräuschteppich, so dass selbst die größte technische Innovation des 21. Jahrhunderts, der Vuvu-Filter, überflüssig wurde. Der wohlgemeinte Vorschlag, das Filter-Prinzip auch anderweitig anzuwenden, wurde jedoch leider nicht aufgegriffen. Weder der angeregte Thurn-und-Taxis-Filter für SKY noch der futuristische Domenech-Filter für Frankreich sind bislang Wirklichkeit geworden.

Neben Vuvu-Lärm plagte uns zunächst auch das schwache Spielniveau, das aber immerhin ein paar ulkig-komische Slapstick-Einlagen hervorbrachte. Man denke nur an die geniale Selbst-Parodie der serbischen Handspielakrobaten oder an Slapstick-Großmeister Martin Demichelis, der bei der üblichen Partie Larifari-Billard verunfallte.
Die vermeintlichen Superstars entpuppten sich indes als Rohrkrepierer. Allen voran Cristiano Ronaldo, der mit seiner Ketchup-Theorie selbst den naheliegenden Flaschen-Vergleich heraufbeschwor. Sein Spiel erwies sich, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, als eine Tube Gel: Alles was vorne herauskam, konnte man sich in die Haare schmieren.

Topstar der WM war aber Diego Mara-Bomba, der sogar die deutschen Boulevard-Medien inspirierte. Schland Gottes hat bei dieser WM aber endlich den Frieden mit Wembley gemacht, wenngleich Lampards Lattenschüsschen eben nicht die Torlinie überschritten hatte. Die WMotionen klärten investigativ auf: Alles nur eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die mysteriöse Corioliskraft.

Kulturell war dieses Turnier mehr als lehrreich. Nicht nur, dass wir das französische Laissez Faire auch mal in der praktischen Umsetzung gesehen haben, erfuhren wir auch, dass manch althergebrachtes Stereotyp rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Zumindest die Nordkoreaner haben beim 0:7 gegen Portugal das Landesmotto “Wir lassen keinen rein” eindrucksvoll widerlegt.

Das schönste Bonmot der WM stammt indes von Poschi Poschmann. Sein süffisantes Fazit “Da entschuldigt er sich, dass er ihn nur leicht getroffen hat” zaubert uns noch immer ein verzücktes Lächeln aufs Antlitz. In dem Sinne: Wenn es am schlimmsten ist, sollte man aufhören! Bye bye, WM(otionen) 2010!