Aktionismus, wie immer

28. März 2011

Endlich haben wir Deutsche mal wieder ein Fremdwort dazugelernt: Moratorium, kommt vom lateinischen „mora“ und bedeutet so viel wie Aufschub oder Verzögerung. Die Frage der Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke ist also erst einmal auf die lange Bank geschoben. Bis die Landtagswahlen vorbei sind, meinen bösen Zungen. Bis man sich ein umfassendes Bild über den Sicherheitsstatus der Kernkraftwerke verschafft, die wohlwollenden Beobachter.

Lassen wir aber doch zunächst einmal mal die Spekulationen über die wahren Beweggründe außen vor: Ein Moratorium ist in der Politik nicht unbedingt beliebt. Wer Tatkraft zeigen und etwas bewegen will, schafft gerne Tatsachen und verschiebt nichts in die Zukunft. Das suggeriert Entschlossenheit und macht Eindruck. Manchmal aber ist es gut, sich Zeit zu lassen und den Dingen mit Geduld zu begegnen. Das gilt in besonderem Maße für die essentiellen und zukunftsweisenden Fragen unserer Gesellschaft. Die Nutzung von Atomkraft ist eine solche essentielle und zukunftsweisende Frage, die man nicht vorschnell beantworten darf.

Das jüngste Moratorium zur Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke ist daher grundsätzlich zu begrüßen. Ironischerweise ist seine Verkündung aber selbst ein reflexartiger Panikakt, aus der Not des Augenblicks geboren, die politische Konzeptlosigkeit unserer Bundesregierung entlarvend. Denn kaum waren die ersten Meldungen über die Atomkatastrophe von Fukushima eingetroffen, sah sich Angela Merkel genötigt, all das, was bislang so unabrückbar feststand, mit sorgenvoller Miene in Frage zu stellen.

Warum also konnte man nicht erst einmal die Eindrücke des Infernos von Japans sacken lassen, ehe man daran ging, Rückschlüsse auf die eigene Lage ziehen zu wollen? Ist die Angst um eine vergleichbare Katastrophe in unserem eigenen Land wirklich so groß, dass man nicht einmal ein paar Tage zuwarten konnte? Falls ja, müssen wir uns wohl alle fragen, ob unsere Bundesregierung das für die Lenkung einer Industrienation erforderliche Maß an Verantwortungsbewusstsein besitzt. Falls es aber, wie zu vermuten, weniger die Angst um unsere Sicherheit denn die um die eigenen Wählerstimmen war, die für das eilig ausgerufene Moratorium ausschlaggebend war, dürfen wir – wie so oft – fassungslos mit dem Kopf schütteln.

An Aktionismus haben wir uns bei dieser Regierung ja irgendwie schon gewöhnt. Und dennoch widert der jüngste Nachweis der Merkel‘schen Kardinaltugend in besonderer Weise an. Denn während in Japan tausende Menschen um ihr Leben kämpfen und bangen, haben wir nichts Besseres zu tun, als auf uns selbst zu schauen und Sorgen um unser eigenes Wohlergehen zu machen. Weil in Japan ein Atomkraftwerk in Folge eines in unseren Breiten nicht möglichen Erdbebens mit einem gleichfalls hierzulande nicht denkbaren Tsunami in sich zusammenbricht, hegt unsere Bundesregierung nun plötzlich Zweifel an der Sicherheit unserer eigenen Kernkraftwerke. Das ist genau so pervers, wie es klingt.

Wenn man sich seiner Sache wirklich nicht so sicher ist, hätte man dies redlicherweise auch schon früher artikulieren müssen und die Bedenken der Atomkraftgegner nicht so nonchalant beiseiteschieben dürfen. Wenn man aber an die Sicherheit der Atomenergie glaubt, darf man sich in diesem Glauben nicht durch ein singuläres Ereignis in Asien erschüttern lassen. Aber vielleicht ist diese Anspruchshaltung bei einer solchen Bundesregierung einfach überzogen.

Zurückhaltung

21. März 2011

Die Meldungen über die Kernschmelze in Japan waren noch nicht ganz verarbeitet, da meldete sich die deutsche Politprominenz auch gleich zu Wort. Und wie üblich in durchaus bemerkenswerter Art und Weise und mit der sachlichen Zurückhaltung, die wir an ihr so lieben:

Die Bundeskanzlerin nahm den Vorfall von Fukushima zum Anlass, die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke zu überdenken und schloss den Nachdenkprozess traditionell ab, bevor er überhaupt begonnen hatte „Wir dürfen jetzt nicht einfach sagen, die deutschen Atomkraftwerke sind sicher. Aber sie sind sicher!“. Na also. Aber schön, dass wir uns so ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Claudia Roth von den Grünen hat bekanntlich eine etwas andere Auffassung zur Atomkraft und räsonierte gewohnt zielsicher „Natürlich dürfen wir jetzt keine übereilten Schlüsse ziehen. Aber wir müssen jetzt aus der Atomkraft aussteigen.“ Eine Forderung, die wir so mal wieder nicht erwartet hätten.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass der Atomunfall von Japan die Politik zwingt, die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke erneut auf den Prüfstand zu stellen. Aber warum denn gleich einen Tag nach der Katastrophe? Ist es denn zu viel verlangt, sich und allen anderen eine kleine Atem- und Denkpause zu verordnen? Muss man denn reflexartig gleich Beschwichtigungen und Forderungen in die Mikrofone nölen? Vielleicht versuchen Merkel, Roth & Co. einfach erst einmal diese Fragen zu beantworten…

Liga-Lehren 10/11

20. März 2011

Die Liga-Lehren, exklusiv auf SPOX.com!

____________________________________

Die 27. Ausgabe: Brenomenal