Royales Grauen

25. April 2011

Der Mensch neigt mitunter zu Handlungen, die ihm offensichtlich nicht gut bekommen. Die Sichtung des bevorstehenden Fernsehprogramms ist so eine Zwangsstörung, die dem eigenen Wohlbefinden gemeinhin eher abträglich ist. Denn obwohl das, was Tag für Tag so über den Bildschirm flimmert, in aller Regel irgendwo zwischen bloßem Ärgernis und offensichtlicher Menschenrechtsverletzung liegt, wirft man aus unerfindlichen Gründen doch stets einen neuen Blick auf das Grauen, das einen da erwartet.

Theoretisch könnte man natürlich auch einfach die Kiste auslassen, was einen früher oder später denn auch vom frustrierenden Blick in die Fernsehzeitung abhalten dürfte. Für all diejenigen, die – wie meiner einer – als Fernsehjunkies sozialisiert wurden, kann dies aber selbstverständlich keine realistische Alternative sein. Und deshalb wird das eingefahrene Verhaltensmuster eben weiter praktiziert – auch wenn es weh tut.

In einer meiner letzten Sichtungen des bevorstehenden Grauens stieß ich nun auf das Fernsehprogramm des 29. Aprils, einen Tag, den sich alle Leser des Goldenen Blattes schon seit Monaten rot in ihrem Kalender angestrichen haben dürften. Denn an jenem 29. April heiraten sie nun also endlich – Prinz William und seine Kate. Was mich im Grunde genommen so peripher tangiert, dass es mir eigentlich scheißegal ist.

Wie ich nun aber feststellen dürfte, wird das weltbewegendste Großevent seit Erfindung des 11. September nicht nur auf allen Nachrichtenkanälen und nicht nur von RTL und Sat1 live übertragen. Nein, auch ARD und ZDF berichten sechs Stunden live – und zwar zeitgleich – von der Hochzeit des Jahrtausends. Die beiden öffentlich-rechtlichen Irrenanstalten schicken von 9 bis 15 Uhr die exakt gleichen Bilder über den Äther. Mit dem einzigen Unterschied, dass hier Rolf Quälmann-Eggebrech und da Karen Hipp bedeutungsschwer daher kommentieren.

Ja, Königshochzeiten sind nicht mein Ding. Und sie werden es auch nie sein. Ihr Reiz erschließt sich mir einfach nicht. Das ist vergleichbar mit dem mir ebenfalls nicht nachvollziehbaren Phänomen, dass einen die Faszination des Fußballs dauerhaft kalten lassen kann. Ignoranz ist eben doch eine höchst gegenseitige Geschichte. Es ist mir jedoch nicht bekannt, dass ein und dasselbe Fußballspiel live, und dementsprechend zeitgleich, auf beiden öffentlich-rechtlichen Sendern gezeigt worden ist. Denn wozu auch…?

Wenn sich Willy und Katie das Yes-Wort geben, scheint hingegen das restliche öffentliche Leben zu ruhen. Nur so kann ich es mir erklären, dass ARD, ZDF, RTL und Sat1 zur Kollektivberichterstattung ansetzen. Worin aber hier nun der genaue Gewinn für den Freund des royalen Schabernacks liegt, ist mir bislang noch nicht ganz klar geworden. Vielleicht will ich es aber auch gar nicht wissen. Ignoranz ist eben doch noch immer der beste Selbstschutz.

Liga-Lehren 10/11

24. April 2011

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Die 31. Ausgabe: Angst fressen Hemden auf

Immer weiter machen

18. April 2011

Manchmal ärgert es mich doch. Dass ich meinen alten VHS-Rekorder vor rund zwei Jahren entsorgt habe, verwehrt mir heute eine im Laufe der Jahre sehr lieb gewonnene Freude. Alte VHS-Videos zu schauen, war für mich als hoffnungslosen Nostalgiker eigentlich immer unverzichtbar. In regelmäßigen Abständen gab ich mir die Bundesliga-Rückblicke der 80er und 90er Jahre und schwelgte ein bisschen im Charme der guten alten Zeit. Doch damit ist nun Schluss. Kein Rudi Michel, kein Jörg Wontorra, kein Reinhold Beckmann mehr – sie alle verstummen auf den brachliegenden Tonspuren meines Friedhofs der Videokassetten, derer ich mich aus sentimentalen Gefühlen aber doch nicht entledigen kann.

Besonders leid tut es mir jedoch für die Videokassette zum 90. Geburtstag des FC Bayern, die – genau wie ihren Leidensgenossen – in irgendeinem Regal fernab der Greifbarkeit der Selbstzerstörung entgegen schimmelt. Auf jenem Geburtstagsvideo lassen die alten BR-Haudegen Rubenbauer & Hartmann die Vereinsgeschichte des FC Bayern Revue passieren und rufen dabei vor allem die großen Erfolge der 70er Jahre in Erinnerung.

Zum Ende der Rückschau wagt der damals 37jährige Bayern-Manager Uli Hoeneß einen Ausblick auf die 90er Jahre und hofft, der FC Bayern werde international endlich wieder an die großen Erfolge der Vergangenheit anknüpfen und den (damals noch dominanten) Italienern den Rang ablaufen können. Wir alle wissen, es sollte anders kommen. Zwar errang der FC Bayern 1996 mit dem Gewinn des UEFA-Cups den einzigen bis dahin im Trophäenschank noch fehlenden Pokal, blieb aber international zumeist hinter den eigenen Ansprüchen zurück.

Uli Hoeneß, so glaube ich, hatte im Jahre 1989 aber womöglich etwas anderes gemeint als die bloße Rückkehr auf das Siegerpodest des internationalen Fußballs. In Wirklichkeit verfolgte der damalige Bayern-Manager eine Vision, die Vision eines konzeptionell und nachhaltig arbeitenden FC Bayern, der klaren Leitlinien folgt und deshalb auf große Umbrüche würde verzichten können.

Sollte Hoeneß seinerzeit tatsächlich einen solchen Traum geträumt haben, so dürfte ihn die Realität eines Tages daraus erweckt haben. Denn leider kam alles doch ganz anders. Die 90er Jahre waren geprägt von ständigen Wechseln und Neuanfängen. So folgte auf Heynckes eine schier endlose Periode der Unstetigkeit, deren Ende genau genommen erst mit der Verpflichtung Ottmar Hitzfelds erreicht war.

Von Kontinuität war beim FC Bayern Mitte der 90er Jahre also wahrlich nichts zu spüren. Selbst die einzige Konstante, der vermehrte Einsatz junger, zum Teil selbstausgebildeter Kräfte wie Nerlinger, Frey oder Hamann wurde durch die Verpflichtung zahlreicher namhafter Topspieler zunehmend verwässert. In deren Folge verkam der Rekordmeister mehr und mehr zum FC Hollywood, der weniger durch sportliche Solidität denn durch boulevardeske Intrigen auf sich aufmerksam machte.

Unter Giovanni Trapattoni, der 1996 zum zweiten Mal an die Isar wechselte, spielten die Bayern zwar erfolgreicher, aber keinesfalls attraktiver. Von einer Rückkehr in die internationale Spitze konnte zudem vorerst keine Rede sein, wenngleich mit dem Einzug ins CL-Viertelfinale 1998 ein weiterer Achtungserfolg nach dem Erreichen des Halbfinales 1995 gelungen war. Das Ziel, international ganz vorne dabei zu sein und Kontinuität und Konzept in den Verein zu bringen, schien kurz vor Ende der 90er Jahre gleichwohl weiter entfernt denn je.

Unter dem neuen Trainer Ottmar Hitzfeld sollte sich aber doch eine positive Veränderung einstellen. Hitzfeld erfand das Rotationssystem und bewies ein gutes Händchen bei der Führung schwieriger Charaktere. Der FC Hollywood machte Platz für einen gleichsam soliden wie erfolgreichen neuen FC Bayern, der national und international in die Erfolgsspur zurück fand. Dem Meisterschaftshattrick folgte der so sehnlich begehrte Gewinn der Champions League. Anfang des Jahrtausends war der FC Bayern damit endlich wieder da, wo er sich die ganzen Jahre über sah. Dabei – und das gehört auch zur historischen Wahrheit – lag Hitzfelds Erfolgsrezept eher in behutsamer Menschenführung denn in einem innovativen Taktikkonzept. So operierte man beim FC Bayern weiterhin old school und vollzog erst verhältnismäßig spät den obligatorischen Wechsel zur Viererabwehrkette.

Am Ende wurde Hitzfeld sein väterlich-freundschaftliches Verhältnis zu den Spielern zum Verhängnis. Die Vereinsführung glaubte, den Spielern mehr Druck und Härte zumuten zu müssen. Mit Felix Magath wurde daraufhin ein Trainer verpflichtet, dessen Schleifer-Philosophie kaum Schnittmengen zu Hitzfelds Soft Skill-Mantra aufwies. Wieder einmal setzte man zu Lasten der Kontinuität auf einen großen Umbruch. Und wieder einmal sollte das Experiment nicht lange vorhalten. Denn trotz der beiden Doubles, die man unter Magath einfahren konnte, erkannte man, dass ein Typ wie Magath auf lange Sicht nicht zum FC Bayern passen würde. Es wurden neue, moderne Optionen ausgelotet und mit Jürgen Klinsmann der vermeintlich ideale Repräsentant eines innovativen Konzeptes gefunden. Auch dieser Versuch scheiterte und veranlasste Hoeneß & Co. abermals zu einem Umdenken. Ein Umdenken, das unter Louis van Gaal, wie wir nunmehr wissen, nicht zu einem erfolgreichen Ende geführt wurde.

Seit dem Hoeneß-Interview aus dem Jahre 1989 sind nun mehr als 20 Jahre vergangen. 20 Jahre, die – abgesehen von den ersten Jahren der Ära Hitzfeld – von Veränderungen, Neuorientierungen und Umdenken geprägt waren. 20 Jahre ohne echte Kontinuität und ohne durchgehaltenes Konzept. 20 Jahre, die mehr oder minder auch meine Bayern-Fanzeit abdecken und die mich natürlich zum Nachdenken anregen. Denn eigentlich war es immer mein Wunsch, dass „meine“ Bayern ein schlüssiges und langfristiges Konzept verfolgen. So wie man das beispielsweise von Arsenal Londons Offensivstrategie unter Arsene Wenger kennt.

Mir wäre es fast gleich, wie dieses Konzept nun aussähe, ob es nun auf stürmischen Hurra-Fußball oder eher auf vorsichtige Defensive ausgerichtet wäre – Hauptsache es gäbe eines. Aber das scheint eben wohl doch nicht so einfach zu sein. Inzwischen kam mir denn auch der resignative Gedanke, doch einfach die Konzeptlosigkeit selbst zum Konzept zu erheben. Also keinen Hehl daraus zu machen, dass eine nachhaltige Konzeption eh nicht durchzuhalten ist und man somit ganz offensiv und ehrlich das Gesetz des kurzfristigen Erfolges zum alleinigen Maßstab erheben solle.

Doch Resignation war noch immer ein schlechter Berater. Einfach die eigenen Ansprüche aufzugeben, kann nicht des Rätsels Lösung sein. Ich halte es da lieber mit Olli Kahn: Immer weiter machen! Immer weiter versuchen! Auch wer am Boden liegt, muss wieder aufstehen und es erneut probieren. Nur das kann der Anspruch des FC Bayern sein.