Der Blender

28. Februar 2011

Die Plagiatsaffäre um unseren Verteidigungsminister hat sie alle auf den Plan gerufen: Politiker, Journalisten, Kabarettisten – alle haben sie sich zu Wort gemeldet und dabei eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt. Entsprechend schwer tue ich mich damit, noch einen neuen Aspekt hervorzuheben. Natürlich könnte es mir einfach machen und wie der Dr. ex verfahren – irgendwo abschreiben und so tun, als sei es auf meinem Mist gewachsen. Würde ich mich an der Stimmung im Lande orientieren, sollte ich wohl in der Tat so vorgehen. Da ich selbst aber nicht zu der Mehrheit gehöre, die dem Verteidigungsminister seinen vermeintlich so lässlichen Lapsus nachsieht, verzichte ich darauf aber lieber. Denn in der Tat ist mir dann doch ein Aspekt aufgefallen, der in der öffentlichen Kommentierung ein bisschen kurz kam:

Herr zu Guttenberg hat nach eigenem Bekunden sieben Jahre lang in „mühevollster Kleinarbeit“, neben Familie und Beruf an seiner Promotion gearbeitet. Das ist, wenn man es ihm denn glauben will, eine respektable Leistung, die man nur bewundern kann. Warum auch immer er diese unerträgliche Mühe auf sich genommen hat, wissen wir nicht. Es scheint sich aber angesichts der Umstände und des geleisteten Aufwandes um eine Art Lebenswerk zu handeln.

Ein Lebenswerk aber lässt man sich, so man denn stolz darauf ist, nicht so einfach nehmen. Man kämpft darum – sich und der Sache willen. Unser Verteidigungsminister schien genau das auch zu tun, als er sämtliche Vorwürfe als abstrus abtat. Doch nur drei Tage später war es plötzlich vorbei mit dem Kämpfen. Guttenberg gab seinen Doktortitel zurück – nicht vorläufig, sondern endgültig. Das, wofür er sieben geschlagene Jahre in, wie er sagt, „mühevollster Kleinarbeit“ gerungen hatte, warf er im Bruchteil einer Sekunde (und drei Tage sind verglichen mit sieben Jahren nur ein Atemzug der Geschichte) weg. Es bedeutete ihm anscheinend nicht mehr viel.

Aber kann man das wirklich glauben? Ist es plausibel, dass man unter Verzicht auf ein faires Verfahren all das ad acta legt, was einen mehrere Jahre lang beschäftigt, getrieben, belastet und motiviert hat? Die Antwort lautet: Nein! Es ist schlicht und einfach nicht nachvollziehbar. Und es gibt nur zwei Deutungen, die Guttenbergs Vorgehen erklärbar machen:

Entweder hat er zwar tatsächlich sieben Jahren an der Arbeit gesessen, dabei aber unzählige Pausen eingelegt und die Promotion letztlich im Schnellverfahren mit Hilfe zusammenkopierter Texte eilig zusammengefrickelt. Kurzum er hat, wie man in diesem Zusammenhang gerne sagt, die Arbeit hingerotzt und darauf gehofft, sein Blendwerk würde nicht enttarnt. Dies würde jedenfalls nachvollziehbar machen, weshalb er letztlich dann doch nicht so sehr an seiner Dissertation und dem ihr folgenden Doktortitel hängt. Es blieben aber eben doch sieben Jahre Arbeit, wenn auch schlechtgemachter Arbeit. Selbst die lässt man sich als ein nicht so einfach nehmen.

Vielleicht also – und das wäre nun die zweite Deutung – waren es also doch nicht sieben Jahre schwerer Arbeit, zumindest nicht für Guttenberg. Am Werk eines Fremden hängt man eben doch nicht so stark wie an der eigenen Leistung. Die Ghostwriter-These ist zwar nicht belegbar, dafür aber plausibel. Zumindest plausibler als das, was uns der Verteidigungsminister suggerieren will.

Beide Deutungen führen also letztlich zu dem Ergebnis, dass Guttenberg bewusst und arglistig getäuscht hat. Und insofern wäre sein eiliger Verzicht auf den Doktortitel eben doch erklärlich: Er wollte eine Prüfung seiner Täuschungsabsicht abwenden. Sollte dies tatsächlich sein Ansinnen gewesen sein, hat sich Guttenberg verkalkuliert. Denn die Uni Bayreuth will der Frage trotz Aberkennung des akademischen Grades nachgehen. Die Antwort kann angesichts der Vielzahl der Plagiate aber nur eine sein: Guttenberg ist ein akademischer Fälscher und/oder Betrüger. Das Urteil des Bürgers wird sich noch zeigen, meines jedenfalls steht fest: Guttenberg ist ein politischer Blender! Ich glaube ihm nichts mehr.

Liga-Lehren 10/11

27. Februar 2011

Die Liga-Lehren, exklusiv auf SPOX.com!

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Die 24. Ausgabe: Tangens Diego

Verarscht!

21. Februar 2011

Fußball ist kein komplizierter Sport. Manche meinen gar ein ziemlich schlichter. Und haben damit wahrscheinlich sogar Recht. Denn auch wenn wir nächtelang über die Vorzüge taktischer Systeme diskutieren und uns in schier endlosen Statistiktabellen verlieren können, geht es im Fußball im Grunde genommen doch nur um eins: Tore.

Und da Tore im Fußball nun einmal rarer gesät sind als in anderen Ballsportarten (Tennis und Volleyball einmal ausgenommen – da kommt man mysteriöserweise schon seit Jahrzehnten ohne sie aus) pflegt man ihren Eintritt als Fußballfan gemeinhin mit einem mehr oder minder ekstatischen Jubel zu feiern – oder in purer Frustration zu betrauern (das ist eben wie so oft im Leben eine bloße Frage des Standpunktes). Der Jubel ist die emotionale Eruption, deretwillen der Fußballfan seine Leidenschaft pflegt – eine Art Orgasmus des kleinen Mannes,  vorzugsweise praktiziert als Teil einer großen Masse oder jedenfalls in Gesellschaft Gleichgesinnter.

Wie man es auch bezeichnen will: Jubel ist einfach geil und auf Dauer unverzichtbar. Wer längere Zeit beim Fußball mitfiebert, ohne das einzigartige Gefühl des Jubels am eigenen Leib zu verspüren, wird verdrießlich und gerät irgendwann in eine tiefe Sinnkrise (Eintracht-Fans können jenes Phänomen in diesen Tagen gewiss gut nachempfinden). Da Jubel also nicht nur schön, sondern irgendwie auch essentiell ist, können sich ihm auch die Protagonisten auf dem Feld nicht verweigern. Ihre Freude fällt jedoch stets sehr verschieden aus: Die einen wiegen den virtuellen Nachwuchs mit hastigen Armbewegungen durch die biergeschwängerte Stadionluft und signalisieren der Gattin, dass man sich doch auch so unendlich auf die bevorstehende Niederkunft freue. Die anderen reißen sich in unverhohlener Verachtung von den gratulationswilligen Kollegen los und zelebrieren einen choreographisch zweifelhaften Mini-Samba. Und wieder andere lassen das mit dem Jubeln einfach sein.

Letzteres ist eine durchaus fragwürdige Errungenschaft der Neuzeit, für die ausgerechnet Lukas Podolski als Vordenker Pate stand. Denn nach seinen Toren gegen sein Geburtsland Polen bei der EM 2008 entschied sich der deutsche Staatsbürger Podolski auf die obligatorischen Jubelgesten zu verzichten. Sein Beispiel machte in den Folgejahren Schule. Auch Mesut Özil rang sein Treffer für die deutsche Nationalmannschaft im Spiel gegen die Türkei keine sichtbare Begeisterung ab. Und Julian Schieber schien sein Tor gegen den VfB Stuttgart, der ihn nur auf Leihbasis nach Nürnberg geschickt hat, zuletzt auch eher zu bedauern.

In allen Fällen war der demonstrative Jubelverzicht dabei gleich motiviert. Er sollte eine Respektsbekundung darstellen – gegenüber dem Verein oder Land, dem man sich im Grunde seines Herzens zugehörig fühlt. Die Frage ist nur: Was ist mit dem Respekt gegenüber den eigenen Fans, die den Torerfolg mit ausschweifendem Jubel goutieren und dann feststellen müssen, dass dem Verursacher dieses Resultat wohl eher missliebig ist?

Als Fan fühlt man sich in dieser Situation doch hintergegangen oder – bringen wir es auf den Punkt – verarscht. Als Fan wünscht man sich für gewöhnlich, dass die Kicker des eigenen Clubs ihr Bestes geben – und zwar nicht, weil es ihnen der Arbeitsvertrag so vorschreibt, sondern weil es ihrem inneren Willen entspricht. Das mag romantisch klingen und naiv gedacht sein, aber es entspricht doch dem allgemeinen Ideal des guten alten Sportsmannes, wie wir alle ihn uns doch eigentlich wünschen. Wer aber im entscheidenden Moment die Begeisterung vermissen lässt, die man in dieser Sekunde erwarten müsste, der hat sich im Dickicht des modernen Profitums verlaufen und begeht Verrat – an den eigenen Fans, aber irgendwie auch am Sport an sich. Übertriebene Jubelposen mögen eine unnötige Provokation darstellen, zur Schau gestellte Gleichgültigkeit aber eben auch.

Nun kann man natürlich mutmaßen, wieso Fußballer wie Julian Schieber wirklich vom Jubeln absehen. Im Grunde genommen gibt es aber wohl nur zwei Erklärungen: Entweder der Spieler freut sich wirklich nicht (dann hat er seinen Beruf verfehlt) oder aber er traut sich nicht, seine Freude zu artikulieren (dann ist er ein Feigling). Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich schlimmer finden soll. Beides ist mir zutiefst zuwider. Denn ich wünsche mir einen Fußballer, der seinen Sport mit Haut und Haaren lebt und ein Spiel gewinnt um des Gewinnens willen. Und wenn ihm dies gelingt, dann darf, nein, dann muss er auch jubeln. Oder er sollte sich nach einer neuen Beschäftigung umschauen.