Scham und Schadenfreude

31. Januar 2011

Schadenfreude ist bekanntlich die größte Freude. Und tatsächlich gibt es auf diesem Planeten kein größeres Amüsement, als wenn das, was mit Pomp und Trara inszeniert wird, mit aller Gewalt in die Hose geht. Wer dies bislang in Zweifel gestellt hat, wurde durch das jüngste Beispiel des Hamburger SV auf eindrucksvolle Weise widerlegt.

Voller Stolz und in der Euphorie des süßen Augenblicks verkündeten die HSV-Offiziellen, in den Verhandlungen mit Matthias Sammer sehr weit vorangekommen zu sein. So weit, dass eine Vertragsunterzeichnung nur noch reine Formsache sei. Die Selbstsicherheit beim Rautenclub war schließlich so groß, dass Vehs leises Menetekel („Man stelle sich vor, er käme nicht“) von Presse und Verein als süffisante Ironie abgetan wurde.

Aber wie das so ist mit der Ironie, es steckt immer ein Körnchen Wahrheit drin. Oder gar mehr. So wurde Vehs vermeintlich so absurdes Unken zur bitteren Wirklichkeit. Sammer sagte ab und ließ den HSV im Regen stehen. Mit Bastian Reinhardt als altem und neuem Sportdirektor, der personifizierten Notlösung ohne echtes Vertrauen von Vereinsseite.

So amüsant die Affäre Sammer nun für den neutralen Beobachter sein mag, so peinlich ist sie für die Vereinsführung des HSV, die den Fans des Traditionsclubs abermals die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen dürfte. Dabei haben Rieckhoff & Co. bei ihren Verhandlungen womöglich nur einen einzigen, aber doch so entscheidenden Fehler gemacht. Sie haben die Öffentlichkeit gesucht und ihren Wunschkandidaten mit dem zur Schau gestellten Optimismus unnötigerweise unter Druck gesetzt.

Was die Motivation für Sammers Rückzug war, lässt sich indes nur mutmaßen. Zu widersprüchlich waren seine Ausführungen, als dass sie wirklich ein klares Bild ergeben würden. Und genau hier fußt der Vorwurf, den man Sammer machen muss. Er scheut sich, die wahren Gründe für seine Entscheidung zu äußern. Sollte es wirklich, wie von den Boulevard-Medien behauptet, ein Angebot eines anderen Vereins (Bayern?) geben, könnte man ihm seine Unaufrichtigkeit sogar nachsehen.
Wenngleich er sicher besser daran täte, sich nicht in ungeschickt formulierten Argumentationsketten zu verlieren.

Sollte Sammer aber schlicht und einfach von der Medienoffensive des HSV genervt gewesen sein und deshalb die Lust verloren haben, so hätte er dies durchaus genau so erklären können. Der deutsche Fußballfreund hätte dafür sicher Verständnis gehabt. Und der HSV-Fan womöglich auch.

Liga-Lehren 10/11

30. Januar 2011

Die Liga-Lehren, exklusiv auf SPOX.com!

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Die 20. Ausgabe: Gutendorf in Sicht

Die Kraft des Banalen

24. Januar 2011

Über Ferdinand von Schirachs Erstlingswerk „Verbrechen“ und den jüngst erschienenen Nachfolger „Schuld“.

Verbrechen geschehen Tag für Tag, mal lauter, mal leiser, mal im Großen, mal im Kleinen. Wer wüsste dies besser als Ferdinand von Schirach, prominenter Strafverteidiger aus Berlin, der seine langjährige Expertise mit der Welt des Verbrechens in zwei viel beachteten Erzählbänden preisgegeben hat. Sowohl im Erstlingswerk „Verbrechen“ als auch im Nachfolger „Schuld“ gelingt es dem Juristen, uns die große Welt der Kriminalfälle als Teil der alltäglichen Realität darzustellen, ohne dem Grauen dabei den Schrecken zu nehmen.

Wenn Ferdinand von Schirach in seinem geradezu aufreizend nüchternen Duktus davon berichtet, wie ein Arzt seiner Frau nach 40 Ehejahren den Schädel spaltet oder eine Cellistin ihren verstümmelten Bruder in der Badewanne ertränkt, schockiert dies den Leser vielmehr, als es jede blutrünstige Horrorgeschichte zu leisten imstande wäre. Das Verbrechen ist unter uns, es ist näher, als wir glauben, und lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse auf einmal nicht mehr so klar erscheinen, wie wir es in unserem festgezurrten Moralverständnis gerne hätten.

Von Schirachs Verdienst besteht denn auch vor allem darin, das gesellschaftliche Wertesystem auf den Prüfstand zu stellen. Sind „richtig“ und „falsch“ wirklich klar definierbare Größen? Gelten die gesellschaftlichen Konventionen wirklich immer und eingeschränkt? Oder gibt es eben doch nicht den Fall X, in dem unsere ureigensten Prinzipen plötzlich ins Wanken geraten? Antworten gibt der Autor ganz bewusst nicht, aber er vermittelt uns das ungute Gefühl, uns unserer selbst und der aus uns erwachsenden Überzeugungen nicht zu sicher zu sein.

Dies alles schafft von Schirach mit einem verblüffend reduzierten Erzählstil, der in seiner kunstvollen Lakonie an die Grenze des Banalen stößt und ob seiner Lässigkeit zuweilen provokativ wirkt. Der sich zwangsläufig aufdrängende Eindruck einer latenten Überheblichkeit mag dabei zutreffen. Die Genialität, das Grauen in einfachen Worten und Sätzen abzubilden, bleibt davon gleichwohl unberührt. So ist von Schirach mit „Verbrechen“ ein echtes Husarenstück gelungen, welches die Erwartungen an das Anschlusswerk „Schuld“ ins Unermessliche stiegen ließ.

Kein Wunder also, dass von Schirach dieser Erwartungshaltung nicht so recht Stand zu halten vermochte. So ist „Schuld“ eine insgesamt gelungene Fortsetzung mit hohem Unterhaltungswert – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Sie krankt, wie auch der Vorgänger, an dem Geburtsfehler, Reales mit Fiktionalem zu mischen und damit den Aussagewert insgesamt in Frage zu stellen. Wie authentisch von Schirachs Erzählungen nämlich wirklich sind, lässt sich aus Lesersicht nur vage mutmaßen.

Darüber hinaus kann „Schuld“ die mit dem vielsagenden Begriff verbundenen Erwartungen nur selten erfüllen. Wie weit der juristische Schuldvorwurf mit dem gesellschaftlichen Moralverständnis in ein Klang zu bringen ist und welchem Verständniswandel die Begriffe „Schuld“ und „Verantwortung“ heutzutage ausgesetzt sind, thematisiert von Schirach leider allenfalls am Rande. Eine echte Akzentverschiebung gegenüber dem Vorgänger „Verbrechen“ ist dagegen auch bei größtem Wohlwollen nicht festzustellen. So bleibt von Schirachs Zweitwerk ein höchst kurzweiliger und zudem interessanter, weil informativer Erzählband, der das im Titel mitschwingende Versprechen einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit ethischen Grundüberzeugungen nicht einzulösen vermag.