90 Tage Schweigen

27. September 2010

Es brodelt, es gärt. Ob in der von Sarrazin angefachten Integrationsdebatte, ob bei den Protesten gegen das Projekt Stuttgart 21, ob angesichts der als Lobby-Politik empfundenen Verlängerung der Atom-Laufzeiten, es ist der immer gleiche Befund: Im Volk macht sich mal wieder eine latente Missstimmung breit. Ein dumpfes „die da oben“-Gefühl als Ausdruck einer fortschreitenden Entfremdung von politischer Theorie und gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Ein solches Unbehagen unter den Bürgern gegenüber der politischen Elite ist gewiss nicht neu. Im Gegenteil, man mag es sogar als Wesensmerkmal einer lebendigen Demokratie betrachten. Und dennoch: Wenn die Gesellschaft der Politik dauerhaft misstraut, dann besteht Grund zur Besorgnis. Schließlich sind Argwohn und Unzufriedenheit noch immer der beste Nährboden für eine politische Radikalisierung auf breiter Ebene. Sofern sich eben diejenigen, die in solchen Tagen gefragt sind, die Stimme der Vernunft zu erheben, nicht zu ihrer Verantwortung bekennen.

Gemeint sich die Intellektuellen,  die Vorbilder, die Vordenker, die Menschen, die Orientierung geben und Halt vermitteln: Schriftsteller, Professoren, Elder Statesmen oder eben der Bundespräsident. Doch jener hält sich in diesen Tagen gesellschaftlicher Irritationen seltsam bedenkt. Christian Wulff schweigt, und das nun schon 90 Tage lang. Seit seinem Amtsantritt ist es dem neuen Staatsoberhaupt nicht gelungen, Akzente zu setzen. Wulff verzichtet darauf, sich in die Debatten dieser Tage einzumischen. Lässt er sich doch einmal zu einem kurzen Statement hinreißen, tappt er, wie im Falle Sarrazin, gleich in ein Fettnäpfchen.

Vielleicht ist es also die Angst vor den Fehltritten, die Wulff von einer mutigen Einmischung abhält. Doch die Angst vor eigenen Fehlern ist selten ein guter Ratgeber. Dies gilt umso mehr, wenn es um das höchste Amt im Staate geht. Wulff ist in seinem neuen Amt noch überhaupt nicht angekommen. Schlimmer noch: Er macht da weiter, wo Horst Köhler aufgehört hat. Dies ist umso trauriger, als mit Joachim Gauck ein Kandidat parat gestanden hat, dem man mehr zugetraut hätte. Zumindest mehr Mut.

Natürlich verdient auch ein Christian Wulff Geduld. Geduld, die bei politischen Ämtern nach 100 Tagen gemeinhin ein Ende hat. Noch sind diese 100 Tage noch nicht vorbei. Noch hat Wulff die Möglichkeit, den verheerenden Eindruck der ersten 90 Tage zu kaschieren. Die letzte Gelegenheit ergibt sich am kommenden Sonntag. Zum Tag der Deutschen Einheit wird sich das neue Staatsoberhaupt mit einer Rede an uns alle wenden. Man darf genauso gespannt wie skeptisch sein.

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