Moral im Bundestag

29. November 2010

Es gibt Themen, zu denen kann man sich bei Kenntnis der dafür- und der dagegenstreitenden Argumente unmittelbar eine eigene Meinung bilden. Die Diskussion um die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik (PID) gehört gewiss nicht dazu. Die Frage, ob und wenn ja in welchem Umfang bei durch in-vitro-Fertilisation erzeugten Embyros vor der Implantation Untersuchungen auf bestimmte Erbkrankheiten erfolgen dürfen, scheint so komplex, dass man sie weder mit einem klaren Ja noch mit einem entschiedenen Nein beantworten kann.

Denn wie immer, wenn substantielle Aspekte des menschlichen Lebens im Raume stehen, geht es letztlich um nichts anderes als das individuelle Moralempfinden. Und Moral ist eben nicht klar begreiflich. Sie ist diffus, emotional, mitunter wankend aber in jedem Fall höchst persönlich. Dementsprechend schwierig scheint eine Entscheidung bei der PID-Frage. Doch manches, was beim ersten Blick als komplizierter Gewissenskonflikt erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als simple Doppelmoral. So stellt eine PID mit dem Ziel, kranke Embyros zu eliminieren, selbstverständlich einen Eingriff in die Natur (oder wenn man so will: des Schöpfers) dar. Tolerieren wir andererseits aber nicht tagtäglich viel schwerwiegendere Manipulationen des wie auch immer gearteten natürlichen Willens? Ist es nicht geradezu grotesk, dass wir uns über Maßnahmen vor der Entstehung menschlichen Lebens ereifern und uns gleichzeitig mit seiner Vernichtung abgefunden haben? Dies ist kein Plädoyer gegen den Schwangerschaftsabbruch, aber doch ein Hinweis, wie beliebig unsere Argumentationen in moralischen Fragen sein können.

Selbstverständlich erschöpft sich das Thema PID nicht in einem Querverweis auf die Problematik des Schwangerschaftsabbruchs. Es ist in der Tat komplexer, geht es doch hier doch im Kern um die Frage einer möglichen Selektion, also die Auswahl zwischen gesunden und kranken Embryos. Ein solches Auslesekonzept erscheint nicht nur widernatürlich, es erinnert uns Deutsche auch unweigerlich an das perverse System des Nationalsozialismus. Ein Auswahlverfahren, das Embyronen nach ihrer Wertigkeit sortiert, muss Argwohn erzeugen. Denn selbst wenn es sich juristisch gesehen bei Embryonen vor ihrer Einpflanzung noch um kein vollständiges menschliches Leben handelt, so dürfen sie doch nicht wie Ware als gut oder schlecht klassifiziert werden. Dies ist eine moralische Ansicht, die man teilen kann oder nicht. Und dennoch ist die Frage eben nicht so einfach zu beantworten, gibt es doch faktische Erwägungen, die für eine PID sprechen. Immerhin lassen sich auf ihrem Wege bestimmte schwerwiegende Missbildungen ausschließen, die man den werdenden Müttern kaum zumuten möchte.

Ein klares Ja scheint es wie ein bestimmtes Nein also tatsächlich nicht zu geben. Womöglich erfordert die Frage nach der Zulässigkeit der PID somit eine eher emotionale Entscheidungsfindung, bei der man sich von der inneren Stimme wird leiten müssen. Umso schlimmer ist es da, dass sie ausgerechnet unsere Parlamentarier, deren Herzensbildung und emotionale Reife – vorsichtig formuliert – nicht frei von Zweifeln sind, werden beantworten müssen.

Liga-Lehren 10/11

28. November 2010

Die Liga-Lehren, exklusiv auf SPOX.com!

____________________________________

Die 14. Ausgabe: Und selbst der Papst schaut zu

Bärendienst

22. November 2010

Ein Jahr ist nun sein Robert Enkes tragischem Suizid vergangen. Grund genug für das ZDF-Sportstudio, sich dem Thema Depressionen anzunehmen und mit einem Betroffenen darüber zu diskutieren. Im Gespräch mit Ex-Pauli-Profi Andreas Biermann hinterfragte Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein die Akzeptanz von Depressionen im Profi-Fußball und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Es hat sich wenig getan. Vielleicht sogar gar nichts. Auch wenn DFB-Präsident Zwanziger glaubt, Veränderungen ausmachen zu können und von einer leicht enttabuisierenden Wirkung spricht. Woher er das nimmt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Fakt ist: Depressionen bleiben ein Tabu im Profisport. Wo alles auf individuelle Stärke ausgerichtet ist, ist kein Platz für Schwächen. So scheint es und so wird es leider wohl auch bleiben. Zumal anerkannte Psychiater jedem Profi-Fußballer davon abraten, eine Depression öffentlich zu machen.

Nun hat sich das ZDF bedauerlicherweise nicht mit einer Gesprächsrunde zum Thema Depressionen begnügt. Denn kurzerhand nahm man einfach auch den Komplex „Homosexualität im Sport“ mit in die Runde und diskutierte darüber mit einem ehemaligen NBA-Profi, der sich inzwischen als schwul geoutet hat. Bekanntlich sind Depressionen und Homosexualität aber verschiedene Dinge. Bei einer Depression handelt es sich um eine mitunter schwerwiegende Erkrankung. Homosexualität gilt zum Glück nur noch in reaktionären Kreisen als Krankheit. Beides verbindet indes nur eines: Es sind Tabuthemen. Mehr nicht. Und deshalb sollte man tunlichst davor zurückschrecken, beide Themen wie selbstverständlich in einen Topf zu werfen. Das ZDF hat es dennoch getan und damit sowohl depressiven als auch homosexuellen Sportlern einen Bärendienst erwiesen. Denn so wird man eben keine Fortschritte erzielen. Fortschritte sind nur möglich, wenn man genau hinsieht und genau differenziert. Aber dafür ist es wohl noch immer zu früh.